von Sabine Planka

Nach dem großen Switch leben die Menschen unter Glaskuppeln, die Außenwelt ist zerstört und bietet keinen Lebensraum mehr. In dieser Welt leben Alina, Quinn und Bea, deren Schicksale miteinander verknüpft sind – und die eine unglaubliche Wahrheit aufdecken. Eine spannende und erschreckend realistische Dystopie, die Skrupellosigkeit und Machtgier dem verzweifelten Bemühen der Aufforstung der Welt gegenüberstellt.

Crossan, Sarah: Breathe. Gefangen unter Glas.
A.d. Engl. v. Birgit Niehaus.
dtv, München 2013.
431 S., 16,95 €
ISBN 978-3-423-76069-0

Inhalt
Das Leben der Menschen findet nach dem großen Switch unter einer vom Konzern BREATHE gebauten Glaskuppel statt, in die beständig Sauerstoff gepumpt wird, um das Überleben der wenigen Menschen zu sichern. Der Switch dezimierte die Weltbevölkerung um 99,5%: Nachdem die Weltpopulation zunächst rasant angestieg und entsprechend mehr Nahrung benötigte, rodete man die Wälder, "um die frei werdenden Flächen für die Landwirtschaft zu nutzen" (S. 111). In die Ozeane gespülte Dünger und Pestizide führten zum Sterben der Meere, alles zusammen ließ den Sauerstoffgehalt der Atmosphäre auf 4% sinken.

Die Überlebenden unter den Kuppeln haben sich arrangiert, jedoch nicht ohne Folgen: Die Menschen wurden aufgeteilt in Premiums und Seconds, was man tatsächlich übersetzen kann als Menschen erster und zweiter Klasse. Den Menschen erster Klasse werden alle Vorteile zuteil, die man mit Geld kaufen kann, während die Menschen zweiter Klasse um ihr Überleben kämpfen müssen.

In dieser Gesellschaft spielt sich das Leben der drei Protagonisten ab. Bea, eine Second, und Quinn, ein Premium, haben sich angefreundet und bereiten sich auf einen Test vor, der ihnen das Leben als Premiums in den oberen Gesellschafts- und Regierungsebenen ermöglichen soll. Alina hingegen, ebenfalls eine Second, hat sich den Rebellen angeschlossen, die gegen die Regierung kämpfen und Setzlinge und Pflanzen stehlen, um sie anzubauen und wachsen zu lassen.

Quinn und Bea planen einen gemeinsamen Ausflug in die Welt außerhalb der Kuppel, von dem sich Bea erhofft, dass sie Quinn ihre Liebe gestehen kann und er seine Liebe zu ihr entdeckt. Sie treffen vor der Schleuse auf Alina, die in ein Rebellenversteck außerhalb der Kuppel fliehen muss. Quinn, dem Alina schon in der Schule schon aufgefallen ist, und Bea ermöglichen Alina die Flucht. Fortan setzen die drei ihren Weg gemeinsam fort – und Bea und Quinn erfahren, dass die Regierung die Menschen in der Kuppel nicht schützen will vor der feindlichen Außenwelt, sondern im Gegenteil dafür Sorge tragen will, dass niemand jemals in die Außenwelt, die man durch Anbau von Bäumen wieder lebenswert machen könnte, zurückkehrt. Die Methoden, um dieses Ziel zu erreichen, sind drastisch: Jedes bisschen Natur, das außerhalb der Kuppel wächst, wird mit giftigem schwarzem Schaum vernichtet. Zudem wird in die Kuppel eine derart hohe Konzentration Sauerstoff gepumpt, dass die Menschen außerhalb der Kuppel ohne ihre Sauerstoffflaschen, die sie von BREATHE gekauft haben, nicht überlebensfähig sind. V.a. Quinn öffnet der gemeinsame Trip die Augen, muss er doch mitansehen, wie sein Vater einen Rebellen umbringt – und damit ohne es zu wissen seine geheim gehaltene Arbeit unfreiwillig vor seinem Sohn enttarnt.

Quinn und Bea werden auf ihrer Flucht getrennt, Bea flieht zusammen mit Alina und der unterwegs aufgegriffenen Maude, einer alten Frau, zu den Rebellen, während Quinn mit Alinas Cousin Silas das Rebellen-Camp erreicht. Im Camp treffen Quinn und Bea wieder aufeinander und Quinn gesteht sich endlich ein, dass er in Bea verliebt ist. Im Camp, einem alten Fußballstadion, finden Quinn und Bea einen Hain vor, einzelne Bäume ragen beinahe aus dem Stadiondach heraus. Obwohl Quinn und Bea zunächst nicht willkommen sind, werden sie von den Rebellen einbezogen und schließlich zur Rückkehr in die Kuppel aufgefordert, um eine falsche Spur zu legen, damit die Regierung die Rebellen nicht finden kann.

Quinn und Bea kehren zurück, doch ihre Verwirrung stiftenden Aussagen sind nur kurzfristig von Erfolg: Die Regierung und die BREATHE-Mitarbeiter finden den Rebellenhain und töten die Rebellen, die nicht fliehen konnten und zerstören die Bäume. Quinn gelingt es bei einer Pressekonferenz, die Menschen aufzuklären über die Machenschaften der Regierung. Es kommt zu Tumulten, bei denen Beas Eltern erschossen werden. Bea muss fliehen und erhält Hilfe von den Rebellen, die innerhalb der Kuppel agieren, Quinn wird eingesperrt, unerwartet verhilft ihm sein Vater zur Flucht. Unabhängig voneinander machen sich beide auf den Weg zum Rebellenhain, treffen dort aufeinander und finden eine Überlebende, mit der sie sich auf den Weg nach Sequoia machen, um dort die anderen Rebellen – darunter Alina – zu suchen, die während des Angriffs geflohen sind.

