Bertram, Rüdiger: Norden ist, wo oben ist

von Dr. phil. Sabine Planka

Mit Norden ist, wo oben ist entführt Rüdiger Bertram nicht nur seine Protagonisten Philipp, Spross reicher, aber geschiedener Eltern, und Mel, Vollwaise und auf dem Weg zu einer Kinderfreizeit, sondern auch seine Leser auf einen abenteuerlichen Roadtrip in den Norden Deutschlands – nach oben eben. Und lässt alle ein unterhaltsames Abenteuer erleben, zu Wasser, per Auto und zu Fuß…

Bertram, Rüdiger: Norden ist, wo oben ist
Mit Vignetten von Constanze Spengler
Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2013
191 S., 12,99 €
ISBN 978-3-473-36865-5

Inhalt
Philipps Eltern sind geschieden und überlassen Philipp die Entscheidung, mit welchem Elternteil er in den Urlaub fliegen möchte, nämlich entweder mit seiner Mutter nach Indonesien oder mit seinem Vater nach Florida. Auf der Autobahnraststätte soll Philipp sich entscheiden – und das tut er auch, nämlich gegen beide Urlaube! Er will endlich allein sein und vier Wochen lang seine Ruhe haben. Dass seine Eltern sich sorgen könnten, darüber macht sich Philipp keine Gedanken: Beide Elternteile werden denken, dass er zum anderen Elternteil ins Auto gestiegen und zum Flughafen gefahren ist.

Doch es kommt – natürlich – anders, als Philipp sich das vorgestellt hat. Auf der Raststätte trifft er auf Mel, die als Waise bei einer Pflegefamilie wohnt und auf dem Rastplatz von den Betreuern einer Kinderfreizeit vergessen wurde. Für Mel ist Philipp eine willkommene Abwechslung, und Philipp will ihr unbedingt imponieren. Er verschweigt ihr, dass seine Eltern wohlhabend sind und gibt prahlerisch an, dass er eine Villa kenne, die leer stehe und in die man 'einbrechen' könne. (Vgl. S. 17) Dass es sich dabei um sein eigenes Zuhause handelt, verschweigt er – natürlich. Und so bricht er zusammen mit Mel in sein eigenes Zuhause ein. Anstatt Mel die Wahrheit zu sagen, lässt er es zu, dass sie sein Zimmer in Beschlag nimmt, sein gespartes Geld findet – immerhin 1.445,- € –, den fahrbaren Rasenmäher benutzt und zu guter Letzt auch noch seine Fechtausrüstung anzieht und im Garten herumtobt.

Als der Nachbar Philipp erkennt, glaubt Mel, dass sie nun bei dem Einbruch ertappt seien und flieht zusammen mit Philipp auf dem Boot, das am hauseigenen Bootssteg ankert.

Es beginnt ein Roadtrip, der die beiden gen Norden führt, damit Mel ihren leiblichen Bruder in Rostock besuchen kann, den sie nicht gesehen hat, seit sie nach dem Tod der Mutter in unterschiedliche Pflegefamilien gekommen sind. Um unentdeckt zu bleiben, versenkt Mel zunächst sowohl ihr eigenes als auch Philipps Handy im Fluss und wirft dann zu Philipps Entsetzen auch das ganze Geld ins Wasser, das Philipp nur mit einem beherzten Sprung in selbiges retten kann. Als sie kein Benzin mehr haben, müssen sie ankern und treffen dort auf Erich, der mit seinem Hund spricht, der aber nicht zu existieren scheint. Sie 'entkommen', haben aber in Erichs Radio noch hören können, dass inzwischen die Polizei nach den beiden Kindern sucht und davon ausgeht, dass Mel Philipp entführt hat. Als beide später noch einmal ankern müssen, um Lebensmittel zu kaufen, reißt sich ihr Boot los - Mel hat es mit einer Schleife statt mit einem Seemannsknoten vertäut - und wird von der Polizei gefunden, die den beiden Kindern immer näher kommt. Ihre Reise scheint ein Ende zu nehmen, bevor Mel ihren Bruder gefunden hat… Oder etwa doch nicht…?

