von Sabine Planka

Ein Phantom macht Schauderburg unsicher und sorgt für die mysteriöse Phantomgrippe, die die Schauderburger und auch Severin befällt. Ignaz und Olivia müssen das Geheimnis um das Phantom lüften – und zudem verhindern, dass das Postamt abgerissen wird. Für die passionierten Briefeschreiber ein Greuel…

Klise, Kate / Klise, M. Sarah (Ill.): Friedhofstraße 43: Band 4 – Das Phantom im Postamt
Mit Illustrationen von M. Sarah Klise.
Aus d. Amerikanischen v. Nina Schindler.
155 S., 12,95 €
Gerstenberg, Hildesheim 2012.
ISBN 978-3-8369-5468-6

Inhalt
Der vierte Band der Friedhofstraße 43  verknüpft kunstvoll über Briefe und Dokumente mehrere Handlungsstränge, die letztlich ineinander laufen und allesamt aufgelöst werden.

Ignaz, Olivia und Severin erhalten mehrere mysteriöse Briefe mit dem Absender "Postfach 5" mit der Warnung, dass etwas Schlimmes bevorsteht. Die Briefe häufen sich und nehmen an Intensität zu, dem mysteriösen Briefeschreiber gelingt es sogar, den Buchstaben "f" kurzzeitig aus dem Alphabet zu tilgen. Gleichzeitig soll in Schauderburg das Postamt geschlossen und abgerissen werden, Briefe werden durch die sogenannte VEXT-Mail ersetzt, ein "videounterstütztes Textversandsystem, das der Benutzer wie eine drahtlose Kapuze über den Kopf zieht" (Klise (2012), S. 17). Es kommt – natürlich – wie es kommen muss: Die neue Technik versagt kläglich und das Postamt kann zur Freude unserer Briefeschreiber gerettet werden.

Ein weiterer Erzählstrang eröffnet sich, als Wynonna Funzt, Nichte des örtlichen Bibliothekars M. Balsam, vier Wochen zu Besuch kommt und – wie Severin – von der hochansteckenden Phantomgrippe befallen wird. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie Severin zunächst per Brief kennenlernt. In diesem ganzen Trubel müssen Olivia, Ignaz und Severin zudem noch die nächsten drei Kapitel ihres Buches schreiben. Da Schauderburg zusätzlich erfasst ist von der drohenden Schließung des Postamtes, beschließt Olivia – da sie die meiste Erfahrung mit Briefeschreiben hat –, dass sie aus den Briefen ihrer Kindheit eine Geschichte für die Leser entwirft und damit das Medium Brief ins Zentrum rückt.

Durch diese Briefe wird Olivia an ihren früheren Freund Phil Frieder erinnert, mit dem sie nicht nur die Liebe zu Briefen, sondern auch zu Büchern geteilt hat und der immer an ihren schriftstellerischen Erfolg geglaubt hat.

Schlussendlich stellt sich heraus, dass Phil der mysteriöse Briefeschreiber aus "Postfach 5" und für die Phantomgrippe verantwortlich ist: Er ist das Phantom, das im Postamt lebt, weil er früher als Briefträger in Schauderburg gearbeitet hat und nun vor dem Abriss des Postamtes warnen möchte. Das Angebot Olivias, in die Spence-Villa umzuziehen, lehnt Phil ab. Da VEXT-Mail ohnehin kläglich versagt hat und somit die bisher bewährten Briefe wieder geschrieben und verschickt werden können, ist der Abriss des Postamtes hinfällig und Phil kann weiterhin im Postamt leben.

Dabei gesteht Phil Olivia, dass er sich aus Scham so lange vor ihr versteckt hat: Es ist ihm vor seinem Grippe bedingten Tod nicht mehr gelungen, ihr einen Brief zu überreichen, in dem ein Verlag Olivia die Veröffentlichung eines ihrer Manuskripte angeboten hat. Dass es ausgerechnet der Verlag war, der "Das Phantom der Oper" herausgegeben hat, spricht für die Qualität von Olivias Werk - und schlägt eine Brücke zu Phils Wirken als Phantom.

