von Prof. Dr. Julia Benner

Prue und Curtis erleben im zweiten Band der Chroniken von Wildwood spannende und verrückte Abenteuer, die sie diesmal auch unter den Wald führen. In einer teils unterirdisch verlaufenden Odyssee werden sie von Auftragskillern verfolgt, in einen Maulwurfskrieg verwickelt und begegnen schließlich einem exilierten Wildwaldianer. Aber auch die beiden Schwestern von Curtis werden diesmal in die magische Welt des Waldes mit hineingezogen.

Meloy, Colin: Wildwood - Das Geheimnis unter dem Wald.
Mit Bildern von Carson Ellis.
A.d. Amerikan. v. Astrid Finke.
Heyne, München 2013.
592 S., 17,99 €
ISBN 978-3453267152

Inhalt
Prue ist wieder zurück in der normalen Alltagswelt von Portland, doch mit dem Kopf scheint sie noch im Wildwald zu sein. In der Schule ist sie plötzlich unaufmerksam, was nur noch dadurch verstärkt wird, dass sie nun die Stimmen von Pflanzen hören kann. Derweil trainiert Curtis fleißig, um ein guter Wildwaldräuber zu werden. Allerdings hat auch er Probleme, denn neben den harten Anforderungen führt der eisige und lange Winter zu Nahrungsknappheit, die wiederum die Unzufriedenheit in der Bevölkerung verstärkt. Dann tauchen auch noch ruchlose Meuchelmörder auf, die Prue und ihre Freunde im Visier haben, ohne dass jedoch bekannt ist, wer sie beauftragt hat. Klar wird nur, dass es in Wildwald mysteriöse Mächte gibt, die das Land nach ihrem Willen umgestalten wollen und dabei auch über Leichen gehen. Es obliegt nun Prue, den Wildwald zu retten. Aber diese Aufgabe scheint schier unlösbar zu sein.

Darüber hinaus wird die grüne Wildnis nun auch von außen bedroht: Der Industrielle Titan Joffrey Unthank, der in seiner Fabrik Waisenkinder schuften lässt, sucht verbissen nach einem Weg, um die magische Grenze zu überqueren, um das Gebiet dahinter zu industrialisieren und nach kapitalistischen Prinzipien umzugestalten. In seine Fänge geraten auch die Schwestern von Curtis, wodurch auch sie in die Geschicke von Wildwald verwickelt werden.

Kritik
In Wildwood - Das Geheimnis unter dem Wald entfaltet sich die Geschichte um die beiden Protagonisten Prue und Curtis weiter. Wieder geht es in dem Roman um Freundschaft, Solidarität, Macht und Rache. Auch Kritik an Naturzerstörung wird erneut geäußert und durch eine stark ausgestaltete Kapitalismuskritik erweitert. So kontrastiert Wildwald, wo Mensch und Tier weitestgehend im Einklang mit dem uralten Wald leben, mit der müllüberfluteten Außenwelt und ihrer Industriewüste. Anders als in vielen anderen Erzählreihen für Kinder werden aber nicht dieselben Handlungselemente reaktiviert. Während der erste Teil nach dem Schema eines klassischen Abenteuerbuches funktionierte (etwas Wertvolles wird geraubt, Held(in) zieht los in fremde Welt, lernt dort allerhand Neues kennen und kehrt schließlich erfolgreich in Heimat zurück), ist das zweite Buch schon allein durch die Hinzufügung eines weiteren Erzählstranges deutlich komplexer – und auch um einiges schrulliger.

Auffallend ist außerdem, dass Wildwood mehr noch als im ersten Band unauffällig ein intertextueller Wald geworden ist, in dem sich japanische Fuchsdämonen genauso tummeln, wie ein weißer Hase, der Alice in Wonderland entlehnt ist. Zudem erinnert der in der Fabrik situierte Erzählstrang an Philipp Ardaghs Eddie Dickens-Trilogie oder die Lemony Snicket-Bücher. Curtis' Schwestern, Rachel und Elsie, kommen in ein Kinderheim, weil die Eltern auf der Suche nach ihrem verlorenen Sohn in die Türkei reisen. Dort müssen sie, wie all die anderen Kinder, in einer Fabrik arbeiten, die Maschinenteile herstellt. Unthank und seinen Wirtschaftstitanenfreunden geht es allein um Wachstum und Profit. Um Gesetze und Sicherheitsvorschriften setzen sie sich schulterzuckend hinweg und nehmen es dabei gern in Kauf, wenn die Kinder und die Umwelt auf der Strecke bleiben. Für Unthank aus der Industriewüste ist Wildwald einfach nur ein riesen Absatzmarkt, der gleichzeitig voller Ressourcen steckt. Wie so oft sind es die Kinder, die sich gegen diesen Raubbau mit den Tieren verbünden, um dies zu verhindern.

Ein wenig stereotyp und mit einer Prise Sarkasmus überzeichnet wirkt Unthanks Frau, die kühle Desdemona Mudrak, die nicht mehr gewillt ist hinzunehmen, dass ihr Mann seine ganze Zeit einer Obsession widmet, die für sie so ernsthaft ist wie ein "Sputnikdenkmal aus Lego". Tatsächlich sind all die grausam handelnden Erwachsenen in dem Text, ob sie innerhalb oder außerhalb des Waldes leben, versessen auf ein bestimmtes Ziel, sei es Rache, Geld oder Berühmtheit. Dieses totalitäre Ziel lässt sie alles andere vergessen und in ihrem Größenwahnsinn treiben sie sich und ihre Umwelt ins Verderben. Erst gegen Ende erkennt Unthank, dass er wie Hermann Melvilles Kapitän Ahab an Monomanie leidet: "Er war der Kapitän dieses Schiffes, und sein weißer Wal war die Undurchdringliche Wildnis. Zum Umkehren war es bereits zu spät, die Harpune war geworfen.“ (S. 484)

Wie auch im ersten Band verstärken die wunderschönen Bilder von Carson Ellis den Lesespaß ungemein. Beispielsweise zeigt ein vornehmlich in Rot-, Braun- und Schwarztönen gehaltenes Bild eine Maulwurfsstadt, die aus einem bunten Sammelsurium von kleinen Häusern besteht, welche aus Müll wie Babyflaschen und Milchkartons sozusagen recycelt wurden. Auch die kleinen teilweise in den Text eingefügten Bilder, wie z.B. ein Kinderzug am unteren Rand einer Doppelseite, erzeugen eine einzigartige Text-Bildharmonie, die man selten in einem Roman findet.

Fazit
Wildwood - Das Geheimnis unter dem Wald ist etwas dunkler und deutlich skurriler als sein Vorgänger, aber nicht minder lesenswert. Der dritte Teil wird mit Spannung erwartet.

Unter dem folgenden Link finden Sie die Rezension zu Wildwood.

 

 

 


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