von Kristina Dobat und Elisabeth Fulle

Vergessen? …
… "Menschen sind wie Polaroids. Wenn man sie zu lange liegenlässt, wird aus dem Licht wieder Dunkelheit". Doch Autor Frank Cottrell Boyce entfacht ein lichtspendendes Feuer: Mithilfe eines Mantels und der darin verborgenen Polaroids wird Julie an ihre Zeit in der sechsten Klasse erinnert, an tiefe Spuren einer Freundschaft in der Wüste des Alltags und an das lautlose Geräusch von Angst hinter einer Tür.

Cottrell Boyce, Frank: Der unvergessene Mantel
A. d. Engl. v. Salah Naoura
Carlsen, Hamburg 2012
112 S., 11,90 €
ISBN 978-3-551-55594-6

Inhalt
Wenn Adler in der Mongolei Mützen tragen und ein Junge aus Teig einen Dämon täuschen kann, welche Bedeutung haben dann noch Schminksachen und das Volumen eines Würfels?
Die Erinnerung an diese und andere Fragen aus einem längst vergessenen Abschnitt ihrer Kindheit kehrt für die mittlerweile erwachsene Julie wie ein verlorener Schatz zurück. Mit dem Fund des Mantels und der Polaroidfotos in dessen Taschen fällt Licht auf eine weit zurückliegende, für Julie doch bedeutsame Zeit in der sechsten Klasse. Sie beginnt zu erzählen, führt uns retrospektiv mit den Augen, Gedanken und der Weltanschauung eines zwölfjährigen Mädchens zu einer bewegenden Freundschaft und einem Flüchtlingsschicksal, dessen Tragik sie damals nicht verstand.


Wie eine Sturmlaterne, die Schattenrisse auf einer Zeltwand zum Leben erweckt, verwandeln die Flüchtlingskinder Dschingis und sein kleiner Bruder "Niemand" Julies Alltag im englischen Bootle in ein Abenteuer, das ihr Flügel verleiht und ihr die Augen öffnet. Fasziniert vom Fremden, das mit der Ankunft der Brüder in ihre Klasse und damit in ihr Leben einzieht, wird sie im Sturzflug zur Expertin für die Mongolei und zu einer guten Ratgeberin für Dschingis und seinen Bruder. Wie Nomaden durchstreifen die Drei gemeinsam Julies Welt, finden Interessantes auf dem Pausenhof, Unerhörtes beim Fußball und Ungewöhnliches in den Dünen am Strand. Dabei interessiert Dschingis vor allem eines: Wie tarnt man eine Nadel im Heuhaufen, wenn ein Dämon nach ihr sucht, um sie verschwinden zu lassen? Man steckt seinen Bruder in ein Fußballtrikot und spricht mit Liverpooler Akzent, um sich hinter Anpassung und Unauffälligkeit zu verbergen. Doch wirft der Dämon stets seinen Schatten voraus und die Furcht, er würde Dschingis und Nergui finden und fortbringen, klammert sich an jeden Schritt der Brüder. Während sie unentwegt versuchen, ihre Spuren zu verwischen und den Dämon zu täuschen, sehnt Julie sich danach, die Spuren der Brüder verfolgen zu dürfen und endlich von ihnen nach Hause eingeladen zu werden, denn "irgendwo in den schmalen Straßen oder den Hochhäusern musste es ein Zimmer mit Seidenwaren und einem Samowar geben" (S. 27), in das sie eintreten darf und dessen mongolischer Zauber sie umhüllen wird wie ein warmer Pelzmantel. Dank einer unerwarteten Gelegenheit klopft sie schließlich an eine Wohnungstür. Doch rücksichtslos überrollt eine Woge des Unbehagens eine ahnungslose Julie, noch bevor die Tür geöffnet wird.

