von Sabine Planka

Simon wird an einer Elite-Schule in England zu einem Temponauten, einem Zeitreisenden, ausgebildet. Doch anstatt in die Vergangenheit, wie bisher üblich, wird er in die Zukunft geschickt. Denn es scheint in der Zukunft eine zweite Zeitmaschine zu geben…

Measday, Stephen: Die fünf Temponauten. -Treffpunkt 2321.
Aus dem Engl. v. Anja Hansen-Schmidt.
dtv, München 2012.
317 Seiten. 12,95 €
ISBN 978-3-423-76050-8.

Inhalt

Simon Savage hat seinen Vater verloren, der sich – zumindest glauben das Simon, seine Schwester und Mutter – ins Meer gestürzt hat. Nach ein paar Wochen erscheint Captain Rex Cutler bei Simon und eröffnet ihm und seiner Familie, dass er Simons Vater Hale nicht nur gut kannte, sondern auch mit ihm bei einer international operierenden Organisation, die sich Zeitbüro nennt, zusammen gearbeitet hat. Er bietet Simon einen Platz im Internat an, das zum Zeitbüro gehört, allerdings in England liegt. Simon und seine Familie sagen zu, die Familie zieht von Australien nach England, das Heimatland seiner Mutter. Dort angekommen erfährt Simon, dass mehr hinter dem Zeitbüro steckt, als er bisher vermutet hat: Er soll dort zu einem Zeitreisenden ausgebildet und auf Zeitreisen geschickt werden, die das Zeitbüro durchführt. Und Simon erfährt auch, dass sein Vater das Zeitriesen erfunden hat.

Zusammen mit vier anderen Rekruten wird er in die Vergangenheit, aber – und das ist ein Novum im Rahmen der im Buch beschriebenen Zeitreisen – auch in die Zukunft geschickt, da es offenbar in der Zukunft jemanden gibt, der ebenfalls über eine Zeitmaschine verfügt.

Parallel zu der Handlung um Simon wird zu Beginn des Buches ein zweiter Handlungsstrang eröffnet, der im 24. Jahrhundert in Nordamerika angesiedelt ist und sich um Danice dreht. Sie wird von jemandem, der zunächst nur als Häuptling tituliert wird, zusammen mit ihren Geschwistern in die Vergangenheit geschickt, um Gold und wertvolle Edelmetalle und andere Schätze zu stehlen. Plötzlich verschwindet Danice – und taucht in Simons Zeit wieder auf. Das Zeitbüro hat Danice aus der Zukunft in Simons Gegenwart gebracht, damit sie das Geheimnis um die Zeitmaschine in der Zukunft lüften kann: Sie soll zusammen mit Simon auf einer Mission in die Zukunft das Versteck des Häuptlings aufspüren und es dem Zeitbüro mitteilen.

Bei dieser Mission müssen sich Simon und Danice allerlei Gefahren stellen: Sie gelangen zwar unbemerkt in eine abgeriegelte Stadt, werden aber entdeckt und müssen sie müssen fliehen. Als die beiden eingefangen und inhaftiert werden, müssen sie einzweites Mal entkommen, was auch gelingt. Simon und Danice erfahren auf ihrer Flucht Hilfe und Unterstützung durch eine Untergrundbewegung, der Danice‘ Familie angehört und die gegen die bestehende Herrschaft im 24. Jahrhundert rebellieren will.

Simon und Danice gelangen zum Versteck des Häuptlings, wo Simon überrascht feststellt, dass der Häuptling niemand anders als sein tot geglaubter Vater ist. Die Zeitreisen haben ihn alt und weißhaarig gemacht – Resultate, auf die Simon bereits durch das Zeitbüro hingewiesen wurde: Zeitreisen schaden dem Körper und lassen ihn schneller altern und verfallen.

