von Sabine Planka

In einem Genre-Mix wird die Geschichte um Roboter Robert präsentiert, der sich gegen Fremdbestimmung wehrt und seine eigenen Pläne durchsetzen will. Gedanklich sicherlich eine schöne Idee, jedoch führt die Umsetzung stellenweise zu Brüchen in der Narration.  

Rieckhoff, Sibylle/von Knorre, Alexander (Ill.): Der große Wackelpudding-Plan und eine Wahnsinnserfindung. Mit Illustrationen von Alexander von Knorre.
Arena, Würzburg 2012.
79 Seiten. 9,99€.
ISBN 978-3-401-09950-7.

Inhalt

Jo soll nicht  nur seine Hausaufgaben machen, sondern auch sein Zimmer aufräumen, obwohl er zu einem wichtigen Fußballspiel muss. Nachdem er festgestellt hat, dass es keine Option ist, aus dem Fenster zu klettern, hat er eine "absolute Knaller-Idee" (S. 13): Er wird sich einen Roboter bauen. Seine Schwester Mia überrascht ihn dabei. Nachdem beide eine Zeichnung angefertigt haben, suchen sie in der ganzen Wohnung "Elektroteile, Draht, Schnüre, Schrauben" (S. 25) zusammen und bauen sich – mal eben – ihren Roboter Robert. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten macht Robert sich umgehend ans Werk und errechnet erst Jos Mathehausaufgaben in unschlagbaren 8,3 Sekunden, dann räumt er im Handumdrehen dessen Zimmer auf. Jos Schwester Mia schneidet Robert noch die Haare und streicht ihr Zimmer rosa, außerdem baut er ihr einen Swimming-Pool im Garten und kocht für sie Wackelpudding. Vor Begeisterung schießt Mia ein paar Fotos mit Robert, von denen sie einige ins Internet stellt – mit dem Resultat, dass Reporter, Industrielle, Spielzeugfabrikanten und Hotelbesitzer auf Robert aufmerksam werden: Sie wollen auch einen Roboter haben , der ihre Arbeit erledigt. Schließlich ruft der Minister für Forschung und Entdeckungen an und teilt den Geschwistern mit, dass sie einen Nachwuchsforscherpreis gewonnen haben und einen Ehrenpokal sowie "eine Medaille für große Verdienste an unserem Land" (S. 51) bekommen. Auf dem Weg zur Preisverleihung machen sich allerdings bei Robert erste 'Fehler' bemerkbar, ausgelöst durch das Blitzlicht von Mias Kamera: Seine Augen blitzen und blinken. Während der Preisverleihung reisst er Jo den Pokal aus den Händen und schreit: "Der gehört mir! […] Ohne mich hättest du den nie bekommen!" (S. 58). Er wirft Jo vor: "Du suchst doch nur einen, der für dich die Arbeit macht. Faule Socke!" (S. 60). Robert verschwindet, der Minister erkennt Jo und Mia den soeben gewonnenen Preis wieder ab. Plötzlich verdunkeln sich die Fenster des Saals und die Geschwister sehen eine Armee von Robotern, die mit Wackelpudding um sich werfen und die Macht über die Menschen fordern. Die Roboter wollen eben nicht mehr als Arbeitskräfte eingesetzt und damit fremdbestimmt werden. Jo gelingt es mit der Fernbedienung, die auch Robert gesteuert hat, alle Roboter abzuschalten. Das Aufräumen überlassen sie aber – wieder – anderen und legen sich gemütlich in ihren neuen Pool.

 Kritik

Das Buch Der große Wackelpudding-Plan und eine Wahnsinnserfindung greift – wie viele andere Bücher – mit der Figur des Roboters, einem künstlich geschaffenen Menschen, ein Konzept auf, das im Automaten-Konzept der Romantik seine Grundlagen findet. Auch wenn sich die Geschichte damit eines Topos‘ annimmt, der seit Jahrhunderten die Literaturgeschichte durchzieht, so überzeugt die Geschichte leider nicht so ganz – im Gegensatz zu anderen Kinder- und Jugendbüchern, die das Thema aufgreifen.

Auf narrativer Ebene kommt es oftmals zu Brüchen, was daran liegt, dass sich Textelemente mit Illustrationen und comicartigen Einschüben abwechseln, die in Exkursen über Roboter oder Erfinder und ihre Erfindungen informieren. Die Exkurse, die mitunter auch Rätselfragen umfassen und entfernt an die Rätsel aus Alfred Hitchcocks Die drei ???-Reihe erinnern, wirken sich so störend auf den Fluss der Narration aus und lassen mehrfach kurzzeitig den 'Roten Faden' der Erzählung in den Hintergrund rücken.

