von Sabine Planka

Eine wunderbar in Briefen und Zeitungsartikeln erzählte Geschichte über Freundschaft und Feindschaft, Lüge und Wahrheit, Geiz und Freigiebigkeit. Und mittendrin die Protagonisten Severin Hoffnung, Ignaz B. Griesgram und das Gespenst Olivia C. Spence… und so manch anderer überraschender – geisterhafter – Besuch…

Klise, Kate / Klise, M. Sarah (Ill.): Friedhofstraße 43: Band 3 – Ein Gespenst kommt selten allein.
Mit Illustrationen von M. Sarah Klise.
Aus d. Amerikanischen v. Nina Schindler.
129 S., 12,95 €
Gerstenberg, Hildesheim 2012.
ISBN 978-3-8369-5407-5

Inhalt

Der Plot der Handlung ist schnell erzählt und folgt dem bekannten Muster so mancher Detektivgeschichte: In Schauderburg läuft dem Jungen Severin der Hund Heimlich zu, den er unbedingt behalten möchte. Seine Adoptiveltern Ignaz B Griesgram und das Gespenst Olivia C. Spence sind allerdings gespaltener Meinung über Heimlich, zudem bellt Heimlich nachts sehr laut und zieht die Aufmerksamkeit der gesamten Nachbarschaft auf sich. Seinem Namen macht er damit keine Ehre. Die Suche nach Heimlichs Besitzer ergibt, dass der Hund dem verstorbenen Millionär Noah Schmöller gehörte. Um sein Erbe streiten seine beiden Kinder Mieze und Bello, deren Namen ebenfalls sehr sprechend sind, verhalten sich die beiden doch wie Katz und Hund und gönnen sich gegenseitig nichts.

Währenddessen finden in Schauderburg nach und nach einzelne Leute an öffentlichen Plätzen seltene Münzen, die sich als äußerst wertvoll entpuppen.

Im Zuge der Geschichte stellt sich heraus, dass Noah Schmöller seine Bücher der örtlichen Bibliothek und sein restliches Hab und Gut verkauft und in fünf Münzen angelegt hat, die er in Schauderburg 'verteilt' hat. In sogenannten Limericks – einer bestimmten Reimform – gibt Noah seinen Kindern Rätsel auf, die sie dem Geheimnis um die Münzen näherbringen sollen, bis das Rätsel um die letzte fünfte und gleichzeitig wertvollste Münze während der Testamentsverlesung gelüftet wird: Heimlich trug sie am Halsband die ganze Zeit mit sich herum.

Am Ende wird jedoch alles gut: Noahs Kinder vertragen sich wieder, Heimlich findet bei ihnen ein neues Zuhause und Severin bekommt einen neuen Hund, mit dem auch Olivia 'leben' kann.

 

Kritik

Die hier erzählte Detektivgeschichte ist eine spannende, gut konstruierte und wäre auch weiter nichts Besonderes, wenn es nicht die für ein Kinderbuch ungewöhnliche Art der Erzählung gäbe: Es handelt sich bei dem Buch um einen Briefroman (vgl. dazu "Briefroman" 1990, 62f.), angereichert durch Zeitungsausschnitte – mitunter sind es ganze Seiten, die abgedruckt werden – und auch Speisekarten. Alles ist versehen mit Hinweisen des verstorbenen Noah Müller auf sein verstecktes Erbe, mit Meldungen über seltene Münzfunde, über den scheinbar entlaufenen Hund Heimlich, mit Tagebuchaufzeichnungen und Briefen zwischen Severin und seinen Zieheltern und mit Briefen zwischen örtlichen Anwälten und deren Mandanten und anderen Bewohnern der Stadt. Es liegt somit ein poly-perspektivisches Erzählen vor: mehrere Protagonisten kommen zu Wort und tauschen sich in schriftlichen Dokumenten über das aktuelle Geschehen aus.

Damit greift das Kinderbuch eine literarische Gattung auf, die sich im 18. Jahrhundert entwickelte und in Goethes Die Leiden des jungen Werther seinen Höhepunkt erfahren hat (vgl. dazu "Briefroman" 1990, S. 62). Auch Bram Stokers Dracula lässt sich dieser Gattung zurechnen, wobei man jedoch darauf hinweisen muss, dass auch hier neben Briefen Tagebuchaufzeichnungen der einzelnen Beteiligten Tonbandaufnahmen eingebunden werden, es also nicht ausschließlich Briefe sind, die das Geschehen vermitteln.

Friedhofstraße 43 ist aber nicht nur ein Detektivroman, sondern reflektiert spielerisch auf einer Metaebene über seine eigene Entstehung, indem die in den Briefen und Zeitungsseiten dargestellten Ereignisse als Grund angeführt werden, weshalb sich die Veröffentlichung der ersten drei Kapitel des neuen Buches Friedhofstraße 43 verzögern: Ignaz als vermeintlicher Autor und Severin als Illustrator des Buches sind verhindert aufgrund der Ereignisse in Schauderburg, so dass das Verfassen des Buches unmöglich ist.

Dieses Potpourri an Informationen macht die Geschichte kurzweilig und unterhaltsam für den Leser, dessen Imagination angeregt wird durch die Art der Erzählung: Die Informationen erschließen sich dem Leser nur durch die Interpretation der Briefe und Zeitungsausschnitte, die relevante Hinweise 'nur' indirekt vermitteln.

Hinzu kommen weitere Kleinigkeiten, die sich sowohl unterhaltsam als auch informativ-aufklärend in die Geschichte einfügen: Es sind z.B. die sprechenden Namen der Personen, wie des fiesen Anwalts Pit Bull, aber auch Informationen zur Numismatik, die die Geschichte bereichern.

Auch die Moral der Geschichte, die an einzelnen Stellen direkt vermittelt wird, kommt keineswegs mit dem sprichwörtlichen Holzhammer des Weges, sondern erscheint einfach nur logisch und wird selbstverständlich in die Handlung eingebunden (z. B. S. 84: "Ich wollte die Menschen daran erinnern, dass auch Kleinigkeiten eine große Bedeutung haben können.").

Fazit

Das Buch entwickelt durch die Präsentation der Geschichte in Briefen und Zeitungsausschnitten eine ganz besondere Dynamik, die den Leseprozess wunderbar kurzweilig macht und den Leser geradezu auffordert, das Rätsel um die geheimnissvollen Münzen und das Erbe Noah Schmöllers selbst zu lösen.

Literatur
"Briefroman", in: Schweikle, Günther/Schweikle Irmgard (Hrsg.): Metzler Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 62f.

Hier geht es zu Band 1, Band 2 und Band 4 der Serie.


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