von Swantje Thiele

"Vor langer Zeit, in den Tagen der Armut, da gab es zwei kleine Geschwister, die waren ganz allein auf der Welt." So beginnt das Märchen Sonnenau, welches im Kern von der Kraft der Fantasie handelt. Astrid Lindgren beschreibt in bildhafter Sprache das traurige Leben der Kinder Matthias und Anna und ihre Flucht in das paradiesische Fantasieland Sonnenau.

Lindgren, Astrid/Törnqvist, Marit: Sonnenau.
Übersetzt von Anna-Liese Kornitzky
Oetinger, Hamburg 2003
48 S., 12,90 €
ISBN 978-3789168437

Inhalt

Die Geschwister Anna und Matthias leben "vor langer Zeit, in den Tagen der Armut" bei einem kaltherzigen Bauern, da ihre eigenen Eltern verstorben sind. Das Leben der Kinder ist von Arbeit und Hunger bestimmt. Ihre Tage bestehen darin, Kühe zu melken, Ochsenställe auszumisten und sich nützlich zu machen, anstatt wie andere Kinder Borkenschiffchen oder Spielstübchen im Garten zu bauen. Matthias und Anna leiden sehr unter diesem Leben, bis sie eines Tages auf dem Heimweg von der Schule im Schnee auf einen roten Vogel stoßen. Dieser führt die beiden Kinder durch eine verborgene Pforte in eine Paradieswelt, in der sie alles tun, was sie beim Bauern nicht dürfen und so viel spielen können, wie sie nur wollen. Die Pforte steht immer offen, da sie nicht wieder geöffnet werden kann, wenn sie einmal geschlossen wird.
Der Ort hinter der Pforte heißt Sonnenau, ebenso wie der Ort, an dem Matthias und Anna früher mit ihren Eltern lebten. Hier sind außer den beiden Geschwistern noch viele andere Kinder und es gibt immer die leckersten Dinge zu essen. Außerdem ist dort im Gegensatz zur restlichen Welt, in der ein harter Winter herrscht, Frühling. Anna und Matthias besuchen diesen wunderschönen Ort nun täglich nach der Schule, bis sie schließlich vor der Entscheidung stehen, die Pforte, die von Sonnenau in die andere Welt führt, endgültig zu schließen...

