von Sabine Planka

Der aus dem Jahr 152 n. Chr. stammende Gladiator Sethos, genannt Seth, reist durch die Zeit und trifft 2012 in einem Internat auf die hochbegabte Eva – in der er seine frühere Geliebte Livia erkennt. Doch bevor beide zusammen kommen, müssen sie einige Hindernisse überwinden: Ein Zeitreiseroman, dessen einzelne Komponenten überzeugen, jedoch in der Gesamtkonzeption viele Fragen aufwerfen.

Shulman, Dee: Century L.O.V.E. – Tödliches Fieber
A.d. Englischen v. Anne Brauner
dtv, München 2014
448 S., 9,95 €
ISBN 978-3-423-71568-3

Inhalt
Londinium 152 n. Chr.: Der erfolgreiche und gefeierte Gladiator Sethos verliebt sich in die römische Bürgerstochter Livia. Doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern, da Sethos bei einem Kampf schwer verwundet und in den Haushalt von Domitus Natalis gebracht wird, der Livias Adoptivvater ist. Dort steht er nicht nur unter der Beobachtung des Familienarztes Tychon, sondern wird auch von Flavia umgarnt, Livias Adoptivmutter, die in Sethos eine willkommene Abwechslung von ihrem eigenen Eheleben sieht und ihn von Livia unbedingt fernhalten will. Sethos‘ Genesung schreitet voran, so dass es ihm gelingt, sich mehrmals mit Livia zu treffen. Bei ihrer geplanten Flucht werden beide jedoch entdeckt, Livia wird getötet und Sethos so schwer verwundet, dass auch er schließlich stirbt und in Parallon, einer Art Parallelwelt, landet. Nachdem er sich in Parallon modernes Englisch und andere nützliche Fähigkeiten angeeignet und entsprechende Kleidung materialisiert hat, vollzieht er aus dieser Welt heraus schließlich im wahrsten Sinne des Wortes den Sprung nach London ins Jahr 2012: Er springt in einen Fluss und taucht in der Themse wieder auf. Dort trifft er im Internat St. Magdalene’s, wo er sich als Schüler einschreibt, die hochbegabte Eva, die nach zwei Schulverweisen hier aufgenommen wurde. Nach den ersten Wochen im Internat, in denen sie sich gut eingelebt und Freundschaften geschlossen hat, kommt es jedoch zum Zerwürfnis zwischen ihr und ihrer neuen Freundin Ruby, die sie verdächtigt, ihr den Freund ausgespannt zu haben. Als Seth, wie Sethos sich im gegenwärtigen London nennt, an dem Internat auftaucht, sieht Ruby in ihm einen neuen potentiellen Freund. Doch es kommt – natürlich – anders: Seth sieht Eva und erkennt in ihr seine große Liebe Livia, die aus unerfindlichen Gründen ebenfalls im Jahr 2012 wiederaufgetaucht ist. Eva kann sich jedoch nicht erinnern, dass sie schon einmal als Livia gelebt haben soll, fühlt sich allerdings von Seth angezogen. Nach anfänglichem Zögern kämpft Seth um seine Liebe und auch Eva erkennt zunehmend, dass sie Seth aus einem anderen Leben kennen muss …

