von Prof. Dr. Julia Benner

Colin Meloy ist bekannt als Sänger der Band "The Decemberists". Ähnlich wie deren Lieder ist sein Roman Wildwood folkloristisch und modern zugleich. Die Erzählung ist im Hier und Jetzt verhaftet, führt aber in eine zeitlose Waldwelt, in der Tiere und Menschen zusammenleben. Ein schönes, traumhaft illustriertes Buch über Freundschaft und den Wert der Natur.

Meloy, Colin: Wildwood.
Mit Bildern von Carson Ellis.
A.d. Amerikan. v. Astrid Finke.
Heyne, München 2012.
590 S., 19,99 €
ISBN 978-3453267145

Inhalt
Das naturbegeisterte Mädchen Prue McKneel soll auf ihren kleinen Bruder Mac aufpassen, doch der wird plötzlich von einem Schwarm Krähen entführt. Um ihn zu retten, folgt Prue den schwarzen Vögeln in die sogenannte Undurchdringliche Wildnis, einem von Zauber durchwobenen Waldland, in dessen Herzen der gefährliche Wildwald liegt. Mehr oder weniger unfreiwillig begleitet wird Prue von ihrem Klassenkameraden Curtis Mehlberg begleitet, einem neugierigen Außenseiter, der sich hauptsächlich für Comics interessiert. Doch schnell trennen sich die Wege der beiden, da Curtis von sprechenden Kojoten in antiquierten Uniformen verschleppt wird. Spätestens in diesem Moment wird klar, dass die Kinder nicht in einer stillen Waldeinsamkeit gelandet sind, sondern in einem von anthropomorphen Tieren und seltsamen Menschen bevölkerten Land. Den Kameraden aus der "Außenwelt" stehen bei ihrer Suche nach dem geraubten Kleinkind u.a. eine Bande sympathischer, Robin-Hood-mäßiger Räuber, ein royaler Uhu und eine ehrliche Ratte zur Seite. Mac wiederzufinden stellt sich allerdings als ziemlich schwierig heraus, da das Land gerade in einer politischen Krise steckt und verschiedene Gruppen sich gegenseitig bekämpfen, wobei Prue und Curtis schnell in das Machtspiel des Waldlands verwickelt werden.

Kritik
Wildwood ist ein abenteuerliches Fantasybuch, das dankenswerterweise keinen aktuellen Trends hinterherjagt und auch dadurch sehr authentisch wirkt. Es bildet den Auftakt zu einer Serie (Die Chroniken von Wildwood), doch ist die Handlung des ersten Bandes in sich abgeschlossen, sodass man das Buch auch lesen kann, ohne dass die Aussicht auf ein Ende mit Cliffhanger und gefühlten zweihundert weiteren Bänden das Lesevergnügen trübt. Fraglich ist allerdings, ob man den zweiten Band freiwillig nicht lesen will, denn der Autor Colin Meloy und seine Frau, die Künstlerin Carson Ellis haben hier eine Welt geschaffen, von der man einfach mehr lesen möchte. Der Wildwald und seine BewohnerInnen werden mit liebevollen Details beschrieben, ohne dass der Text dabei in Langatmigkeit verfällt. Besonders schön ist das Zusammenspiel von Text und Bildern. Man merkt, dass Meloy und Ellis ein eingespieltes Team sind und viel Spaß an der liebevollen Ausgestaltung hatten. Neben einigen Landkarten, die zur Orientierung hilfreich sind, finden sich im Buch viele kleinere schwarz-weiße und bunte ganzseitige Bilder, die weder kindertümelnd noch überladen sind. Ellis gestaltete auch schon die Plattencover von "The Decemberists", der bekannten rockigen Indie-Folkband, dessen Frontsänger Meloy ist und deren Songs wie der Roman leicht skurrile Geschichten erzählen, die teilweise aus folkloristischem Erzählgut basieren.

An dieser Stelle müssen hier jedoch einige Worte speziell zu der deutschen Ausgabe des Buches fallen: Das deutschsprachige Wildwood ist zwar schön, doch ist die englische Ausgabe gestalterisch eindrucksvoller. Letztere ist mit ihrem aufwendigen Einband, dem schweren, matten Papier und dem rauen Buchschnitt noch eigenwilliger und in ihrer Imitation alter Bücher passt sie auch besser zum Text.

Obwohl die Übersetzung insgesamt gelungen ist, irritiert der Titel. Im Text wird der Ort fortwährend Wildwald genannt, trotzdem wurde der englische Romantitel Wildwood beibehalten, was etwas unentschlossen wirkt. Zudem sind – wie immer – einige Eigenarten des Englischen nicht übersetzbar. So lässt sich das kalte Grausen, dass Prue überkommt, als sie sich erinnert, dass eine große Anzahl von Krähen mit "murder of crows" bezeichnet wird, in der deutschen Übersetzung "ein Schwarm Krähen" schlicht nicht transportieren, was Prues Nachdenken über die Gruppenbezeichnung von Krähen an dieser spannungsgeladenen Stelle unsinnig erscheinen lässt. Allerdings muss unterstrichen werden, dass der deutsche Text insgesamt deutlich angenehmer zu lesen ist. Das Lektorat der englischen Ausgabe hat es bedauerlicherweise versäumt, Wortwiederholungen, die sich an einigen Stellen massiv häufen, zu glätten, sodass der englische Originaltext an manchen Stellen fahrig wirkt. Folglich wünscht man sich eigentlich den deutschen Text im Kleid der englischen Ausgabe.

Fazit
Wenn Prominente Kinderbücher schreiben, stellen sie oft fest, dass sie dafür deutlich weniger Applaus ernten als sie es gewohnt sind. Doch bei Colin Meloys Wildwood handelt es sich um eine durchaus lohnenswerte Lektüre, die man insbesondere an grauen Winterabenden gar nicht wieder weglegen möchte. Der Text zeigt außerdem, dass man auch spannende Fantasy-Abenteuerbücher ohne Sexismus und Rassismus schreiben kann. Zudem besticht das Buch mit seinen vielen phantasievollen Illustrationen. Geeignet ist Wildwood vor allem für Kinder ab ca. neun Jahren, Naturliebhaber und Freunde von Abenteuerbüchern, die sich nicht davor scheuen, im wilden Wald verloren zu gehen.

Unter folgendem Link finden Sie die Rezension zu Wildwood - Das Geheimnis unter dem Wald.

 

 


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