"Sollen wir Menschsein spielen?" Eine kommentierte Anthologie deutschsprachiger Puppentexte

[10.04.2016]

Insa Fooken, Professorin für Entwicklungspsychologie (der Lebensspanne), und Jana Mikota, Germanistin mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft, arbeiten seit mehreren Jahren gemeinsam an Projekten über Puppen und Puppenerzählungen. Im Oktober 2013 haben sie an der Universität Siegen eine interdisziplinäre und internationale Tagung zum Thema "Puppen – Menschenbegleiter in Kinderwelten und imaginären Räumen" ausgerichtet. Nun ist unter dem Titel "Sollen wir Menschsein spielen?" eine kommentierte Anthologie deutschsprachiger Puppentexte erschienen.

Puppen gehören als Artefakte mit menschlichem Antlitz zu einer besonderen Kategorie von Dingen. Sie haben in ihrer Bedingtheit die menschheitsgeschichtliche Entwicklung von ihren frühen Anfängen bis heute begleitet und gespiegelt. Dank ihrer menschenähnlichen Materialität kommt den Puppen eine eigene Aura zu. Man wird davon ausgehen können, dass eine solche, in gewisser Weise auf einer Wechselwirkung beruhende Beziehungsstruktur schon für prähistorische Epochen gegolten hat: Funde von beweglichen (und somit gut animierbaren) Puppenfiguren aus der Eiszeit lassen den Schluss zu, dass es bereits vor mehr als 24.000 Jahren ein menschliches Bedürfnis war, Puppen nicht nur zu kreieren, sondern sie auch symbolisch zu beseelen (British Museum, 2102). So kann man demnach davon ausgehen, dass auch die damaligen Menschen bereits über Fähigkeiten zur Symbolisierung, zu einer Art Mentalisierung, zum Spielen und in gewisser Weise zum Geschichtenerzählen verfügten. 

Auch Puppen erzählen Geschichten. Das gilt für alte, historische Puppen genauso wie für relativ neuzeitliche afrikanische Zulu-Puppen (vgl. Jolles, 2010), für japanische Kokeshi-Puppen (vgl. Tawada, 2014) wie auch für die hoch stilisierten, zumeist hyperweiblichen Mode-Puppen oder hypermaskulinen Puppen-Monster, die heutzutage in ihren zahlreichen Varianten in den Kinderzimmern 'leben'. Das, was Puppen erzählen, sind zum einen Geschichten über 'ihre Menschen', die sie besitzen oder besessen haben, das sind zum anderen aber auch ihre eigenen Geschichten aus ihrem Leben als Puppe. Die Art ihrer Materialität, ihr spezifischer Ausdruckscharakter mitsamt ihren Gebrauchsspuren generieren puppenspezifische Narrative in ihrer eigenen 'Sprache'. Diese Sprache bedarf allerdings zumeist einer gewissen Dekodierung bzw. einer 'Übertragung' in für Menschen verständliche menschliche Kommunikationsformen, um vernommen und verstanden zu werden. Was können und wollen uns Puppen sagen oder besser: Was und wie lassen wir als Menschen die Puppe von sich erzählen und auf uns wirken? Diese Frage hat seit mehr als zwei Jahrhunderten die literarische Phantasie und Imaginationskraft schreibender Menschen beflügelt und eine besondere Art von Literatur erzeugt – Puppenerzählungen und Puppentexte. Die Narrative der Puppen werden zu Texten von und für Menschen, in denen Puppen (literarisch) erschaffen werden und damit in einer neuen Weise von Puppen und (ihren) Menschen erzählen. 

Die in der Anthologie zusammengestellten und kommentierten Texte von und über Puppen in der deutschsprachigen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur sind voller Überraschungen. Die zum Leben erweckten Puppen werfen einen Blick auf ihre Puppenmütter und setzen sich, zumindest in der Kinder- und Jugendliteratur, mit Mädchen- und Frauenbildern auseinander. Die Puppen erheitern, sie verstören und irritieren auch. 

Insgesamt finden sich in der Anthologie 22 Puppengeschichten aus der Kinder- und Jugendliteratur, u.a. von Emma Biller, Else Ury, Rafik Schami, sowie 13 Texte aus der Erwachsenenliteratur u.a. von Gottfried Keller, Mascha Kaléko, Erich Fried. 

Insa Fooken und Jana Mikota (Hg.): Sollen wir Menschsein spielen? Eine kommentierte Anthologie deutschsprachiger Puppentexte.
Siegen: universi 2016.
242 Seiten. 27,50 €. 
ISBN 978-3-936533-66-8

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