 

 

Kritik
Der vierte Band eröffnet neue Einblicke in die Vergangenheit von Olivia, da plötzlich ein Freund aus ihrer Kindheit auftaucht und sich  als zweites übernatürliches Geschöpf in Schauderburg entpuppt: Neben dem Gespenst Olivia gibt es nun das Phantom Phil im Postamt, das sich vehement einsetzt für das Briefeschreiben, das wie immer geradezu zelebriert wird. Mit dieser neuen Figur werden Verbindungen zu Gaston Leroux' "Das Phantom der Oper" etabliert, einem Buch, das hier nicht nur als 'Quelle' des Phantoms gesehen werden kann, sondern das hier von Severin und seiner neuen Freundin Wynonna gelesen wird. Wynonna ist es auch, die die Verbindung zwischen dem Phantom im Postfach und dem Phantom aus der literarischen Vorlage über die Elemente der verlorenen Liebe und unerfüllten Freundschaft herstellt. Gerade durch diese neue Gestalt gewinnt das Buch einen weiteren – zunächst unbekannten – Protagonisten, der als enger Freund Olivias hoffentlich in den kommenden Bänden der Friedhofstraße 43 wieder auftreten wird.

Narrativ werden die einzelnen Handlungsstränge, die sich zwischen Briefen, SMS, amtlichen und ärztlichen Dokumenten, Zeitungsberichten, Fotos, Pressemitteilungen und vor allem auch den neuen VEXT-Mails entwickeln, stimmig zusammengeführt und logisch aufgelöst. Gleichzeitig wird hier ein Diskurs über die ständige Erreichbarkeit geführt, der durchaus Assoziationen an Miriam Meckels Plädoyer "Das Glück der Unerreichbarkeit" wachruft und daran erinnert, dass man auch ohne Handy, Blackberry und Internet samt sozialer Netzwerke und E-Mails ein erfülltes Leben führen kann. Hier kann vor allem Wynonna erleben, dass man auch Freunde finden und Abenteuer erleben kann, wenn man kein Handy hat.

Jedoch werden Handys und Telefone nicht komplett verurteilt, im Gegenteil: Die Notwendigkeit derartiger Kommunikationsmittel wird betont, indem Handy und Telefon als Helfer im Alltag etabliert werden, wenn es darum geht, Hilfe zu holen. Insofern wird hier ein bewusster Umgang mit technischen Geräten vermittelt.

Fazit
Der vierte Band der Serie ist erneut ein Plädoyer fürs Briefeschreiben in Zeiten höchster medialer Aktivitäten gerade im Internet, wo die Kommunikation hauptsächlich über E-Mails und soziale Netzwerke geführt wird. Die Protagonisten – und das mag erstaunen – besitzen in der Spence-Villa weder Fernseher noch Computerspiel. Ein Telefon kommt erst am Ende des vierten Bandes ins Haus und das auch nur, weil Olivia es kurz vor ihrem Tod bestellt hat, es aber nicht mehr zugestellt werden konnte. Für die Protagonisten ist das kein Problem: Sie bleiben ihren Briefen treu und lassen den Leser so unmittelbar an ihren Erlebnissen teilhaben.

Dem Autoren- und Illustratorenduo Klise ist auch mit dem vierten Band der Reihe Friedhofstraße 43 ein Geniestreich gelungen, der hoffentlich noch weitere folgen werden.

Literatur
"Briefroman", in: Schweikle, Günther/Schweikle Irmgard (Hrsg.): Metzler Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. 2., überarb. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1990. S. 62f.

Leroux, Gaston: Das Phantom der Oper. München: dtv, 1999.

Meckel, Miriam: Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle. München: Goldmann, 2008.

Nickisch, Reinhard M.G.: "Der Brief und andere Textsorten im Grenzbereich der Literatur", in: Arnold, Heinz Ludwig / Detering, Heinrich (Hgg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. 7. Aufl. München: dtv, 2005. S. 357-364.

Hier geht es zu Band 1, Band 2 und Band 3 der Serie.


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