von Corinna Norrick-Rühl

Wenn Kinder Hörbücher, Hörspiele und Kinderlieder hören, endet das Hörerlebnis häufig mit zerkratzten CDs, bei Kassetten mit dem obligatorischen Bandsalat oder mit Ärgernissen, weil die Kinder das Tablet nach dem Hörspiel nicht mehr rausrücken wollen. Das Düsseldorfer Start-Up Tonies bietet seit kurzem ein neues Audiosystem an, das kinderfreundlich und robust zugleich ist. So werden viele beliebte Kinderbuchklassiker sowie neue Vorlesefavoriten für die nächste Generation von LeserInnen hör- und erfahrbar.

In ihrer Dissertation Tondokumente von der Walze zum Hörbuch (2008) beschreibt Sandra Rühr die Tatsache, dass in den 1970er Jahren die Kommerzialisierung der Vertonung von Texten für junge Zielgruppen begann. Hörspiele wurden nicht mehr nur im Hörfunk zur Ausstrahlung produziert, sondern lehnten sich teilweise auch an beliebte Fernsehsendungen an (vgl. Rühr 2008, S. 21). Im Standardwerk Deutsche Kulturgeschichte wird 1977 als erstes großes "Boomjahr" der Tonträger im Kinderzimmer bezeichnet (Schildt/Siegfried 2009, S. 347). 1977 waren etwa 2000 Titel für Kinder im Angebot. Diese waren teilweise Schallplatten, aber beliebter waren die Kinderkassetten, da diese den Kindern einen "preisgünstigeren, robusteren und bedienungsfreundlicheren" Hörspaß bescheren konnten als die empfindlichen LPs (ebd.). Der Schriftsteller Hermann Moers urteilte allerdings noch 1985 ironisch über Kinderkassetten: "Als Konkurrenz zum Buch eine zwiespältige Sache. Als Alternative zum Video allerdings verdienstvoll: ein Beitrag zu Erhaltung des homo sapiens!" (zit. in Norrick-Rühl 2014, S. 114; siehe zur Rezeption auch zum Beispiel Wicke 2016).

Heute werden Hörbücher und Hörspiele hingegen sehr positiv gesehen, als Ergänzung des Medienangebots für Kinder. Zuhören können, sich konzentrieren können, der Erzählung folgen können – all das sind Kompetenzen, die angesichts der Schnelllebigkeit des digitalen Zeitalters immer wichtiger werden. Hörbücher erfreuen sich daher großer Beliebtheit, schon seit Beginn des neuen Jahrtausends. Die Vorteile des Hörens werden auch von vielen Erwachsenen übrigens so empfunden. Es gibt zahllose Erwachsene, die mit großer Leidenschaft noch Hörspiele aus der Kindheit immer wieder hören, zum Beispiel zum Einschlafen. Die alten Kinderhörspiele haben mittlerweile einen "Kultstatus" – Zahlen dazu gibt es leider nicht (Troschke 2013). Sicher ist allerdings, dass jeder fünfte Deutsche (21,2%) über 14 mindestens ab und an ein Hörbuch hört (vgl. BuBiZ 2016, S. 33).

Aber zurück zu den kindlichen NutzerInnen: Nach wie vor üben Hörmedien auf Kinder eine große Faszination aus. 54% der Kinder zwischen 2 und 5 Jahren hörten 2014 mindestens einmal die Woche ein Hörspiel (vgl. MiniKIM-Studie 2014, S. 7). Auch bei den 6- bis 13-Jährigen, die im Fokus der KIM-Studie aus dem Jahr 2016 stehen, sind Hörspiele und Hörbücher noch sehr beliebt (vgl. KIM-Studie 2016, S. 24-25). Über die Hälfte der Befragten (53%) hören mindestens selten Hörspiele oder Hörbücher an, jeder Vierte (24%) hört regelmäßig, wobei Mädchen (27%) etwas häufiger zu Hörmedien greifen als Jungen (23%) (vgl. ebd., S. 24). Klar wird außerdem, dass kleinere Kinder deutlich häufiger Hörmedien nutzen als ihre älteren Peers: bei den 6- bis 7-Jährigen sind es satte 43%, die mindestens einmal pro Woche ein Hörspiel anschalten, bei den Älteren (12 bis 13 Jahre) nur noch 8% (vgl. ebd., S. 24).

