von Fabrice Röseler

Um sich ihren lang ersehnten Traum, ein Ritter des Königs zu werden, erfüllen zu können, wagt die elfjährige Adlige Alanna das Unmögliche: Als Junge verkleidet, verschafft sie sich Zugang zu einer Akademie und wird dort in allen Künsten eines angehenden Ritters unterrichtet. Dabei machen ihr nicht nur das Geheimnis um ihre weibliche Identität zu schaffen, sondern auch finstere Verschwörungen und dunkle Bedrohungen.

Pierce, Tamora: Alanna - Das Lied der Löwin.
Heyne Verlag, München 2012.
988 Seiten. 14,99 €
ISBN 978-3-453-31437-5.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Die elfjährige Adelstochter Alanna von Trebond hat einen großen Traum: Sie will eine Ritterin werden, die Welt bereisen und große Heldentaten vollbringen. Weil ihr dieser abenteuerliche Lebensweg als Mädchen allerdings verwehrt bleibt, fasst sie einen gewagten Plan: Sie gibt sich als Junge aus und tauscht mit ihrem Zwillingsbruder Thom die vom Vater diktierten, beruflichen Bestimmungen. Als Thom die Briefe ihres Vaters durch Fälschungen ersetzt, in welchen veränderte Informationen und Anweisungen an die jeweiligen Ausbilder stehen, rückt auch für ihn ein Traum in erreichbare Nähe: Anders als Alanna hasst er das Kämpfen und will auf keinen Fall ein Ritter werden. Sein Traum ist es vielmehr, der größte lebende Zauberer der Welt zu werden. Er lässt sich anstelle von Alanna in ein Kloster zur religiös-magischen Lehre schicken und kann sich als Priester sogar weiterhin als Junge ausgeben. 

Für Alanna ist die Ausbildung zum Ritter als Mädchen anfangs besonders hart und sie muss zudem ständig aufpassen, dass niemand ihr wahres Geschlecht erfährt. Darüber hinaus macht ihr einer ihrer adligen Kommilitonen das Leben schwer. Aber dank der Hilfe neuer Freunde und geheimer Trainingsübungen gelingt es ihr nach und nach, eine gute Kämpferin zu werden.

Abseits der Herausforderungen ihrer Ausbildung jedoch zeichnen sich noch gefährlichere Bedrohungen am Horizont ab: Was hat es mit dem ominösen Schwitzfieber auf sich, das zunächst in der nahegelegenen Stadt und schließlich auch im Palast selbst um sich greift? Welche Rolle spielt der zwielichtige Herzog und Erzmagier Roger von Conté? Ihn kann Alanna von Anfang an nicht ausstehen und sie verdächtigt ihn, einen ihrer engsten Freunde, den Kronprinzen Jonathan, durch Manipulationen und Intrigen töten zu wollen. Alannas Befürchtung, dass Conté für das Schwitzfieber verantwortlich ist, sind nicht unbegründet, denn nachdem diese Krankheit zahlreiche Menschen in der Stadt und im Palast dahingerafft hat, befällt sie zuletzt den Prinzen und droht, ihn umzubringen. Zum Glück kann sich die mutige Ritteranwärterin bei ihren Abenteuern nicht nur auf ihre Freunde verlassen, sondern auch auf mächtige magische Fähigkeiten zurückgreifen, die in der Familie liegen.

Im Laufe ihrer Ausbildung wird schließlich immer deutlicher, dass Alanna ein ganz besonderes Mädchen ist, die zu Großem bestimmt ist. Denn scheinbar haben selbst die Götter ein erhebliches Interesse an ihr und helfen ihr dabei, das um sich greifende Böse zu bekämpfen, welches nach und nach das ganze Königreich bedroht.

Kritik

Tamora Pierce hält sich in ihrem ersten Band der Fantasyroman- Reihe Alanna – Das Lied der Löwin namens Die Schwarze Stadt nicht mit umfangreichen Vorgeschichten auf. Stattdessen werden Leserinnen und Leser gleich in die Handlung geworfen: Schon auf den ersten der 232 Seiten  entfaltet sich Alannas kühner Plan, reist sie mit einem Kammerdiener an den Hof des Königs, um als Junge verkleidet ihre Ausbildung zu beginnen. Auch grundsätzlich schreitet die Handlung recht zügig voran und kann durch den schnellen Lesefluss stellenweise sogar etwas gehetzt erscheinen.

