von Anna Stemmann M.A.

Der lügende und seemannsgarnspinnende Käpt'n Blaubär wurde Anfang der 1990er Jahre von Walter Moers für das Kinderfernsehprogramm entwickelt. Fast zehn Jahre nach dem Fernseherfolg überträgt Moers seine Figur in einen komplexen Roman, der sich durch seine Doppeladressierung und Mehrdeutigkeit an Kinder und Erwachsene wendet. Moers gibt darin Einblick in die ersten 13 ½ Leben des Seebären und seine fabulierenden Abenteuer, die gleichzeitig den Auftakt der mittlerweile sechsbändigen Zamonien-Reihe bilden.

Moers, Walter: Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär
Neuauflage komplett in Farbe
Knaus, München 2013 (Erstausgabe 1999)
704 S., 29,99 €
ISBN 978-3-8135-0572-6

Inhalt
Als lose Erzählrahmung fungiert ein kurzes Vorwort, in dem sich der Blaubär als rückblickender Erzähler vorstellt. Die aus dem Fernsehen als Lügenbär bekannte Figur verweist augenzwinkernd  auf ihren Status als flunkernder Erzähler: "Ich müsste lügen (und es ist ja hinlänglich bekannt, dass das nicht meiner Natur entspricht) [...]" (S. 6).

Die nachfolgende Binnenhandlung ist auf dem fantastischen Kontinent Zamonien angesiedelt. Der Übertritt und Kontakt zwischen den beiden Welten bzw. zwischen Menschen und zamonischen Wesen spielt allerdings keine Rolle in der Erzählung, vielmehr wird der Blick auf den zamonischen Kontinent selbst gelegt. Zamonien – laut paratextuellem Nachsatz in Form einer Landkarte zwischen Amerika und Eurasien verortet, wie auch das Vorsatzblatt mit einer Karte von Zamonien und der näheren Umgebung zeigt – entfaltet sich in der Erzählung zur topographischen Spiel- und Entwicklungswiese des jungen Blaubär, hier werden die Stationen seiner Heldenreise und sein Schelmendasein nachgezeichnet.

Das erste Leben des Käpt'n Blaubär beginnt, wie es einem waschechten Seebären gebührt, auf hoher See treibend. Elternlos, einsam und verlassen liegt er in einem Weidenkörbchen und droht vom gigantischen Malmstrom verschlungen zu werden. Zwergpiraten, die ihren Namen aufgrund ihrer winzigen Körpergröße tragen, können ihn jedoch retten und nehmen ihn bei sich auf. Der schnell wachsende Blaubär ist aber bald zu groß für deren Schiff und wird auf einem Floß wieder seinem Schicksal überlassen. In seinem zweiten Leben trifft er auf Tratschwellen, die ihm das Sprechen in allen erdenklichen Facetten beibringen. Die folgenden Leben, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist, ereignen sich nach eben diesem Schema und überbieten sich in fantastischen Begebenheiten und wundersamen Erlebnissen und sind zudem gespickt mit merkwürdigen Wesen. In all diesen Geschichten erlernt der Blaubär die existenziellen Fähigkeiten eines Lügenbärs, die ihn schließlich zum gefeierten Lügengladiator in Atlantis werden lassen. Die unterhaltsamen Abenteuer überbieten sich in ihren unglaublichen Begebenheiten: Er trifft u.a. auf einen kurzsichtigen Rettungssaurier, begegnet Klabautergeistern, wird in der Nachtschule unterrichtet, fällt in ein Dimensionsloch, rennt im großen Wald um sein Leben, fängt eine Fatamorgana ein und besteht schließlich den finalen Kampf gegen das böse Element Zamomin. Begleitet wird der Text von den bereits erwähnten paratextuellen Karten sowie von reichhaltigen Illustrationen, die Moers selber in schwarz-weiß Strichen umgesetzt hat und die in der Neuauflage nun in frischer und kraftvoller Koloration erstrahlen.

Kritik
Die Figur des Käpt'n Blaubär erfährt in der Romanumsetzung einen Medienwechsel vom Fernsehformat zum Buch, mit dem Moers eine Erzählung vorlegt, die sich durch eine ausdrückliche Doppeladressierung auszeichnet und den Blaubären aus seinem Dasein als Kinderheld entwachsen lässt: Dieser erlebt in dem 700 Seiten starken Roman komplexe Abenteuer, die sich abgrenzen von den kurzen Erlebnissen der Fernsehserie. Damit gehen spezifische Änderungen einher: So wird der Blaubär beispielsweise noch nicht zum Kapitän und auch die Figuren der Neffen und des Compagnon Hein Blöd werden nicht erwähnt. Im Kern bleibt die Figur, die schon aus dem TV bekannt ist, jedoch erhalten: ein lügender Seebär, der sich in seiner Fabulierlust verliert. Moers spielt konsequent mit dieser Zuschreibung und etabliert einen schwungvollen, ironischen Erzählduktus, der darüber hinaus durch ein dichtes intertextuelles Verweisspiel ergänzt wird.

