von Hadassah Stichnothe

Zuhause nur Ärger, Liebeskummer und keine Ahnung, wie es nach den Ferien weitergehen soll. Die sechzehnjährige Gülay steht ziemlich neben sich, als sie auf Hacke trifft und sich Hals über Kopf verknallt. Doch da sind noch Hackes rechte Freunde und nach einer schicksalshaften Nacht findet sich Gülay auf dem Weg nach Istanbul wieder: Doch ist sie nur auf der Flucht vor ihren Problemen oder auf der Suche nach sich selbst? Eva Lezzis Jugendroman beschreibt auf direkte und mitreißende Weise die Problematiken eines transkulturellen Aufwachsens ins Deutschland.

Lezzi, Eva: Kalter Hund.
Hentrich & Hentrich, Berlin, Leipzig, 2021.
164 Seiten. 12,90 €
ISBN 978-3-95565-433-7.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Gülay hat Probleme und zwar einige: Ihren MSA hat sie zwar gerade so geschafft, jedoch keine Gymnasialempfehlung bekommen, ihre Schwester Lilly verliert jeden Tag an Gewicht und zieht damit die gesamte Aufmerksamkeit ihrer Eltern auf sich, ihr Freund Daniel hat Schluss gemacht, nachdem er davon erfahren hat, dass Gülay auf einer Klassenfahrt 'fremdgeknutscht' hat. Auch ihre beste Freundin Edibe ist ihr – so findet Gülay – keine große Hilfe. Hat diese doch ihr Leben bereits perfekt geplant und wird außerdem immer frommer. Vollkommen desorientiert stolpert sie durch Berlin und wird beinahe von einem Auto erfasst. Der junge Mann, der sie danach buchstäblich von der Straße aufpickt, nennt sich Hacke und was er bei Gülay auslöst, ist etwas ganz anderes als die romantische Liebe zwischen ihr und Daniel. Dass sie sich ihm als "Gabi" vorstellt und er diese Maskerade mehr als bereitwillig akzeptiert, auch als sie ihm ihren wahren Namen mitteilt – darüber möchte Gülay lieber nicht nachdenken. Auch sein rassistisches Vokabular blendet sie aus. Das offen rechtsextreme Verhalten seiner Freunde, mit denen sie nachts ausgehen, Bier trinken und vor allem "ausländisch" wirkende Menschen anpöbeln, lässt sich dagegen kaum leugnen. Und es kommt noch schlimmer: Irgendetwas ist in dieser Nacht passiert, nachdem sich Gülay von Hacke verabschiedet hat. Und so findet sich die Protagonistin schließlich in Istanbul wieder, wo sie mit ihren Cousinen feiern geht, versucht sich zurechtzufinden und doch gleichzeitig immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, was wirklich in dieser Nacht passiert ist – und welche Konsequenzen sie daraus ziehen muss.

Kritik

Eva Lezzis zweiter Jugendroman mutet den Leserinnen und Lesern einiges an adoleszenten Problemen zu: Die Themen Liebeskummer, Zukunftsangst, Rechtsradikalismus und Anpassungsdruck der Mehrheitsgesellschaft werden ebenso verhandelt wie adoleszentes Unabhängigkeitsstreben und erwachende Sexualität. Die Protagonistin Gülay befindet sich, wie so oft im Adoleszenzroman, in einem Zwischenzustand, und ihre Wut rührt auch von ihrer Orientierungslosigkeit her. Hiervon erfahren die Lesenden in der direkten Form des autodiegetischen Erzählens, das in Form der anfangs eingeführten Schreibfiktion umgesetzt wird: "Schreib deine Story wenigstens auf", hat ihr Edibe noch aufgetragen, "[e]infach nur Mist bauen und dann abhauen ist zu billig." (13) Diesen Kunstgriff hätte es sicher nicht gebraucht. Gülays Stimme trägt auch als innerer Monolog überzeugend durch die Handlung – vielleicht überzeugender als die meist doch etwas artifizielle Konvention des Tagebuchs. Besonders die Schlussszene wäre ohne sie noch stärker ausgefallen.

Interessant ist die Darstellung der Freundschaft zwischen Edibe und Gülay. Während Letztere sich mit Begeisterung in ihre adoleszenten Abenteuer stürzt, ist Edibe diejenige, die mit Traditionsbewusstsein und Vernunft ihr Leben meistert, ohne sich von irgendetwas ablenken zu lassen. Sie ist es auch, die Gülay unerbittlich daran erinnert, dass sie in einer von Rassismus geprägten Gesellschaft ihre Identität eben nicht einfach an- und wieder ablegen kann wie einen falschen Vornamen – zumindest nicht, ohne dafür einen hohen Preis zu zahlen. Dass Edibe als Stimme der Vernunft fast unweigerlich zum eher langweiligen Gegenpart von Gülay wird, ist ein wenig bedauerlich. Schließlich vertritt sie eine andere Form selbstbestimmter Weiblichkeit, die es verdient hätte, ebenso Gehör zu bekommen.

