von Yvonne Lübben, Amrei Kuhlencord und Bianca Freitag

"Grusel und Spannung werden hier walten, böse Geschöpfe, Horrorgestalten." Mit diesem für ein Kinderbuch eher ungewöhnlichen Einstieg schafft der englische Autor Robert Paul Weston eine schaurig schöne Atmosphäre, die den Leser dazu einlädt, sich von skurrilen Figuren in die gereimte Welt von Zorgamazoo entführen zu lassen.

Weston, Robert Paul: Zorgamazoo
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschahn
Jacoby & Stuart, Berlin 2012
288 S., € 16,95
ISBN: 978-3941087989

Inhalt
Ob leuchtende Augen im Dunkeln oder haarige Gestalten mit Hörnern, der jungen Katrina Katrell bleibt nichts Fantastisches verborgen. Sie sieht Dinge, die anderen Menschen verschlossen bleiben und von ihnen als bloße Träumereien und Trugbilder abgetan werden. Aus diesem Grund verbündet sich Mrs. Krabone, Katrinas Vormund, mit einem Gehirnchirurgen, der ihr die "üblen Teile" des Hirns herausschneiden soll. Dem Mädchen gelingt aber die Flucht, bei der sie in Mortimer Yorgel, einem zottigen Zorgel, einen neuen Freund findet. Bei seiner Suche nach den verschwundenen Zorgeln aus Zorgamazoo steht sie dem recht feigen Mortimer mit ihrem Mut und ihrer Intelligenz zur Seite. Mithilfe einer verwirrenden Karte gelangen sie in das ländliche Dorf Zorgamazoo. Dort treffen die beiden Freunde auf die Windigodame Winnie, mit der sie gemeinsam eine überraschende Entdeckung machen. Doch was hat es mit dieser Entdeckung auf sich? Können sie die vermissten Zorgel wiederfinden? Und wird Mrs. Krabone es letztlich doch schaffen, Katrinas Kreativität den Garaus zu machen?

Kritik
Mit seinem Werk formuliert Robert Paul Weston einen Appell an die Bedeutsamkeit der Fantasie, der sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. Geschickt von Uwe-Michael Gutzschahn übersetzt, fließen die Geschichte, die Figuren und die Illustrationen zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

Der Roman beginnt mit der parallelen Darstellung der Vorgeschichten beider Protagonisten, die wie die Schicksale von Katrina und Mortimer zusammenlaufen. Dadurch spiegelt sich der Inhalt des Romans in der Erzählstruktur wieder und gewährt dem Leser einen genauen Einblick in die Figuren und damit in die Handlung, die durch einen gut konstruierten Spannungsbogen mit zwei Höhepunkten leicht nachzuvollziehen ist. Die Geschichte weist allerdings diverse Aspekte auf, die fraglich erscheinen, wenn man bedenkt, dass das Buch für Kinder von 9 bis 14 Jahren empfohlen ist: Ob nun ein hirnamputierender, leicht wahnsinnig wirkender Chirurg, eine mordlüsterne Bande, menschenfressende Windigos oder furchteinflößende Roboter mit Fangarmen: Dieses Kinderbuch ist wohl eher für Kinder gedacht, die diese Art von Geschichten mögen oder sich nicht leicht ängstigen lassen. Ein weiterer ambivalenter Punkt ist das eingearbeitete Motiv des Todes, das auf den ersten Blick für Kinder weniger geeignet scheint, weil es ihnen Angst einjagen könnte. Weston aber löst diese Situation geschickt, indem er dem Tod auf seine eigene Weise den Schrecken nimmt.