Auch auf inhaltlicher Ebene werden zu viele Elemente miteinander verbunden, die das zeitlich sehr gestraffte Geschehen übertrieben wirken lassen – auch wenn sicherlich genau das intendiert ist: Jo baut in 45 Minuten einen komplett funktionierenden Roboter zusammen, um zur zweiten Halbzeit seines Fußballspiels zu kommen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Mutter der Geschwister von dem Geschehen nichts mitbekommt, weder von dem Roboter noch von der ministeriell initiierten Preisverleihung. Das lässt sich nur so interpretieren, dass es hier um das Ausleben kindlicher Wunschvorstellungen geht: Eltern, die Kinder machen lassen, was sie wollen, was sicherlich ein Traum vieler Kinder ist, andererseits aber zur Folge hat, dass niemand helfend zur Seite stehen kann, wenn es Probleme gibt. Hinzu kommt der Roboter mit einem sich entwickelnden Eigenleben, das durch ihn evozierte Medieninteresse und das Interesse der Öffentlichkeit, die hier repräsentiert wird durch Industrielle, Fabrikanten und den Minister. Anstatt ein Element fokussiert in den Mittelpunkt der Erzählung zu rücken, werden alles in allem zu viele Elemente gleichrangig nebeneinandergestellt, die das Geschehen überladen wirken lassen.

Auch wenn sich die Geschichte durchaus dem Genre der Science Fiction zurechnen lassen lässt – wir haben es einerseits mit dem für die SF nicht untypischen Motiv des künstlichen Menschen zu tun, andererseits wird aber auch berechtigt Kritik an Medien und dem allzu sorglosen Umgang mit sozialen Netzwerken geübt, wie wir es z.B. auch in Die Tribute von Panem wiederfinden können –, so werden doch die Möglichkeiten, die damit verbunden sind, nicht wirklich ausgeschöpft, weder inhaltlich noch formal-narrativ. Zieht man das Buch Orbis Abenteuer hinzu, so wird im direkten Vergleich deutlich, dass im hier vorliegenden Buch z.B. die Aussage, dass unangenehme Pflichten im Leben dazugehören, nicht wirklich vermittelt wird. So kümmern sich Jo und Mia am Ende der Geschichte nicht um das Chaos, das sie angerichtet haben, sondern spielen lieber im von Robert gebauten Swimming-Pool und brüten die nächsten Ideen aus. Im Vergleich dazu vermittelt z.B. Orbis Abenteuer in einer geschlossenen Narration, dass Pflichten das Leben prägen, es aber Möglichkeiten gibt, diese Pflichten angenehm zu gestalten und man somit mit ihnen umgehen kann.

Auch der Umgang mit sozialen Netzwerken, der in diesem Fall das Medieninteresse und damit das nachfolgende Geschehen auslöst, wird nicht weiter problematisiert. Angesichts der Tatsache, dass das Buch für Leser ab ca. sieben Jahren empfohlen wird und das Internet immer früher bereits in Kindergärten und Grundschulen Einzug hält, wäre ein problemorientierterer Umgang mit dem Thema wünschenswert gewesen.

Im Buch Der große Wackelpudding-Plan und eine Wahnsinnserfindung scheinen die Geschwister am Ende der Geschichte nichts zu lernen: Sie wollen den Eltern nichts erzählen, lassen weiter andere für sich aufräumen und übernehmen für ihre Handlung keine Verantwortung – im Gegenteil: Jo plant eine weitere Erfindung, deren katastrophale Ausmaße man sich nicht vorstellen möchte.

Vor diesen Hintergründen wird das Motiv des Roboters relativ flach und eindimensional dargestellt, das mit ihm einhergehende Potential wird nicht genutzt. Robert wird gebaut und geradezu sklavisch ausgenutzt, er setzt sich zu Recht zur Wehr, wird zusammen mit seiner Roboter-Armee aber durch einen einzigen Knopfdruck abgeschaltet und unschädlich gemacht. Der Begriff 'Freund', mit dem er benannt wurde, als er für Jo und Mia gearbeitet hat, verliert an Bedeutung, als er eigenständig agieren will.

Fazit

Der große Wackelpudding-Plan und eine Wahnsinnserfindung ist vom 'plot' her gesehen durchaus eine spannende Geschichte. Der Mix unterschiedlicher Genres – Abenteuer, Science Fiction, Comic – ist sicherlich auch auf den ersten Blick reizvoll für einen Leser. Leider führt aber genau das mitunter zu Brüchen in der Narration, was mitunter den Eindruck von Hektik erzeugt. Angerissene und durchaus dem problemorientierten Kinder-/Jugendbuch zuzurechnende Fragestellungen werden nicht weiter verfolgt und reflektiert.

Aber vielleicht liegt auch gerade darin ein Reiz für Kinder, die sich hier in eine wahrhaftig traumhafte Wunschvorstellung und Wunschwelt ohne Regeln und Kontrollinstanzen begeben können, die sich in diesem Genremix etabliert.


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