Die Vermessung der Sachbuchwelt

Die Vermessung der Sachbuchwelt – Interdisziplinäres Forum zu geographischen Sachbüchern für Kinder und Jugendliche 22.–23.5.2014, Internationale Jugendbibliothek (IJB), München.

Bericht von Wiebke Helm, M.A. 

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ein in den letzten Jahren von der Forschung wenig beachteter Teilbereich der Kinder- und Jugendliteratur – Sachbücher für Kinder und Jugendliche, insbesondere solche, die sich geographischen Themen widmen. An ihnen wurden exemplarisch die Territorien und Grenzen der aktuellen Sachliteratur abgesteckt, ihr Verhältnis zu den Neuen Medien beleuchtet sowie nach Darstellungsformen, Transformationsprozessen und Adressaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts gefragt. 

Aus ganz verschiedenen Blickwinkeln wurde hierbei die Sachbuchwelt von Experten aus Wissenschaft und Praxis kritisch vermessen.

Zunächst steckten die beiden Organisatorinnen NIKOLA VON MERVELDT und CORNELIA RÉMI in ihrem Einführungsvortrag den Rahmen der Tagung ab und eröffneten "Denkräume" zum Sachbuch für Kinder- und Jugendliche. Cornelia Rémi stellte eingangs die These auf, dass das Geo-Sachbuch mit den Mitteln der Literatur gleichsam topographisch Wissensräume freilege und popularisiere. Dabei stützte sie ihre Ausführungen auf die Raum-Theorie der Humangeographie der 1980er-Jahre, die mit dem topological turn auch die Geistes- und Sozialwissenschaften beeinflusst hat. 

Topographische Darstellungen in geographischen Sachbüchern, die Wissen ordneten und materialisierten, seien demzufolge als symbolische Schemata zu verstehen, wie Rémi anhand ausgewählter Kinder- und Jugendsachbücher überzeugend darlegte. Nikola von Merveldt präsentierte das Geo-Sachbuch als Prototyp des Kinder- und Jugendsachbuches, der alle gängigen Typen und Formen des Sachbuches aufweise. Dies begründete sie medienhistorisch am Beispiel von Joachim Heinrich Campes "Robinson der Jüngere" (1779/1780). Sie charakterisierte dieses als einen frühen Vertreter der Sachbuch-Gattung und des Geo-Sachbuches im Besonderen, das sich im Grenzbereich zwischen Freizeit- und Schullektüre bewege. Der Philanthrop unternimmt bekanntlich den Versuch, das Buch im Buch zu überwinden, indem die Buchlektüre in der Erzählung hinter die Dialoge der Rahmenhandlung zurücktritt und dadurch ein starker Anwendungsbezug in den Vordergrund rückt, der Wissen aufgrund von Erfahrung generiert. 

Anhand des historischen Textes erläuterte von Merveldt, dass Wissen, Unterhaltung, Didaxe, Anleitung und Dichtung von jeher für das Sachbuch gattungsbestimmend gewesen seien. Ergänzend wurden aus dem Auditorium weitere Titel aus dem Campeschen Œuvre genannt, die dies ebenfalls belegten, wie zum Beispiel "Die Entdeckung von Amerika" (1781) und die "Reisebeschreibungen für die Jugend" (1785–1793).

