Zum ersten Mal gibt es in Deutschland einen Kinderlyrikpreis. Er trägt den Namen von Josef Guggenmos (1922-2003), der die deutsche Kinderlyrik nachhaltig beeinflusst sowie ihr Themenspektrum und ihre formalen Möglichkeiten entscheidend erweitert hat. Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e.V. hat den mit 3.000 Euro dotierten Preis zu ihrem 40. Jubiläum mit Unterstützung vom Sparkassenverband Bayern ins Leben gerufen. Er wird am 18. November 2016 in Volkach verliehen.

Um den Preisträger zu finden, hat die Jury die zwischen Juli 2015 und Juli 2016 erschienenen Lyrik-Neuerscheinungen gesichtet. Auch eine Shortlist mit fünf weiteren gelungene Titel wurde zusammengestellt. Das Angebot an beachtenswerten Büchern mit Lyrik für junge Leser war erfreulich groß und vielfältig. Daher fiel die Auswahl nicht leicht. Mit ihrem Preis will die Akademie Autoren genauso wie Verlage und Buchhandlungen ermutigen, sich stärker als bisher für das Kindergedicht einzusetzen.

Der Preisträger

Foto: © Peter-Hammer Verlag

Arne Rautenberg kam 1967 in Kiel auf die Welt, wo er auch heute nach dem Studium der Kunstgeschichte, der Neueren Deutschen Literaturgeschichte und der Volkskunde als freier Schriftsteller und Künstler lebt. Er wurde bereits mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Seit 1995 veröffentlicht er meist Gedichtbände, zuletzt in diesem Jahr die Gruselgedichte mit dem Titel "unterm bett liegt ein skelett" – wofür er jetzt mit dem Josef- Guggenmos-Preis ausgezeichnet wird. (Homepage des Autors)

Das preisgekrönte Buch

Arne Rautenberg: unterm bett liegt ein skelett.
Gruselgedichte für mutige Kinder.

Illustriert von Nadia Budde
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2016.
48 Seiten. 13,90 €
ISBN 978-3-7795-0551-8.

Dieser Dichter nimmt die Sache so ernst, dass ihm Leichtigkeit gelingt. Bei "zombies in kombis" mag mancher zunächst an einen herbeigezwungenen Reim denken – doch halt, haben wir nicht auch schon solche Gestalten gesehen, die vor dem Supermarkt parken? Das Gruselige hat seinen Platz in dieser Welt, drum ist der "kein guter mann, der umkehrzauber zaubern kann". Er macht nämlich "aus den klappernden skeletten – muskelmänner in ketten". Nein, in der Fantasie, im Dunkeln, in der Nacht darf es so gruselig sein, wie es nur geht, nur in der Wirklichkeit wollen wir das Helle sehen. Souverän setzt Rautenberg den Endreim ein, aber natürlich kann er auch anders:

was macht der maulwurf auf dem friedhof? buddeln buddeln buddeln

Wenn Wortwiederholung und Reim zusammenkommen, wirkt das wie eine mit kühnem Strich gesetzte Zeichnung:

zombie-baby brabbelt zombie-baby sabbelt zombie-baby zombie-baby zombie-baby krabbelt

Seine Formen wählt er abwechslungsreich, dabei immer treffsicher, zu tiefem Humor ebenso wie zu tiefem Sinn fähig. Kinder amüsieren sich an dem Grusel, weil sie spüren und wissen, dass er inszeniert und nicht wirklich ist – wie bei einer Geisterbahn. Die zweifarbigen Zeichnungen von Nadia Budde würzen den gewitzten Witz.

Die Empfehlungsliste

Nadia Budde: Vor meiner Tür auf meiner Matte.
Illustriert von Nadia Budde.
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2016.
32 Seiten. 15,90 €.
ISBN 978-3-7795-0539-6.

Es gibt Illustratoren, die können auch dichten. Und es gibt Dichter, die gut illustrieren können. Echte Doppelbegabungen sind allerdings selten, und deshalb wird Nadia Budde ausgezeichnet, die schon viele gedichtete Bilderbücher vorgelegt hat. Das Szenario des unerbetenen Besuchs einer Ratte, die der Hauptfigur ständig dazwischenfunkt, bietet echte Situationskomik. Der Pfiff liegt darin, wie die Illustratorin/Dichterin Text und Bild inszeniert – mit kleinen quatschigen Plots, die wir als Karikaturen von wohlbekannten Konfliktsituation erkennen.

