von Sabine Planka

Was macht man, wenn man in eine neue Schule kommt und feststellen muss, dass man von allen Mitschülern gemieden, angefeindet und ausgegrenzt wird? Wenn man so mutig ist wie Samantha, genannt Sam, forscht man nach. Und kommt dabei einem tödlichen Geheimnis auf die Spur. Ein spannender Thriller aus der Feder von Petra Schwarz.

Schwarz, Petra: Schwanengrab
304 S., 8,95 €
dtv, München 2013
ISBN 978-3-423-71539-3

 Inhalt
Nach dem Tod von Samanthas Mutter beschließt ihr Vater, aus den USA zurück nach Deutschland zu ziehen. Sam ist nicht begeistert von der Tatsache, ihre geliebte 'Granny' und ihre Freunde in Berkeley zurücklassen zu müssen, muss sich aber den Plänen ihres Vaters fügen. Gemeinsam ziehen sie nach Trier, wo ihr Vater einen Job in einer Werbeagentur bekommen hat und Sam auf die neue Schule gehen soll. Doch der Schulstart verläuft für Sam alles andere als harmonisch: Kaum hat sie die Klasse betreten, begegnet sie Misstrauen und Anfeindungen. Die kalte Begrüßung erschreckt Sam, gleichzeitig versteht sie nicht, warum sich alle Mitschüler – auch diejenigen aus anderen Klassen – ihr gegenüber abweisend verhalten. Nach und nach erfährt sie, dass sie einer verstorbenen Mitschülerin verblüffend ähnlich sieht, ihr sogar wie aus dem Gesicht geschnitten erscheint. Die Anfeindungen gegen Sam nehmen zu: Mal lässt jemand aus ihrem Fahrradreifen die Luft heraus, dann findet sie Briefe, deren Texte aus Buchstaben aus einer Zeitung zusammengeklebt ist und deren Inhalte ihr ‚nahelegen‘, doch endlich zu verschwinden und die Schule zu wechseln. Einzig Christoph, ein Schüler, der zwei Klassen über ihr ist und ihr Nachhilfe in Mathe geben soll, hält zu ihr. Nach und nach erfährt Sam von ihm, dass Veronika, das verunglückte Mädchen, dem sie so ähnlich sieht, bei einem Schulausflug in die Teufelsschlucht von einer Wespe gestochen und in eine Schlucht gestürzt ist, da ihr Gegenmittel nicht rechtzeitig gewirkt hat. Sam versucht, mehr Informationen zu erhalten und freundet sich im Schul-Chat mit Mike an, dem sie zusätzlich ihre Sorgen beichtet und der ihr Mut zuzusprechen scheint. Zwei Treffen mit ihm scheitern jedoch: Jedesmal wird Sam von ihm versetzt.

Gleichzeitig finden in der Schule die Proben für die Schulaufführung des Ballettstückes Schwanensee statt. Um Sam in den Klassenverbund und in die Schülerschaft zu integrieren, beschließen ihr Mathelehrer und ihre Kunstlehrerin, dass Sam am Bühnenbild mitarbeiten soll. Sam macht sich an die Arbeit. Doch nach uns nach häufen sich die Merkwürdigkeiten: Sam erhält weiterhin Briefe, bis sie irgendwann ihre Mitschülerin Geli mit einem neuen Brief vor dem Bühnenbild stehen sieht (vgl. Schwarz (2013), S. 231ff.). Entsetzt, dass es Geli ist, von der die Briefe stammen, will Sam sie zur Rede stellen. Doch Geli schweigt und es wird deutlich, dass sie Angst hat, was erneut passieren kann: Sie sieht sich, wie alle anderen auch, durch Sams Anblick immer wieder an Veronika erinnert.

