von Anna Stemmann

Man nehme eine mit sich selbst hadernde Teenie-Protagonistin, als Setting ein ehrwürdiges, gleichzeitig aber geheimnisvolles Anwesen und eine bedrohliche Schattenerscheinung aus einer Parallelwelt. Fertig sind die bewährten Zutaten für einen leicht verdaulichen Roman, mit phantastischen Elementen, die auch Charlotte Richter-Peill in Magoria – Das Haus der Schatten aufgreift und nur wenig variiert.

Richter-Peill, Charlotte: Magoria – Das Haus der Schatten.
rororo rotfuchs, Reinbek 2013.
432 Seiten. 12,99 €
ISBN978-3-499-20013-7.

Inhalt

Die 17jährige Maja ist Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans. Nicht nur aufgrund ihres leichten Übergewichts ist ihr Alltag von großer Unzufriedenheit geprägt, sondern sie ist auch eine Außenseiterin in der Schule. Sie vergräbt sich oft zu Hause, ihr Handy verstaubt unbenutzt und spannende Ereignisse erlebt sie höchstens in den Erzählungen ihrer einzigen Freundin Rhonda, die dafür den Begriff "Schlüpfgesicht" prägt: "Das war so ein Ausdruck von ihr. 'Als würdest du am liebsten in das reinschlüpfen, was man dir erzählt.', hatte sie mal gesagt. Und das stimmte. Ich liebte es, mir das Leben anderer Leute so genau wie möglich auszumalen" (S. 28). Das ändert sich schlagartig, als Maja nachts plötzlich von einer gruseligen Schattenfrau heimgesucht wird, die in ihrem Zimmer erscheint und zu ihr spricht. Am nächsten Tag beobachtet sie einen weiteren Schatten, der einen Mitschüler anfällt. Der Betroffene kann dieses Schattenwesen jedoch nicht sehen, sondern nimmt stattdessen ein Unwohlsein wahr. Maja fürchtet, die Erscheinungen nur zu imaginieren und zweifelt an ihrem Verstand, bis sich die Lehrerin Ada ihr gegenüber als Mitseherin zu erkennen gibt. Ada hat sich in ihrer Tarnung als Vertretungslehrerin darauf spezialisiert, Jugendliche wie Maja aufzuspüren. Gleichzeitig ist Ada die Vorsitzende der Gesellschaft der Jäger und lädt Maja für die nahenden Sommerferien auf den geheimnisvollen Landsitz Magoria ein. Dort soll sie zur Jägerin ausgebildet werden, um in der Dunkelwelt auf Schattenjagd zu gehen. Die Schatten ernähren sich von menschlicher Lebensenergie und müssen daher vernichtet werden. Jedoch besitzen nur wenige Menschen die Sehergabe und können in die Schattenwelt reisen, um sich auf die Jagd zu begeben. In Magoria lernt Maja andere Teenager mit der gleichen Fähigkeit kennen und wird in einem straffen Ausbildungsalltag auf ihre erste Schattenreise vorbereitet. Auf dem Stundenplan stehen neben Reitlektionen und Waldläufen auch hausdienstliche Aufgaben. Zusehends verliert Maja an Gewicht und gewinnt im Gegenzug an Selbstvertrauen. Sie fühlt sich in der Gruppe aufgehoben und das erste Mal akzeptiert. Bis sie nach und nach auf ein großes Geheimnis stößt, das von Ada streng gehütet wird. 

