von Sabine Planka

London, 1858: Mary Lang, eine zwölfjährige Diebin, soll gehängt werden. Doch sie erfährt überraschend Hilfe und kann als Mary Quinn untertauchen. Fünf Jahre wird sie in Miss Scrimshaws Mädcheninstitut unterrichtet und ausgebildet, bis sie plötzlich auserkoren wird, als Spionin mitzuhelfen, einen Kunstraub aufzuklären. Und plötzlich sind ihre einstigen Fähigkeiten wieder gefragt…

Lee, Y.S.: Meisterspionin Mary Quinn I – Ein verhängnisvoller Auftrag.
A. d. Amerik. v. Eva Riekert
378 S., 8,95 €
dtv, München 2012
ISBN 978-3-423-71520-1

Inhalt
Mary Lang soll am Strang den Tod finden. Doch mithilfe einer Aufseherin kann sie entkommen und gelangt in Miss Scrimshaws Mädcheninstitut, wo sie fünf Jahre lang eine gute Ausbildung erhält und anschließend als Hauslehrerin arbeitet. Als sie von den Leiterinnen Anne Treleaven und Felicity Frame, die im Hintergrund der Mädchenschule eine Agentur betreiben und Agentinnen ausbilden, deren Dienste sogar von Scotland Yard in Anspruch genommen werden, einen 'neuen Job' als Spionin erhält, nimmt ihr Leben eine neue Wende. Sie wird als Gesellschafterin eingeschleust in den Haushalt der Thorolds und soll der Tochter des Hauses, Angelica, Gesellschaft leisten. Ihr eigentlicher Auftrag besteht aber darin, Mr. Thorold genauer unter die Lupe zu nehmen, da die Agentur von Scotland Yard den Auftrag erhalten hat, den Verdacht des Kunstschmuggels zu beweisen. Als Händler, der seine Geschäfte in Übersee und Asien abwickelt, scheint es klar, dass er in die Angelegenheit verwickelt ist.

Mary findet sich schnell im Haushalt ein, stößt aber auf Misstrauen und mitunter auch Feindlichkeit, entgegengebracht von Angelica, aber auch den anderen Bediensteten im Haushalt. Mary soll eigentlich nur beobachten und ihre Beobachtungen weitergegen, doch sie beschließt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Sie trifft auf James Easton, der ebenfalls Nachforschungen über die Thorolds anstellt, da sein Bruder George Angelica den Hof macht. Beide unterstützen sich bei ihrer Suche nach Beweisen gegenseitig und finden bald heraus, dass Mr. Thorold zwar Kunstschmuggel und Versicherungsbetrug begangen hat, dass seine Frau aber Piraterie betrieben und ihren eigenen Mann beraubt hat. Auch allerlei andere Geheimnisse kommen ans Licht: So hat z.B. Michael Grey ein Verhältnis zu Angelica Thorold, beide heiraten sogar – dass die Ehe später ungültig ist, da Mary erst 17 und nicht 20 ist, wie angegeben, stellt sich für Angelica später als Segen heraus, da sie beschließt, in Wien Musik zu studieren, etwas, was sie sich erträumt hat, aber nie umzusetzen gewagt hätte.