Nach und nach kommt Sam der Wahrheit auf die Spur: Veronika wurde von Herrn Simon, dem Mathelehrer, eingeteilt, im Stück Schwanensee den weißen Schwan Odette zu spielen, Geli war als Zweitbesetzung für Odette vorgesehen. Caro, eine andere Klassenkameradin von Sam, wurde die Rolle des schwarzen Schwans Odile zugeteilt. Sam erkennt, dass Caro der Schlüssel ist: Caro ist aufgrund des Todes ihres Bruders in der Kindheit so traumatisiert, dass sie eine gespaltene Persönlichkeit entwickelt hat, in der ihr Bruder Michael, den sie Mike nennt, weiterleben darf und ihr sagt, was sie tun soll. Ihre Krankheit ist dafür verantwortlich, dass sich ihre Sicht auf ihr Leben verzerrt hat: So bildet sie sich ein, dass Herr Simon in sie verliebt war, bis Veronika als Odette seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Das konnte Caro nicht ertragen und wollte Veronika ausschalten, von deren Allergie auf Wespenstiche sie wusste. Die Idee, den Schulausflug in die Teufelsschlucht zu machen, stammt von Caro bzw. ihrem imaginären Bruder Mike, ebenso die Tat, das Gegengift gegen Wespenstiche mit Wasser zu verdünnen, damit die Wirkung nicht bzw. nur schwach einsetzen kann, so dass Veronika nicht für die Rolle der Odette zur Verfügung steht und Caro wieder im Mittelpunkt steht. Gleichzeitig hat sie so Geli zu ihrer Rolle als Odette verhelfen können. Sams Auftauchen weckt für alle Beteiligten Erinnerungen: Geli fürchtet um ihre Rolle und Caro um die wiedererlangte Aufmerksamkeit und den potentiellen Ruhm, den sie erlangen kann. Sie beschließt: Auch Sam muss weg. Sie lockt Sam ebenfalls in die Teufelsschlucht und bedroht sie, will sie mit einem Ast schlagen und ebenfalls in die Schlucht stürzen. Doch Sam gelingt es, Christoph über ihr Handy anzurufen, der alles mitanhören und die Polizei rufen kann. Caro wird verhaftet, Sam wird gerettet und verletzt ins Krankenhaus gebracht, wo sie über die Ursachen von Caros psychische Krankheit aufgeklärt wird.

 

Kritik
Petra Schwarz' Roman Schwanengrab überzeugt durch eine spannende story, deren Handlungsstränge geschickt miteinander verwoben werden, sich am Ende aber allesamt logisch auflösen. Die geschilderte Ausgangssituation – Umzug, neue Schule und neue Mitschüler, im Unterrichtsstoff nicht mitkommen etc. – ist dem Leser/der Leserin bekannt und bietet Schwarz die Möglichkeit, vor der Kulisse der Schule ein Netz aus Neid, Missgunst und Hass zu weben, in das Sam gestoßen wird und das sie versucht, aufzuklären. Dass eine psychische Krankheit hinter dem Tod der Mitschülerin steckt und zu Auswirkungen auf die Weltsicht der Täterin führt, kommt überraschend am Ende, ist jedoch keineswegs unlogisch vor dem Hintergrund der durchdacht entworfenen Handlung. Damit bricht Schwarz gleichzeitig ein Tabu und greift eine Problematik auf, die erst in jüngster Zeit in den Fokus der Öffentlichkeit rückt: die psychische Störung/Krankheit. Oftmals totgeschwiegen, wird die hier angelegte Spaltung der Persönlichkeit als Grundlage entworfen, um die Handlungen der Täterin zu erklären. Damit zeigt Schwarz, dass psychische Störungen nicht nur Erwachsene treffen können, sondern auch schon bei Kindern bzw. Jugendlichen zu finden sind und leistet so implizit ein wenig Aufklärungsarbeit, auch wenn das sicherlich nicht im Fokus des Romans steht. Dieser zeichnet sich aus durch eine rasche und stetig vorwärtsschreitende Handlung, deren Spannung sich rasant bis zum Finale in der Teufelsschlucht aufbaut und die entsprechend mit Sam eine Protagonistin in den Fokus rückt, die mutig an der Oberfläche kratzt und sich von Drohbriefen nicht einschüchtern lassen will, die aber gleichzeitig auch in einigen Situationen ganz schön naiv (re)agiert und vertrauensselig gestaltet wird. So folgt sie, ohne kritisch abzuwägen, einer SMS, die sie in die Tunnel und Gänge der Kaisertherme lockt, um dort in einem unbeleuchteten Kellerraum eingeschlossen zu werden, aus dem sie Neela, eine ehemalige Mitschülerin Christophs, befreit. Die Kritik an Sams Verhalten muss sich der Leser gar nicht selbst erarbeiten, er bekommt Hilfestellung in Neela, die sich in dieser Situation als 'mahnender Zeigefinger' entpuppt, als sie Sam betreit: "'Und wenn dir jemand eine Nachricht schickt, dass du vom Eiffelturm springen sollst, machst du das dann auch? Du bist vielleicht naiv!' So ganz unrecht hatte sie mit ihrem Vorwurf nicht." (Schwarz (2013), S. 166).

