von Sabine Planka

Wie fühlt man sich, wenn die eigene Existenz bedroht ist, man plötzlich vor dem Nichts steht? Dans Eltern, die seit Jahren arbeitslos sind, werden von der US-amerikanischen Wirtschaftskrise getroffen – so hart, dass sie das Haus nicht mehr halten können und zusammen mit Dan in das Zeltlager Dignityville ziehen müssen. In der Stadtmitte von Average gelegen, ist es für die einen die letzte Rettung – für andere ein Schandfleck, den es zu bekämpfen gilt. Morton Rhues Roman über die Wirtschafts- und Finanzkrise der USA, die den Leser berührt und über wahre Werte nachdenken lässt.

Rhue, Morton: No place, no home
Übers. a.d. amerikan. Engl. v. Katarina Ganslandt
Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2013
287 S., 14,99 €
ISBN 978-3-473-40100-0

Inhalt
Dan, erfolgreicher Pitcher im Baseball-Team seiner Highschool, muss erleben, dass seine Eltern die Haltungskosten für das Haus nicht mehr aufbringen können und die Bank die Zwangsversteigerung anberaumt hat. Dans Vater, ein arbeitsloser Sportlehrer, der vor seiner Arbeitslosigkeit Jugendgruppen und Jugendliche aus problematischen Stadtbezirken und Familien trainiert hat, und seine Mutter, eine ebenfalls arbeitslose Portfoliomanagerin, müssen zusammen mit Dan das Haus räumen und ziehen zu Dans Onkel Ron, dem Bruder seiner Mutter.

Obwohl sie zunächst hilfsbereit aufgenommen werden und sich in Haus und Garten nützlich machen, wird die Lage zunehmend angespannter, so dass sich Dans Eltern schließlich dazu durchringen, nach Dignityville, die Zeltstadt im Osborne Park zu ziehen. Dan ist nicht begeistert, dass er von nun an in einem Zelt schlafen muss und schämt sich zunächst: "Es führte kein Weg daran vorbei. Ich musste es [Noah] sagen. 'Wir sind am Wochenende umgezogen.' 'Schon wieder? Wohin denn?' Ich blieb stehen. Die Tage wurden kürzer und im kalten, trockenen Wind konnte man schon den nahenden Herbst riechen. 'Schwör mir, dass du …', begann ich, aber dann biss ich mir auf die Zunge. Was sollte der Quatsch? Früher oder später würden es sowieso alle erfahren. Noah sah mich abwartend an. 'Dignityville.' Ganz egal, wie oft Aubrey behauptete, dass wir dort Pioniere eines neuen Lebensstils waren, ich empfand es als unglaublich erniedrigend, den Namen meines neuen Wohnorts laut aussprechen zu müssen. Ich – Dan Halprin – war jetzt offiziell obdachlos." (S. 111) Für Dan ist Dignityville "nicht die Zukunft, sondern die Endstation für arme, unglückliche Menschen, die andernfalls in Hauseingängen oder Autos schlafen müssten." (S. 95)

Doch er merkt schnell, dass er und seine Eltern nicht die Einzigen sind, denen die wirtschaftliche Situation zu schaffen macht: "Es fiel mir immer noch schwer, zu glauben, dass es tatsächlich Leute gab, die einen Vollzeitjob hatten und trotzdem so wenig verdienten, dass sie sich kein eigenes Zuhause leisten konnten." (S. 114f.) Dazu gehört auch Meg, die er in der Schule schon öfter gesehen hat. Langsam kommen sich die beiden näher und Dan erfährt das ganze familiäre Schicksal, in dem Meg steckt: Der krebskranke Vater, dessen Tod nur eine Frage der Zeit, erhält von staatlicher Seite keinerlei Unterstützung, der Verdienst der Mutter wird für Medikamente benötigt, so dass sich die Familie eine feste Bleibe nicht leisten kann. Megs Bruder engagiert sich für das Camp und dessen dauerhafte Existenz, da er nüchtern und klar beobachtet, wie sich die gesamtgesellschaftliche Situation zuspitzt. Doch genau dieses Engagement ist so manchem Bürger in Average ein Dorn im Auge und die Emotionen entladen sich nicht nur in Demonstrationen gegen das Camp, sondern auch personell in einem Überfall auf Megs Bruder, der nur knapp überlebt.

Als das Camp eines Nachts während einer Demonstration verwüstet wird, wird schnell klar, dass die Öffentlichkeit das Camp absolut nicht haben will und bewusst die Augen vor dem Elend verschließt: "Ich muss Ihnen nicht sagen, welche Auswirkungen das auf das Image unserer Stadt im Allgemeinen und die Grundstückspreise im Besonderen hat." (S. 138)

Dan erkennt langsam, dass eben nicht alles schwarz-weiß ist und lernt langsam, sich mit seiner Situation zu arrangieren – und hinterfragt vor diesen Erfahrungen seine Lebensziele und Träume und entscheidet sich zu guter Letzt dafür, sein Leben auf eine sichere Basis stellen zu wollen.