Kritik
Das aufgegriffene Konzept der Zeitreise (siehe dazu Planka 2014) nutzt Autorin Dee Shulman dazu, zwei Leben und eine sie verbindende große Liebe aus der Antike hinaus in das gegenwärtige London zu transferieren, wo beide Protagonisten für eine gemeinsame Zukunft kämpfen müssen. Eine wichtige Station, die erst die Möglichkeit zur Zeitreise – zumindest für Sethos – bietet, ist die Parallelwelt Parallon, in der die Toten ankommen, die ermordet wurden, wie Sethos bei seiner Recherchen herausfindet. Parallon fungiert als Basis sowohl zwischen den Zeiten als auch den Räumen, in denen sich das Geschehen abspielt. Dieser Raum als solcher ist wandelbar und kann mittels Imagination von den 'Bewohnern' geformt und verändert werden und scheint auch seinen eigenen zeitlichen Gesetzen zu gehorchen, so dass er durchaus mit den Foucaultschen Konzepten der Heterotopie und der Heterochronie in Verbindung gebracht werden können. "In aller Regel bringen Heterotopien an ein und demselben Ort mehrere Räume zusammen, die eigentlich unvereinbar sind." (Foucault 1966/2005, S. 14) Foucault führt weiter aus, "dass Heterotopien oft in Verbindung mit besonderen zeitlichen Brüchen stehen." (Ebd., S. 16) Parallon wird zum Raum für die Wünsche der unterschiedlichen Bewohner, die aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen kommen und in Parallon zu Unsterblichen werden (wobei sie ihre Unsterblichkeit verlieren, wenn sie wieder in die reale Welt gelangen). Soziologisch gesehen prallen somit auch unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe aufeinander, die im normalen Geschichtsverlauf historisch entstanden sind, hier aber konträr gegenübergestellt werden und ein breites Spektrum an Spannungen ermöglichen.

Auch die anderen Räume und Zeiten überzeugen durch ihre Konzeption und Ausgestaltung: Shulman gelingt es, dem Leser die Antike bildhaft vor Augen zu führen und so einen lebendigen Eindruck der Vergangenheit zu erzeugen. Gleiches gilt auch für die Gegenwart, die dem Leser durch das hier aufgegriffene Genre der Schul- bzw. konkreter der Internatsgeschichte bekannt vorkommen dürfte. Verbunden werden beide Zeiten durch ihre Räumlichkeiten: Während des Besuchs einer Ausgrabungsstelle in 2012 wird Eva mit einem Mosaikmuster konfrontiert, das der Leser kennt aus dem Haus der Familie Natalis, in dem Sethos gesundgepflegt wurde. Über Räumlichkeit wird somit primär die Erkenntnis der Protagonistin gefördert, dass sie schon einmal gelebt haben muss, sekundär erkennt aber auch der Leser, dass sich Eva an ein vergangenes Leben in der Antike erinnert. Ein solcher Schlüsselmoment ereignet sich, als Eva mit ihrer Klasse eine Ausgrabungsstelle in London besucht und beim Anblick des Mosaikmusters auf dem Boden in Ohnmacht fällt, weil es Erinnerungen in ihr wachgerufen hat. Dem Leser dürfte das von Shulman sehr ausführlich beschriebene Mosaik schon zu Beginn der Handlung im Haus von Domitus Natalis aufgefallen sein.

Die Protagonisten selbst sind ebenfalls in sich schlüssig konzipiert: Sethos ist der erfolgreiche, von den Zuschauerinnen angehimmelte, von den Zuschauern bewunderte und protegierte Gladiator, der sich unglücklich in eine Bürgerin verliebt, die von Standes Wegen nicht für ihn bestimmt ist, so dass ihre Liebe scheitern muss. Eva wird als Schülerin eingeführt, die nicht nur Probleme mit ihrer Familie hat, sondern deren Hochbegabtheit verkannt und sie als Rebellin, die sich dem Unterricht verweigert, abgestempelt wird. Ein Internat scheint eine Lösung für sie zu sein, hier findet sie Anschluss und wird nicht als Freak gebrandmarkt – bis es zu Komplikationen mit Ruby kommt. Aber auch diese Problematik lässt die Protagonistin überzeugend auf den Leser wirken.