Kritik
Sarah Crossan gelingt mit ihrem Buch Breathe – Gefangen unter Glas der spannende und zugleich erschreckend realistische Auftakt einer dystopischen Trilogie, die die Folgen der Ausbeutung natürlicher Ressourcen sowie die daraus resultierende Macht- und Profitgier der Menschen verdeutlicht und sich damit eingliedert in eine Reihe von Dystopien, die die Vernichtung von Umwelt und Natur durch den Menschen zeigt (z.B. Crocketts Nach dem Schnee (2012) oder auch Poznanskis Die Verratenen (2012), ebenfalls Auftakt einer Trilogie).

Das Buch selbst ist in fünf Kapitel gegliedert: 1. Die Kuppel, 2. Im Ödland, 3. Der Widerstand, 4. Die Schlacht und 5. Schutt und Asche, wobei das letzte Kapitel mit 7 Seiten den kürzesten Umfang hat und mehr als Übergang zum zweiten Teil der Trilogie zu verstehen ist. Crossan erzählt die Geschichte multiperspektivisch aus drei Blickwinkeln und schließt sich damit einem Trend in der gegenwärtigen Jugendliteratur an (z.B. Ravis: Godspeed): Abwechselnd lässt sie Alina, Bea und Quinn zu Wort kommen und das sich linear entwickelnde Geschehen jeweils aus ihrer Perspektive schildern. Das ist nicht nur spannend in den Erzählpassagen, in denen alle drei zusammen auf der Flucht vor der Regierung sind und nicht nur ihre Umwelt, sondern auch ihr eigenes sowie das Verhalten ihrer 'Fluchtpartner' bewerten. Spannend ist dieser narrative Zug auch in den Kapiteln, in denen die drei Protagonisten getrennt voneinander agieren müssen. Das ermöglicht einerseits unterschiedliche Blickwinkel auf das Geschehen: Der Leser kann die Gedanken und Emotionen der drei Protagonisten verfolgen und miterleben, wie sich Zweifel, Ängste, aber auch Hoffnungen in ihren Taten manifestieren. Andererseits wird es dem Leser auch ermöglicht, das Geschehen an unterschiedlichen Schauplätzen simultan verfolgen zu können. Das führt v.a. am Ende des Romans zu einer Spannungssteigerung und zu einer Beschleunigung der Handlung, da sich viele kurze Kapitel aneinanderreihen und nur selten von längeren Passagen unterbrochen werden. Ein Pendant findet sich im Bereich des Films, wenn mittels schneller Schnitte mehrere Schauplätze gezeigt und durch diese kurzen Schnitte das Tempo erhöht wird. Diesen Eindruck vermittelt auch Breathe, wenn Quinn und Alina an zwei Fronten kämpfen: Quinn in der Pressekonferenz, die Bea aus Furcht nur in ihrem Versteck vor dem Fernseher verfolgen kann, Alina, die im Rebellenhain gegen die Zerstörung des Hains kämpfen will.

Der Umbruch, der zu dieser neuen Gesellschaftsstruktur geführt hat und als Switch bezeichnet wird, wird glaubhaft von Crossan dargestellt, sind es doch reale Probleme, auf die sie zurückgreift, nämlich die Verknappung von Nahrungsmitteln vor dem Hintergrund einer steigenden Weltbevölkerung. Die damit zusammenhängende Profitgier eines einzelnen Unternehmens, dem es gelungen ist, eine Kuppel zu bauen und Sauerstoff künstlich zu erzeugen, schließt sich an dieses Szenario an und zeigt auf erschreckende Weise, wie skrupellos Menschen sein können, wenn es um die Sicherung der eigenen Macht geht. Gleichzeitig verbindet Crossan dieses Szenario mit der Ausbildung einer neuen Gesellschaftsstruktur, die sich eben auf Geld und Macht stützt: Als Premiums werden die Menschen bezeichnet, die sich mittels Geld ein angenehmes Leben mit viel Sauerstoff erkaufen können, während die Seconds eine Steuer auf zu viel verbrauchten Sauerstoff zahlen müssen. Die Aufteilung der Gesellschaft in zwei Klassen fügt sich logisch in das Gesellschaftsbild ein, das Crossan zeigt.

Fazit
Sarah Crossan gelingt es auf verstörend realistische Art, eine künftige Gesellschaft zu zeigen, die ökologische Ressourcen vergeudet und die Bedeutung der Natur für das menschliche Leben aufs massivste unterschätzt hat. Damit greift sie einen aktuellen Trend in der Jugendliteratur auf, nämlich eine zerstörte, dystopische Welt zu zeigen, die der Mensch auf dem Gewissen hat – und die Bemühungen der nachfolgenden Generationen, dieses Verhältnis wieder herzustellen. Ein spannendes Buch, das zum Nachdenken anregt und die Abhängigkeit des Menschen von der Natur verdeutlicht.

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