Kritik
Bertram ist mit Norden ist, wo oben ist ein unterhaltsamer Kinderroman gelungen, der sich einreiht in eine Reihe von Romanen, die Roadtrips von Kindern bzw. Jugendlichen aus deren Sicht schildern, z.B. Christian Krachts Faserland oder auch Wolfgang Herrndorfs Tschick. Es gelingt Bertram – wie es v.a. in Tschick zu sehen ist – dem Leser die Beweggründe und Gefühle der 'Reisenden' zu vermitteln, die oftmals den Annahmen der Erwachsenen, die den Jugendlichen kriminelle Ambitionen unterstellen, konträr gegenübergestellt werden. So ist es im Grunde eine Verkettung unglücklicher Umstände, deren Anfang aus einer einzigen Lüge besteht und die eine Ereigniskette in Gang setzt, aus der die Protagonisten selbst kein Entkommen mehr sehen, wie Philipp selbst treffend feststellt: "Es interessiert [Mel] gar nicht, was ich will, und eigentlich wäre das genau der richtige Moment, um ihr zu sagen: 'Hör mal, das Boot gehört meinem Vater, und wenn hier jemand sagt, wo es hingeht, dann bin das ich und sonst niemand. Und bei der Gelegenheit kannst du mir gleich mal meine 1.145 Euro wiedergeben!' Aber dafür ist es längst zu spät. Es ist wie in einem Moor. Wenn man sich zu tief hineinverirrt, versinkt man irgendwann und ist unrettbar verloren. Ich stecke bis zu den Lippen im Sumpf meiner Lügen und wenn ich jetzt den Mund aufmache, läuft mir der ganze eklige Schmodder in den Hals." (S. 69)

Bertram gelingt es dabei, beide Figuren überzeugend auftreten zu lassen, auch wenn anfangs zwei Klischeebilder aufeinanderprallen: Reicher Junge trifft armes Mädchen, beide fliehen vor einer imaginären Gefahr – die es in diesem Fall ja gar nicht gibt – und raufen sich zusammen. Was zunächst simpel anmutet, bietet aber v.a. Mel Raum zur Entwicklung. Wird sie als unüberlegt und impulsiv handelnde Nervensäge eingeführt, so traut sie sich später bei aller Coolness nicht, bei dem eigenen Bruder anzuklingeln und gewinnt dementsprechend an Tiefe. Auch Philipp, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, so dass eine homodiegetische Erzählsituation vorliegt, entwickelt sich, wenn auch nicht so extrem wie Mel. Jedoch kann er mit (unnötigem) Wissen und vorausschauendem Denken glänzen und wird so als Gegenpol zur impulsiven Mel aufgebaut. Das macht sich v.a. in der Szene bemerkbar, als Mel das Geld ins Wasser wirft, Philipp jedoch hinterher springt, weil sie das Geld für Lebensmittel und Benzin benötigen – etwas, woran Mel nicht gedacht hat. Dementsprechend harmonieren beide Charaktere mit- und ergänzen einander.

Narrativ überzeugt der Roman durch eine stringent erzählte Handlung, die sich nicht in unnötigen Kleinigkeiten aufhält und den Leser schlüssig das Abenteuer der beiden Protagonisten erleben lässt und auch so manches Hindernis einbaut, das bewältigt werden muss.

Fazit
Norden ist, wo oben ist ist ein unterhaltsamer Roman, der den Leser auf eine abenteuerliche Reise entführt und wunderbar unterhält, gleichzeitig aber auch vermittelt, dass man sich im Geflecht aus Lügen durchaus verstricken kann, was unangenehme Folgen nach sich ziehen kann. Dennoch steht hier, bei aller Moral, der unterhaltende Faktor eines kindlich-jugendlichen Roadtrips im Vordergrund, der ungeahnte Wendungen nimmt. Und die letzten Sätze des Romans deuten es an: "Vielleicht fahren wir diesmal einfach mal nach unten, also nach Süden. Ich freu mich schon." (S. 190). Fortsetzung folgt…?

 

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