Kritik
Der Roman ist eine wunderbar kurzweilige Detektivgeschichte, die dem klassischen Muster dieser Gattung folgt. "Die Handlungsstruktur wird […] geprägt […] durch ein minuziöses Suchen nach evidence und die Schlußfolgerungen aus diesem Beweismaterial. Ferner ist die Fahndung zugleich Handlung in der Erzählgegenwart und Rekonstruktion von Handlung in der vor dem Einsetzen der Erzählgegenwart liegenden Zeit" (Broich, 1975, S. 21). Was Broich hier von Edgar Allen Poes Geschichte Rue in the Rue Morgue von 1841 prototypisch beschreibt, lässt sich problemlos übertragen auf Lees Roman. Gleichzeitig kommt – ein weiterer klassischer Schachzug der Detektivgeschichte – mit Mary Quinn eine Detektivin als Außenstehende in einen Haushalt und damit in eine Gesellschaftsschicht, die ihr fremd ist. Das ermöglicht es ihr, einen neutralen Blick auf das Geschehen zu werfen und gleichzeitig "im Verlauf [ihrer] Fahndung […] die ganze soziale Schicht" (Broich, 1975, S. 27), die die Täter angehören. "Das Vorhandensein von gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen, vergangener Schuld und verbrecherischen Absichten unter einer wohlachtbaren Oberfläche […] ist […] primär funktional zu sehen: es schafft eine hinreichende Anzahl von red herrings, von falschen Fährten, die es ermöglichen, das […] dargebotene Rätsel so zu amplifizieren, daß es einen Roman füllt" (Broich, 1975, S. 27f.). Und auch Mary als außenstehende Detektivin ist – folgt man der Argumentation Broichs weiter – als diskrete Ermittlerin prädestiniert um Nachforschungen anzustellen und somit der Polizei gegenüber im Vorteil (vgl. Broich, 1975, S. 30).

Die Figuren werden alle individuell gezeichnet und mit entsprechenden Eigenheiten ausgestattet, die es der Erzählerin später ermöglichen, z.B. in Mrs. Thorold die überraschende Täterin zu präsentieren: Die Fallhöhe zwischen der scheinbar kränkelnden Hausdame, die sich immer zu diversen Ärzten kutschieren lässt und der Dame, die kraftvoll und energisch ihren Mann ausraubt, ist extrem. Auch die anderen Figuren haben ihre speziellen Eigenheiten: So präsentiert sich z.B. Angelica als verzogenes Mädchen, träumt aber insgeheim von Unabhängigkeit und einem Musikstudium in Wien und heiratet aus Trotz und Rebellion Michael Grey, auch wenn die Ehe später annulliert werden muss.

Der heterodiegetische Erzähler fängt die Perspektiven Marys und auch James' Aufklärung des Verbrechens bei und sind dementsprechend relevant in der Erzählung – abgesehen davon, dass sich zwischen beide eine Romanze anbahnt, die sich am Ende des ersten Buches nicht zu verwirklichen scheint.

Zugleich wird in dem Roman das Bild der Gesellschaft 1858 in London geschildert und damit einhergehend auch das Bild der gesellschaftlichen Rollen von Männern und Frauen. Frauen, so wird deutlich, sind auf die Familie und den Haushalt beschränkt, während es Aufgabe der Männer ist, Geld zu verdienen und für die Familie zu sorgen. Im Rahmen der Erzählung wird Frauen allerdings partiell ein eigenständiges Leben zugestanden, unabhängig "von den Launen der Männer" (Lee, 2012, S. 22), so dass hier erste emanzipatorische Tendenzen aufgezeigt werden.

Fazit
Das Buch Meisterspionin Mary Quinn I – Ein verhängnisvoller Auftrag präsentiert eine spannende Detektivgeschichte, deren Protagonistin sich bei ihrem ersten Außeneinsatz als sympathische Detektivin präsentiert, von der man gerne mehr lesen möchte. Diese individuelle Figurenzeichnung und die solide konstruierte Geschichte machen das Lesevergnügen perfekt und zeigen, dass die Täter oftmals diejenigen Personen sind, denen man eine Tat am wenigsten zutraut. Und doch ist es immer wieder ein Genuss, solch spannend konstruierte Geschichten zu lesen, bei denen man der Schnitzeljagd der Protagonisten folgen darf.

Literatur

Broich, Ulrich: Der 'entfesselte' Detektivroman. In: (ebd.): Gattungen des modernen englischen Romans. Wiesbaden: Athenaion, 1975 (Schwerpunkte Anglistik, 9). S. 17-56.


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