Angesichts des Übergangs von analogen zu digitalen Speichermedien stellt sich natürlich die Frage, welche Hörmedien bevorzugt von Kindern verwendet werden. Downloadportale wie Audible sind zwar beliebt und praktisch (vgl. dazu zum Beispiel Häusermann/Janz-Peschke/Rühr 2010, S. 48-50), aber wohin mit der Datei, sodass Kinder damit selbstständig umgehen können? Digitaler Kindercontent findet auf Erwachsenengeräten statt – Smartphones, Tablets, Computer – mit allen Problemen, die das vor allem für die Jüngsten mit sich bringt: Schwierigkeiten bei der Bedienung, ständige elterliche Kontrolle und sinnliche Überforderung durch blinkende Bildschirme.

Hörkassetten wurden daher auch bis heute nicht komplette abgelöst, denn CDs sind für kleine Kinder nicht robust genug und zerkratzen leicht. Laut MiniKIM-Studie besaßen 2014 19% der 2- bis 3-jährigen Kinder und 25% der 4- bis 5-jährigen Kinder einen Kassettenrekorder; 8% bzw. 34% verfügten über einen eigenen CD-Player (vgl. MiniKIM-Studie 2014, S. 6). Auch bei den älteren Kindern (6 bis 13 Jahre) verfügen 42% der Jungen und 48% der Mädchen über einen eigenen CD-Player; 23% der Mädchen und 19% der Jungen über einen Kassettenrekorder (vgl. KIM-Studie 2016, S. 9). Allerdings ist der Besitz von CD-Playern und Kassettenrekordern in dieser Altersgruppe in den letzten Jahren rückläufig, da die Kinder mit anderen Geräten ausgestattet werden, die Audio- und eben auch Videofunktionen übernehmen können – so verfügt jedes zweite Kind zwischen 6 und 13 Jahren über ein eigenes Handy oder Smartphone und jedes fünfte Kind über einen Computer oder Laptop (vgl. KIM-Studie 2016, S. 9).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Hören von Hörbüchern und Hörspielen gerade für jüngere Kinder eine wichtige Rolle im Alltag einnimmt und deswegen auch dringend Lösungen für gut bedienbare, sichere und robuste Audiogeräte für Kleinkinder und jüngere Grundschulkinder nötig sind. Hier setzt die Toniebox an.

Design

Das Design ist rundum gelungen. Produkte für Kinder sind häufig überladen, zu bunt, zu grell. Die Tonies bestechen durch ein reduziertes Design mit Fokus auf eine Farbe (Toniebox erhältlich in rot, grün, pink und hellblau).

Die Toniebox lädt sich am Ladegerät auf – und wird dann kabellos im Kinderzimmer deponiert. Eltern werden es zu schätzen wissen. Die Ladezeit ist überschaubar und die Ladung hält auch bei täglicher Nutzung deutlich über eine Woche an.

Handhabung

Die Handhabung der Tonies ist bewusst einfach gestaltet: Die Eltern richten die Toniebox mit wenigen, leichten Setup-Schritten über das hauseigene W-Lan ein. Die vorhandenen Toniefiguren müssen nur einmal auf die Toniebox gestellt werden, damit das Hörbuch herunterlädt. Bei einer stabilen W-Lan-Verbindung dauert das selbst bei 90-minütigen Hörspielen nur wenige Minuten. Danach funktioniert die Toniebox mit der Toniefigur auch ohne W-Lan-Verbindung.

Das Kind sucht sich eine Toniefigur aus – meistens der Protagonist des Hörbuches, zum Beispiel der Grüffelo oder das Sams. Das Kind setzt die magnetische Figur mittig auf die Toniebox und los geht’s. Die Toniefiguren sind liebevoll gestaltet – sogar handbemalt – und robust.

Das übliche Geblinke und Tastaturgewimmel bei digitalen Geräten bleibt vollkommen aus – es gibt nur eine LED, die farblich unterschiedlich leuchtet oder blinkt, um anzuzeigen, was gerade in der Toniebox passiert. Die LED wird aber von der Toniefigur abgedeckt, sodass die Kinder sich einfach auf das Hörerlebnis konzentrieren können. Es gibt die Möglichkeit, Kopfhörer einzustöpseln. Aber noch wichtiger ist die Regelung der Lautstärke allgemein. Denn über die Setup-Funktion kann die Maximallautstärke gedrosselt werden, um kleine Kinderohren sowie Elternnerven zu schützen und zu schonen.

