von Sabine Planka

Ein Schriftsteller, ein 190 Jahre altes Gespenst und ein kleiner Junge treffen in diesem collagenhaft erzählten Briefroman aufeinander - und erleben aufregnde Abenteuer. 

Klise, Kate / Klise, M. Sarah (Ill.): Friedhofstraße 43: Band 1 – Gespenster gibt es doch!
Mit Illustrationen von M. Sarah Klise.
Aus d. Amerikanischen v. Nina Schindler.
3. Aufl., 159 S., 12,95 €
Gerstenberg, Hildesheim 2012.
ISBN 978-3-8369-5321-4

Inhalt
Den Autoren Kate und M. Sarah Klise ist mit dem ersten Band der "Friedhofstraße 43" ein kleiner Geniestreich gelungen, nutzen sie doch eine höchst literarische Gattung, um den Leser zu unterhalten: den Briefroman. Die Handlung ergibt sich aus der Kommunikation zwischen den genutzen Dokumenten und Briefen, der Leser muss sich Teile der Handlung geradezu selbst erschließen.

Der verschuldete Schriftsteller Ignaz B. Griesgram mietet die Spence-Villa in der Friedhofstraße 43 in Schauderburg, Illinois, USA, um dort sein neues Buch zu schreiben. Die Villa gehörte einst Olivia Spence, einer Schriftstellerin, der es jedoch zu Lebzeiten nicht gelang, eines ihrer Manuskripte an einen Verlag zu verkaufen. So hat Olivia beschlossen, so lange in ihrem Haus zu spuken, bis eines ihrer Manuskripte veröffentlicht wird. Inzwischen ist Olivia 190 Jahre alt und lebt immer noch als Geist in ihrem Haus, das inzwischen vom Professorenpaar Hoffnung gekauft wurde, um paranormale Phänomene zu erforschen. Da sich Olivia aber nur Severin Hoffnung, nicht aber dessen Eltern zeigt, wollen die Hoffnungs, die inzwischen in Paris ihren Forschungen nachgehen, das Haus wieder veräußern. Und da sie Severin nicht mitnehmen wollen, überlassen sie ihn der Obhut des neuen Hausbesitzers.

Ignaz Griesgram ist damit zunächst überhaupt nicht einverstanden und glaubt auch nicht an die Existenz Olivias. Das nächtliche Klavierspielen und das Türenknallen schreibt er Severin zu, der aber völlig unschuldig ist. Diesem gelingt es zunächst jedoch nicht, Ignaz von Olivia zu überzeugen.

Das Verhältnis von Ignaz zu Olivia und Severin ändert sich, als Ignaz keinen Zweifel mehr hegt an Olivia. Sie bietet ihm an, als Co-Autorin für sein Buch zu arbeiten, damit Ignaz seine Schulden begleichen kann, die sich durch seinen ausschweifenden Lebensstil angehäuft haben. Die Geschichte, die Ignaz und Olivia schreiben, besteht aus den Erlebnissen der drei Hausbewohner. Die ersten Kapitel erscheinen im Schauderburger Anzeiger, wer die nächsten Kapitel lesen möchte, wird gebeten, 3 $ zu überweisen. So ist es Ignaz, Olivia und Severin, der die Geschichte illustriert, möglich, an der Fortsetzung zu arbeiten, gleichzeitig können Sie von dem Betrag auch das Haus kaufen, in dem sie wohnen und auch Ignaz' Schulden begleichen. Aus der anfänglichen Antipathie entwickelt sich somit nicht nur eine Freundschaft zwischen Ignaz, Olivia und Severin, sondern die drei werden zu einer richtigen Familie.

 

 

Kritik
Im Laufe des Romans kristallisiert sich heraus, dass die in den Briefen erzählte Geschichte das Geschehen ist, das die drei Protagonisten erlebt haben und das sie nun zu einem Buch verarbeiten. Da es darum geht, wie Ignaz sein neues Buch schreiben will/soll und der Inhalt schließlich genau die Erlebnisse der Protagonisten thematisiert, wird auf einer Meta-Ebene somit über den Entstehungsprozess des Buches reflektiert, was sich im Übrigen auch in allen Folgebänden der Serie finden lässt. Es ist somit die 'reale' Geschichte, die sich in den Briefen und Dokumenten manifestiert und die von Ignaz und Olivia verarbeitet wird.