Kritik

In Sonnenau widmet sich Astrid Lindgren dem Thema Tod auf besondere Art und Weise. Die Geschichte weist viele Merkmale des klassischen Märchens auf, wie z.B. das Dasein von Mattias und Anna als Waisenkinder und ihre von Mangel und Not geprägte Ausgangssituation. Vor allem ist Sonnenau jedoch eine eindrucksvolle Erzählung über die Kraft der Fantasie. Die ausdrucksstarken Illustrationen unterstützen dabei die Wirkung des geschriebenen Textes.
Das entbehrungsreiche Leben der Kinder Mattias und Anna wird wiederholt in Kontrast gesetzt zu dem, was Kinder ihres Alters eigentlich tun sollten. Astrid Lindgren macht damit deutlich, was für sie ein erfülltes Kinderleben ausmacht, nämlich Freiheit zum Spielen, Zuneigung von erwachsenen Bezugspersonen und genügend Nahrung. All dies haben Anna und Matthias nicht und diese eindringliche Schilderung des kummervollen Lebens auf dem Bauernhof hat eine beklemmende Wirkung auf den Leser.
Der Grundton ist von Anfang an sehr düster und von Traurigkeit geprägt, bis die Situation zuletzt durch die Fantasie erträglich gemacht wird. Der rote Vogel, welcher als ein Zeichen des Wunders in einer hoffnungslosen Situation aufgefasst werden kann, führt die Kinder nach Sonnenau, in die Parallelwelt, in der alles (einschließlich des Wetters) schön ist und sie alles machen können, was ihnen bisher nicht möglich war. Diese Welt, die sie nun täglich besuchen, entspringt ihrer Fantasie, ist aber für den Leser so real wie die Welt, in der die Kinder eigentlich leben.
Charakteristisch für die Geschichte ist eine durchgehende Zuweisung von Farben. Das Leben auf dem Bauernhof wird von den Kindern als grau beschrieben, während die Farbe Rot durch das Auftauchen des roten Vogels in der Winterwelt als Ausdruck von Freude und Zeichen für ein besseres Leben steht. Ebenso tragen Anna und Mattias in ihrem Alltagsleben graue und in Sonnenau rote Kleidung. Die bildhafte Sprache macht deutlich, wie wunderbar Sonnenau gegenüber dem alltäglichen Leben der Kinder ist. Die Farbgebung verstärkt in den jeweiligen Situationen die Wirkung und prägt die Stimmung beim Lesen.
Diese Rezension bezieht sich auf die Ausgabe von 2003 mit Illustrationen von Marit Törnqvist. Die umfangreichen Illustrationen, die sich auf jeder Seite finden und teilweise sehr viel Platz einnehmen, verbinden sich mit dem Text und verstärken das märchenhafte (Vor-)Leseerlebnis. Sie sind so gezeichnet, dass Anna und Mattias im Mittelpunkt stehen. Außerdem fangen die Illustrationen durch ihre Farbgebung und Ausgestaltung die Atmosphäre der Erzählung jeweils genau ein. So sind die Bilder, die das Leben der beiden Kinder auf dem Bauernhof zeigen, sehr dunkel und trüb gemalt, wohingegen die Darstellungen von Sonnenau farbenfroh gestaltet sind, was den Kontrast zwischen den beiden Welten zusätzlich verdeutlicht.
Die Entscheidung der beiden Kinder, in Sonnenau zu bleiben, kann vom Leser als Entscheidung für ein besseres Leben aufgefasst werden.  Dass es sich hierbei gleichwohl um das Aufgeben der beiden Kinder im Kampf ums Leben handelt, wird aber nicht zwangsläufig deutlich, sodass die Geschichte Spielraum für verschiedene Interpretationsmöglichkeiten bietet. Zum Beispiel kann Sonnenau ebenso als real existierender Ort, der als (fantastisches) Wunder in der Wirklichkeit der Kinder erscheint, aufgefasst werden.
Der Ausgang der Geschichte wurde dennoch – ähnlich wie bei den berühmten Die Brüder Löwenherz – in Bezug auf die Eignung als Kinderbuch aufgrund der vermeintlichen Grausamkeit auch kritisch in Frage gestellt, z.B. von der Kinderbuchkritikerin Eva von Zweigbergk.
Dagegen kann in dieser Darstellung des Todes auch eine andere, offene Sicht auf dieses Thema gesehen werden, die vor allem zeigt, dass die Fantasie jede ausweglose Situationen erträglicher machen kann.

Fazit

Die Geschichte Sonnenau ist in einer märchentypischen, bildhaften Sprache geschrieben. Das Motiv des Todes wird so auf subtile Art und Weise behandelt, da die Geschehnisse grundsätzlich verschiedene Interpretationen ermöglichen. Zudem ist der Tod in dieser Geschichte gleichzeitig mit Hoffnung und Wunder verbunden.
Sonnenau ist ein Märchen, das die Macht der Fantasie in seinen Fokus stellt und deutlich macht, wie Fantasie dem Menschen in schweren Zeiten helfen kann. Das Buch wird vom Oetinger Verlag ab 4 Jahren empfohlen. Es ist davon auszugehen, dass das Werk in dem Alter nur als Vorlesegeschichte genutzt wird, wozu es sich auch sehr gut eignet, da so die Möglichkeit besteht, mit dem Kind in einen Dialog über den Inhalt zu treten. Obwohl das Märchen von Astrid Lindgren für Kinder geschrieben wurde, ist es aber ebenso für erwachsene Leser eine lohnenswerte Lektüre.
Über den Inhalt hinaus machen sprachliche Gestaltung und auch die wunderschönen Illustrationen das Buch zu einem Leseerlebnis, welches in seiner Gesamtheit den Leser nachdenklich hinterlässt und zum Weiterdenken anregt.

 


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