Aus historischer Sicht näherte sich auch DAVID OELS der Thematik. Einleitend fasste er in einem Überblick die Geschichte des Sachbuchbegriffs zusammen und hob heraus, dass Wilhelm Harnisch in der Einleitung zu seinem Schlesien-Buch (1820) erstmals den Terminus "Sachbuch" erwähnt. Aus Oels’ Sicht begründet dieses Werk die Gattung des populären geographisch-naturkundlichen Sachbuches als All-Age-Literatur. Die weitere Entwicklung dieses Mediums der Wissenspopularisierung bzw. -vermittlung zeichnete er an einer mittels NgramViewer erzeugten Graphik nach, allerdings ohne auf die Bedingtheiten der Datenbasis und die Grenzen dieses Analyseinstruments hinzuweisen. In Anlehnung an Timo Heimerdingers Ausführungen zur Ratgeberliteratur erläuterte er allgemeine Funktionen des Sachbuches, um im Anschluss daran diese Buchgattung als altersunabhängigen Lesestoff vorzustellen: Während Kinder eher die Oberflächenstruktur von Sachbüchern rezipierten, nähmen Erwachsene sowohl Oberflächen- wie auch Tiefenstruktur wahr. Der Trend zur altersübergreifenden Lektüre sei demnach beispielsweise an der Umschlaggestaltung einzelner Buchtitel ersichtlich: Seit Ende des 20.  Jahrhunderts erscheinen sowohl ursprünglich an Kinder und Jugendliche adressierte Bücher noch unter einem zweiten Cover, um erwachsene Leser anzusprechen, als auch umgekehrt – ein verlegerischer Clou, der durch den Erfolg der "Harry Potter"-Romane Joanne K. Rowlings initiiert wurde und in der Sachliteratur eben-falls genutzt wird, wie die Klima-Bücher Al Gores exemplarisch zeigen.

BETTINA KÜMMERLING-MEIBAUER und JÖRG MEIBAUER widmeten sich in ihrem Vortrag dem kartographischen Material im internationalen Kinder- und Jugendbuch. Ob Stadtpläne, Land- oder Weltkarten, Pläne von Gebäuden etc. – Karten, so ihre Feststellung, spielen in fast allen literarischen Gattungen der Kinder- und Jugendliteratur eine wichtige Rolle. Zu finden sind sie meist auf dem Buchumschlag, dem Vorsatz, der Titelei oder in der Mitte des Buches, wo sie paratextuelle Funktionen übernehmen. Sie haben illustrativen Charakter und beeinflussen die Narration sowie die Bewegung literarischer Figuren durch Raum und Zeit, wie beide Referenten an ausgewählten Beispielen demonstrierten. Karten changieren dabei zwischen Fakt und Fiktion und präsentieren sich auf ganz verschiedene Weise. Dennoch ist eine Klassifizierung des kartographischen Materials in piktoriale und metrische Karten möglich, die sich am kognitiven Entwicklungsalter und der Kartenlesekompetenz der Rezipienten orientiert. So verfügten Kinder im Vorschulalter zwar bereits über ein basales Kartenwissen, für geometrische Relationen und Symbole fehle ihnen jedoch noch das Verständnis. Deshalb enthielten Karten im Kinderbuch weniger Symbole und bildeten das Darzustellende häufig vereinfacht und zentralperspektivisch ab. Sobald Kinder die Fähigkeit zur Abstraktion beherrschten, d. h. mit ca. acht bis zehn Jahren, und sie mühelos zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln und Symbole dechiffrieren könnten, verstünden sie auch metrische Karten. Im Gegensatz zu digitalen Karten wie Google Maps, die sich stets nach der Betrachterperspektive ausrichteten, unterstützten analoge Karten den Perspektivenwechsel des Kartennutzers, helfen beim Organisieren und Memorieren von Informationen und hätten darüber hinaus auch noch einen funktionalen Nutzen.