Die Protagonisten Ignaz, Olivia und Severin kommunizieren entsprechend ausschließlich über Briefe und andere Dokumente miteinander. Die Autoren Kate und M. Sarah Klise bedienen sich dabei eines Tricks, um die Protagonisten für den Leser unterscheidbar zu machen: Die Autoren weisen ihren Protagonisten unterschiedliche Schrifttypografien zu. Und nicht nur das: Olivias Ärger über den – zunächst – ungläubigen Ignaz manifestiert sich in einer zunehmenden Schriftgröße, was den Worten Olivias Nachdruck verleihen soll. Und das gelingt den Autoren perfekt, der Leser kann durchaus nachvollziehen, dass Olivia, wenn sie gesprochen hätte, Ignaz durchaus angebrüllt hätte

Der erste Band der mehrbändigen Serie etabliert somit eine besondere Art der Narration, die im Bereich des Kinderbuches in dieser ausgeprägten Form wahrscheinlich selten zu finden ist: Es handelt sich um einen Briefroman (vgl. dazu „Briefroman“ 1990, S. 62f.), der ergänzt wird durch Verträge, Zeitungsausschnitte, Protokolle und PC-Dateien, mittels derer sich Olivia und Ignaz unterhalten, sie somit als Medium der Kommunikation nutzen. Aber auch andere Akteure kommen zu Wort, wenn sie in Zeitungsartikeln zitiert werden. Damit liegt hier, wie auch in allen anderen Bänden der Reihe, eine poly-perspektivische Erzählweise vor.

Die Textform Brief, die hier aufgegriffen wird, ist die wohl älteste und gebräuchlichste Form, Informationen auszutauschen. Gerade im 18. Jahrhundert – Nickisch bezeichnet es als briefsüchtiges 18. Jahrhundert (vgl. Nickisch (2005), S. 358) – wurden die „gattungstypischen Möglichkeiten des Briefes [genutzt], [um] Briefe zu fingieren oder zu fiktionalisieren: die persönliche Hinwendung zu einem Empfänger, die zwanglose, gesprächsnahe Gedankenführung, das Nebeneinander verschiedener Themen und Anliegen, die latente Dialogizität. Dabei haben die Autoren verschiedene Grade der Fingierung entwickelt: Der höchste ist dann erreicht, wenn nicht nur der Absender oder der Empfänger oder beide ‚vorgetäuscht‘ sind, sondern außer Absender und Empfänger auch noch die Briefsituation insgesamt – wie das eklatant bei den Briefen eines Briefromans geschieht […]“ (Nickisch (2005), S. 358). Genau diesen höchsten Grad der Fingierung finden wir auch in der Friedhofstraße 43 vor: Absender und Empfänger der Briefe sind fiktiv, plot und story sind perfekt konstruiert und lassen das Geschehen durch diese Art der Präsentation so real wirken.

Fazit
Der Roman präsentiert kurzweilig das erste Aufeinandertreffen zwischen Ignaz, Olivia und Severin, die sich nach anfänglichen Schwierigkeiten zusammenraufen und Teil einer wunderbaren Geschichte sind, die den Brief als Kommunikationsmedium in den Mittelpunkt des Romans rückt. Im digitalen Zeitalter von E-Mail, SMS und Chat wird geradezu ein Stück Nostalgie zelebriert und unterhaltsam umgesetzt, was keineswegs langweilig für den Leser wird.

Literatur
„Briefroman“, in: Schweikle, Günther/Schweikle Irmgard (Hrsg.): Metzler Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 62f..

Nickisch, Reinhard M.G.: „Der Brief und andere Textsorten im Grenzbereich der Literatur“, in: Arnold, Heinz Ludwig / Detering, Heinrich (Hgg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. 7. Aufl. München: dtv, 2005. S. 357-364.

Hier geht es zu Band 2, Band 3 und Band 4 der Serie.

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