Simon verrät seinen Vater nicht an das Zeitbüro und verhilft ihm  zur Flucht in eine andere Zeit. Letztlich stellt sich heraus, dass das Zeitbüro zunächst nur die "Energiequelle und den Standort des Zeitbeschleunigers feststellen [und die] wahre Identität des Häuptlings enthüllen [wollte]" (Measday (2012), S. 309), damit die Technologie des Zeitreisens nicht in die Hände des Militärs gelangt. Doch das Schicksal von Simons Vaters bleibt ungewiss: Nachdem er einen Zwischenstopp in Simons Gegenwart gemacht und dessen Mutter und Schwester mit zu seinem neuen Aufenthaltsort genommen hat, bleibt Simon allein zurück, im Dienst des Zeitbüros und verbunden mit dem Ausblick auf neue Abenteuer.

Kritik

Das Buch Die fünf Temponauten – Treffpunkt 2321 greift ein Thema auf, das bereits in zahlreichen kinder- und jugendliterarischen Werken zu finden ist, nämlich das der Zeitreise (vgl. dazu Planka 2014). Seit H.G. Wells in seinem Buch The Timemachine die Zeitmaschine als Mittel zur Zeitreise etablierte, hat dieses Motiv in vielfacher Ausgestaltung seinen Siegeszug durch die Literatur angetreten und sich auch in der KJL ihren Platz erobert: So besitzt Hermine in Harry Potter und der Gefangene von Askaban den Zeitumkehrer, mittels dessen Kräften sie in die Vergangenheit reisen und Schulstunden belegen kann, die sie während ihres 'normalen' Schulalltages nicht hätte besuchen können. Abgesehen davon können sie, Harry und Ron auch Seidenschnabel vor der drohenden Hinrichtung retten. Kerstin Gier nutzt in ihrer Edelstein-Trilogie den Chronografen, eine weitere Zeitmaschine wird in Thomas Mendls Im Land der Stundendiebe etabliert, die die Protagonisten nicht nur in die Vergangenheit schickt, sondern auch noch in eine Parallelwelt. Die fünf Temponauten schließlich besteigen den Zeitbeschleuniger, der sie dematerialisiert und in der Zielzeit am Zielort schließlich wieder zusammensetzt. In allen Fällen wird nicht nur eine Zeitmaschine – im weitesten Sinne des Wortes – etabliert, im Laufe der Romane wird auch dessen Funktion erklärt, die oftmals rein technisch-basiert ist.

Die Geschichte wird von einem heterodiegetischen Erzähler erzählt (vgl. Lahn/Meister (2008), S. 67), der zunächst verschiedene Handlungsstränge – einen um Simon, einen um Danice – eröffnet, die er aber später zusammenführt und im Finale kulminieren lässt: Simon erkennt, dass es sich bei dem gesuchten Häuptling um seinen verschollenen Vater handelt. Es wird klar, dass Simons Vater sich nur hat schützen wollen, dies aber auf Kosten der Menschen getan hat, die er selbst auf Zeitreisen geschickt hat.

Simon, der Protagonist, wird von einer geheimen Gesellschaft angeheuert, für die sein Vater die Zeitreisen erfunden hat. Sein Vater gilt zunächst als verschollen, Simon glaubt sogar, dass er tot ist. Er entschließt sich, das Angebot des Zeitbüros anzunehmen und sich zum Temponauten ausbilden zu lassen, allerdings nicht ohne Hintergedanken: Er will wissen, was mit seinem Vater wirklich geschah. Durch diese Thematik lässt sich der Roman dem Abenteuerroman zuordnen, der laut Baumgärtner und Launer durch mehrere Elemente gekennzeichnet ist: Erstens durch "die auf Spannung angelegte Erzählstruktur" (Baumgärtner/Launer (2002), S. 415), zweitens die "fremdartige Welt" (ebd.), in der das Geschehen stattfindet, drittens durch die "außergewöhnlichen Ereignisse […], denen die Gestalten ausgesetzt sind. Trotzdem wird der Inhalt als potential real dargestellt. Den Kern der Abenteuerliteratur macht jedoch etwas anderes aus: Der Held verlässt aufgrund eigener Entscheidung seine ihm vertraute heimische Umwelt, um sich in der Fremde unbekannten Gefahren auszusetzen" (ebd.). Auch wenn das Geschehen in einer anderen Zeit stattfindet und durch den Aspekt der Zeitreise dem Science Fiction-Genre zuzurechnen ist, so steht doch der Abenteuer-Aspekt deutlich sichtbar im Vordergrund, geht es doch für Simon in aller erster Linie darum, seinen Vater wiederzufinden. Daher ist es auch seine Entscheidung, beim Zeitbüro zu arbeiten.

