von Iris Hetscher (Weser Kurier 07.07.2015)

In den Kinderfilm haben seit einigen Jahren verstärkt Figuren, aber auch Situationen Einzug gehalten, die klassischerweise in Horrorfilmen vorkommen. Wissenschaftler der Universität Bremen haben dies kürzlich auf einer Tagung näher unter die Lupe genommen. Iris Hetscher hat mit dem Film- und Literaturwissenschaftler Tobias Kurwinkel darüber gesprochen.

Sie haben Ihrer Tagung den Titel "Die Monster und die Untoten sind im Kinderzimmer angekommen" gegeben. Wie kommen Sie darauf?

Tobias Kurwinkel: Man kann in den vergangenen 15 Jahren eine Entwicklung im Kinderfilm feststellen, die explizite Darstellungen beinhaltet, aber auch solche, die auf das Innere abzielende Ängste zum Thema machen.

Was verstehen Sie darunter?

Es gibt inzwischen eine stärkere Psychologisierung der Figuren. Das kann man an aktuellen Märchenverfilmungen wie "Snow White and the Huntsmen" oder "Maleficent" sehen, in denen auf einmal die Handlungsmotive der Figuren eine Rolle spielen. Das kennen wir aus dem klassischen Märchen nicht, da wurde nicht erklärt, warum die Stiefmutter der anvertrauten Tochter nach dem Leben trachtet. Ein weiteres Beispiel ist der Film "Phoebe im Wunderland": In diesem geht es um ein kleines Mädchen, das zunehmend von Zwangshandlungen kontrolliert wird. Es muss beispielsweise immer auf eine bestimmte Art und Weise die Treppen im Elternhaus hinuntergehen und schlägt sich dabei immer wieder die Knie auf. Das Mädchen leidet in diesen Momenten unglaubliche, ohnmächtige Angst vor dem Unbekannten, das es dazu zwingt, sich derartig zu verhalten. Es geht hier nicht mehr um das Monster, das unter dem Bett lauert.

Die kurzzeitige Furcht vor etwas weicht der unbestimmten Angst, die sich festsetzt und Kinder viel stärker beschäftigt und prägt.

Genau. Die – wenn man so möchte – äußere wird durch die innere Angst ersetzt. Das ist auch an der Verfilmung von "Wo die wilden Kerle wohnen" von Spike Jones auszumachen. Der Regisseur hat das Bilderbuch durch einen Mutter-Sohn-Konflikt angereichert. Da gibt es den neuen Liebhaber der Mutter, auf den der Junge eifersüchtig ist. Dieses starke, intensive Gefühl kann der Junge nicht einordnen, es sich nicht erklären. Er reagiert ohnmächtig und gewalttätig, schreit seine Mutter an und beißt sie in den Arm. Die Probleme dieser realen Welt verarbeitet der Junge dann in der fantastischen Welt der "Wilden Kerle".

Wie erklären Sie sich, dass solche eher auf Traumata und Psychosen setzende Muster erst in den vergangenen Jahren aufgeploppt sind?

Vor den Horror-Schreckfiguren von einst fürchtet sich niemand mehr. Wir sind mittlerweile von Untoten und Zombies umgeben. Die kommen in vielen Medien vor und sind ein großes Merchandising-Thema. Da gibt es dann die Action-Figuren, die Bettwäsche und das Puzzle zum Film. Auch Erwachsene bleiben davon nicht ausgespart. Denken Sie nur an den Todesstern, den man zum "Star-Wars"-Franchise bei Amazon für gut 3000 Euro bestellen kann.

Viele Kinder- und Jugendfilme locken mittlerweile auch erwachsene Zuschauer an.

Diese Family-Entertainment-Filme sind voller Anspielungen, da finden wir Zombies, Frankenstein, Vampire. Kinder haben bereits früh ein erstaunliches Genrewissen – denen ist schnell klar, dass der Vampir kein Weihwasser und kein Sonnenlicht mag.

Horror- und Fantasyfiguren sind nicht mehr durchgängig negativ belegt, sondern teilweise geradezu sympathisch.

Ein frühes Beispiel ist da sicher der "Kleine Vampir" von Angela Sommer-Bodenburg aus den frühen 80er-Jahren. Das war eindeutig keine angstbesetzte Figur, was sich inzwischen fortgesetzt hat. Nehmen Sie nur die "Twilight"-Reihe oder eine Produktion wie "So finster die Nacht", in der ein Junge sich mit dem Vampir von nebenan befreundet. Hier geht es thematisch darum, wie zwei Außenseiter Verantwortung füreinander übernehmen – ein klassisches Motiv der Kinder- und Jugendliteratur.

Das untermauert die These, die Sie auf Ihrer Tagung diskutiert haben: Kinder können von dieser Psychologisierung durchaus profitieren. Können Sie das näher erklären?

Wenn Kinder Filme anschauen, in denen die Figuren mit inneren Konflikten und Ängsten konfrontiert werden, können sie daraus Handlungsweisen ableiten. Gleichzeitig sind sie dabei auf einem sicheren Terrain – denn diese Ängste werden im Film und nicht in ihrer Realität verhandelt. Dabei kann es um Fragen gehen wie: Was passiert, wenn sich mein Körper verändert, ich schwer krank werde oder Aggressionen spüre? Wie bewältige ich das? Wir nennen das Selbstermächtigung.

Das funktioniert aber nur, wenn Kinder solche Filme nicht alleine anschauen, oder?

Kinder brauchen einen verlässlichen Rahmen, in dem sie derartige Filme konsumieren, weil die Filme häufig mit Vertrauensbrüchen arbeiten. Das kann Kinder und ihr Weltbild prägen. Daher ist es wichtig, dass sie mit einer Person, zu der sie eine Bindung haben, über den Film sprechen können.

 

Stefanie Jakobi hat für KinderundJugendmedien.de einen Tagungsbericht geschrieben. Diesen können Sie hier nachlesen.


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