Tatsächlich ist Kalter Hund auch und vor allem ein Roman über weibliches Erwachsenwerden in all seinen psychischen und physischen Dimensionen. Körperlichkeit spielt eine große Rolle. So empfindet Gülay schmerzhaft den Kontrast zwischen ihrem – in ihren Augen manchmal viel zu raumgreifenden – Körper und dem ihrer lebensgefährlich abgemagerten Schwester Lilly. In Istanbul sind es hingegen ihre Größe und rote Haarfarbe, die sie von der Masse, in der sie eigentlich gerne aufgehen würde, doch wieder abheben. Doch Körperlichkeit ist nicht nur ein Problem, sondern auch Quelle von positiver Selbsterfahrung und Lust. Gülays erotisches Erwachen wird aus ihrer Perspektive mit ungebremster Wucht erzählt. Dass sie bei aller Euphorie über das neue sexuelle Erleben blind für alle Warnsignale ist, die von Hacke ausgehen, erscheint nachvollziehbar, wenn auch manchmal schwer erträglich. Gülay ist keine einfache Identifikationsschablone, sondern stößt sich an allen Seiten, manchmal auch mit den Erwartungen der Leserinnen und Leser. Aber gerade dies ist es, was den Reiz des Lesens ausmacht.

Diskursiv konfrontiert der Roman die Leserinnen und Leser immer wieder mit türkischen Einschüben, die nicht durch Glossar oder Übersetzung aufgelöst werden, sich aber im Kontext durchaus erschließen. Daher ist dieser Kunstgriff wohl vor allem als ein Statement zu sehen und vielleicht ein Zeichen für eine bewusste Annäherung an die deutsch-türkische Allgemeinliteratur (ein Beispiel für den kinderliterarischen Einsatz von Bilingualität findet sich etwa hier in Andrea Karimés Kindergedichten).

Strukturell kann der Roman die Nähe zu Fatma Aydemirs Ellbogen, das die Autorin als eines ihrer literarischen Vorbilder angibt, nicht verleugnen. Doch so sehr sich einige Plotpoints gleichen, so unterschiedlich sind Motivation und Anlage der Figuren. Gülay reibt sich an ihrem Elternhaus, der konservativen Haltung von Edibe genauso wie an ihrer biodeutschen Umgebung. Doch hinter ihrer demonstrativen 'Scheißegal-Haltung' und rüpeligen Posen blickt immer wieder ihre Verletzlichkeit durch, die Angst um die Schwester, die sie kaum zu denken, geschweige denn auszusprechen wagt, die Wut und Enttäuschung über den alltäglichen Rassismus, dieses "Gejohle gegen die Türken" (13), bei dem eben auch diejenigen mitmachen, die keine Imbisse überfallen oder Frauen mit Kopftuch tätlich angreifen. Lezzi hat im Gespräch erwähnt, dass Kalter Hund auch aus einer Reaktion auf die Sarrazin-Debatte entstanden ist, aber die Problematik scheint aktueller denn je. Gülays Einsamkeit und ihre Wut sind letztlich Folgen des Versagens einer Mehrheitsgesellschaft, die auch 50 Jahre nach Ankunft der ersten sogenannten Gastarbeiter immer noch feinsäuberlich zwischen 'den Deutschen' und 'den Türken' unterscheidet, wie Gülay erbittert feststellt: "Wer Gülay Sancak heißt, kommt eh nie ganz durch als Deutsche, da fragen die nicht weiter nach, wo du geboren bist oder welchen Pass du hast. Interessiert die nicht." (13)

Gülay reagiert auf diese Ablehnung mit der vorübergehenden Annahme der "biodeutschen" Identität einer Gabriella – und wird doch angesichts der Gewalttätigkeit von Hacke und seinen Freunden brutal wieder auf ihre Identität als Gülay zurückgeworfen. Der Roman wirft wichtige Fragen nach der Legitimität der gern wiederholten Forderung nach Integration und Anpassung auf: Wie weit kann, muss, darf diese gehen? Ab wann ist die Grenze zur Assimilation, zur Selbstaufgabe überschritten?

In ihrem kinderliterarischen Werk hat sich die Autorin schon häufiger mit Fragen transkultureller Identität beschäftigt. Ihre Beni-Reihe sowie ihr erster Jugendroman Die Jagd nach dem Kidduschbecher sind in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands angesiedelt. Mit Kalter Hund wendet sich Eva Lezzi nun den Erfahrungen einer Community zu, die nicht ihre eigene ist. Angesichts aktueller Debatten stellt sich manchem hier vielleicht die Frage: Ist das eigentlich erlaubt? Natürlich ist es das. Literatur darf, muss vielleicht sogar immer wieder anderen eine Stimme verleihen. Die Frage ist nicht die nach der Legitimität oder gar nach jener trügerischen Authentizität, die letztlich immer unbeweisbar ist, sondern nach dem Gelingen dieses Blickwechsels, der Einfühlung und des Respekts vor jenen, die man beschreibt. Eva Lezzi beweist mit Kalter Hund diesen Respekt und die Einfühlsamkeit, die es braucht, um gute Jugendliteratur zu schreiben.

Fazit

Kalter Hund ist ein unbequemes, trauriges und wütendes, aber gleichzeitig auch sensibles und – wen freute das nicht – äußerst unterhaltsames Jugendbuch, das Leserinnen und Lesern ab 14 Jahren und weit darüber hinaus wärmstens zu empfehlen ist.

Erstveröffentlichung: 22.04.2021


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