Alle Komponenten erscheinen einzeln für sich genommen hinsichtlich ihrer Konzeption glaubhaft. Auch die Anordnung der Geschichte, deren Kapitel abwechselnd das Leben Sethos‘ und Evas in ihren Welten/Zeiten beschreiben, ist wohlüberlegt und verleiht der Geschichte Spannung. Was leider nicht ganz überzeugt, ist die inkonsistente Erzählinstanz: Die narrativen Elemente, die Sethos in den Mittelpunkt rücken, werden aus auktorialer Erzählperspektive erzählt, während die Geschichten um Eva aus der Ich-Erzählperspektive berichtet werden. Das führt zu Irritationen beim Leser, v.a. als sich Sethos ebenfalls im Jahr 2013 befindet und die Kapitel fortlaufend mit "London 2013 n. Chr." bzw. "St. Magdalene's 2013 n. Chr." überschrieben sind.

Der Prozess der Zeitreise wird nur hinlänglich erklärt. Parallon ist die Basis, von der aus die Zeitreisen erfolgen. Durch einen Strudel im Fluss gelangt Seth ins 2012er London, wo er auf Eva alias Livia trifft. Wie sie hierhergekommen ist, bleibt wohl den Fortsetzungsbänden vorbehalten, ebenso wie die Tatsache, wie und warum genau Sethos in Parallon ist und was es mit Parallon auf sich hat – immerhin hat Shulman ihre Geschichte auf eine Trilogie hin konzipiert. Die Verwirrung beim Leser steigert sich, als Sethos bei seinen Recherchen in Parallon entdeckt, dass alle dort 'lebenden' Menschen vor ihrem Tod durch ein Fieber befallen waren und Eva in ihrer Zeit 2012 ein Virus entdeckt – und selbst davon befallen wird –, das die T-Zellen, eine Gruppe weißer Blutkörperchen, die für die Immunabwehr verantwortlich sind, im Körper vernichtet. Es wird klar, dass Sethos dieses Virus in sich trägt und die Verbindung zwischen Sethos und Eva somit zu einer tödlichen wird: Sobald es zum Kuss käme, könnte Sethos Eva töten. Diese entworfene Verbindung von Virus und Zeitreise beschreibt die Autorin selbst als virales Zeitreise-Konzept, gestützt durch naturwissenschaftliche Fakten (vgl. S. 447), was durchaus eine interessante Konzeption. Jedoch kann die Zeitreise im ersten Band noch nicht klar als viral erkannt werden, es deutet sich lediglich die Vermutung an, dass ein (todbringendes) Virus die Menschen erst nach Parallon bringen muss, so dass von dort Zeitreisen möglich sind.

Diese vielen offenen Fragen, verknüpft mit der unsteten Erzählperspektive, führen dazu, dass der Leser nach der Lektüre des ersten Bandes verwirrt zurückgelassen wird, auch wenn er mit beiden Protagonisten mitfiebert und ihnen wünscht, dass ihre Liebe alle Hindernisse überwinden kann und sich zumindest an diesem Punkt Verbindungen eröffnen zu anderen Zeitreiseromanen der Kinder- und Jugendliteratur, namentlich v.a. Kerstin Giers Edelsteintrilogie.

Fazit
Ein Roman mit spannenden Elementen, die in sich logisch konzipiert sind, die in der Zusammenführung aber noch nicht ganz harmonieren und viele Fragen aufwerfen, mitunter sogar zu Verwirrungen führen. Es bleibt zu hoffen, dass es Shulman gelingt, die zahlreich aufgeworfenen Fragen in den Folgebänden schlüssig aufzuklären. Aufgrund dessen richtet sich die Geschichte auch erst an Leser ab ca. 14 Jahren.

Literatur
Foucault, Michel: Die Heterotopien (France Culture 7. Dezember 1966). In: ebd.: Die Heterotopen/Les hétérotopies – Der utopische Körper/Le corps utopique. Zwei Radiovorträge. Zweisprachige Ausgabe. Übers. v. Michael Bischoff. Mit einem Nachwort v. Daniel Defert. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2005. 

Planka, Sabine (Hrsg.): Die Zeitreise. Ein Motiv in Literatur und Film für Kinder und Jugendliche. Würzburg: Königshausen & Neumann 2014 (Kinder- und Jugendliteratur Intermedial, Bd. 3).

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