Kritik
In der dem Buch angehängten Kurzbiografie von Morton Rhue heißt es: "Seine Romane schockieren und berühren gleichermaßen durch ihren ungeschminkten Blick auf die amerikanische Wirklichkeit und durch ihre direkte Sprache." (o.P.) Bei diesem Satz kann man es eigentlich belassen, denn nichts beschreibt dieses Buch so treffend. Doch man muss einfach noch mehr Worte verlieren über dieses Buch, dass das sich innerhalb weniger Wochen wandelnde Leben eines sich im letzten Highschooljahr befindenden Schülers zum Anlass nimmt, um die gesellschaftlich-sozialen Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise nachhaltig zu zeigen. Dan sieht sich den Argumenten der Gegner wie Befürworter eines Camps, das zunächst als Auffanglager für gestrandete Existenzen beschrieben wird, gegenüber und muss schließlich am eigenen Leib erfahren, dass auch normal Berufstätige im Camp leben, da ihr Gehalt nicht ausreicht, um sich ein festes Dach über dem Kopf leisten zu können. Das führt dazu, dass Dan mehr und mehr sein Leben hinterfragt und seine Träume in den Hintergrund rückt zugunsten eines neuen und ungeschminkten Blicks auf die Realität. Seine Wandlung und Weiterentwicklung, die sich hier zeigt, ist glaubwürdig: Seinen Entscheidungen merkt der Leser an, dass Dan reifer wird, wenn er sich für eine – zunächst – sichere Richtung im Leben entscheidet und den Traum, Pitcher in einem Profibaseballteam zu werden, in den Hintergrund drängt, um sich einen Job zu suchen und um zu studieren – auch wenn er festgestellt hat, dass "selbst Leute, die studiert oder eine Ausbildung gemacht haben, in irgendwelchen Billigjobs stecken[bleiben]… oder […] gar keine Arbeit [finden]." (S. 179)

Rhue gelingt es, einfühlsam und gleichzeitig pointiert, dem Leser Dans Gefühle nahezubringen: Beeindruckend und berührend und wohl auch am Nachhaltigsten ist die Szene, als Dan mit seinen Freunden aus reichen Familien, die (noch) nicht von der Wirtschaftskrise betroffen sind, Chili kocht, um es nach Dignityville zu bringen und es kurz darauf, nämlich einen Tag später selbst essen 'darf', als er in das Camp umgezogen ist (vgl. S. 96). Was Rhue hier vorführt, ist gekonntes sprachliches Jonglieren und ein Arbeiten mit Nichtgesagtem, das zwischen den Zeilen deutlich zutage tritt.

Bezieht sich Rhues Geschichte auf die konkreten wirtschaftlichen und finanziellen Probleme der USA, so erhält der Roman eine Zeitlosigkeit durch die eingestreuten intertextuellen Bezüge, mit denen Rhue seine Geschichte angereichert hat. Hauptsächlich ist es John Steinbecks Werk Früchte des Zorns, das Rhue seinen Protagonisten Dan immer wieder zitieren lässt. Deutlich betont Rhue die Parallelen des Romans und Dans Wirklichkeit, wenn die Flucht der Protagonisten aus Früchte des Zorns vor Hunger und Armut aufgegriffen wird, die in Kalifornien endet, wo sie "zusammen mit anderen Opfern der damaligen Weltwirtschaftskrise in einer sogenannten 'Lumpenstadt' unterkomm[en]." (S. 91; dazu auch S. 247) Aber auch Tennessee Williams' Theaterstück Endstation Sehnsucht führt Rhue an: "In dem Stück kommt eine Frau namens Blanche DuBois vor, die aus einer Familie stammt, die früher mal reich war, mittlerweile aber vollkommen verarmt ist. Am Ende wird sie verrückt, kommt in eine Irrenanstalt und bildet sich ein, dass sie bald von ihrem Millionärsfreund abgeholt wird und mit ihm eine große Reise unternimmt. Ich lebe in einem Zelt, nehme an der kostenlosen Schulspeisung teil, lasse meine Freundin für mich zahlen und bilde mir tatsächlich immer noch ein, ich wäre NICHT arm?" (S. 190)

Fazit
Morton Rhue ist mit No place, no home ein Roman gelungen, dessen Zeitlosigkeit an Rhues Die Welle erinnert: Rhue legt schonungslos den Finger in die Wunde und zeigt sprachlich klar und ausgefeilt gesellschaftliche Missstände auf, deren ‚Existenz‘ man durch Wissen und Aufklärung, aber auch durch ein soziales Bewusstsein und Empathie entgegenwirken kann. Ein großartiges Werk, das sich auch als Schullektüre eignet, um jugendliche Leser für ein Thema zu sensibilisieren, von dem Menschen aus allen Gesellschaftsschichten betroffen sein können.

 


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