von Lena Hahn, Ana-Katarina Luso und Katharina Schleinschock
 
Was ist das Ich im Vergleich mit dem Anderen? Was ist Körper, was ist Geist, und wie stehen sie zueinander? "Ohne Gegensätze kann man nicht Denken", eröffnet das Sachbuch Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? und bearbeitet mehr oder weniger alltägliche Gegensatzpaare. 

Brenifier, Oscar/Després, Jacques (Ill.): Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?
Aus dem Französischen von Norbert Bolz.
Gabriel Verlag/Thienemann, Stuttgart/Wien 2012.
96 S., 14,95 €
ISBN 978-3-522-30267-8

 Inhalt
Das Sachbuch von Oscar Brenifier und Jacques Després beschäftigt sich mit zwölf philosophischen Gegensätzen und will beim Leser/bei der Leserin die Lust wecken, an die Grenzen seines/ihres Denkens zu gehen, unabhängig vom jeweiligen Alter. Die Autoren eröffnen jedes Kapitel zunächst mit den Definitionen beider Begriffe, werfen anschließend eine Frage auf, die zum Nachdenken auffordert und schließen die Behandlung des Gegensatzpaares durch einen erklärenden Fließtext ab. In diesem wird i.d.R. auf die Notwendigkeit der besprochenen Gegensätze und die Bereiche im Leben, in denen sie auftreten, eingegangen. Die einzelnen Kapitel des Sachbuches bauen inhaltlich nicht aufeinander auf – jedes der Gegensatzpaare wird autonom für sich behandelt.
 
In einem Vorwort der Autoren erklären diese, warum die Beschäftigung mit philosophischen Gegensätzen von elementarer Bedeutung ist. Ausgehend von der Frage, warum wir über Gegensätze nachdenken, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass man einen Begriff erst dann richtig verstehe, wenn man dessen Gegenteil kenne (vgl. Brenifier/Després 2012, S.7).
 
Ein Beispiel: Was ist der Körper, was der Geist, und wie stehen diese zueinander? Das Dasein des Körpers ist befristet. Er wird als für uns unentbehrlich, materiell und endlich beschrieben. Deshalb "müssen wir ihn nähren, kleiden, schützen, pflegen und all seine Bedürfnisse befriedigen" (ebd., S. 56). Unser Geist hingegen wird als "unkörperliches Sein" (ebd., S.57) beschrieben, das  uns Vernunft und Bewusstsein verleiht, uns erfinden und träumen lässt. Wir lernen, dass sich Körper und Geist oft im Widerspruch zueinander befinden, sich vielleicht sogar miteinander streiten, da sie unterschiedliche Bedürfnisse haben (vgl. ebd., S. 60). Sie ergänzen sich jedoch gegenseitig: Der eine kann immer das, was der andere nicht leisten kann, doch jeder "vergisst auf seine Weise ständig, dass er nicht allein ist" (ebd., S. 60).
 
Zum Text gesellen sich in diesem wie in jedem anderen Kapitel liebevoll gestaltete Bilder. Die Definition des Körpers wird begleitet von tanzenden Menschen und die des Geistes durch einen Jungen, der, ganz ins Lesen vertieft, zwischen Stapeln von Büchern sitzt. Später, als es um den Zusammenhang zwischen Körper und Geist geht, sehen wir ein Männchen, das im Schneidersitz scheinbar meditierend in der Luft schwebt, dabei aber zwei kleine Hanteln stemmt. Wir lernen, dass Körper und Geist in einer wechselseitigen Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen und ergänzen (vgl. ebd., S. 60/61).
 
 
Kritik
Der französische Originaltitel des Sachbuches lautete: "Le livre des grands contraires philosophiques", also 'Das Buch der großen, philosophischen Gegensätze'. Und von nichts anderem handelt auch das vorliegende Werk. Die große, philosophische Frage ("Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?"), die im deutschen Titel des Sachbuches aufgeworfen wird, wird inhaltlich weder behandelt noch beantwortet. Schade, denn eine einfache Übersetzung des französischen Originaltitels würde nicht zu einer möglichen, falschen Erwartungshaltung des Lesers/der Leserin führen.
 
Inhaltlich ergänzen sich auf allen Seiten des Sachbuches Bild und Text. Sie können aber auch isoliert voneinander betrachtet werden. Während der Text die Gegensätze definiert und allgemein über sie spricht, konkretisiert das Bild die Gegensatzpaare auf einen dargestellten Sachverhalt. Daher lässt sich von einer produktiven Korrespondenz sprechen. An manchen Stellen wird jedoch auch im Text eine konkrete Situation behandelt, auf die sich dann das Bild bezieht. Im Kapitel "Sein-Schein" findet sich so beispielsweise der Satz: "Ein Beispiel: Ist ein geplatzter Luftballon noch ein Luftballon?" (ebd., S. 24) Eben jene Frage greift dann auch das sich daneben befindende Bild auf.
 
