von Sabine Planka

Im zweiten Band der Friedhofstraße müssen sich Ignaz B. Griesgram, Olivia Spence und Severin Hoffnung gegen Dirk Tator - der Name ist in diesem Fall Programm - behaupten, der Severin ins Waisenhaus und Ignaz in die Irrenanstalt steckt. Außerdem will Dirk Tator Halloween verbieten und Gruselgeschichten verbrennen. Das müssen Ignaz, Olivia und Severin auf jeden Fall verhindern…

Klise, Kate / Klise, M. Sarah (Ill.): Friedhofstraße 43: Band 2 – Nur über meine Leiche!
Mit Illustrationen von M. Sarah Klise.
Aus d. Amerikanischen v. Nina Schindler.
124 S., 12,95 €
Gerstenberg, Hildesheim 2011.
ISBN 978-3-8369-5395-5

Inhalt
Der zweite Band der Friedhofstraße 43 knüpft nahtlos an die Handlung des ersten Bandes an. Nachdem die Geschichte des ersten Bandes auf den ersten Seiten in einer Art Fotoalbum mit Begleittexten zusammengefasst wird, setzt die eigentliche Handlung ein: Dirk Tator, Vorsitzender der "Gesellschaft zur Rettung, Anleitung und zum Schutz irregeleiteter Kinder" (GRAUSIK), ist auf Severin und Ignaz aufmerksam geworden und schreibt Ignaz einen Brief, in dem er um Klärung der Situation bittet. Nachdem Ignaz erklärt, dass Severin zusammen mit ihm und Olivia in der Friedhofstraße 43 wohnt, beschließt Dirk Tator Ermittlungen einzuleiten, da Olivia seit 1911 verstorben sei und man zudem ein Kind nicht mittels Mietvertrag erwerben könne. Tators Ermittlungen münden zunächst darin, dass Ignaz in die Schauderburger Irrenanstalt und Severin ins Waisenhaus gebracht werden. Das hat zur Folge, dass die geplante Fortsetzung des Buches der drei Autoren ins Stocken gerät.

Severin fasst den Plan, statt der Fortsetzung eine von Olivias unveröffentlichten Geschichten zu publizieren. Das hat jedoch zur Folge, dass in einer Art Schnitzeljagd Hinweise auf den Verbleib der Manuskripte gesucht und gedeutet werden müssen. Severin kann mit Olivias Hilfe aus dem Waisenhaus fliehen – passenderweise im Büchermobil der Stadt –, zusammen befreien sie Ignaz aus der Irrenanstalt.

Parallel dazu versucht Dirk Tator, der per se nicht an Geister und Gespenster glaubt, in seiner Sendung "Tator-Tipps" Halloween zum Schutze der Kinder abzuschaffen und alle Gruselbücher zu vernichten. Daneben will er auch klären, wer tatsächlich hinter Olivia steckt und veranlasst eine Exhumierung ihres Sarges. Damit löst er unfreiwillig, aber zur Freude von Olivia, Ignaz und Severin, das Rätsel um die verschwundenen Manuskripte, die Olivia per testamentarischer Verfügung in ihrem Sarg hat deponieren lassen.

Letztlich wird Dirk Tator aufgrund eines Nervenzusammenbruchs in die Irrenanstalt eingewiesen – die Existenz Olivias als Geist hat ihm schwer zu schaffen gemacht –, Ignaz und Olivia beschließen, das Erlebte statt Olivias Manuskripte zu veröffentlichen – und Halloween findet auch wieder statt. Das wichtigste ist aber wohl, dass Olivia und Ignaz Severin offiziell adoptieren, da Severins leiblichen Eltern kriminelle Kindesvernachlässigung vorgeworfen und ihnen deshalb das Sorgerecht entzogen wird.