Globale und lokale Sachbuch-Kulturen nahm JOCHEN WEBER in seinem Beitrag in den Blick. Der internationale Sachbuch-Markt, der sich im Vergleich zu anderen Bereichen der Kinder- und Jugendliteratur als überschaubar erweise und hinsichtlich des geographischen Sujets zumeist ein vergleichsweise eng begrenztes Themenspektrum biete (Erde, Wüsten, Vulkane, Ozeane, Polargebiete, Regenwald), präsentiere sich zweigeteilt: Neben kleineren nationalen Kinder- und Jugendbuchverlagen, die vorrangig die lokalen Märkte bedienten, agierten länderübergreifend vor allem europäische und nordamerikanische Großverlage, die weltweit Lizenzen ihrer Sachbuch-Reihen vertreiben. Auf diese Weise konnten zwar modellhafte Sachbücher entstehen, die jedoch inhaltlich häufig Stereotype bedienten und oft völlig unreflektiert veraltete Vorstellungen tradierten – ein Manko, das unter anderem auf die Funktionalität der internationalen Produktionsweise zurückzuführen ist. Die Geo-Sachbücher der Kleinverlage wiesen hingegen individuellere und zum Teil experimentellere Sachbuch-Konzepte auf, die auf die jeweils lokalen Gegebenheiten Bezug nehmen. Hier sei auch eine stärkere Tendenz vom Faktischen zum Narrativen zu beobachten, wobei durch die Einführung von Identifikationsfiguren zudem eine aktivere Teilhabe des Rezipienten ermöglicht werde. Diese meist tierischen Figuren lüden den Leser zum Entdecken und Handeln ein, wodurch Faktenwissen weniger statisch als in den auflagenstarken Standardtiteln vermittelt werde. In der anschließenden Diskussionsrunde wurde kritisch darauf hingewiesen, wie wichtig Transformations- und Adaptionsprozesse gerade für Sachbuch-Übersetzungen seien, da für eine gelingende Rezeption die jeweiligen kulturellen Bedingungen und Bildungsvoraussetzungen eines Landes zwingend berücksichtigt werden müssen, was jedoch in der Praxis oftmals nicht der Fall sei.

Auch HEIKE E. JÜNGST machte in ihrem Referat auf dieses Defizit aufmerksam. Als Literaturkritikerin erörterte sie das Phänomen der überaus erfolgreichen Sachbuch-Reihen der Verlage Ravensburger, Tessloff, Gerstenberg und Dorling Kindersley und trat als deren überzeugte Leserin auf. Ihrer Meinung nach generieren diese Reihentitel bestimmte Sehmuster, die sich beispielsweise an TV-Formaten wie Wissenssendungen und Tierdokumentationen orientieren. Die hier gezeigten spektakulären Bilder und plakativen (Sprech-)Texte sollen beim Fernsehzuschauer resp. Leser Emotionen auslösen und die inhaltliche Rezeption verstärken. Die spezifische Identität einer Reihe bestimme sich durch Materialität, Format und Aufbau: Auf thematisch abgeschlossenen Doppelseiten, umrahmt von vielen qualitativ hochwertigen Fotografien, werde in kurzen Textblöcken "Häppchenwissen" präsentiert. Das Ordnungsmuster sei bei allen Titeln gleich, da das Reihenlayout Sachzwängen unterliege und keine Rücksicht auf thematische Besonderheiten nehmen könne, was mitunter zu Ungenauigkeiten und fragmentarischen Informationen führe. Jüngst bündelte ihre Beobachtungen zu solchen Reihentiteln in dem Fazit, die "Stapelware" übernehme Orientierungsfunktion und erzeuge beim Leser Vertrauen durch den bekannten Aufbau der Bücher, der einen leichten und schnellen Wissenszugang verspreche.

Allseits bekannte Sachbuch-Reihen spielten auch im Vortrag von SEBASTIAN SCHMIDELER eine wesentliche Rolle, der inter- und transmediale Phänomene in Geo-Sachbüchern und deren Umfeld auf ihre Funktionalität im heimischen Kinderzimmer untersuchte. Zunächst skizzierte er Begriffsumfang und medienhistorische Bedeutung einiger relevanter Termini. Im praxisbezogenen Teil seines Referates kritisierte er vehement Funktion und Nutzen von Hybridprodukten im aktuellen Kindersachbuch und zeigte Diskrepanzen zwischen vielversprechender Verlagswerbung und praktischer Erprobung auf. Ähnlich disparat beurteilte er das App-Angebot des Verlages Dorling Kindersley, der die zweidimensionale Buchstruktur ins 3D-Format übertragen und um interaktive Multitouch-Anwendungen und Filmscreens erweitert habe. Auch in der Transformation des klassischen Sachbuches in multimediale Formate werde, wie schon Jüngst in ihrem Vortrag deutlich gemacht hatte, auf anderweitig vertraute Muster gebaut, die auf einen Wiedererkennungseffekt beim Rezipienten zielten. So verlockend und innovativ die inter- und transmediale Produktpalette bei den Kinder- und Jugendsachbüchern derzeit auch sein möge, aus Schmidelers Sicht gelinge es ihr – häufig aufgrund technischer Probleme – noch nicht, das klassische (Sach-)Buch abzulösen oder gar zu verdrängen. Diese Auffassung wurde im Laufe der Tagung immer wieder diskutiert und von vielen Teilnehmern geteilt. Hinzu komme außerdem, dass die neuen Sachbuch-Formate noch nicht alle Rezeptionsmöglichkeiten der Printausgabe bieten, beispielsweise das Kommentieren oder das Hervorheben von merkenswerten Informationen durch Unterstreichen.

