von Anna Stemmann M.A.

"Du kannst im Sommer alles sein, was du willst […]. Der Sommer hat tausend und eine Tür. Und die stehen auf Durchzug, weil es heiß ist" (S. 92). Tamara Bachs Was vom Sommer übrig ist erzählt von der unverhofften Begegnung zweier Mädchen in der lauen Phase der Sommerferien und den Möglichkeiten einer einmaligen Zeit und verknüpft diese Begegnung mit der Suche nach sich selbst. 

Bach, Tamara: Was vom Sommer übrig ist
Carlsen, Hamburg 2012
137 S., 12,90 €
ISBN 978-3-551-58242-3

Inhalt
Louise, 17 Jahre, hat ihre Sommerferien stringent durchgeplant: zwei Nebenjobs, Lernen für den Führerschein und dazu auf den Hund der Oma aufpassen. Alles könnte glatt laufen, bis zufällig die 13-jährige Jana ihren Weg kreuzt und die planvolle Konstruktion ins Wanken bringt. Louise und Jana kennen sich nur flüchtig aus der Schule und durch Zufall begegnen sie sich in den Ferien in mehreren skurrilen Situationen wieder: "Und da seh ich auf einem Stromkasten ein Mädchen sitzen, einfach so obendrauf [...]" (S. 24).

Janas älterer Bruder Tom liegt nach einem Selbstmordversuch im Koma, die Ehe ihrer Eltern ist daran bereits zerbrochen und auch für sie bleibt seitdem nur noch wenig Beachtung übrig. Die Eltern vergessen ihren Geburtstag und es fällt ihnen nicht einmal auf, dass Jana nicht nach Hause kommt. In der älteren Jana findet Louise eine Bezugsperson, die ihr die Nähe gibt, die die Eltern nicht aufbringen können. Louise ist allerdings von Jana zunächst genervt und irritiert. Im Laufe der Geschichte nähern sich beide jedoch gegenseitig an und erkennen, dass sie im Grunde ein ähnliches Schicksal teilen: sie ringen um die Fürsorge ihrer Eltern. Im Verlauf entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, in der sie sich (von den Erwachsenen allein gelassen) gegenseitig Halt geben.

Der Höhepunkt ihrer Ferien wird der Ausflug mit dem Auto von Louises Großmutter, das sie in bester Road Novel-Manier aus der Enge der Stadt in die Weite des Umlandes bringt und alle Sorgen vergessen lässt: "Kichern. Musik lauter. Ist das schon Italien oder noch Hessen? Sind wir eigentlich im Kreis gefahren?" (S. 94)

Kritik
Tamara Bach erzählt in sehr kurzen Kapiteln abwechselnd aus den beiden Perspektiven der Mädchen, die zunächst unvermittelt parallel neben einander stehen. Mit zunehmendem Verlauf verschränken sich die Ereignisse und Sichtweisen zur gemeinsamen Geschichte von Jana und Louise. Die Dialoge und die Sprache des Romans sind gewitzt, schlagfertig und sprunghaft zugleich. Assoziative Aneinanderreihungen und Gedankensprünge überlassen dem Leser viel Raum, sich selbst Gedanken über die Lebenssituation der Mädchen zu machen und in das Lebensgefühl der beiden in diesen für sie einmaligen Sommerferien einzutauchen. Bach gelingt es dabei auf wunderbare Arte und Weise ihren Charakteren Leben einzuhauchen und fängt dieses prickelnde Gefühl einer lauen und aufregenden Sommerzeit ein, in der alles möglich scheint. Über die Perspektive der beiden Ich-Erzähler werden die Innensichten der Protagonisten einfühlsam geschildert und zeigen die Wahrnehmung des Sommers aus ihrer individuell gefärbten Sicht.

Die Themen, die Bach aufgreift, spiegeln das Leben zahlreicher sich in der Pubertät befindender Leser: Es geht um Verlust, das Allein-gelassen-sein von den Eltern – oder auch nur um das Gefühl, allein gelassen zu werden – und um eine tiefe Freundschaft, die über die Sorgen der Jugendlichen hinweg helfen kann. Damit verknüpft wird der Prozess des Erwachsenwerdens und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Kein Wunder also, dass die beiden Mädchen aus dem begrenzten Raum der Stadt ausbrechen wollen, um neue Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, um sich weiterzuentwickeln.

Besonders die Flucht aus der Stadt ist es, die letztlich im Zentrum steht und mit der klassischen Road Novel in Verbindung gebracht werden kann. Wie in Wolfgang Herrndorfs Tschick lassen sich  die beiden Mädchen durch die Landschaft treiben und sind von dem Gefühl der neugewonnenen Freiheit berauscht. Bach verknüpft somit den Ausbruch aus der gewohnten Umgebung in einen neuen – außerstädtischen und nahezu unbekannten – Raum mit der Erkundung und Findung des eigenen Selbst, das sich zu formen und zu festigen beginnt. Die Reise, die die beiden Mädchen hier unternehmen markiert den Prozess der Selbstfindung und übersetzt die Entwicklung in eine räumliche Dimension (wie es etwa bereits J.D. Salinger in seinem Klassiker Der Fänger im Roggen etabliert hat) und nutzt ein jugendliterarisch etabliertes Verfahren.

Fazit
Was vom Sommer übrig ist ist eine kurzweilige und kurze Geschichte, die von einer unverhofften Begegnung zweier sich in der Pubertät befindender Mädchen in der schulfreien Phase der Sommerferien, ihrem gemeinsamen Abenteuer und der Suche nach dem eigenen Platz erzählt. Die aufgegriffene Thematik der Selbstfindung und der Erkundung der eigenen Bedürfnisse machen das Buch einem unterhaltsamen Lesevergnügen für LeserInnen ab ca. 12 Jahren.

 

 

 


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