Neben der spannungsreichen Erzählung als solche codieren sich insbesondere über verschiedene intertextuelle Bezüge zusätzliche Leseebenen. Die Figur des Rettungssauriers, Deus X. Machina, wird etwa zum Träger einer solchen doppelten Bedeutung. Als kurzsichtiger Rettungsflugsaurier gerät er durch seine eingeschränkte Sicht beständig in Situationen, die Komik und Spannung erzeugen, gleichzeitig eröffnet sein Name die Bezugsebene zur klassischen Dramentheorie. Deus ex machina ist die künstliche Lösung eines scheinbar unlösbaren Problems durch das unerwartete Eingreifen einer Gottheit oder ähnlichen Instanz im antiken Theater. Von oben herab schwebend wird mit einer kranähnlichen Konstruktion der Auftritt der Gottheit inszeniert. In dieser Hinsicht agiert Deus X. Machina dann auch: In aller letzter Sekunde tritt der Saurier auf, um den Blaubär von oben herab greifend aus seiner lebensbedrohlichen Lage auf der "Gourmetica Insularis" und später auf der "Moloch" zu retten.

Der Roman ist dabei als Episodengeschichte aufgebaut, in der der gealterte Blaubär zurück auf sein Leben blickt. Die episodische Struktur und die Distanz zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit des klassischen Schelmenromans bildet als systemreferenzieller Verweis das Gerüst der Blaubär-Erzählung. Daran lagern sich Elemente aus anderen Erzähltraditionen, wie der Autobiographie(fiktion) und des Bildungsromans an und ergänzen die hybride Konstruktion, die zu einer virtuosen Gattungs-Mixtur wird. Die erzählreferentielle Anleihe aus dem Schelmenroman wird ergänzt um zahlreiche intertextuelle Verweise auf die Lügengeschichten des Baron von Münchhausen und Grimmelshausens Simplicissimus. Moers spinnt in seinem Roman so ein dichtes Verweis- und Bezugssystem auf verschiedene Texte, Medien, Personen, Kunstwerke und Orte, in dem die parodistischen Dimensionen viel Freude beim Decodieren der Hinweise machen. Dabei ist das Verständnis dieser Verweise allerdings nicht notwendig, um der Handlung folgen zu können, sondern bietet einen erweiterten Lesegenuss.

1999 erschienen, markiert der erste Band der Zamonien-Serie einen Auftakt im Hinblick auf die heute gefeierten hybriden Erzählformen. Moers verbindet die bereits erwähnten intertextuellen Referenzen mit intermedialen Erzählweisen, in deren Spannungsfeld ein vielschichtiges und voraussetzungsvolles Geflecht entsteht. Neben der Handlungsebene der histoire erprobt Moers auch in der Art und Weise des Erzählens die medialen Möglichkeiten und vermisst die Mediengrenzen neu. Neben den Karten und Illustrationen loten insbesondere typographische Variationen das narratologische Potential aus, markieren darüber etwa die Eigenschaften der darin dargestellten Figuren, die aus dem Comic bekannten Soundwords werden spielerisch in die Erzählung integriert und akustische Phänomene finden Eingang in die Erzählung, die die Mediengrenzen zwischen Buch, Film und Comic beständig auflösen und wechselseitige Bezüge evozieren. Ebenso werden filmische Einstellungen, Perspektiven und Regieanweisungen aufgegriffen, die sich stellenweise wie ein Drehbuch lesen: "Das Urmeer, unter Wasser. Klassische Zyklopenmusik. Feuerquallen steigen auf wie brennende Fesselballone. Ein Tyrannowalfisch kommt ins Bild, wir verfolgen seinen Weg. […] Der Wal schwimmt in den Sonnenuntergang. Pathetische Musik. Schnitt. Das urzeitliche Zamonien. Der Himmel leuchtet in allen denkbaren Farben, Kometen schießen am Firmament vorbei. Horch! Ferner Donner. […] Schnitt. […] Romantische Musik. Schnitt. Der Urzeithimmel. Brennende Meteore zerplatzen am Himmel wie ein gigantisches Feuerwerk. Schluß." (432f.)

Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär markiert den Auftakt von Walter Moers Zamonien-Zyklus, der den fiktiven Kontinent als zentralen Handlungsort etabliert. Während die Protagonisten mit jedem Band wechseln, bleibt der Handlungsort Zamonien die Konstante in allen Romanen. Zamonien wird ausgestaltet durch intratextuelle Referenzen, die wie ein großes Netz miteinander verknüpft sind, sich berühren, Metainformationen liefern und den Kosmos Zamonien plastisch ausgestalten. Mit jedem Band wird dabei ein anderes literarisches Genre parodiert, so gibt es neben dem Schelmenroman auch ein zamonisches Märchen (Ensel und Krete) oder ein klassisches Heldenepos (Rumo und die Wunder im Dunkeln).

Fazit
Die 13 ½  Leben des Käpt'n Blaubär sind sehr gute Unterhaltung, die auch bei 700 Seiten keine Längen entstehen lassen. Da der Roman einen guten erzählerischen Bogen spannt und sich nicht allein auf die parodistischen Dimensionen beschränken lässt, macht ihn für Leser jeden Alters gelungen und wird zum vielbeschworenen All-Age-Phänomen. Im Zentrum agiert die schelmenhafte Figur des Blaubären, die für viel Komik sorgt und einstimmt auf die weiteren Zamonien-Bände.

 

 

 


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