von Kirsten Kumschlies

Weihnachten steht vor der Tür und nun droht das Fest auszufallen, weil die Weihnachtswichtel streiken. In ihren Arbeitsverträgen steht, sie müssten Holzspielzeug herstellen, aber das ist nun wirklich nicht mehr zeitgemäß. Wie gut, dass der Weihnachtsmann versehentlich Nickel per WhatsApp kontaktiert, als er beschließt, die traurige Nachricht vom Ausfall des Weihnachtfestes um die Welt zu schicken. Denn der pfiffige Ich-Erzähler hat einen rettenden Einfall. Eine kurzweilige Weihnachtsgeschichte für Leseanfängerinnen und Leseanfänger von der "Altmeisterin" Kirsten Boie.

Boie, Kirsten: O du fröhliche Entführung. Eine ziemlich verrückte Weihnachtsgeschichte.
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg, 2020.
72 Seiten. 10,00 €
ISBN 978-3-7891-1475-5
Empfohlen ab 6 Jahren.

Inhalt

Das nagelneue Smartphone hat Nickel seiner Oma zu verdanken. Denn die fliegt jedes Jahr zu Weihnachten nach Gran Canaria und möchte dann über WhatsApp und Instagram mit ihrem einzigen Enkel in Kontakt bleiben. Sie setzt sich gegen die Mutter des Jungen durch, und der kommt mit seinem neuen Smartphone in der Schule ganz groß raus. Justamente erhält er auch schon die ersten WhatsApp-Nachrichten. Zu seiner großen Überraschung stammen die nicht alle von seiner Großmutter, sondern der Absender ist einer ominöser SC. Dieser entpuppt sich rasch als der Weihnachtsmann höchstpersönlich. Eigentlich hatten seine Botschaften den Nikolaus erreichen sollen. Dass sie versehentlich bei Nickel landen, liegt an der Namensgleichheit. Denn eigentlich heißt Nickel Nikolaus, aber dieser altmodische Name ist ihm sehr peinlich, darum verschweigt er ihn meist lieber. Vom Weihnachtsmann erfährt Nickel nun, dass Weihnachten in Gefahr sei. Die Wichtel sind mit ihren Arbeitsbedingungen nicht mehr einverstanden, da die Kinder sich nur noch elektronische Medien zu Weihnachten wünschen. Für den Bau von Gameboys, Handys und Computern seien die Wichtel aber nicht ausgebildet, weshalb sie ihre Arbeit nun niedergelegt haben. Aber Weihnachten ausfallen lassen? Das kann Nickel nicht zulassen. Zwar hatte er bislang gedacht, die Geschenke kämen von den Eltern, aber der Weihnachtsmann belehrt ihn eines Besseren. Und der Junge hat auch gleich eine zündende Idee: Ein Computercrack muss her, einer, der den Wichteln beibringt, wie man technische Geräte baut, die sich die Kinder von heute wünschen. Zum Glück kennt er sogar so einen "totalen Nerd" (S. 41): Lasse, den älteren Bruder seines Klassenkameraden Hinnerk. Mit ein wenig magischer Weihnachtszauberei bringen Nickel und der Weihnachtsmann Lasse dazu, die Wichtel entsprechend auszubilden, ohne dass dieser das überhaupt merkt. Sie entführen ihn, und Lasse denkt hinterher, es sei alles nur ein Traum gewesen. Weihnachten ist gerettet! Und in diesem Jahr freut sich Nickel ganz besonders, dass er unter dem Weihnachtsbaum auch eine große rote Holzlokomotive findet, die er sonst wahrscheinlich kaum beachtet hätte.

Kritik

Pünktlich zur Weihnachtszeit hat Kirsten Boie diese kurzweilige Weihnachtsgeschichte vorgelegt, die vor allem für Leseeinsteigerinnen- und einsteiger zu empfehlen ist. Die 24 Kapitel sind alle sehr kurz, die Sätze einfach und leicht verständlich gehalten, sodass der Text in die Nähe von Erstleseliteratur zu rücken ist (explizit ist der Text nicht als Erstlesebuch gekennzeichnet). Auch die bunten Illustrationen von Caroline Opheys unterstützen die Kinder beim Textverständnis und erleichtern den Leseprozess. Einfach ist auch die Handlung, die sich aus klassischen Motiven speist und als typische Kinder-Weihnachtsgeschichte zu klassifizieren ist: Weihnachten droht hier – wie in zahlreichen Büchern und Filmen – mal wieder auszufallen, und die Legende vom Weihnachtsmann erweist sich innerfiktional als wahr. Das klingt ein wenig abgegriffen, trifft aber zu Weihnachten wohl doch immer wieder auf die Bedürfnisse der Leserschaft. Gut gelungen ist Kirsten Boie wieder einmal der Transfer dieser altbekannten Themen in die aktuelle kindliche Lebensrealität: Wie immer erzählt sie ganz nah an der Gegenwart und erweist sich als grandiose Beobachterin kindlicher Lebenswelten. Zwar droht die Handlung ein wenig in Richtung pauschaler Medienschelte abzurutschen, aber ein moralisch erhobener Zeigefinger der Erzählinstanz ist löblicherweise nicht zu finden. Vielmehr erscheint der Wunsch der Kinder nach elektronischen Geschenken als berechtigt und wird nicht kritisiert. Fröhlich stimmen auch den erwachsenen Mitleser die eingeschobenen ironischen Brechungen des Weihnachtsmann-Mythos: Rentier Rudolf heißt Horst-Eberhard. Rudolf sei ja nun wirklich ein alberner Name, erklärt der Weihnachtsmann, und fügt hinzu: "Horst-Eberhard ist das wirklich peinlich." (S. 34)

So wird die kurze Weihnachtgeschichte zu einem kleinen Vergnügen für die ganze Familie – nicht mehr, aber auch nicht weniger. 

Fazit

Eine sehr einfache und zeitgemäße Weihnachtsgeschichte zum ersten Lesen, die passgenau abgestimmt ist auf Rezipienten und Rezipientinnen am Schulanfang. Trotz der strukturellen Einfachheit ist die Geschichte nicht trivial, aber literarästhetisch auch wenig komplex. Sie überzeugt durch Witz und treffenden Alltagsbezug und eignet sich als Weihnachtslektüre für Kinder zwischen 6 und 7 Jahren. 

Erstveröffentlichung: 08.12.2020


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