Kritisch beleuchtete auch MICHAEL STREIFINGER die Funktionalität digitaler Medien im Schulalltag und verglich Inhalt und Darstellungsformen neuerer Geo-Sachbücher mit bayerischen Schulbüchern für den Geographieunterricht. Streifinger machte auf die aktuelle Dimension von Geographic Literacy als "Fenster in die Welt" aufmerksam, um regionale und globale Raumprozesse sowie Mensch-Umwelt-Beziehungen zu verstehen, verwies jedoch mit Blick auf die engen curricularen Vorgaben des Geographieunterrichtes auf die Schwierigkeit, dieses "Fenster" weiter als einen Spalt zu öffnen. Optionen, den zu behandelnden Lehrstoff beispielsweise durch thematisch relevante Sachbuchlektüre zu vertiefen, bestünden daher in der Schulpraxis kaum. Grundsätzlich plädierte er jedoch für die Verwendung von Sachbüchern sowohl im Schulunterricht als auch in der Lehrerbildung, sofern sie sachlich richtig, interessant und adressatengerecht Fachinhalte vermittelten. Der Appell und die Kritik des Referenten waren für einen Großteil der Zuhörer aufschlussreich, da so mit Blick auf die gegenwärtige Schulpraxis deutlich wurde, weshalb Vermittlungsangebote von Bibliotheken und Medienfachstellen sowie lehrplanspezifische Sachliteratur von schulischer Seite bislang kaum wahrgenommen wurden.

SUSANNE BRANDT unterbreitete in ihrem Referat ein solches Angebot aus bibliothekarischer Sicht. Sie präsentierte eine Auswahl aktueller Titel zum Thema ‚Meer‘ und zeigte an ihnen die verschiedenen narrativen Möglichkeiten, jungen Lesern maritime Sachkenntnisse zu vermitteln. Es wurde deutlich, dass Bücher dieses Themenschwerpunktes Fakt und Fiktion miteinander mischen und Mythen und Utopien in die Handlung integrieren. Exemplarisch stehen hierfür die utopischen Sacherzählungen "Nautilon.  Eine fantastische Tiefseereise" (2011) und "Geheimnisvolle Welt der Ozeane. Die wahre Geschichte der Nautilus" (2010) in der Tradition von Jules Verne sowie "Polymeer" (2012).  Faktenwissen vermittele sich hier in fiktionaler Narration und durch besondere visuelle und interaktive Elemente wie aufklappbare Seiten und Geheimfächer oder Pop-ups (z. B. "Pop-up Ozean", 2013), die bei den kindlichen Lesern Momente des Entdeckens und des Abenteuers erweckten, ihn zum Beobachten und Experimentieren motivierten und darüber hinaus methodisches Grundwissen des Forschens vermittelten. Brandts Bücherschau regte zu vielen Fragen an: So wurde zum einen diskutiert, inwiefern fiktionale Elemente eine Daseinsberechtigung im Sachbuch haben und ob sie für die kindliche Rezeption von Sachinformationen notwendige Voraussetzung sind. Zum anderen wurde hinterfragt, ob Kinder das intendierte Leseziel, die Vermittlung von nützlichem Wissen, bewusst annehmen oder ob sie dieses ausblenden und aus purer Neugier und Interesse lesen.