Uwe-Michael Gutzschhahn (Hrsg.): Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her.
Das dicke Buch vom Nonsens-Reim.

Illustriert von Sabine Wilharm.
cbj Verlag, München 2015.
192 Seiten, 19,99 €.
ISBN 978-3-570-15971-2.

Diese Sammlung komischer Gedichte macht es leicht, die Lyrik über- haupt zu entdecken. Für Unsinn waren sich auch die großen Klassiker nicht zu fein: Chamisso, Eichendorff, Lessing. Die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts, die wirklich nicht zum Lachen war, reizte großartige Poeten wie Kurt Schwitters, Bertolt Brecht, Erich Mühsam, Mascha Kaléko und Joachim Ringelnatz zum Scher- zen. Es fehlen nicht die Komik-Spezialisten von Karl Valentin zu Otto (ja, der!), von Heinz Er- hardt zu Robert Gernhardt. Wir finden Erich Fried, H.M. Enzensberger, James Krüss, Arne Rautenberg, Peter Maiwald, Oskar Pastior und Jürgen Spohn und – überraschend und über- zeugend zugleich – viele unbekannte Verfasser. Die unvermeidliche Willkür bei einer solchen Auswahl verwandelt der Herausgeber mit den eleganten Illustrationen von Sabine Wilharm zu einer Kür auf dem lyrischen Parkett.

Judith Holofernes: Du bellst vor dem falschen Baum.
Illustriert von Vanessa Karré.
Tropen Verlag, Stuttgart 2015.
104 Seiten, 17,95 €.
ISBN 978-3-608-50152-0.

Die Rockmusikerin und Songschreiberin Judith Holfernes (bekannt durch die Gruppe Wir sind Helden) singt bzw. schreibt nicht vor dem falschen Publikum. Treffsichere Sprache, Rhythmus- und Melodiegefühl sind ihre Sache. Nur dass die Begleitmusik hier aus Bildern besteht.  Kinder lieben Tiergedichte, und da müssen nicht unbedingt Blaumeisen vorkommen, es können auch Bleimeisen sein, Tollmeisen oder Vollmeisen oder Halbmeisen. Ein herrliches Lese- und Schauvergnügen (teilweise mit ausklappbaren Panoramabildern) aus einem literarischen Verlag – auch für Kinder.

Christoph Meckel: Für Clarisse.
Illustriert vom Autor.
Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2015.
140 Seiten, 24,00 €
ISBN 978-3-936826-74-6.

Dass ein so bedeutender und fleißiger Lyriker im Alter von 80 Jahren eine Sammlung von 60 bisher unveröffentlichten Gedichten heraus- bringt, ist ein Glücksfall. Sie richten sich an Clarisse, eine kindliche Kunstfigur. Das Buch ist auch formal in jeder Hinsicht ein bibliophiler Leckerbissen. Schon der Umschlag ist ein gefaltetes Plakat mit einer Meckel ́schen Radierung, auf dessen Rückseite der Autor seine Kunstfigur im weltliterarischen Universum verortet. In der Mitte der Broschur befinden sich 9 ausklappbare Seiten mit weiteren Radierungen des Autors.

Frantz Wittkamp: In die Wälder gegangen, einen Löwen gefangen – Findlinge.
Illustriert von Axel Scheffler.
Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2016.
48 Seiten, 12,95 €
ISBN 978-3-407-79564-9.

Seine Vierzeiler nennt der Autor "Findlinge" – wie die nach der Eiszeit liegengebliebenen, rundgeschliffenen großen Gesteinsbrocken. Auf das Wesentliche abgeschliffen – das ist die formale Essenz der Witt- kamp ́schen Gedichte. Sie haben Tiefgang bei aller Leichtigkeit, und solche Doppelbödigkeit strahlen auch Axel Schefflers lakonisch-fröhliche Bilder aus. Kinder haben sofort ihren Spaß damit, der keineswegs verhindert, dass Erwachsene weitere, eigene Bezüge für sich herstellen können.

[Quelle: Pressemitteilung]

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