von Sabine Planka

Lena hasst Vanessa, die ihr Leander ausgespannt hat. Doch dann wird Vanessa nach einer Party tot aufgefunden. Und nichts ist mehr, wie es war. Ein spannender Thriller mit überraschenden Wendungen und einem noch überraschenderen Schluss.

Rylance, Ulrike: Eiskaltes Herz.
222 S., 8,95 €
dtv, München 2013
ISBN 978-3-423-71541-6

Inhalt
Lena und Leander sind glücklich miteinander liiert. Leander ist Bassgitarrist in einer Schüler-Band, die erste Erfolge zu verzeichnen hat, liebt seine Eltern und seine Schwester. Lena kommt ebenfalls aus einer intakten Familie, hat einen großen Freundeskreis und wird zu Beginn der Geschichte als normaler Teenager präsentiert. Doch das Glück der beiden bekommt erste Risse, als Vanessa, eine Mitschülerin, Lena den Freund ausspannt. Fortan ist Lena überhaupt nicht mehr gut auf Vanessa zu sprechen und wünscht ihr lautstark die sprichwörtliche Pest an den Hals. All ihre Versuche, Leander für sich zurückzugewinnen, scheitern – und Lenas Wut steigert sich ins Unermessliche.

Nach einer Party im Wald geschieht das unglaubliche: Vanessa wird tot aufgefunden. Lenas Welt gerät vollends aus den Fugen: In den Augen aller Beteiligten, darunter auch Lenas Freundinnen, erscheint Lena verdächtig, zumal die Polizei einen Ohrring bei ihr findet, der Vanessa aus dem Ohr gerissen wurde. Lena hingegen kann sich an nichts erinnern, ein Vollrausch und Drogen, die man ihr untergeschoben hat, haben ihre Erinnerungen ausgelöscht. Lena wird gemieden, niemand redet mehr mit ihr, bis sich herumspricht, dass sie anscheinend unschuldig ist und Drogen ihr Bewusstsein getrübt haben.

Nach und nach zeigt sich, dass Vanessa, die von allen betrauert und deren Tod als Verlust beklagt wird, nicht die Person ist, für die sich ausgegeben hat. Leander findet Vanessas Zweithandy, auf dem Kontaktdaten zu Drogenhändlern und ein Video der Drogenmafia gespeichert sind. Zudem ein Passwort zu einem Onlinetagebuch, indem sich Vanessa unter einem Nickname über ihr spießiges Leben beklagt und sich damit rühmt, Lena Leander ausgespannt zu haben und zugleich zugibt, dass er sie mittlerweile langweilt.

Leander weiht Lena in den Handyfund ein und gibt Lena das Handy, damit sie es sicher verwahren kann, bevor Leander es zur Polizei bringt. Doch soweit kommt es nicht: Lena und Leander werden unabhängig voneinander von den Drogendealern entführt und zur Herausgabe des Handys gezwungen. Lena, die von dem Video eine Kopie und anschließend das Handy in ihrem Schulschließfach versteckt hat, muss mit dem Kopf der Dealerbande in die Schule fahren, um das Handy zu holen. Auf dem Rückweg erfährt der Dealer, dass Leander zwischenzeitlich die Flucht gelungen ist und kehrt zu dem Versteck um. Ein Unfall an einer Kreuzung stoppt ihn, Lena wird leicht, der Dealer hingegen schwer verletzt. Die Polizei, die den Fall aufklärt, glaubt, in den Dealern Vanessas Mörder gefasst zu haben. Auch Lena und Leander sind dieser Ansicht.

Ein letztes Treffen der beiden hat jedoch weitreichende Konsequenzen auf mehreren Ebenen: Lena erkennt, dass die tote Vanessa immer zwischen ihr und Leander, mit dem sie wieder zusammen ist, stehen wird und trennt sich von ihm. Direkt im Anschluss trifft Ben, ein Junge, der früher von Vanessa verlassen wurde und dies nicht verkraftet hat, aber ebenfalls bei der Party zugegen war, auf Lena, die er früher mehrfach gestalkt hat und die nun alleine im Eiscafe sitzt. Stolz präsentiert er ihr sein Mountenbike und will sie zu einem Kaffee einladen, als ein kleines Mädchen auf ihrem Dreirad in das neue Fahrrad kracht. Erbost springt er auf und wird in einen Streit mit der Mutter verwickelt. Dabei vergisst er sein Handy auf dem Tisch, auf das Lena einen Blick wirft und feststellt, dass Ben die gleiche App installiert hat wie Vanessa: Eine App, die es ermöglicht, online mit dem Handy aufgenommene Videos zu speichern, so wie es auch Vanessa mit dem Drogenvideo gemacht hat. Lena gelingt es, das Passwort zu erraten und kann eine Videodatei öffnen: Sie muss mitanhören, dass Ben, der Vanessa zunächst retten wollte, loslässt und damit in den Tod stürzen lässt. Lena bricht unbemerkt auf und bringt das Handy zur Polizei.

