von Dr. phil. Iris Mende

Die Revolution in Panem hat begonnen. Katniss Everdeen beschließt, sich als "Spotttölpel", als Gesicht der Rebellion zur Verfügung zu stellen. Doch wer repräsentiert in diesem Krieg das Gute, wer das Böse?

 

Collins, Suzanne: Die Tribute von Panem 3. Flammender Zorn
Aus dem Engllischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss
Oetinger, Hamburg 2011
432 S., € 18,95
ISBN 978-3-7891-3220-9

 

Inhalt
Katniss wurde von den Rebellen aus der Arena der 75. Hungerspiele gerettet. Ihre Erleichterung darüber, ihre Familie wohlbehalten wiederzusehen, wird überschattet von der Gewissheit, dass Distrikt 12 vollständig zerstört ist und Peeta in die Hände des Kapitols gefallen ist. Die Rebellen nehmen ihr Hauptquartier in Distrikt 13 ein. Wie sich herausstellt, wurde dieses Distrikt nicht während der letzten Revolution zerstört, sondern es war aufgrund der Tatsache, dass es über Atomwaffen verfügte, in der Lage, mit dem Kapitol gegenseitige Immunität auszuhandeln.

Die Rebellen drängen Katniss dazu, sich als Gesicht der Revolution zur Verfügung zu stellen, sie selbst beschäftigt aber weniger der drohende Krieg als die Sorge um Peeta. Schließlich willigt sie jedoch ein, als "Spotttölpel" aufzutreten und die Distrikte zum Aufstand aufzurufen.

Die Mittel der Rebellen gleichen denen des Kapitols: Katniss wird hauptsächlich dazu angehalten, gemeinsam mit dem ehemaligen Spielleiter der Hungerspiele und einem Filmteam aus dem Kapitol Propagandafilme zu drehen, mit denen die Rebellen die offiziellen Nachrichten des Kapitols unterbrechen. Die Revolution entfremdet sie außerdem von ihrem Jugendfreund Gale, als dieser zum Experten für Fallen und Kampfstrategien wird und dabei Methoden des Kapitols übernimmt.

Auf Katniss’ Wunsch hin wird Peeta aus dem Kapitol gerettet, es stellt sich allerdings heraus, dass er so sehr psychisch manipuliert wurde, dass er Katniss nun für eine Bedrohung hält und sie töten will. Enttäuscht zieht sich Katniss in den Kampf um Distrikt 2 zurück, während Peeta sich langsam erholt.

Nachdem alle Distrikte von den Rebellen eingenommen wurden, beginnt der Angriff auf das Kapitol. Katniss schließt sich den Soldaten an, besessen von dem Wunsch, Präsident Snow zu töten. Beinahe an ihrem Ziel angekommen, muss sie miterleben, wie ein vermeintliches Luftschiff des Kapitols Bomben auf eingeschlossene Kinder abwirft. Bei der zweiten Angriffswelle werden die Rebellen, die den verletzten Kindern zur Hilfe geeilt waren, getötet. Katniss muss mit ansehen, wie ihre Schwester Prim stirbt, sie selbst wird schwer verletzt.

Die Revolution ist erfolgreich, doch Katniss stellt fest, dass sie nicht mehr zwischen gut und böse unterscheiden kann. Ein Gespräch mit dem gefangenen Präsident Snow weckt einen schrecklichen Verdacht: Nicht das Kapitol, sondern die Rebellen selbst haben die Kinder bombardiert und die Helfer getötet. Offensichtlich war auch Katniss’ Freund Gale zumindest indirekt in diesen Angriff verwickelt.
Katniss will nicht länger eine Spielfigur der Rebellen sein und tötet bei der öffentlich inszenierten Hinrichtung Snows die neue Präsidentin von Panem. Im darauf folgenden Prozess wird sie als psychisch krank eingestuft und freigesprochen, jedoch nach Distrikt 12 zurückgeschickt. Dort führt sie fortan mit Peeta, den sie schließlich heiratet, ein zurückgezogenes Leben.

 

 

Kritik

Wie auch in Gefährliche Liebe konzentriert sich die Autorin im dritten Band der Panem-Trilogie stark auf ihre Hauptfigur. Die Entwicklung, die sich bereits im zweiten Band abgezeichnet hatte, wird konsequent weitergeführt: Katniss wird zunehmend als gebrochene Person dargestellt, die ein Spielball sich gegenseitig bekämpfender Parteien geworden ist.

Hinter der Konzentration auf die Hauptfigur, die wie in den ersten Bänden auch durch die Erzählperspektive noch verstärkt wird, tritt das politische Geschehen stark zurück. Die Leserinnen und Leser erfahren kaum etwas über den Krieg, der aufgrund der Revolution einiger Distrikte ausgebrochen ist. Die Rebellen halten Katniss systematisch vom tatsächlichen Kampfgeschehen fern, was auch die Perspektive des Rezipienten beschränkt.

Allerdings eröffnet diese Beschränkung auch neue Möglichkeiten: Suzanne Collins kehrt in Flammender Zorn zurück zum interessantesten Thema des ersten Bandes Tödliche Spiele, nämlich der Bedeutung medialer Inszenierungen für Propagandazwecke. Die Konzentration auf diesen Aspekt trägt dazu bei, den Gegensatz zwischen Gut und Böse aufzubrechen. Die Revolutionäre werden nicht positiv dargestellt, sondern sie sind letztendlich ebenso grausam wie die Vertreter des Kapitols. Dies gilt vor allem für Katniss' besten Freund Gale, der zum führenden Strategen des Krieges avanciert.

Gegen Ende des Romans wird Katniss erneut mit der Frage konfrontiert, die sie mit Peeta kurz vor den ersten Hungerspielen erörtert und als unwichtig abgetan hatte: Wie ist es ihr möglich, den Machthabern – oder in Flammender Zorn auch den Rebellen – zu zeigen, dass sie keine Figur in ihrem grausamen Spiel ist? Ihr Lösungsversuch ist die Ermordung der neuen Präsidentin.

Ob diese Lösung allerdings befriedigend ist, ist unklar. Der Epilog zeigt zwar, dass Katniss mit Peeta ein Familienleben führt und dass es keine Hungerspiele mehr gibt, doch ob sich die politische Situation in Panem tatsächlich entscheidend verbessert hat, bleibt offen.

Auf erwachsene Leser mag dieser Schluss im Kontext des Werks durchaus angemessen wirken, doch für einen Jugendroman ist er, vor allem in Verbindung mit der Dekonstruktion der Hauptfigur, sehr entmutigend. Katniss ist am Ende des Romans in jeglicher Hinsicht gescheitert: Sie hat es nicht geschafft, ihre Schwester zu schützen, sie hat ihren besten Freund verloren, und am Aufbau eines besseren Panems kann oder will sie nicht mitwirken.

Fazit

Mehr noch als die ersten beiden Bände der Panem-Trilogie ist Flammender Zorn als All-Age-Buch konzipiert. Allerdings scheitert der Roman auch genau an diesem Anspruch: Er verhandelt seine Themen auf eine für junge Leserinnen und Leser zu drastische Art und Weise, während er für erfahrene Leser ästhetisch nicht anspruchsvoll genug sein dürfte.

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