von Nele Bartsch, Fanny Gerstenberger und Katarina Semke

Manchmal ist es besser, etwas Falsches zu tun, als gar nichts...
"Was ich hörte, war nur dieses Schreien. Dieses fürchterliche Schreien. Und als ich durch das Fenster blickte und etwas sah, […] da kriegte ich zum ersten Mal in meinem Leben keine Luft." Riesengroß steht der Elefant in der Siedlung, unübersehbar, und trotzdem schaut jeder an ihm vorbei.

Kreller, Susan: Elefanten sieht man nicht
Carlsen, Hamburg 2012.
204 Seiten. 14,99 Euro
ISBN 978-3-551-58246-1

Inhalt

Als Grundlage für das Buch dient die englische Redewendung "The elephant in the room". Sie wird der Geschichte als Gedanke vorangestellt und umschreibt ein großes, allen bewusstes Problem, über welches niemand aus Angst oder Bequemlichkeit spricht. Die dreizehnjährige Mascha steht solch einem Elefanten gegenüber, als sie wie jedes Jahr die großen Ferien bei ihren Großeltern in Barenburg verbringt. Es ist der Sommer, in dem sie Julia und Max Brandner kennenlernt, der alles verändern wird.
Wie kommen blaue Flecken auf Julias Bauch, wo sie doch eigentlich an ganz andere Körperteile gehören? Vielleicht ist das Mädchen Torwart? Aber wie eine, die Fußball spielt, sieht sie gar nicht aus. Vielleicht lag sie auch unter einem Apfelbaum und ein paar Äpfel sind auf ihren Bauch gefallen oder sie trainiert für die Weltmeisterschaft im Hula-hoop. Solche Vermutungen stellen Mascha jedoch nicht zufrieden. Als die Geschwister ein paar Tage nicht mehr auf dem Spielplatz auftauchen, wird sie unruhig und geht zum Haus der Familie. Was sie dann durch das Fenster beobachtet, lässt ihr die Luft mit einem Pfeifen im Halse stecken bleiben.

Mascha rennt und rennt und rennt.
Die Schreie jedoch bleiben die ganze Zeit über in ihren Ohren.

Das Mädchen will den Geschwistern helfen und sie vor der Gewalt ihres Vaters schützen. Irgendjemandem muss sie sich anvertrauen. Doch aus Angst, dass alle Beziehungen auf denen die Siedlung schließlich beruht zerbrechen könnten, nimmt sie niemand ernst: "Hör auf, Kind, Schluss! Die Brandners würden das nie machen, nie würden die das machen, das sind angesehene Leute! Was glaubst du eigentlich, wo wir unser Auto her haben?"
In ihrer Verzweiflung trifft die Dreizehnjährige eine folgenschwere Entscheidung und lockt Julia und Max unter einem Vorwand in ein verlassenes, blaues Haus. In der Siedlung spricht man von einer Entführung. Wollte Mascha die beiden nicht retten?

Kritik

Allein im Jahr 2012 wurden in Deutschland ungefähr 3500 Fälle von Kindesmisshandlung offiziell erfasst. Susan Kreller spricht in ihrem ersten Roman ein hochsensibles Thema an und widmet ihn "all den anderen". Auf implizit urteilende Weise ist es ihr gelungen, Gewalt an Kindern aus einer mitreißend ehrlichen, kindlichen Ich-Perspektive darzustellen. Ihr Schreibstil ermöglicht es dem Leser das Beschriebene individuell weiterzudenken.
Beim Lesen überkommt den Rezipienten von Beginn an ein Gefühl der Ohnmacht, welches durch die fruchtlosen Bemühungen der Protagonistin, ihre Mitmenschen zum Hinsehen und Helfen aufzufordern, aufkommt.
Diese bedrückende Atmosphäre wird lediglich durch die kreativnaive Art des Mädchens aufgebrochen. Um ihren nur schwer in Worte zu fassenden Erlebnissen Ausdruck zu verleihen, bedient Mascha sich zahlreicher Metaphern und Wortneuschöpfungen. "Eingequetscht in diese Rasenmäherstille" hofft sie auf einen polternden Panzer, der die spießige Scheinidylle endlich wachrüttelt und dem Elefanten seine längst überfällige Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Maschas Gedanken werden in langen, verschachtelten Sätzen wiedergegeben, wohingegen sich ihre Kommunikation mit der Außenwelt auf das Nötigste beschränkt. Letzteres verdeutlicht, dass die oberflächlichen Dialoge lediglich dazu dienen, den Anschein einer friedlichen Nachbarschaft aufrechtzuerhalten. Der Bewusstseinsstrom der Protagonistin bietet ein hohes Identifikationspotenzial und fordert zum Reflektieren über das eigene Handeln auf. Er ist, ebenso wie die Dialoge, von Ellipsen geprägt. Wiederholungen verdeutlichen zusätzlich, dass Maschas volle Konzentration auf das Wesentliche – die Rettung – ausgerichtet ist. Auf Ausschmückungen wird verzichtet, was die Dringlichkeit des Themas und die Allgegenwärtigkeit der uns lähmenden "Volkskrankheit Egoismus" unterstreicht.

Das Motiv der Außenseiterin nimmt in der Erzählung einen zentralen Stellenwert ein. Selbst in der Rolle der Helferin findet Mascha keinen Anschluss zu den Gleichaltrigen und Erwachsenen in Barenburg. Dadurch erhält sie einerseits keine Unterstützung in ihrem Vorhaben, muss sich andererseits aber auch nicht von der Engstirnigkeit der Anwohner beeinflussen lassen.
Das Blau der Hütte, das ein bedeutendes Farbsymbol darstellt, steht für Ruhe und das Durchhaltevermögen, welches die Kinder aus unterschiedlichen Gründen benötigen. Mascha, um
die Geheimhaltung des Verstecks zu wahren und um Julia und Max mit allem Nötigen zu versorgen; die Geschwister, um Auszuharren. Selbst das dicke Papier der Seiten macht die Stärke der Kinder für den Rezipienten greifbar.

Fazit

Elefanten sieht man nicht ist ein aufwühlendes Buch. Es sensibilisiert seine Leser für ein Tabuthema. Susan Kreller appelliert an die Zivilcourage aller, denn manchmal ist es besser, etwas
Falsches zu tun, als gar nichts. In diesem Zuge eignet sich die Lektüre dafür, Maschas Handeln philosophisch mit jugendlichen Lesern zu reflektieren. Die Altersempfehlung ab 14 Jahren ist nicht zuletzt aufgrund der komplexen ethischen Erwägungen und Gedanken gerechtfertigt.
Bereits mit diesem ersten Roman ist der jungen Autorin eine Nominierung für den deutschen Jugendliteraturpreis gelungen.


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