von Dr. phil. Sabine Planka

Orbi wird entwickelt, um im Weltraum unbekannte Planeten zu finden und zu erforschen. Doch nach einem Blitzeinschlag ist bei Orbi eine Sicherung durchgebrannt. Und Orbi will nicht mehr ins Weltall…

Christos, Thomas: Orbis Abenteuer. Ein kleiner Roboter büxt aus.
Mit Illustrationen von Barbara Scholz.
2. Aufl., 118 S., 10,95 €
Fischer, Frankfurt a.M. 2011
ISBN 978-3-596-85435-6

 Inhalt

Der kleine Roboter Orbi wird vor seine Reise ins Weltall letzten Tests unterzogen, damit er während seiner Reise keine Fehlfunktionen hat. Doch seine Reise ist eine Reise ohne Widerkehr. "Das ist voll gemein!" (Christos 2011, 12), findet Orbi – "Er war sehr traurig, und wenn die Erfinder genau hingesehen hätten, hätten sie bemerkt, dass ihm eine Träne über die Blechwange rollte" (Christos 2011, 12) – und büxt aus. Auf seiner Flucht wird er von Linus gefunden, der in Orbi endlich einen Freund gefunden hat. Er nimmt Orbi, von dem seine Mutter nichts wissen soll, mit zu sich nach Hause und lädt dessen entladenen Akku wieder auf. Orbi möchte sich bedanken und bietet Linus seine Hilfe an – die er auch annimmt: "Hey, ich weiß, wie du mir helfen kannst! […] Du kannst meine Hausaufgaben machen und mein Zimmer aufräumen" (Christos 2011, 30). Doch das hat Folgen für Linus: Es erfindet Notlügen, damit nicht auffällt, dass er seine Hausaufgaben nicht selbst gemacht hat. Doch Orbi, der grundehrlich ist, hat irgendwann keine Lust mehr, Linus Faulheit und seine Lügen zu unterstützen. Doch er bietet an, "Linus‘ Wissenslücken in Mathematik, Deutsch und Erdkunde [zu] füllen" (Christos 2011, 53). Gleichzeitig hilft er ihm, sich gegen eine Bande älterer Jungen durchzusetzen.

Doch Orbi will nicht immer in der Wohnung bleiben: Er will sich nützlich machen und anderen helfen. Linus schlägt ihm vor, dass sie im Keller Zombiejagd spielen könnten. Im Keller treffen sie jedoch auf zwei Einbrecher, die sie erfolgreich verjagen können. Weil Orbi aber nicht mehr bei Linus in der Wohnung bleiben kann, beschließt Linus, ihn in der Kleingartenkolonie unterzubringen. Auf dem Weg dorthin treffen die beiden auf Frederike, eine Schulkameradin von Linus, die vorschlägt, Orbi im Schrebergarten ihrer Oma unterzubringen. Orbi gefällt es dort: Er räumt das kleine Häuschen auf und mäht den Rasen. Dabei wird er von den beiden Einbrechern beobachtet, die er zusammen mit Linus aus dem Keller verjagt hat. Den Einbrechern gelingt es, Orbis Gutmütigkeit und Leichtgläubigkeit auszunutzen: Sie wollen, dass er einen Safe für sie knackt. Doch Linus und Frederike können den Verbrechern folgen und Orbi schlussendlich aus den Händen der Verbrecher befreien und sogar die Verbrecher überführen.

Orbi hat es also geschafft, dass Linus in Frederike eine neue Freundin gefunden hat und dass er mutiger geworden ist. Nicht zu vergessen, dass Linus nun auch in der Schule besser ist. Orbi beschließt, dass er die Welt entdecken und noch anderen Kindern helfen will. Mit seinem selbstgebauten Orbikopter, zusammengeschraubt aus altem Gerümpel von Frederikes Oma, fliegt er los.

Kritik

Das Buch Orbis Abenteuer. Ein kleiner Roboter büxt aus greift eine Figur auf, die als künstlicher Mensch klassifiziert werden kann und die bereits in E.T.A. Hoffmans Erzählung Der Sandmann mit der Figur der Olimpia umgesetzt wurde. Auch die Kinderliteratur hat bereits mehrfach Roboter als Protagonisten eingesetzt.

Mit Orbi als Protagonist wird ein Roboter eingeführt, der eigene Entscheidungen trifft und entsprechend selbstständig handelt. Dabei verhält er sich mehr als menschlich: Er ist traurig und weint, als er begreift, dass er nicht mehr zur Erde zurückkehren wird und alleine im Weltall umherfliegen soll. Dem Leser wird so die Möglichkeit geboten, mit dem kleinen Roboter mitzufühlen, der sich wünscht, eben nicht allein zu sein. Parallel dazu wird mit Linus ein weiterer Protagonist etabliert, mit dem sich der Leser ebenso identifizieren kann. Wer kennt nicht solche Situationen, in denen man sich einen Freund wünscht, der einem hilft und in schwierigen Situationen beisteht. So wird Orbi als eine Art Sozialisationshelfer präsentiert, der Linus hilft und ihn motiviert, sich unliebsamen Situationen zu stellen – seien es Mathehausaufgaben oder ältere Jungs, die ihm sein Fahrrad abgenommen haben und das er sich nun wiederholt.

Neben der Geschichte sind es vor allem die wunderbaren Zeichnungen von Barbara Scholz, die die Handlung illustrieren und Orbi menschlich wirken lassen, so dass seine Emotionen zur Geltung kommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass Orbi als Roboter eine dem Menschen ähnliche Gestalt aufweist – und damit eben das Automatenkonzept des 19. Jahrhunderts aufgreift: Kopf, Rumpf und Extremitäten ermöglichen es, Orbis Handlungen und Tätigkeiten menschlich wirken zu lassen, weil er sich wie ein Mensch bewegen kann. Ähnliches können wir schon im Sandmann sehen: Auch wenn Olimpias Bewegungen etwas steif und ungelenk erscheinen, so bewegt und verhält sie sich wie ein Mensch. Steht im Sandmann die Täuschung des Menschen im Vordergrund, so ist bei Orbis Abenteuer sofort klar, dass Orbi ein Roboter ist. Hier geht es vordergründig um die Fähigkeit, sich Konflikten zu stellen und Probleme zu lösen, mitunter eben auch mit der Hilfe von guten Freunden, die einen unterstützen.

Die Handlung wird von einem heterodiegetischen Erzähler erzählt, der sowohl die Gefühle Orbis als auch Linus‘ kennt und in die Handlung, die sich als komplex, aber strukturiert und nachvollziehbar präsentiert, eingeflochten. So gelingt es, die Handlung sowohl als Freundschafts- als auch als Kriminalgeschichte zu erzählen und die Emotionen der Protagonisten darzustellen, wenn es darum geht, Freunde zu beschützen.

Fazit

Das Buch Orbis Abenteuer. Ein kleiner Roboter büxt aus zeigt in einer gelungenen Handlung zwei Protagonisten, die in ihrer Andersartigkeit unvermutet aufeinandertreffen, aber schnell die Befangenheit voreinander verlieren. Die Schilderung durch einen heterodiegetischen Erzähler erlaubt es dem Leser, sich in beide Protagonisten hineinversetzen zu können, sowohl in Orbi als auch in Linus. Unterstützt wird das zudem durch die gelungenen Illustrationen, die die Geschichte bebildern. Die zweite Auflage des Buches spricht für den Erfolg dieser schönen Geschichte.

Literatur

Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann [1816]. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel 1986; Lahn, Silke/Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart/Weimar: Metzler 2008.

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