Die Gesellschaft des Zeitbüros arbeitet im Verborgenen und will nicht, dass der Regierung die Zeitreise in die Hände fällt, um sie militärischen Zwecken zuzuführen. Das ist auch der Grund, weshalb Simons Vater ins 24. Jahrhundert geflohen ist (vgl. Measday (2012), S. 253f.). Zeitreisen werden hier als potentielle Waffen etabliert, die somit auf keinen Fall in falsche Hände fallen dürfen. Damit Simons Vater in der Zukunft überleben kann, hat er sich allerdings selbst als mächtiger Häuptling etabliert und Zeitreisen in die Vergangenheit unternehmen lassen, damit er an genügend Gold kommt, um sich die Gunst der Herrscher der Stadt zu erkaufen. Sein eigentliches Ziel ist jedoch ein anderes, tiefergehendes: Er hat im 24. Jahrhundert, das weltweit gezeichnet ist durch die Folgen globaler Erwärmungen, eine Weltsamenbank aufgebaut, um den öden und wüsten Landstrichen die Möglichkeit zu bieten, wieder Getreide etc. anbauen zu können. Die Zeitreisen haben es somit möglich gemacht, Samen zu sammeln und zu archivieren. Damit werden ökologische Diskurse aufgegriffen, ein weiteres Thema, das sich immer wieder in Zeitreiseromanen finden lässt: Die Reise in die Vergangenheit, um ein ökologische Gleichgewicht zu bewundern oder eine Reise in die Zukunft, um zu erkennen, dass das Gleichgewicht mehr als gestört ist, indem es nämlich kaum noch Natur gibt. Die Welt wird nicht selten als eine zerstörte, nicht selten sogar dystopische Welt dargestellt, die Natur erscheint ausgelöscht, zumindest aber arg beschädigt. Die Folge dieser Reisen ist in beiden Fällen, dass die Natur als schützenswert erachtet wird und man alles daran setzt, ein ökologisches Gleichgewicht wiederherzustellen bzw. zu erhalten.

Fazit

Stephen Measdays Die fünf Temponauten – Treffpunkt 2321 ist eine spannende Geschichte, die Abenteuer- und Science Fiction-Elemente miteinander in zwei aufeinander zulaufenden Handlungssträngen verknüpft und anreichert mit ökologischen und gesellschaftlichen Themen. Dabei wird der rote Faden nicht aus den Augen verloren: Die Suche Simons nach seinem Vater, die hinter Simons Entscheidung steht, dem Zeitbüro zu dienen. Das Buch wird sicherlich seine Fortsetzung finden, das Ende des Buches deutet es bereits an: "[Simon] schaute auf das zerknitterte Foto an seiner Pinnwand … die lächelnden Gesichter einer ehemals glücklichen Familie. […] 'Ich werde dich finden', sagte er zu dem Foto. 'Ich werde zuerst da sein. Das verspreche ich.'" (Measday (2012), S. 316). Und das Zeitbüro kommt auch noch einmal zu Wort: "'Die nächste Mission ist verdammt knifflig', sagte McPhee. […] 'Wir schicken Simon Savage.'" (Measday (2012), S. 317)

Bibliografie

Baumgärtner, Alfred Clemens/Launer, Christoph: Abenteuerliteratur. In: Lange, Günther (Hrsg.: Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur in zwei Bänden, hier Bd. 1: Grundlagen, Gattungen. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, 2002. S. 415-444.

Lahn, Silke/Meister, Jan Christoph: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart/Weimar: Metzler, 2008.

Planka, Sabine (Hrsg.): Die Zeitreise. Ein Motiv in Literatur und Film für Kinder und Jugendliche. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2014 (Kinder- und Jugendliteratur Intermedial, Bd. 3).


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