Besonders den Bildern, die sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene sehr ansprechend wirken, kommt in dem vorliegenden Sachbuch eine wichtige Funktion zu: Sie stechen dem Betrachter meist zuerst ins Auge und dienen damit als Brücke zum Text. Die auf den digitalen Bildern dargestellten Figuren mit den für sie charakteristisch großen Köpfen erscheinen zwar witzig und niedlich. Bei eingehender Betrachtung wird jedoch deutlich, dass ihre Gesichtszüge nur minimal ausdifferenziert sind und sich somit einerseits viel Platz für Deutungen seitens des Lesers ergibt, andererseits wird es dem Leser ermöglicht, sich auf das Wesentliche, die eigentliche Aussage des Bildes, zu konzentrieren.
 
Der Text, der auf Erwachsene recht simpel wirken kann, ist für Leser und Leserinnen ab 12 Jahren wiederum anspruchsvoller gestaltet. So steht beispielsweise im Kapitel "Zeit-Ewigkeit" folgender Satz: "Dennoch brauchen wir die Zeit und die Ewigkeit zugleich, um das Veränderliche oder das Unveränderliche unserer Umwelt und unserer Existenz denken zu können." (ebd., S. 48) Es gibt sicherlich einige Leser/Leserinnen der eigentlichen Zielgruppe, die sich fragen, was denn nun unter "Existenz" zu verstehen ist, wozu man genau die Ewigkeit und die Zeit benötigt und wie man das Veränderliche und das Unveränderliche "denkt". Zudem können auch sie die Verwendung von Fremdwörtern wie "Embryo" (ebd., S.24), "Elemente" (ebd., S.9), "Individualität" (ebd., S.50) oder auch "komplexe Verkettung" (ebd., S. 78) nicht vollständig umgehen.
 
Offiziell soll das Sachbuch für Kinder ab 12 Jahren geeignet sein. Den vielen genialen Bildern stehen jedoch die Texte gegenüber, die einige Fremdwörter oder Formulierungen enthalten, welche wiederum nicht von allen 12jährigen ohne Hilfe verstanden werden können. Das vorliegende Buch lässt sich aber keinesfalls auf diese Altersgruppe einschränken. Die Bilder können auch als Erzählbilder für Kleinkinder verwandt werden, dann jedoch ohne den Anspruch, alle philosophischen Gedanken zu erfassen, sondern lediglich Gegensätze festzustellen oder Beobachtungen zu besprechen. So ist dies beispielsweise sehr gut mit dem Bild möglich, auf dem ein aus dem Wasserglas springender Goldfisch abgebildet ist, der seine Freiheit erlangen möchte, dabei jedoch die Notwendigkeit vergisst, sich im Wasser aufhalten zu müssen, um zu überleben (vgl. ebd. , S.29).

Trotz allem wird dem Leser/der Leserin an jeder Stelle deutlich: Jeder kann und darf philosophieren! Diese Kernaussage wird bereits im Vorwort betont: "Dieses Buch will uns mit seinen Texten und Bildern dazu anregen, über die Einheit des Seins nachzusinnen, die man durch all seine Gegensätze hindurch erahnen kann. Es weckt die Lust, an die Grenzen unseres Denkens zu gelangen – ganz unabhängig davon, wie alt wir sind." (ebd., S.7) In diesem Sinne ist es den Autoren gut gelungen, komplizierte Begriffe relativ einfach und auch für Kinder verständlich zu erklären.

Auch für Erwachsene bietet das Buch allerhand Stoff zum Nachdenken und Philosophieren. Daher ist es eher als Familienbuch zu betrachten, da durch den Inhalt und die Aufmachung beinahe jede Altersgruppe angesprochen wird. Dies betont auch die Jury des Jugendliteraturpreises: "Über eine gekonnte Mehrfachadressierung werden Leser ganz unterschiedlichen Alters jeweils entsprechend ihres Erfahrungshorizonts zum Philosophieren gebracht und zum Weiterphilosophieren angeregt: Ich denke, also fühle ich auch!" (http://www.djlp.jugendliteratur.org/sachbuch-4/artikel-was_wenn_es_nur_so_aussi-3788.html)
 
Fazit
Abgesehen von dem in die Irre führenden, deutschen Titel regen Text und Bild sowohl Groß als auch Klein durch die gelungene Mehrfachadressierung zum Nachdenken an. Während Kinder ab 12 Jahren sich möglicherweise erstmals mit dem Reflektieren über philosophische Gegensätze beschäftigen und somit Neuland betreten, können Erwachsene ihre bereits gemachten Erfahrungen mit diesem Thema erweitern und ergänzen. Kleinere Kinder ab ca. vier Jahren hingegen haben vielleicht einfach Spaß an dem Betrachten der Bilder. Bei dem Sachbuch handelt es sich um ein gelungenes Familienbuch, das gekonnt verschiedene Altersgruppen zum Philosophieren motiviert.
 
Bibliografie
Brenifier, Oscar/Després, Jacques: Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da? Aus dem Französischen von Norbert Bolz. Stuttgart/Wien: Gabriel Verlag/Thienemann 2012.
http://www.djlp.jugendliteratur.org/sachbuch-4/artikel-was_wenn_es_nur_so_aussi-3788.html (Stand: 07.01.2013)

Newsletter


Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

September 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 31 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 1