Kritik
Ulrike Rylance greift in ihrem Buch Eiskaltes Herz, dessen Coverhinweis "Thriller" mehr als zutreffend ist, mehrere Themen auf und verknüpft sie geschickt miteinander. Primär setzt sie an den Anfang der Geschichte eine glückliche Beziehung, die durch eine Rivalin zerstört wird und die nun den ganzen Zorn des Opfers auf sich zieht. Sie thematisiert Alkohol- und Drogenkonsum, der es einerseits Lena unmöglich macht zu sagen, ob und was sie mit Vanessas Tod zu tun hat, der andererseits aber auch in Vanessas Leben eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat: Sie hat sich davon den Kick versprochen, der ihr Leben aufregender und interessanter macht. Rylance spricht zudem das Thema Stalking an, das Menschen zu Dingen fähig werden lässt, die ungeahnte Folgen und Auswirkungen auf das Leben (anderer) haben.

Der plot, den Rylance erzählt, ist logisch und schlüssig konstruiert und strebt konsequent seiner Auslösung zu. Spannender ist jedoch die Art, das "Wie" der Erzählung, die story: Rylance erzählt die Geschichte aus der Perspektive Lenas im Präsens und beginnt im Monat Juni. Das erlebende Ich steht hier im Vordergrund, die Handlung ist bereits weit fortgeschritten, was der Leser direkt im nachfolgenden Kapitel merkt, das im April ansetzt, wo das Geschehen seinen Anfang nimmt und im Präteritum wiedergegeben wird. Geschickt verwebt Rylance nun Gegenwärtiges und Vergangenes miteinander, bis beide 'Handlungsstränge' zusammenlaufen und dort anknüpfen, als Lena zu Beginn der Geschichte im Auto gesessen hat. Ab hier wird die Geschichte einsträngig erzählt und mit einer überraschenden Wendung aufgelöst.

Auch sprachlich gelingt es Rylance, den Leser zu fesseln: Variantenreich und vielfältig gelingt es ihr, Lenas Verfassung zum Ausdruck zu bringen; Zunächst ihre unbändige Wut auf Vanessa, später aber auch ihre Verzweiflung und die Hoffnung, Leander zurückgewinnen zu können: "Auf den meisten seiner Fotos war er mit mir zu sehen und ich konnte es kaum ertragen, sie anzuschauen. Mein Lieblingsfoto war auch dabei, ich trug darauf meinen blauen Winterpulli und wir kuschelten uns aneinander. Der Pulli … Der war noch bei Leander. Ich sprang wie elektrisiert auf. Unten trennten sich Leander und Vanessa gerade mit einem nicht enden wollenden Kuss. Sie gingen also nicht zusammen nach Hause. Dann würde ich mir meinen Pulli jetzt holen. Und wenn ich einmal da war, musste Leander ja mit mir reden" (S. 43). Neben der Wut, die Lena auf Vanessa empfindet und die der Leser einerseits nachvollziehen kann, gelingt es Rylance aber auch, die Position Lenas Mitschüler/innen aufflackern zu lassen, die Lena immer wieder versuchen zu überzeugen, nicht in ihre Wut auf Vanessa und die Trauer über den 'Verlust' Leanders hineinzusteigern und v.a. zu überdenken, was sie überhaupt erzählt: "'Es ist, weil … Ich hab es dir ja gestern schon gesagt. Du musst mal ein bisschen aufpassen, was du so über Nessa erzählst. Du hörst dich echt ein bisschen irre an, Lena. […]'" (S. 51). Es gelingt Rylance, den sich aus Lenas unbedachten Worten herauskristallisierenden Kontrollverlust über sich und ihr Leben glaubhaft darzustellen und zudem auch die Sorgen von Lenas Eltern zum Ausdruck zu bringen.

Dabei verzichtet Rylance darauf, Gewalt direkt zu 'zeigen', sondern beschränkt sich darauf, die Folgen der Gewalt darzustellen. Selbst der Tod Vanessas wird nicht auf dem mit dem Handy aufgenommenen Video gezeigt – das Handy hat während der Aufnahme neben Ben gelegen und nur den Nachthimmel gefilmt –, ausschließlich auf der Tonebene ist der Mord an Vanessa für Lena erfahrbar.

Das Buch lebt von der potentiellen Gefahr und den Bedrohungen, denen Lena und Leander ausgesetzt sind, während die Drogendealer die beiden in ihrer Gewalt haben und drohen, sie umzubringen, wenn sie ihnen Vanessas Handy mit dem Video nicht gegen. Genau diese Subtilität in Verbindung mit der doppelsträngigen Erzählweise macht das Buch ungeheuer lesenswert.

Fazit
Ulrike Rylance legt mit Eiskaltes Herz einen spannenden Thriller vor, dessen Protagonisten sich plötzlich und ungewollt in einem Netz aus Drogendealern wiederfinden und so mancher nicht das ist, was er zu sein scheint. Sowohl plot als auch die Konstruktion der story als verschachtelte Erzählung machen das Buch spannend und unterhaltsam und zu einem kleinen, aber feinen "Pageturner", der in einem Rutsch gelesen werden will.


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