 

 

Kritik
Im zweiten Band der Serie wird die Art der Narration über Briefe als Kommunikationsmittel der Protagonisten und andere Dokumente fortgeführt. Das wird keinesfalls langweilig für den Leser, sondern wieder höchst unterhaltsam, entpuppen sich doch auch hier die Protagonisten im Nachhinein als Erzähler oder besser als Arrangeure der Geschichte. Im Grunde sind sie es, die die Dokumente willkürlich für den Leser anordnen und dadurch die Geschichte konstruieren. Dadurch, dass in den arrangierten Dokumenten neben Olivia, Ignaz und Severin auch hier wieder andere Akteure zu Wort kommen und ihre eigenen Ziele verfolgen, liegt hier ebenfalls eine poly-perspektivische Erzählweise vor, die sich über Zeitungsausschnitte, TV-Protokolle und behördliche Dokumente erstreckt. Die Einweisung von Ignaz und Severin und auch deren Ausbruch aus Waisenhaus und Irrenanstalt werden zusätzlich als Comicstrip gezeigt, die Severin zugeschrieben werden.

Handelte es sich im ersten Band noch um ein Zueinanderfinden der drei Protagonisten sowohl im privaten als auch damit zusammenhängend im beruflichen Bereich, so zeigen sie sich im zweiten Band als eingespieltes Team bei der Produktion der Fortsetzung ihres Buches, das bereits in Vorabkapiteln an die Leser verschickt wird. Dass die Produktion ins Stocken gerät, als Ignaz und Severin ausfallen, erscheint daher nur logisch und konsequent und zeigt die ökonomischen Probleme auf, die den Buchmarkt begleiten. Der Zusammenhalt der drei wird später zusätzlich auf privater Ebene gefestigt, als Ignaz und Olivia Severin adoptieren und Severin so zu einer heilen – wenn auch ungewöhnlichen – Familie verhelfen. Im Grunde wird somit die Patchwork-Familie repräsentiert, die sich nicht nur literarisch immer wieder finden lässt, sondern sicherlich auch so manchem Leser bekannt sein dürfte.

Auf inhaltlicher Ebene wird hier neben der Suche nach Olivias Manuskripten das öffentliche, mediale Wirken von Dirk Tator, dessen Name seinen Ansichten und Handlungsweisen als sprechender Name alle Ehre macht, in den Fokus gerückt. Tator nutzt die Medien, um seine ideologischen Ansichten zu verbreiten, was ihm auch fast gelingt. Doch es gibt Widerständler, die sich Tators Aufforderungen widersetzen und damit auf den kritischen Umgang mit Medien hinweisen und für eine freie Meinungsäußerung und den freuen Willen einstehen. Insofern ist der Roman nicht nur ein Briefroman und eine Schnitzeljagd nach verlorenen Manuskripten, sondern auch ein Buch, das zu einem kritischen Umgang mit Medien anleiten kann und gleichzeitig auch auf die Wirkung ideologischer Ansichten hinweist.
 
Fazit
Auch der zweite Briefroman der Reihe überzeugt durch eine wunderbare und spannende Handlung, die hier hauptsächlich eine Schnitzeljagd nach vermissten Manuskripten bietet, aber auch zum kritischen Umgang mit Medien anleitet. Die Protagonisten, inzwischen ein eingeschworenes Team, präsentieren sich gewohnt sympathisch und überraschen mit individuellen Einfällen und durch ihre Kreativität, die sich z.B. durch den Ausbruch aus dem Waisenhaus und der Irrenanstalt zeigt – und die auch in den Folgebänden nicht zu kurz kommt.

Literatur
„Briefroman“, in: Schweikle, Günther/Schweikle Irmgard (Hrsg.): Metzler Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 62f.

Nickisch, Reinhard M.G.: „Der Brief und andere Textsorten im Grenzbereich der Literatur“, in: Arnold, Heinz Ludwig / Detering, Heinrich (Hgg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. 7. Aufl. München: dtv, 2005. S. 357-364.

Hier geht es zu Band 1, Band 3 und Band 4 der Serie.


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