Kritik

Charlotte Richter-Peills Roman Magoria bildet den Auftakt zu einer geplanten Trilogie rund um die Protagonistin Maja und die Gesellschaft der Schattenjäger. Der Roman weist dabei wenig innovative Ideen auf, sondern greift im Gegenteil auf die bewährte Struktur der klassischen Außenseitergeschichte zurück: ein einsames Mädchen, das mit sich selbst und seinem Umfeld hadert und lernen muss, sich selbst zu akzeptieren. Der Narration geschuldet gewinnt Maja entsprechend an Selbstwertgefühl, findet Anerkennung bei ihren neuen Freunden in Magoria und erlebt die erste große Liebe. Der Kampf gegen die Schatten stellt sich dabei als Kampf gegen die eigenen verdrängten Ängste und Schwächen heraus, die es nicht zu verschweigen, sondern zu akzeptieren gilt. Dass Maja dann tatsächlich auch erst abnehmen muss, um sich selber zu mögen, transportiert dabei keinen positiven Umgang mit der eigenen Körperwahrnehmung, zumal die Botschaft des Romans  „du kannst alles schaffen, wenn du nur an dich glaubst“ mantraartig von der Protagonistin in inneren Monologen wiederholt wird. Als Ich-Erzählerin wendet sich Maja zudem immer wieder direkt an den Leser und intensiviert die in der Erzählung codierte Botschaft. Jedoch geraten diese inneren Monologe der Protagonistin oft sehr langatmig und auch der dramaturgische Aufbau hält sich an ein konservatives Schema, das wenige Überraschungen für den Leser bereithält. Die Narration selbst ist chronologisch aufgebaut, der Leser begleitet Majas Entwicklungsprozess aus ihrer Perspektive, die ohne Rückblicke und Vorausdeutungen auskommt, sondern sich insbesondere auf die Innensichten der Erzählerin fokussiert.
Die Nebenfiguren sind in dieser Gestaltungsweise eher holzschnittartig konstruiert und repräsentieren spezifische Teenie-Klischees, die aus Majas Wahrnehmung geschildert werden: die bezaubernde und schlanke Carolin, die von allen gemocht wird (und von Maja neidvoll betrachtet wird), der hilfsbereite, sportliche und charmante Julian (Majas unerreichbarer Schwarm), oder der schweigsame Kevin, dessen Geheimnis von Maja trotzdem aufgedeckt wird.
Richter-Peill unterfüttert ihre Erzählung mit vielen moralisierenden Hinweisen, die wenig subtil eingestreut werden und insbesondere den Habitus der heutigen Jugendkultur kritisch aufgreifen: "Auf Magoria braucht ihr weder Handy noch Internet. Niemand von uns benutzt diese Dinge. Ich weiß, so etwas scheint heute kaum möglich, aber ihr werdet nichts davon vermissen. […] Ihr werdet aber schnell merken, dass euer Leben auf Magoria spannender ist als alles, was euch das Internet bietet. […] Für Magoria braucht ihr keine Handys. Für Magoria braucht ihr Mut" (S. 96).
Sieht man von solchen gestalterischen und teilweise auch sprachlichen Schwächen ab: "Sofort verwandelte sich mein Körper in eine gekochte Wurst. Wie im Traum bahnte ich mir einen Weg durch die Scherben und schaute mir zugleich selbst dabei zu, bis ich vor mir eine fahl leuchtende Scheibe sah und mein bis zur Unkenntlichkeit verzerrtes Spiegelgesicht blickte" (S. 91), gelingt es Richter-Peill jedoch, Spannung um das Geheimnis der Schattenwesen und der Vorsitzenden der Gesellschaft der Jäger Ada aufzubauen. Der Roman beschließt mit Majas erster Schattenreise und einem relativ offene Ende, das die Nachfolgebände implizit ankündigt.

Fazit

Erst aus ihrer vertrauten Umgebung herausgerissen ist Maja in der Lage, Vertrauen in sich selbst zu fassen, sich zu entwickeln und Erfahrungen des Heranwachsens zu machen. Es geht also um die Suche nach dem eigenen Platz im Leben, der Entwicklung des Selbstwertgefühls und dem Akzeptieren der eigenen Schwächen, was in der Erzählung schließlich plakativ mit der großen Liebe und dem ersten Kuss glücklich endet. In dem fantastischen Setting des abgeschiedenen Hauses und unter der Bedrohung durch die Schattenwesen, erzählt Richter-Peill dabei von der anstrengenden und aufreibenden Phase der Adoleszenz nach konservativem Schema und in einfacher Erzählperspektive, so dass die Geschichte meist vorhersehbar bleibt.
Magoria ist mit 420 Seiten dabei ein umfangreicher Jugendroman, der sich an ein Lesepublikum ab ca. 13 Jahren richtet, für das die Themenkomplexe von erster Liebe, Selbstzweifel und Körpergefühl relevant werden und hier in einem phantastischen Setting verhandelt werden.

 


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Mai 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2