Neben Sam, die ausdifferenziert gestaltet wird, fällt ihre Mitschülerin Caro auf, die sich zunächst unauffällig verhält und genauso abweisend zu Sam ist, wie alle anderen Mitschüler, deren Taten aber rückblickend die Auswirkungen ihrer Krankheit erkennen lassen und so das Bild einer psychisch Kranken zeichnen. Zwischen diesen beiden ausdifferenzierten Polen – Sam als Neuzugang der Schule, die wieder nach Hause in ihre bisherige Heimat möchte, v.a. als sie konfrontiert wird mit Ablehnung und Anfeindung, die sie aufgrund der Ähnlichkeit mit der Verstorbenen hat, und Caro als Täterin, die durch Sam wieder an ihre Tat erinnert wird und nun erneut um ihren 'Sieg' fürchtet – bleiben alle anderen Figuren teilweise etwas blass und laufen Gefahr, Klischees zu entsprechen. Herr Simon, der Mathe- und gleichzeitige Klassenlehrer, wird als Schönling dargestellt, der sich seiner Wirkung gar nicht bewusst sein will und einfach nur nett zu Schülern/Schülerinnen ist, auch mal ohne Hintergedanken Mathenachhilfe gibt oder bei den Proben des Theaterstücks aushilfsweise die Rolle des Prinzen übernimmt und damit von den Darstellerinnen der Odette bzw. Odile angehimmelt werden muss. Neela – Christophs ehemalige Mitschülerin und ebenfalls ein Opfer von Caro, die dafür gesorgt hat, dass Neela der Schule verwiesen wurde – wird als Esoterikerin eingeführt, die sich ihren Namen Neela selbst gegeben hat, an die Macht der Träume glaubt und klischeehaft auf einem Friedhof das erste Mal auf Sam trifft. Und Christoph begegnet Sam zunächst als Streber mit Hemd, Pullunder und strengt gescheiteltem Haar, im Laufe des Romans wird er hingegen zunehmend lockerer und erscheint in T-Shirt und mit verwuscheltem Haar, was ihn in Sams Augen nur noch attraktiver macht – es verwundert den Leser dann auch nicht mehr, dass er und Sam am Ende des Romans ein Paar werden. Dass die Figuren dann doch nicht zu Klischees verkommen, liegt daran, dass sie Sam mit Hinweisen versorgen und so dazu beitragen, dass schlussendlich Caro als Täterin entlarvt werden kann.

Vor dem Hintergrund der sprachlich sorgsam und sich nicht in Kleinigkeiten aufhaltenden, sondern stetig voranschreitenden Handlung kann man über diesen Schwachpunkt jedoch hinwegsehen, zumal die Figuren in das Handlungsgefüge logisch eingebettet sind und Sam mit immer neuen Hinweisen versorgen. Dementsprechend entpuppt sich die Handlung als sorgsam konstruiert und strebt auch konsequent ihrem Höhepunkt zu, an dem Sam und Caro aufeinandertreffen und Sam die ganze Wahrheit über Veronikas Tod erfährt. Die Buch erweist sich somit als 'Pageturner', zumal Sam das Geschehen aus ihrer Perspektive schildert und somit als autodiegetische Erzählerin etabliert wird, die rückblickend auf das Erlebte blickt. Der Leser erfährt daher gerade soviel, dass er über denselben Wissensstand wie Sam verfügt, jedoch gleichzeitig in der Lage ist, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen und sich auch mal – zusammen mit Sam – überraschend lassen kann von plötzlichen Wendungen, die das Geschehen nimmt.

Fazit
Petra Schwarz ist, trotz einiger schwach ausgestalteter Figuren, ein spannender Thriller gelungen, der die aktuellen Themen wie Neid, Missgunst und Feindschaft und damit allgemein das Thema Mobbing an Schulen in den Mittelpunkt rückt. Dabei dringt sie teilweise tief in die jugendliche Psyche ein und zeigt die erschreckenden Auswirkungen oftmals totgeschwiegener psychischer Störungen, die die Weltsicht einer erkrankten Schülerin verzerren und sie so zu einer Mörderin werden lassen.

 


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