von Dr. phil. Tanja Lindauer

Sie hat es schon wieder getan: Kerstin Gier hat einen weiteren Bestseller gelandet, erneut mit einem Jugendbuch. Nachdem die Figuren der Edelstein-Trilogie in der Zeit reisen konnten, besitzen sie in Silber die Fähigkeit, sich in die Träume der Menschen zu schleichen. Das ist allerdings alles andere als nur spaßig: In den Träumen werden unsere geheimsten Ängste und Wünsche zutage gefördert, und in den falschen Händen können diese Informationen äußerst gefährlich sein …

Gier, Kerstin: Silber. Das erste Buch der Träume.
Fischer FJB, Frankfurt a.M. 2013
416 S., 18,99€
ISBN 978-3-8414-2105-0.

Inhalt

Liv Silber und ihre kleine Schwester Mia sind in der Welt schon viel herumgekommen, denn ihre Mutter Ann, eine Literaturwissenschaftlerin mit Leib und Seele, hat einen Hang zum Nomadendasein. Ihr neuester Lehrauftrag führt die Familie nun nach Oxford und so landen Liv und Mia wieder an einer neuen Schule. Endlich einmal einen festen Wohnsitz haben! Freunde finden! Davon träumen die Schwestern insgeheim, doch auch in England zerplatzen diese Träume zunächst: Statt eines gemütlichen Cottages auf dem Land ziehen sie nun bei Ernest Spencer, dem neuen Freund ihrer Mutter, ein, und zwar in London! Auch Florence, Ernests Tochter, ist von dieser Idee nicht begeistert. Nur ihr Bruder Grayson fügt sich seinem neuen Schicksal und gibt sich äußerst unbeteiligt. Irgendetwas scheint er doch zu verheimlichen! Hobbydetektivin Liv will natürlich hinter das Geheimnis ihres Stiefbruders in Spee kommen, aber er ist gar nicht so leicht zu durchschauen.

Wenigstens an der Frognal Academy scheint es mehr oder minder gut zu laufen, wenn nicht alle ständig von diesem Schulball reden würden! Auch ihre neue Bekanntschaft Persephone (man sei hier an die griechische Mythologie erinnert) scheint nichts anderes im Kopf zu haben, abgesehen natürlich von "Rasierspaß Ken" Jasper, Mitglied der angesagtesten Jungenclique. "Es waren vier Jungs, und fast jeder in diesem Korridor schien sie anzustarren. Vielleicht, weil sie zwar lässig in ein Gespräch vertieft daherschlenderten, aber trotzdem im Gleichschritt gingen, wie im Takt zu einer Musik, die nur sie hören konnten. Eigentlich fehlte [sic!] nur noch die Zeitlupe und eine Windmaschine, die ihnen die Haare aus dem Gesicht blies. Sie kamen geradewegs auf uns zu, und ich überlegte, welcher von ihnen Persephone wohl in eine Salzsäule verwandelt hatte. Wie ich das auf die Schnelle überblicken konnte, hatte jeder von ihnen das Zeug dazu, vorausgesetzt, sie stand auf große, blonde, sportliche Typen" (S. 33).

Alles scheint in seinen gewohnten Bahnen zu verlaufen – soweit das bei den ständigen Umzügen möglich ist. Aber dann geschieht das Unglaubliche: Eines Nachts öffnet Liv in ihrem Traum eine Tür und landet in einem Korridor, von dem aus sie eine weitere Tür öffnet, die wie die ihres neuen Zuhauses aussieht. Plötzlich befindet sie sich in Graysons Traum und wird Zeuge, wie er und seine Freunde ein seltsames Ritual auf dem Friedhof durchführen. Liv, die weder an Geister noch an Dämonen glaubt, ist unsicher. Wie soll sie in den Traum eines anderen hineingeraten sein? Schnell zeigt sich aber, dass Grayson, Arthur, Henry und Jasper Dinge von ihr wissen, die nur in ihren Träumen vorkommen. Natürlich möchte die Teenagerin dem auf den Grund gehen und so schlägt sie Graysons Warnungen in den Wind und findet sich schon alsbald mit einem Kelch mit Blut in der Hand wieder. Auch wenn sie nicht an Dämonen und schwarze Messen glaubt, beginnt sie zu zweifeln. Denn wie sonst könnte man die schrecklichen Vorfälle erklären, von denen die Jungen heimgesucht werden? Schnell wird klar, dass sie besser auf Grayson gehört hätte, denn nun befindet sich auch Liv in tödlicher Gefahr.