Kritik
Der unvergessene Mantel in der Übersetzung von Salah Naoura umhüllt uns wie die Wärme eines Lagerfeuers und lässt uns zugleich einen kalten Hauch spüren, der ein Schaudern über den Rücken treibt.
Das zentrale Motiv der Freundschaft als Sinnquelle des Lebens verleiht der Geschichte eine Sanftheit, ohne das Tragödienhafte zu verzerren. Mit der Aufgabe, sich um die Brüder zu kümmern, beginnt diese Quelle für Julie zu sprudeln und sie mit Dazugehörigkeit, Beachtung und Bedeutsamkeit zu überströmen. Die Offenheit für Neues und Fremdes und der unerbittliche Einsatz des Mädchens für die Brüder sind Eigenschaften, die eine von starker Sympathie getragene Beziehung des Rezipienten zur Protagonistin forcieren. Der Leser erlebt das Geschehen aus Julies Blickwinkel, wird zum Mitwissenden ihrer Emotionen in bedeutsamen Schlüsselmomenten, die immer im Zusammenhang mit Dschingis und seinem Bruder stehen und gleichzeitig auf Figuren mit Wiedererkennungswert zeigen, wie ihren Klassenkameraden Shocky, Mimi und ihrer Lehrerin Mrs. Spendlove, die ihren Namen alle Ehre machen.
Die tragische Thematik, die hinter dem Schicksal der Brüder steht – Flucht aus der Heimat in ein neues Land, verbunden mit permanenter Angst und Furcht vor Konsequenzen –, verliert durch die kindliche Perspektive der Ich-Erzählung und die Grenzen des kindlichen Verständnishorizontes ihre stechend scharfe Kontur.
Als weiteres Element führt Cottrell Boyce den Dämon als Metapher ein, denn: Welche Kreatur könnte beängstigender und schattenhafter sein als ein Dämon? Als zentrales Leitmotiv lauert dieses Wesen zwischen den Buchseiten, schleicht sich lauschend in Dialoge und verewigt seinen Schatten auf Polaroidfotos. Die permanente Angst vor diesem Wesen ist in Dschingis und Nergui stets präsent, denn es beobachtet und verfolgt sie, will sie verschwinden lassen. Cottrell Boyce überzeugt uns Rezipienten ganz und gar davon, dass jeder behagliche Moment durch etwas Ungreifbares und Bedrohliches fragil und flüchtig wird und lädt den Dämon damit interpretatorisch doppeldeutig auf. Der philosophische Blick auf das Leitmotiv ist unumgänglich und willkommen, denn während wir Erwachsene zunächst mutmaßen, der Dämon sei die Einwanderungsbehörde, könnte er ebenso ein kindliches Konstrukt sein, dass für gesellschaftliche Konflikte und individuelle Notlagen steht, denn Dschingis erklärt, der Dämon sei getarnt. "Er sieht wie ein normaler Mensch aus [...]. Deswegen mussten wir die Mongolei verlassen. Da war dieser Dämon, der uns verschwinden lassen wollte" (S. 32).

Durch direkte Rede in allen Dialogen entsteht das Gefühl, unmittelbar neben den Figuren zu stehen. Diese Direktheit wird durch die Gestaltung der Buchseiten in Form eines Schreibheftes und dem damit entstehenden Eindruck, Julies persönlicher Gegenstand läge in unseren Händen, verstärkt. Die Ich-Perspektive führt uns mit Julies Augen und ihren Gefühlen durch das Geschehen und trägt somit stark zu dessen Unmittelbarkeit bei. Die von Cottrell Boyce gewählte Erzählperspektive erwirkt gleichzeitig eine mutmaßende und fragende Haltung des Lesers in Bezug auf Handlungsmotivationen der weiteren Figuren des Romans, denn diese werden implizit charakterisiert und ihre Gefühlswelt bleibt weitgehend verborgen. Letztere lässt sich nur erahnen und das vor allem dann, wenn Cottrell Boyce Handlungen mit poetischer Raffinesse durchbricht und bewegende Vergleiche einfügt. "Nergui stand da und guckte zu wie bei einer Herz-OP und als wäre das Herz dort in der Rührschüssel sein eigenes" (S. 29). Kaum bildhafter könnte die Angst eines kleinen Jungen sein, der darum bangt, dass ein Dämon ihn verschwinden lässt und der gleichzeitig die Hoffnung trägt, ein Junge aus Teig könne ihn retten.
Unvergessen wie jene rhetorischen Spielereien bleiben vor allem die von Carl Hunter und Clare Heney gestalteten Fotografien, die sich wie ein Tuch in die Geschichte weben und einen geheimnisvollen Schatten auf die Spuren von Dschingis und Nergui werfen. Diese Spuren führen zu überraschenden Wendungen und letzten Endes, einem Fall des Helden gleich, zur Entlarvung der Wahrheit hinter Dschingis' künstlich erschaffener Szenerie zur Aufrechterhaltung seiner kulturellen Identität in einer fremden Welt.

Fazit
Die Magie des Augenblicks in der Begegnung verschiedener Kulturen aus kindlicher Weltsicht könnte kaum überzeugender eingefangen werden. Zeitlos und von aktueller Bedeutsamkeit hält der Roman gesellschaftlichen Strukturen einen kindlichen Spiegel vor und sensibilisiert für das Schicksal von Flüchtlingskindern und der Identitätssuche fernab heimatlicher Wurzeln.
Durch die glaubwürdig konstruierte Weltsicht der 12-jährigen Protagonistin, eignet sich „der unvergessene Mantel“, vor allem auf der Identifikationsebene, für Kinder diesen Alters. Ansprechend und der Altersgruppe angemessen ist sowohl die sprachliche Inszenierung, als auch das den Rahmen der Geschichte verzierende Freundschaftsmotiv. Mit der Fähigkeit und dem Interesse, sich in die vorherrschenden Thematik und Tragik hineinzuversetzen, ist dieses Buch ebenso jüngeren wie auch älteren Kindern zu empfehlen.
Inspiriert durch ein persönliches Erlebnis, so im Nachwort vermerkt, porträtierte der Autor eine bewegende Freundschaft über kulturelle Grenzen hinweg. Boyce verfasst einen realistischen Roman von philosophischer Kraft, für den er 2013 den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch erhielt.

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