Sortiment

Die Toniebox ist relativ neu, weswegen das Sortiment noch begrenzt ist. Monat für Monat kommen allerdings neue Tonie-Hörbücher hinzu. Aktuell umfasst das Sortiment allseits beliebte HörbuchprotagonistInnen wie Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen usw., aber auch neuere Kleinkindfavoriten wie den Grüffelo und Bobo Siebenschläfer. Außerdem gibt es für ältere ZuhörerInnen Griechische Sagen, das Sams, Räuber Hotzenplotz und viele andere mehr. Tonie-BesitzerInnen können dem Düsseldorfer Start-Up auch auf direktem Weg mitteilen, was ihrer Meinung nach noch im Sortiment fehlt – dazu wurde eine eigene E-Mailadresse eingerichtet. Die Hörversionen kommen aus ganz unterschiedlichen Quellen – mal handelt es sich um Lizenzen von etablierten Audioverlagen wie dem DAV oder Oetinger media, mal sind es Rundfunkfassungen.

Begleitend zur Tonie-Figur erhalten Kinder ein Mini-Booklet (8 oder 12 Seiten, wichtigste Infos zu Inhalt, Tracks usw.) und bei manchen Figuren als Bonus noch ein Tonie-Puzzle zum Sammeln.

Laut Website stehen in den nächsten Monaten schon starke Kinderbuchmarken wie Käpt’n Sharky, Die Drei ??? Kids und Liliane Susewind in den Startlöchern. Zudem wird das Angebot laufend um neue Lieder-Tonies (Einschlaflieder, Kinderlieder) ergänzt. Und nicht zuletzt bietet sich durch die sogenannten Kreativ-Tonies die einzigartige Möglichkeit, eigenen Content auf eine leere Tonie-Figur zu laden und damit den Kindern über die Box zur Verfügung zu stellen. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: ob selbst aufgenommen oder aus der eigenen Medienbibliothek, der Content kann über die Tonie-Cloud schnell aufgespielt werden.

Kosten und Verfügbarkeit

Die Anschaffungskosten sind im Vergleich zu einem herkömmlichen CD-Player oder Kassettenrekorder natürlich eher hoch (Starterset: Toniebox inkl. einer Toniefigur mit einer Hörspielversion von Martin Baltscheits genialem Buch Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte aus dem Jahr 2002: 79,95 €). Die zusätzlichen Toniefiguren bewegen sich eher im Normalbereich für hochwertige Hörbücher und Hörspiele auf CD (Hörspiel/Hörbuch, meist etwa 45 oder 90 Minuten Laufzeit: 14,99 €). Für Eltern, die einen häufigen und vor allem selbstständigen Umgang mit hochwertigen Hörmedien unterstützen wollen, dennoch eine lohnende Investition.

Tonies können online bestellt werden – direkt bei Tonies.de sowie bei zahlreichen anderen Anbietern. Sie sind aber auch im stationären Buchhandel erhältlich sowie in Spielzeuggeschäften. Für den stationären Buchhandel könnten Tonies eine interessante Ergänzung zum herkömmlichen Hörspiel- und Hörbuch-Sortiment sein. Denn gerade der Buchhandel ist auf der Suche nach Wegen, im Hörbuchgeschäft dranzubleiben, nachdem die Downloadportale sich immer mehr Beliebtheit erfreuen. Durch die Wertigkeit und Ausstattung der Tonie-Figuren und die Zielgruppe der jungen Kinder eignen sie sich besonders gut als Geschenkartikel.

Support und Service

Wie es der Zufall so will, erreichte mich eine Toniebox, die nach dem einfachen Setup-Prozess einfach nicht so wollte, wie sie sollte. Die Telefonhotline war freundlich und kompetent besetzt, der Austausch lief reibungslos und im zweiten Anlauf funktionierte alles vollkommen einwandfrei. Die neue Toniebox wurde in weniger als 48h angeliefert; für den Umtausch hatte bereits ein Foto des DHL-Einlieferungsbelegs ausgereicht. Der Support und Service läuft wie am Schnürchen – großzügig und unkompliziert. Ein dickes Lob und Dankeschön dafür!

Fazit

Im Praxis-Test überzeugt das digitale Audiosystem auf ganzer Linie und ist vom Prinzip durchaus vergleichbar mit dem sehr populären TipToi-Stift aus dem Hause Ravensburger. Die Tonieboxen und die TipToi-Stifte nutzen neue digitale Möglichkeiten und eröffnen Kindern interessante Erlebniswelten innerhalb sicherer, robuster Abspielformate. Es bleibt zu hoffen, dass die Toniebox sich weiter gut etabliert und das Sortiment dadurch stetig erweitert werden kann.

Verwendete Literatur

 


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