Kritik

Gewohnt leicht und humorvoll schreibt Kerstin Gier über typische Teenager-Probleme, wie die erste Liebe oder nervige Eltern, und verbindet dies mit phantastischen, gruseligen und mystischen Elementen. Durch die gewählte Erzählperspektive verhindert Gier dabei, dass die Erzählung klischeehaft oder gar kitschig wirkt – denn vor allem das Thema der Geisterbeschwörung und der schwarzen Messen sind mit vielen Klischees verbunden: Ich-Erzählerin Liv zweifelt an der Existenz übernatürlicher Wesen und beobachtet die Reaktion der Clique daher äußerst kritisch und hinterfragt die Ereignisse.

Die Figuren zeichnet die Autorin dabei so lebendig, dass man meinen könnte, es würde sie wahrhaftig geben. Die Einschübe von Livs inneren Monologen zeigen, in welchem Zwiespalt sie sich bezüglich des Glaubens an Dämonen bald befindet, aber auch, wie sie ihre Umwelt wahrnimmt und einschätzt. Und auch an humorvollen Szenen mangelt es daher nicht: "Rasierspaß-Ken musterte mich von oben bis unten und strich sich dabei über das stoppelige Kinn. Ich musste ihn unbedingt Mia zeigen, die Ähnlichkeit war bestürzend" (S. 36). Die Protagonistin erinnert dabei an der einen oder anderen Stelle durchaus an Gwendolyn aus der Edelstein-Trilogie, denn Liv ist klug, etwas tollpatschig und selbstironisch. Gier beschreibt, wie sich Liv zum ersten Mal verliebt, mit allen Hochs und Tiefs, und verbindet dies geschickt mit der phantastischen Traumwelt, die ebenso rosa und flauschig sein kann wie die erste Liebe, aber auch düster, gefährlich und geheimnisvoll.

Altbekannte Themen und traditionsreiche Motive wie Sherlock Holmes (Liv und ihre Schwester sind wahre Detektiv- und Rätselfans) oder der Traum (hier vor allem auch als Bindeglied zwischen dämonischer und realer Welt) werden mit neuen Motiven aus Literatur und Fernsehen verwoben. So kann man sowohl Parallelen zu Christopher Nolans Inception als auch zur TV-Serie Gossip Girl erkennen, denn im Tittle-Tattle-Blog weiß Secrecy immer über die neuesten Gerüchte zu berichten. Und so verwundert es auch nicht, dass man in diesem Kontext typische Highschool-Story-Elemente vorfindet: Hübsche Außenseiterin mit Brille trifft auf den Schwarm der Schule, verliebt sich in ihn und tatsächlich werden beide auch ein Paar.

Fazit

Diese Mischung mag auf den ersten Blick zunächst trivial erscheinen, doch der Gier‘sche Humor, die Spannung und der unverwechselbare Schreibstil lassen auch dieses Buch zu einem wahren Lesevergnügen werden. Der Autorin ist mit Silber erneut ein Pageturner gelungen, der sowohl Jung als auch Alt in seinen Bann ziehen wird und zum Träumen verführt. Ein kleiner Tipp: Die lange Wartezeit auf Band 2 (Juni 2014) kann man sich mit der Lektüre des Tittle-Tattle-Blogs hervorragend verkürzen.


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