von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Was darf ich? Was muss ich? Was soll ich? Wer bin ich eigentlich?  Nikolaus Nützels Sachbuch für Jugendliche wirft Fragen auf und regt zu Diskussionen an…

Nützel, Nikolaus: Ihr schafft mich! Wie andere dein Leben bestimmen. Und wie du dein Leben selbst bestimmen kannst.
cbj, München 2013.
220 Seiten. 19,90 €
ISBN 978–3-570-13847-2.

Inhalt

Großdruck: "Erste Hilfestellung beim Einordnen: Dies ist ein Sachbuch. Zweite Hilfestellung: Es ist ein Sachbuch mit Zielgruppe Jugendliche und auch Erwachsene, also ein Jugendsachbuch oder ein All-Age-Titel." Diese Zeilen finden sich im außergewöhnlichen Vorwort des Sachbuchs Ihr schafft mich! von Nikolaus Nützel, das sich durch verschiedene Schrifttypen,  -größen und -formate auszeichnet.

Außergewöhnlich geht es weiter, zwar sind Schriftgröße und Drucktechnik ab dem 1. Kapitel standardisiert und einheitlich, aber die Ausführungen Nützels beeindrucken weiterhin, zumal er Fragen und Themen berührt, die uns alle angehen und uns alle beschäftigen. Es geht um Normen und Werte und um Fragen, die die Regeln und Gesetze in unserer Leistungsgesellschaft betreffen und somit in Frage stellen. Scheinbar banal fängt es an mit: "Darf man nackt Auto fahren? Darf ich jemandem die Haustür öffnen, wenn ich nackt bin? Darf man nackt im Garten herumlaufen? Darf man eigentlich nackt in der Öffentlichkeit spazieren?" (S. 21f.) Denkt man ein wenig nach, befindet man sich schon mitten in der Reflexion über gesellschaftlich festgelegte Normen und Regeln. Ebendies ist Anliegen des Autors Nikolaus Nützel, der als freier Journalist bekannt ist und auch schon durch andere Jugendsachbücher (vor allem Sprache oder Was den Mensch zum Menschen macht, nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008). Seine Reflexionen führen den Leser durch diverse Bereiche der aktuellen politischen Diskussion, geleitet von der Annahme, dass sich persönliche Lebensläufe elementar durch die Sozialisation bedingen.

Doch es geht nicht nur um Sozialisation, sondern auch um Sexualität, Essensvorstellungen, Religion, Individualität und peer groups, um nur einige der Themenfelder zu nennen, die Nützel mit Witz, Ironie und Sarkasmus für jugendliche Leser aufbereitet. Illustriert werden die Ausführungen durch zahlreiche Cartoons des Comiczeichner-Duos Rattelschneck.

Kritik

Eines von Nützels Paradebeispielen ist die Lebensgeschichte des Wirtschaftsministers Philipp Rösler, der von seinen deutschen Eltern als Kind  in Vietnam adoptiert wurde: "Wie aber hätte sein Leben ausgesehen, wenn das nicht geschehen wäre?" fragt Nützel und leitet so ein in den Diskurs um Sozialisationsbedingungen. Zentral sind sicherlich die Überlegungen zu den Normen und Werten unserer Leistungsgesellschaft, in denen der Autor verdeutlicht, warum Noten aus seiner Sicht abgeschafft werden sollten: "Sie sind dazu da, in unserer Leistungsgesellschaft festzustellen, wer oben und wer unten landen soll," (S. 96) konstatiert Nützel und bietet damit einen idealen Ausgangspunkt für Diskussionen mit Jugendlichen. Aus diesem Grund eignet sich das Buch sehr gut für den schulischen Einsatz, vorzugsweise im Ethikunterricht. Günstig ist, dass sich der Autor einer auch für Jugendlichen klar verständlichen Sprache bedient, mit der er es vermag, komplexe Zusammenhänge gut nachvollziehbar darzustellen, zumal er viele anschauliche Beispiele bringt.

Das Buch wirft Fragen auf, ohne sie abschließend zu beantworten oder gar zu moralisieren. Ebendarum stimmt es, dass es sich hier um einen All-Age-Titel handelt, denn auch der erwachsene Leser kann keine endgültigen oder allgemeingültigen Antworten parat haben. Die Ausführungen münden in ein Plädoyer an junge Menschen, auch mal gegen den Strom zu schwimmen - und weiterhin Fragen zu stellen. Schließlich seien es immer die jungen Menschen in einer Gesellschaft, die gängige Normen und Werte in Frage stellen, man denke z.B. an die 68er-Generation.

So kommt Nützel zu dem programmatischen Abschluss: "Wenn du dir solche Fragen mal durch den Kopf gehen lässt, dann schaffen vielleicht irgendwann nicht mehr die andern dich. Sondern du schaffst dich selbst. Und schaffst die andern. Das muss als Antwort genügen" (S. 215).

Fazit

Summa summarum liegt hier ein äußerst unterhaltsames, kurzweilig zu lesendes Sachbuch vor, das jugendliche und erwachsene Leser einlädt zu einer Gedankenreise rund um die Frage, warum wir eigentlich leben, wie wir leben und wer welche Vorgaben macht. Warum eigentlich?


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