Allerdings ist dies nicht unbedingt von Nachteil, denn das fantastische Epos umfasst insgesamt fast eintausend Seiten und  schon im ersten Band erhält man genug Informationen, um in die sagenhafte, fiktive Welt des Königreichs Tortall einzutauchen. Dieses erinnert in gewisser Hinsicht an das typische Umfeld von Rittern und Helden aus der klassischen Artusepik: Es herrscht eine strenge, männerdominierte Gesellschaft vor, es gibt Ritter, die auf Abenteuern gegen Schurken und Bestien um Ruhm und Ehre kämpfen müssen und die einem Königshaus unterstehen. Allerdings bricht Pierce in manchen Bereichen mit diesem traditionellen, patriarchalen Gesellschaftsbild. Beispielsweise gibt es in Tortall statt der dominanten, männlich dargestellten Christengottheit aus bekannten Artusromanen eine religiöse Ordensgruppierung um eine in dieser Welt zentrale, weibliche Muttergöttin, deren Tempel nur Frauen betreten dürfen. Zudem durchbricht die Hauptfigur Alanna ritterlich-soziale Gendererwartungen, indem sie als offenbar erstes Mädchen erfolgreich eine Ausbildung zum höfischen Krieger in Angriff nimmt. Mit dieser Entwicklung entpuppt sich Pierces Roman als interessante Alternative zu stereotypischen Ritterromanen und stellt eine über Jahrtausende dominante, gesellschaftliche Geschlechterhierarchie infrage. Als ein Vorbild für Alanna könnte Pierce von der chinesischen Legende um die Figur „Mulan“ inspiriert worden sein, die sich mit männlicher Tarnung der chinesischen Armee andient und dadurch den Platz ihres Vaters einnimmt.  

Interessant sind auch die glaubwürdig dargestellten Nebenfiguren im Werk, die sich als Verbündete oder Freude Alanna von Trebonds erweisen. Da wären zum Beispiel der Kronprinz Jonathan sowie die Adelssöhne Raoul, Gareth (genannt Gary), Alex und Francis, die wie Alanna eine Ausbildung zu Rittern absolvieren und schnell zu ihren engsten Freunden werden. Während unter ihnen besonders Jonathan, genannt Jon, tiefe Freundschaft mit Alanna verbindet, gerät Alex ab einem gewissen Zeitpunkt unbewusst zwischen die Fronten von „Gut“ und „Böse“. Weil dies irgendwann dazu führt, dass die restliche Freundesgruppe in seiner Gegenwart aus Vorsicht nicht mehr frei über alles reden kann, wirkt er mehr und mehr von ihnen isoliert, woraus ein spannungsreicher Konflikt zu erahnen ist. Weiterhin lernt Alanna noch vor ihrer erstmaligen Ankunft im Schloss auf dem Markt der nahen Stadt Georg kennen. Dieser ist in dem urbanen Umfeld als der „König der Diebe“ bekannt und leitet eine weitverzweigte Gilde von Angehörigen dieser Berufung. Auch mit ihm freundet sich Alanna schnell an, eine Freundschaft, die sich für sie dank Georgs großen Einfluss mehrmals als vorteilhaft für sie erweist. Darüber hinaus freundet sich die junge Kriegerseele auch mit dem Ritter Sir Myles an, der einer ihrer Ausbilder ist und irgendwann zu einer Art Mentor für sie avanciert.

Schließlich hat sie auch noch ihren treuen Diener Coram an ihrer Seite, den Alanna schon seit ihrer Kindheit am väterlichen Hof kennt und der während ihrer Ausbildung ihr Kammerdiener ist. Als einziger Erwachsener im Schloss kennt er von Beginn ihrer Lehre an Alannas wahre Identität und ihre Absichten. Mit letzteren zeigt er sich aber einverstanden und spricht sie in Gesellschaft wie die anderen als „Alan“ an, der vermeintliche Zwillingsbruder von Thom und ihre männliche Tarnidentität.  

Die charakterliche Tiefe, die man den mit der Heldin verbündeten Figuren zuschreiben kann, trifft jedoch zumindest im ersten Band der Romanreihe nur bedingt auf die Antagonisten zu. Eine Ausnahme stellt hierbei noch Ralon von Malven dar, ein älterer Mitschüler Alannas, der es von Beginn an auf sie abgesehen hat und sie piesackt, wo er nur kann. In der Figurenrolle eines ideal streitsüchtigen und unreifen Rivalen stellt er aber letztlich einen Stereotyp dar, dessen Motive für seinen Hass auf Alanna recht plump und unbegründet erscheinen. Solche Stereotypen lassen sich zumindest zum Teil auch bei den anderen, bisher bekannten Gegenspielern erahnen: Herzog Roger kann Leserinnen und Lesern leicht wie ein klischeehafter Möchtegern-Thronräuber vorkommen, andere Gegenspieler von übernatürlicher Art wirken ähnlich simpel motiviert und als Figuren recht blass.

Insgesamt liest sich der Romanteil dennoch ganz unterhaltsam. Dies liegt nicht nur an der ungewöhnlichen und abwechslungsreichen Thematik (ein Mädchen versucht, in männlicher Tarnung ein Ritter zu werden), sondern auch am schnellen Lesefluss sowie spannenden Interessenkonflikten zwischen den Figuren.

Fazit

Der erste Band von Tamora Pierces Alanna-Reihe ist eine helle Lesefreude. Die Hauptfigur und Namensträgerin des Werkes entpuppt sich auf Anhieb als interessanter Charakter mit hohem Identifikationspotenzial. Ihr Aufstieg zu einer Heldin durch erste erfolgreich bestandene Abenteuer macht Lust auf mehr, zumal der erste Band Mysterien andeutet, deren Auflösung Spannung verspricht. Weil man der Handlung des Werks leicht folgen kann und auch der Satzbau nicht allzu komplex ist, kann es für Kinder ab etwa 10 Jahren empfohlen werden.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Erstveröffentlichung: 05.02.2021


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