von Vanessa Beyer, Janina Frank und Laura Puckhaber

Erwachsenwerden ist nicht einfach. Mit dem Onkel, der nicht sonderlich gut kochen kann und einem Löcher in den Bauch fragt, unter einem Dach zu leben und dann auch noch die erste Liebe zu erleben… Als ob das nicht schon genug wäre, quält Protagonist Darm sich nicht nur mit seinem Nachnamen, sondern auch mit dem Gedanken, die Schuld am Tod seiner geliebten Schwester zu tragen.

Kreslehner, Gabi: Und der Himmel rot
Beltz/Gelberg, Weinheim 2011
144 S., 12,95 €
ISBN 978-3-407-81080-9

Inhalt
Der Jugendroman Und der Himmel rot von Gabi Kreslehner handelt von dem 17-jährigen Oliver Darm, überwiegend nur unter dem Namen Darm bekannt, den er als Grund für sein verpfuschtes Leben ansieht. Als Halbwaise lebt er bei seinem Onkel und erklärt sich selbst durch Gefühlskälte, Aggressionen und Resignation für einen Außenseiter.

Einzig Jana, die Tochter seines Klassenlehrers, sowie Muskat zählen zu Darms Vertrauten. Dass Jana in Darm verliebt ist, scheint Darm dennoch keinen Halt zu geben. Vielmehr übt er sich in Zurückweisungen und Kälte ihr gegenüber. Grund für Darms innere Leere, Wut und Kälte sind der Tod seiner Mutter Monika und seiner Schwester Irina, die beide noch vor Darms 16. Geburtstag starben. Darm gibt sich selbst die Schuld an Irinas tödlichem Unfall. So wie Darm, war auch seine Mutter unfähig, mit dem Verlust Irinas umzugehen und begann ein Leben zwischen Alkohol, Männern und Resignation, welches letztlich mit dem Tod endete.

Das sommerliche Nichtstun auf den Wiesen am Fluss von Darm, Jana und Muskat findet durch die zufällige Erkenntnis Darms, dass sein Klassenlehrer Hoffmann Irinas Vater ist ein jähes Ende. Er projiziert all seine Wut und Trauer auf Hoffmann. Alkoholisiert und bewusstlos, wird der Lehrer von Muskat und Darm an die Todesstelle gefahren, um von seiner Vaterschaft in Kenntnis gesetzt zu werden. Ein Vormittag voll heißer Wut, Gerangel und leerer Worte führt zu Darms Geständnis, er glaube, die Schuld am Tode Irinas zu tragen. Es beginnt eine Zeit der Selbstfindung für Darm. Er scheint zufrieden, weist Jana nicht mehr zurück und beginnt die Sommerabende am Fluss ohne schwere Gedanken zu genießen.

Kritik
Das Cover des Jugendromans, der 144 Seiten umfasst, überzeugt durch ein authentisches Bild eines Jugendlichen. Fokussiert wird das Gesicht, das von einem himmelblauen Hintergrund umgeben ist. Herausstechend sind nicht nur der resignierend-leere Gesichtsausdruck und das nasse Haar, sondern auch die schwarze, in der Größe variierende Schrift des Titels, die auf einem weißen Hintergrund prangt. Die Rückseite des Buches ist passend zum Titel in rot gehalten.

Der neutrale Er-Erzähler zeichnet den Protagonisten als einen kalten, resignierten Jugendlichen, dessen Leben von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln geprägt ist und für ihn keinen erheblichen Wert mehr hat. Im Verlauf der Geschichte, die in einem gerafften Zeittempo erzählt und gelegentlich mit Analepsen versehen ist, beginnt Darm sich zu öffnen und sich seiner Vergangenheit zu stellen. Durch die Außen- sowie Innensicht und durch den externen Point of view, wird es dem Leser/der Leserin nicht nur ermöglicht, die Gefühle des Protagonisten zu erfassen, sondern auch die der Mitmenschen seiner unmittelbaren Umgebung. Alle Figuren werden mit den im Roman vorherrschenden Themen wie Erwachsenwerden und erste Erfahrungen in der Liebe, aber auch mit Schuld, Tod, Depression und deren Folgen verknüpft.

Die Sprache in Kreslehners Roman schwankt zwischen poetischer Naturbezogenheit und derbem Vulgarismus. Werden durch Hypotaxen und ausschweifende Naturbeschreibungen oftmals angenehme Situationen beschrieben, sind negative Gedankengänge des Protagonisten oder schmerzliche Erinnerungen oftmals durch parataktische, überwiegend umgangssprachliche und lückenhafte Kurzäußerungen gekennzeichnet.

