von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Sommerferien, Kleinstadt, Kindesmisshandlung: Niemand will etwas gesehen haben, bis Mascha eingreift…

Kreller, Susan: Elefanten sieht man nicht.
Carlsen, Hamburg 2012.
204 Seiten. 14,99 €
ISBN 978-3-551-58246-1

Inhalt

"The elephant in the room (engl. Redewendung): großes Thema, dessen sich jeder bewusst ist, über das aber – aus Angst oder Bequemlichkeit – keiner spricht": Diese Erklärung ist dem Debütroman für Jugendliche der Bielefelder Autorin Susan Kreller als Motto vorangestellt – und wirft somit schon einen vorausschauenden Blick auf die bedrückende Geschichte, die hier erzählt wird.

Mascha ist 13 Jahre alt und verbringt seit dem Tod ihrer Mutter jede Sommerferien bei ihren Großeltern in einer verschlafenen Kleinstadt namens Barenburg. Attraktive Anregungen bieten der Protagonistin weder der Ort noch die spießbürgerlich dargestellten Großeltern. Eines Tages lernt sie auf dem Spielplatz die deutlich jüngeren Kinder Max und Julia kennen. Sehr schnell wird Mascha klar, dass mit den beiden etwas nicht stimmt. Ihr fallen die blauen Flecken auf Julias Bauch sofort auf, und es dauert nicht lange, bis Mascha begreift, dass die Kinder Opfer von häuslicher Gewalt sind. Sie wird Zeuge davon, wie der Vater, ein in der Kleinstadt angesehener Autohändler, Max und Julia misshandelt.

Entsetzt wendet sich Mascha an ihre Großeltern, doch die wollen davon nichts hören. Es entfaltet sich ein Kaleidoskop kleinstädtischer Verdrängung: Keine erwachsene Person, welche die Protagonistin anspricht, will von den Misshandlungen etwas  gesehen oder  gehört haben. Auch der Anruf beim Vater bringt Mascha keine Erlösung. In ihrer Einsamkeit und Verzweiflung greift sie zu einer drastischen Maßnahme: Sie sperrt die Kinder gegen ihren Willen in einem leerstehenden Haus ein, um sie vor dem gewalttätigen Vater zu schützen. Dabei übersieht Mascha, dass sie die Kinder damit in eine andere Notsituation bringt, zumal es im Haus keine Toilette gibt. Schließlich werden Julia und Max von der Polizei befreit, nachdem Maschas Großmutter die Kleidung des Jungen in ihrem Wäschekorb gefunden hat. Schockiert wendet sie sich von ihrer Enkelin ab, während der Großvater Verständnis aufbringt, ihren Mut erkennt und würdigt. Letzten Endes bewirkt Maschas unbeholfene Verzweiflungstat, dass die Strukturen in der Familie der misshandelten Kinder aufbrechen: Die Mutter verlässt ihren gewalttätigen Ehemann und geht mit den Kindern weg.

 

 Kritik

Sprachlich poetisch und konsequent an den Erfahrungshorizont und die Perspektive der dreizehnjährigen Mascha gebunden, erzählt Susan Kreller diese berührende, spannende Geschichte, die ein äußerst brisantes Thema aufgreift. Die Gewalttaten werden nicht drastisch und deutlich beschrieben, sondern erschließen sich dem Leser eher indirekt, sodass es nicht zu einer Überforderung der Zielgruppe kommt. Susan Kreller hat einen Weg gefunden, das bedrückende Thema literarisch ansprechend für Jugendliche aufzuarbeiten. Bedrückend aber bleibt die Atmosphäre der Geschichte allemal. Dies korrespondiert u.a. mit der gelungenen Darstellung der sommerlichen Kleinstadt-Monotonie, hinter der nahezu unerträgliche Spießbürgerlichkeit aufscheint. Diese bringt Mascha mit den Worten auf den Punkt: "Und es war auch gar nicht so schwer, hier beliebt zu sein und dazuzugehören, man musste dafür nicht viel mehr tun als den Rasen mähen, auf dem Wochenmarkt Tulpenzwiebeln kaufen, zur Kirchenchorprobe ein paar Neuigkeiten mitbringen, immer schon hier gewohnt haben, im Karnevalsverein den Prinzen wählen und pro Woche ungefähr eine goldene Hochzeit von Bekannten feiern" (S. 34).

Die Lektüre des Romans ist nicht nur bedrückend, sie ist auch schmerzhaft. Darum handelt es sich hier um ein Buch, mit dem man jugendliche Leser nicht allein lassen sollte. Elementar aber ist, dass die Geschichte Mut macht: Mascha hat viel Mut, sie handelt und greift ein und beweist damit erstaunliche Zivilcourage – wenn sie auch nicht den richtigen Weg wählt, um die misshandelten Kinder zu schützen. Doch ihr Mut zahlt sich aus, und so steht am Ende eine positive Botschaft: Es lohnt sich, etwas zu tun und nicht wegzusehen, auch wenn die Erwachsenen in dem Buch genau das tun!

Fazit

Ein ungewöhnliches Jugendbuch, das sich seiner brisanten Thematik gekonnt und adressatengerecht nähert und damit zu Recht auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 steht.

 

Ein Interview mit Susan Kreller über ihren Roman Elefanten sieht man nicht finden Sie hier.


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

August 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2