von Mirijam Steinhauser

Überall ist was zu sehen in den Bilderbüchern, für die Ali Mitgutsch, der am 21. August seinen 80. Geburtstag feiert, bekannt wurde. Mit Rundherum in meiner Stadt (EA 1968) und Bei uns im Dorf (EA 1970) begann der Autor-Illustrator, ein Bilderbuchgenre auf dem deutschen Markt einzuführen, das zuvor nur vereinzelt auftauchte und sich an ganz junge Kinder als selbstständige Rezipienten im Austausch mit anderen richtet: das sogenannte Wimmel(bilder)buch.

Mit diesem Konzept, das die textlose und simultane pluriszenische Darstellung zahlreicher Einzelereignisse auf einer Doppelseite umfasst, gewann Mitgutsch 1969 den Deutschen Jugendliteraturpreis und regte zahlreiche Illustratoren zur Nachahmung an. Oetken (2008, S. 61) sieht die Sonderstellung, die Mitgutschs Wimmelbücher einnehmen, mehrfach begründet: "Mit dem Changieren zwischen Narration und intendierter Wissensvermittlung, der Darstellung einer vitalen und vielfältigen und explizit alltagsbezogenen Realität, wie sie auch Teil des realen kindlichen Erlebnisraums sein könnte, ist Mitgutsch aus heutiger Sicht ein Wegbereiter unter den Gratwanderern aktueller Grenzüberschreitungstendenzen."
Heute wimmelt es in ganz verschiedenen Verlagen und Umgebungen. Die bekannteste Wimmelbuchschöpferin neben Mitgutsch ist Rotraut Susanne Berner, die mit ihrem Wimmlinger Bilderbuchzyklus das Prinzip erweitert und verändert hat. Dabei resultiert das Vergnügen an der Wimmelbuch-Rezeption aus deren Verwandtschaft mit dem Spiel (vgl. Rémi 2011). Mitgutsch selbst erfüllte sich mit diesen Büchern den kindlichen Wunsch, sich vollständig in ein Buch hineinzubegeben, was sich ganz körperlich vor allem mit den Riesenbilderbüchern, also Wimmelbüchern in Übergröße, verwirklichen lässt. 
Mitgutschs Hinwendung zum Fantasieren und Erzählen wurde in seiner eigenen Kindheit grundgelegt. Bei allem Leid, das Weltkrieg, Flucht aus der Stadt, Ausgrenzung und Not mit sich brachten, waren die Erzählungen der fantasiebegabten Mutter und die eigene Fantasie prägende Zufluchtsorte. Wer Ali Mitgutsch, der eigentlich Alfons heißt, über seine eigene Kindheit vor beinahe achtzig Jahren erzählen hören möchte, kann dies ganz wunderbar auf der Seite der Erinnerungsbank Memoro (http://www.memoro.org/de-de/testimone.php?ID=247, Stand: 10.08.2015) tun. Mit seinen Büchern eröffnet Mitgutsch Kindern bis heute ebenfalls einen Rückzug in überbordende idyllische und doch alltägliche Geschichtenwelten.

Neben den Wimmelbüchern finden sich in Mitgutschs umfangreichem Werk auch viele narrative Bilder- und Kinderbücher, in denen Geschichten mit Text und Bild erzählt werden, etwa in Zwiggel, der Zwerg (EA 1996), worin ebendieser sich aufmacht, um "die Welt da draußen" kennenzulernen, Der Kraxenflori (EA 1963), das die Geschichte eines bayerischen Bauernjungen aus früherer Zeit erzählt, oder Die Hexe und die sieben Fexe (EA 1970), eine gereimte Geschichte aus dem Märchenwald. In all diesen Büchern behält sich Mitgutsch seinen bewusst naiven Malstil bei, der ebenso in den Wimmelbüchern zum Tragen kommt.
Und auch als Könner im Sachbuchbereich veröffentlicht Mitgutsch einige Titel. Auf ganz einfach Weise erklärt er etwa in seiner Vom…zum…-Reihe (Vom Korn zum Brot [EA 1971], Vom Erdöl zum Benzin [EA 1975]) Kindern die Welt. In Vom Maler zum Bilderbuch (EA 1986) erhalten die jungen Leser Einblick in die Arbeit eines Autor-Illustrators:
" 'Eine gute Idee!', ruft Herr Fabulus und springt aus dem Bett. 'Eine gute Idee für ein spannendes Bilderbuch.' Herr Fabulus ist nämlich Künstler und malt Bilderbücher. Die besten Ideen fallen ihm beim Herumträumen im Bett ein." (Mitgutsch 2006, o. S.) Mitgutsch selbst hatte und hat viele solcher guten Ideen, die – in Bilderbücher umgesetzt – Kinder seit 1959 erfreuen. Insgesamt hat er mittlerweile über 70 Titel veröffentlicht, die in 29 Sprachen übersetzt und 5,7 Mio mal verkauft wurden (vgl. Oetken 2008, S. 60).

Heute zeichnet Mitgutsch, der nach seiner Lithographenlehre in München Graphik studierte und seit langem in Schwabing lebt, nur noch wenig. Dafür arbeitet er an sogenannten Traumkästchen, kleinen plastischen Montagen aus Fundstücken in Bilderrahmen, die dem Betrachter fantastische Einblicke mit volkstümlichen und surrealistischen Anklängen ermöglichen (vgl. Ravensburger 2008).

Quellen:

Mitgutsch, Ali, 2006, Vom Maler zum Bilderbuch, Köln: Boje.

Oetken, Mareile, 2008: Bildgestöber. Wimmelbilderbücher erzählen sich selbst, in: kjl&m 08.4, S. 58-65.

Ravensburger Buchverlag/Städtische Galerie Ravensburg (Hrsg.), 2008: Silberne Flügelschläge. Traumkästchen von Ali Mitgutsch (Ausstellungskatalog), Ravensburg: Ravensburger Buchverlag Otto Maier.

Rémi, Cornelia, 2011: Reading as playing. The cognitive challenge of the wimmelbook, in: Kümmerling-Meibauer, Bettina (Hrsg.): Emergent literacy. Children’s books from 0 to 3, Amsterdam: John Benjamins, S. 116-139.

http://www.memoro.org/de-de/testimone.php?ID=247, Stand: 10.08.2015.


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