Lenkt man den Blick auf die Figuren in Zorgamazoo, so stechen Katrina und Mortimer als Protagonisten sogleich ins Auge. Mit der jungen, tapferen, selbstsicheren und mutigen Katrina Katrell schafft Weston eine Heldin, die für kindliche Leser und Leserinnen sicherlich ein hohes Identifikationspotenzial mit sich bringt und als Vorbild fungieren könnte. Auf der anderen Seite ist Katrina ein Kind, das von den Erwachsenen nicht verstanden wird und dadurch mit seinen Gedanken alleine ist. Diese Tatsache wird vor allem durch Mrs. Krabone verdeutlicht, die für die Fantasien des Mädchens, welche sich jedoch als Realität herausstellen, nichts übrig hat. Als Beweis für die Existenz von Katrinas anscheinend unglaubwürdigen Wahrnehmungen arbeitet Weston dagegen die Figur des Zorgels Mortimer Yorgel heraus. Dieses Fantasiewesen weist im Gegensatz zu Katrina einige Parallelen zur Alltags- und Arbeitswelt von Erwachsenen auf. Kindliche Leser und Leserinnen identifizieren sich jedoch wohl kaum mit dem zottigen und feigen Wesen, das sich vor Abenteuern drückt, wenn neben ihm eine Katrina Katrell steht, die mit Köpfchen so manche brenzlige Situation meistert. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht muss man sie jedoch als eindimensionalen "flat character" identifizieren. Sie durchläuft keine Entwicklung und verfügt auch über kaum nennenswerte Ecken und Kanten oder innere Konflikte. Mortimer hingegen wandelt sich vom feigen und faulen Zorgel zu einem Helden, der seine Ängste überwindet, um seinen Freunden zu helfen. So wie die beiden ihre Reise nur zusammen bestehen können, so konstituieren sie auch erst zusammen als Einheit eine perfekte Heldenfigur, deren Erlebnisse den Leser mitreißen.

Mit dem Konflikt zwischen Katrina und Mrs. Katrell über die Fantasie des Mädchens wird auch für Erwachsene ein spannendes Thema aufgegriffen. Es stellt sich die Frage, wie Kinder denken und wie sie die Welt im Vergleich zu Erwachsenen sehen. Zu hinterfragen bleibt auch, welche Sicht eigentlich die bessere darstellt und ob Erwachsene sich nicht manchmal ein Stück von der kindlichen Fantasie abschneiden sollten...

Konsequent in Reime geschnürt, stellt Westons Roman wohl eine Rarität auf dem Markt der Kinder und Jugendliteratur dar. Die deutsche Nachdichtung von Uwe-Michael Gutzschhahn besticht durch ein überlegtes und für Kinder sprachlich anspruchsvolles Auf und Ab von Paarreimen und Kreuzreimen in einem nicht ganz konsequenten Metrum. Die Reimform könnte auf manche abschreckend wirken oder den Lesefluss zu Beginn hemmen. Andererseits fördert diese besondere Form kindliche Leser in ihrem Sprachgefühl, weshalb Zorgamazoo besonderer Zuspruch entgegengebracht werden sollte. Neben Kraftausdrücken, die eventuell ein Schmunzeln provozieren, regen sprachliche Bilder und Vergleiche die kindliche Vorstellungskraft an, die jedoch an manchen Stellen durch Fremdwörter behindert wird. Demzufolge spricht einiges dafür, das Buch als Vorlesemedium zu verwenden. Allerdings begrüßen die Illustration und die aufwendige Typographie eher ein Selbstlesen, da sie gesehen werden wollen.

Fazit
Zorgamazoo zeigt durch gekonnt inszenierte Reime eine Welt voller skurriler Figuren und Ereignisse, die vielleicht nicht für jedes Kind passend erscheinen, aber durch ihre Andersartigkeit eine gewisse Anziehung ausüben. Mit viel Gefühl versteht es Weston, die Bedeutsamkeit der Fantasie hervorzuheben und diese mithilfe des Buches in den Alltag einzuweben. Nominiert für den deutschen Jugendliteraturpreis 2013 reimen sich Katrina und Mortimer einen Weg in die Herzen und Köpfe der Leser.

 

 

 


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