Durch die Verwendung verschiedener Kriterien der ästhetischen Wirkung, wie z.B. Stimmigkeit, Komplexität und Allgemeingültigkeit werden dem Buch ein gewisser Reiz und etwas Ästhetisches verliehen. Die Allgemeingültigkeit spiegelt sich z.B. in dem unverwechselbaren, einmaligen Individuum und dessen Lebensentwürfen wieder. Dem Leser/der Leserin wird es ermöglicht, in der Vielzahl der angesprochenen Themen wiederzufinden. Hierbei kann es sich um mehrere, aber auch einzelne Aspekte, wie beispielsweise die Liebesgeschichte zwischen Darm und Jana, handeln.

Von Beginn an verfolgt Gabi Kreslehner die Intention, Spannung aufzubauen. Sie beginnt die alltäglichen Probleme der Hauptpersonen, die über Liebe bis hin zu Problemen in der Schule reichen, darzustellen und beschreibt die tiefgründigen Sorgen des Protagonisten, indem sie sprunghaft einzelne Sorgen thematisiert, dann aber zu einem anderen Thema übergeht. Durch dieses mitunter schnelle Wechselspiel an Eindrücken, aber auch durch die in die Erzählung eingebetteten Alltagsprobleme versucht sie die Spannung stetig beizubehalten. Unterstützt wird dies außerdem durch die Sprache, die zwischen abgehackten, umgangssprachlichen Sätzen und poetischen Ausschweifungen wechselt.  Geschickt werden ebenfalls Motive des Außenseitertums, der Freundschaft und der Elternlosigkeit eingebaut. Dem impliziten Leser/der impliziten Leserin wird aufgrund des Facettenreichtums des Romans nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten der Identifikation angeboten. Die pubertierenden Jugendlichen werden mit den verschiedensten Problemen des Erwachsenwerdens, wie Selbstfindung, Freundschaft, Sexualität, Alkoholismus und Liebe konfrontiert. Offensichtlich bedient sich die Autorin hier des Motivs der Adoleszenz. Ob der Leser/die Leserin sich primär in dem Erwachsenwerden, in der Depression oder in der tragischen Vergangenheit des Protagonisten wiederfindet, bleibt letztendlich nur ihm selbst überlassen. Ebenso bleibt dem impliziten Leser/ der impliziten Leserin selbst überlassen, welche Schlüsse er/sie aus dem Gelesenen für sich ziehen kann bzw. ob das Gelesene einen Einfluss auf ihn/sie nimmt. Mögliche Denkanstöße lassen sich z.B. in der Konfrontation mit den eigenen Ängsten finden, die es zu überwinden gilt. Ein weiteres Beispiel liefert die Autorin mit der beständigen Freundschaft der beiden Jungs, welche häufig ohne viele Worte funktioniert. Es wird aufgezeigt, dass häufig ein „ich brauch dich“ (Kreslehner, S.91) reichen kann, um trotz aller Umstände, einen Freund an seiner Seite zu haben.

Fazit
Und der Himmel rot ist ein Roman, der durch sein umfangreiches Sprachrepertoire und seine Themenvielfalt viele Leser und Leserinnen in seinen Bann ziehen kann. Die Altersempfehlung setzt die Autorin Gabi Kreslehner bei Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren an.

Es werden dem Alter angemessene Themen aufgegriffen. Es lassen sich sowohl typische Jugendthemen, als auch anspruchsvollere, ernste Themen finden. Dadurch wird nicht nur die Bandbreite der impliziten Leser und Leserinnen erweitert, sondern auch Leser und Leserinnen der typischen Jugendliteratur finden eventuell Zugang zu Kreslehners Roman und einem für sie noch unbekanntem Thema. Neben den verschiedensten Identifikationsmöglichkeiten hält Kreslehner auch eine stetige Naturbezogenheit aufrecht, welche durch anspruchsvoll eingesetzte rhetorische Stilmittel untermalt wird und ein kurzes „Abdriften“ in poetische Fantasiekulissen zulässt. Hiermit wird der Roman dem/den anspruchsvollen Leser und Leserinnen gerecht, während weniger anspruchsvolle  Leser und Leserinnen durch Verflechtungen der Beziehungen zwischen den Personen, sowie skizzenhafte Rückblenden und abrupte Sprachwechsel möglicherweise überfordert bzw. irritiert sein können. Neben Irritation und Überforderung kann zudem die Realität der Handlung an manchen Stellen angezweifelt werden. Exemplarisch sind hierfür die zahlreichen Affären und die dargestellte Reife und Sensibilität der 17-jährigen. Hinsichtlich der Altersempfehlung der Autorin kann diese sicherlich individuellen Ansprüchen entsprechend hinab- bzw. hinauf gesetzt werden.

Insgesamt ist Und der Himmel rot ein modernes Jugendbuch, das durch seine Vielschichtigkeit, Spannung und nicht zuletzt durch seine Sprachgewandtheit überzeugt, absolut empfehlenswert ist.

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