Claussen, Johann Hinrich: Moritz und der liebe Gott

von Dr. phil. Sabine Planka

Moritz macht die Scheidung seiner Eltern zu schaffen. Auf seinem Kickboard rollt er durch die Straßen, bis zu von einem Unwetter überrascht wird und in einer Kirche Zuflucht sucht. Dort trifft er auf Frau Schmidt, eine alte Frau, die ihm langsam ans Herz wächst und ihn mit Glaube, Religion und Kirche konfrontiert.

Claussen, Johann Hinrich: Moritz und der liebe Gott
207 S., 7,95 €
6. Aufl., dtv, München 2012
ISBN 978-3-423-62168-7

Inhalt
Nachdem sich Moritz' Eltern haben scheiden lassen, wohnen er und seine Schwester alleine mit seiner Mutter in der Wohnung, in der vorher die ganze Familie gewohnt hat und in der Moritz nun sein Vater fehlt. Diese Leere, die Moritz nicht nur in der Wohnung, sondern auch in sich zu fühlen scheint, treibt ihn immer wieder mit seinem Kickboard auf die Straße.

So auch an dem Tag, als sein Vater die letzten Sachen aus der ehemals gemeinsamen Wohnung holen will. Moritz flüchtet heimlich und fährt durch die Straßen seiner Stadt. Als ihn ein Unwetter überrascht, sucht er Schutz in einer Kirche, wo er zunächst völlig unbedarft, aber dennoch beeindruckt von der imposanten Architektur auf seinem Board herum rollt. In der Kirche trifft er eine alte Frau, die ihn zu sich ins Altenheim einlädt. Neugierig lässt sich Moritz auf die Begegnung ein und besucht Frau Schmidt. Nicht nur einmal, sondern mehrmals. Bei den Besuchen entwickeln sich Gespräche um Kirche und Religion und Frau Schmidt macht Moritz sowohl mit den Inhalten der Bibel als auch mit der Geschichte der Religion bekannt. Auch Gespräche über Glaube und Tod finden zwischen den beiden statt.

Moritz' Neugierde ist geweckt. Er macht sich auf in die Bibliothek, wo die Geschichten und Erzählungen Frau Schmidts' von der Bibliothekarin Sabine Lehnerer ergänzt und erweitert werden. Auch ihr stattet Moritz nun oft Besuche ab, neugierig auf die Geschichten der Bibel und die Geschichte der Religion, die Sabine ihm lebhaft nahebringt.

Die Besuche bei Frau Schmidt finden ein für Moritz zu plötzliches Ende: Als Moritz sie besuchen will, muss er erfahren, dass sie verstorben ist. Als Erinnerung an sie hat sie Moritz ihre Familienbibel vermacht.

Kritik
Das Buch greift auf überraschend angenehme Art das Thema Religion auf und konfrontiert den Protagonisten mit Glaubensfragen, der Geschichte der Religion und der Bibel und den Geschichten, die in der Bibel überliefert werden. Dem Protagonisten stehen dabei zwei 'Informanten' zur Seite: Die 92jährige Elisabeth Schmidt und die knapp 30jährige Bibliothekarin Sabine Lehnerer nehmen sich Zeit für Moritz und erzählen – und erklären – ihm Religion und Bibel. Bei ihnen fühlt sich Moritz trotz seiner Sprachstörung angenommen und traut sich, Nachfragen zu stellen.

Der Eindruck des Lesers bestätigt sich zunehmend, dass der Glaube Moritz nicht nur bei seiner Sprachstörung zu helfen scheint, sondern ihm auch über die Scheidung seiner Eltern hinweghilft und somit als Stütze etabliert wird. Die freiwilligen Besuche Moritz' bei den beiden untermauern und festigen diesen Eindruck.

Narrativ wird die Erzählung getragen durch viele Dialoge, die die Geschichten der Bibel lebendig werden lassen und es ermöglichen, dass Moritz immer wieder Nachfragen stellen kann. Der heterodiegetische Erzähler ist entsprechend auf Moritz und dessen Gefühlslage fokussiert. Die in den Dialogen erzählten Geschichten reichen von der Schöpfungsgeschichte über den Brudermord in der Geschichte um Kain und Abel bis zur Kreuzigung und Auferstehung Jesus Christus. Narrativ könnten jedoch die an einigen Stellen zu ausführlichen Beschreibungen, die sich teilweise in einer zu starken Detailverliebtheit verlieren, für einen ungeübten Leser schwierig werden. U.U. besteht die Gefahr, dass der 'Rote Faden' etwas in den Hintergrund rückt.

Die Geschichte lässt sich unzweifelhaft dem problemorientierten Jugendbuch zuordnen, steht doch die Scheidung von Moritz' Eltern am Anfang der Geschichte und wird immer wieder zum Anlass genommen, um Moritz' Gefühle darzustellen. Als sein Vater ihn nach der Scheidung abholt, um mit ihm einen Tag zu verbringen, wird schnell deutlich, dass beide, sowohl Moritz als auch sein Vater, nicht wissen, wie sie miteinander umgehen sollen und froh sind, als Moritz Hausaufgaben vorschiebt, um dieser ungewohnten und auch unangenehmen Situation entkommen zu können. Diese Momente sind es, die als Folie dienen, vor denen sich dann Religion und Glaube als Stütze entfalten kann.

Die dargestellte Situation stellt eine für den Leser bekannte dar, ist doch Scheidung kein Tabu mehr und heutzutage alltäglich. Insofern bietet die Geschichte die Möglichkeit der Identifikation mit dem Protagonisten und zeigt zugleich eine Hilfe im Glauben auf. Und selbst wenn der Leser diese 'Hilfe' nicht benötigt, so wird er doch über die Geschichte der Religion und die Geschichten in der Bibel informiert.

Fazit
Das Buch Moritz und der liebe Gott greift das Thema der Religion auf und macht den jungen Protagonisten mit dessen Inhalten bekannt. Schön ist dabei, dass die Situationen, in denen die religiösen Themen verhandelt werden, nicht lehrmeisterlich erscheinen, sondern dialogisch angelegt sind, so dass Moritz, mit dem sich der Leser identifizieren kann/soll, Fragen über Fragen stellen kann, die geduldig beantwortet werden. Auch spontane Äußerungen, die sicherlich vielen Kindern auf der Zunge liegen, finden Raum: „ ‚Wie hat Jesus denn ausgesehen?‘ Sie [die Bibliothekarin; Anm. S.P.] schlug die große Bilderbibel wieder auf. ‚Oje‘, sagte Moritz, als sie ein Bild Jesu gefunden hatte. ‚Sieht der blöd aus!‘ ‚Stimmt‘, lachte die Bibliothekarin. ‚So hat man im 19. Jahrhundert Jesusbilder gemalt […].‘“ (S. 64). Dass gerade solche von Kindern getätigten Fragen nicht verschwiegen, sondern geradeheraus thematisiert und zum Anlass für Erklärungen genommen werden, ist die Stärke dieses Buches, dem man es anmerkt, dass es von einem Theologen und Familienvater geschrieben worden ist.

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