Hierzu äußerte sich die Autorin ANKE M. LEITZGEN im abendlichen Werkstattgespräch, in welchem sie zusammen mit der Grafikerin LISA RIENERMANN Konzept und Entstehungsgeschichte ihres inzwischen sehr erfolgreichen Buchprojektes "Entdecke deine Stadt" (2011) vorstellte, fachkundig und anregend moderiert von SUSANNE OPITZ. Anliegen der beiden Büchermacherinnen ist es, bei Kindern Spaß an Themen zu wecken, indem sie Wissen auf Augenhöhe weitergeben ohne zu belehren. Deshalb sei "Entdecke deine Stadt" auch als All-Age-Titel mit Magazincharakter angelegt, der sich an Viel- ebenso wie an Wenigleser richte. Es sei kein linear zu lesendes Sachbuch, was bereits mit dem Inhaltsverzeichnis deutlich werde, das eine beliebige, interessegeleitete Lektüre anbiete. Das Mitmach-Buch greife einerseits auf bewährte Sachbuch-Elemente wie Doppelseite, Experteninterviews und Glossar zurück, durchbreche sie andererseits aber auch, indem es beispielsweise die Bildsprache des Internets und dessen Bedienung implementiere und nichtlinear erzähle. Dadurch ließe sich zeigen, dass neue Sichtweisen auf das Medium Buch ermöglicht werden und Intermedialität im Sachbuch exemplarisch vorgeführt wird.

Einen anderen Sachbuch-Typ und eine andere, eher intuitiv geleitete Arbeitsweise stellte die Illustratorin CLAUDIA LIEB im Gespräch mit den beiden Tagungsorganisatorinnen vor. Die Sacherzählung "Die wunderbaren Reisen des Marco Polo" (2009) vermische bereits im Titel Fakt und Fiktion und behalte diese Vorgehensweise im Text wie auch in der Illustration des gesamten Buches bei, das die Leser auf eine imaginäre Reise in die Geschichte mitnehmen und Sachwissen über Personen, Länder und ihre Kulturen wie nebenbei unter anderem durch das beigegebene Kartenmaterial vermitteln möchte. Zum Abschluss der Gesprächsrunde gab Lieb Einblick in ihre verschiedenen "Kartenstile" und zeigte an Beispielen, wie variantenreich sich Sachinformationen topographisch umsetzen lassen und Wissen sich verräumlichen lässt.

Weitere Eindrücke zum Geo-Sachbuch und dessen kartographischer Mannigfaltigkeit konnten die Tagungsteilnehmer durch den Besuch der Ausstellung "Mit 80 Karten um die Welt" in der Wehrgang-Galerie der IJB mitnehmen, die gestaltete Topographien der historischen und aktuellen Kinder- und Jugendliteratur vorführt. Darüber hinaus war es möglich, in einem Methodenworkshop unter der Leitung von JULE PFEIFFER-SPIEKERMANN literaturpädagogische Vermittlungsformen des Sachbuches gemeinschaftlich zu erproben.

Alle im Forum durchweg rege diskutierten Beiträge sowie die äußerst aufschlussreichen Werkstattgespräche zeigten wesentliche Koordinaten auf, die am Ende der Tagung eine präzise Positionsbestimmung der (Geo-)Sachbuchwelt erlaubten. Es wurde deutlich, dass erstens der Vermittlungsgestus in neueren Sachbuchtiteln stärker als bisher intrinsisch ist und so junge Leser zum Mitmachen und Entdecken motiviert werden sollen, dass zweitens auf diese Weise hierarchische Strukturen aufgelöst werden und die Bildungssituation dadurch zweckfrei und zwanglos wird, dass drittens die Rezeption von Sachtexten auf mehreren Ebenen möglich ist und deshalb Leser unterschiedlichen Alters angesprochen werden, dass viertens der Grenzverlauf zwischen Fakt und Fiktion nicht zuletzt aufgrund intermedialer Erzählweisen in Text und Illustration nicht immer klar bestimmbar ist und dass fünftens topographische Darstellungen die kognitive Vernetzung von Wissen unterstützen, die Ausbildung von Kartenlesekompetenz, das Verstehen von Symbolen sowie das räumliche und abstrakte Denken fördern. Vor allem aber wurde offensichtlich, dass sich die Gattung im Zuge des medialen Wandels in einem vielversprechenden, gleichwohl nicht spannungsfreien Transformationsprozess befindet und Mut zu Innovationen und Experimenten zeigt.

(Quelle: H-Germanistik) 

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