von Dr. Mirijam Steinhauser

"Es waren einmal drei grimmige Räuber mit weiten schwarzen Mänteln und hohen schwarzen Hüten."

Diesen Satz, die sich daraus entspinnende Geschichte und die dazugehörigen wunderbar furchteinflößenden Bilder kennt seit drei Generationen fast jedes Kind. Tomi Ungerer, der Autor und Zeichner dieser und vieler anderer Bücher und Bildwerke für Kleine und Große ist am 9. Februar im Alter von 87 Jahren in Irland gestorben.

Abb. 1: Pressefoto Tomi Ungerer (Foto: © Gaëtan Bally/KEYSTONE)

Tomi (Jean-Thomas) Ungerers furiose Laufbahn als Kinderbuchkünstler begann in den USA 1957 mit zwei Büchern über die Mellops, eine sechsköpfige Schweinefamilie. Es folgten hierzulande bekanntere Werke wie Crictor, die gute Schlange (1958, dt. 1959), Die drei Räuber (1961, vgl. Abb. 2), Der Mondmann (1966), Das Biest des Monsieur Racine (1971, dt. 1972) und viele weitere Bilderbücher. Populäre und stilbildende Titel (auch) für Kinder sind zudem Tomi Ungerers Märchenbuch (1975) und Das große Liederbuch (1975), in denen er an romantische Traditionen anknüpft und diese gleichzeitig mit eigenen Mitteln durchsetzt. Als letztes Buch für Kinder erschien bei Ungerers Hausverlag Diogenes Der Nebelmann (2012, vgl. Abb. 3), eine Hommage an seine späte Heimat Irland. Postum wird im April 2019 das apokalyptische Bilderbuch Non Stop, eine Geschichte "über Freundschaft, Vertrauen und Menschlichkeit in dunklen Zeiten, für Erwachsene und Kinder" (https://www.diogenes.ch/leser/news.html) erscheinen.

Abb. 2: Tomi Ungerer: Die drei Räuber (diogenes, 2007. EA 1962)

Kinderbücher wie die mittlerweile klassischen von den drei schrecklichen, aber am Ende doch herzensguten Räubern oder dem freiheitsliebenden Mondmann sind jedoch bei weitem nicht das Einzige, was der äußerst produktive Künstler Tomi Ungerer hinterließ: Er veröffentlichte insgesamt mehr als 140 Bücher für Kinder und Erwachsene, darunter Sammlungen seiner Satirezeichnungen aus und über die USA, mit denen er seinerzeit die amerikanische Gesellschaft brüskierte, skurril-erotische Bändchen wie das in Deutschland populäre Kamasutra der Frösche (1982) und autobiographische wie Die Gedanken sind frei. Meine Kindheit im Elsass (1993). Darüber hinaus deckt sein Werk die gesamte Palette grafischer Kunst ab: Neben Werbezeichnungen schuf er insbesondere in seinen künstlerischen Anfangsjahren in den USA (1957-1971) satirische Zeichnungen und politische Plakate, die zu ihrer Entstehungszeit schockierten und brüskierten, heute aber von der Kunstwelt als überaus bedeutsam anerkannt werden.[1] Ausflüge in die Bildhauerei und Architektur belegen weiterhin seine Vielseitigkeit. In allen Bereichen zeigte Ungerer eine große Könnerschaft, aber auch eine zum Teil verstörende Direktheit, Ironie und Drastik. So lässt sich nicht nur über seine Kinderbücher schreiben, sie hätten "Schärfe und einen rabiaten, genialen Strich […] die Bosheit und Wucht eines großen Karikaturisten. Sie geben Essenz." (Blaich 1995, S. 93) Lange bevor derartige Ansichten populär wurden, versuchte Ungerer, die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenbuch zu sprengen, beide Adressaten auf verschiedenen Ebenen anzusprechen. Er polemisierte "gegen keimfrei und sauber abgesicherte 'kastrierte' Kinderbücher, die sich pädagogischen Rezepten und Theorien fügen. Er läßt Aggressionen in seinen Büchern keineswegs aus" (Blaich 1984, S. 624). Dabei haben Ungerers Kinderbücher zumeist eine klare humanistische und kinderfreundliche Botschaft: Sie zeigen wie in Flix (1997), der Geschichte eines in eine Katzenfamilie hineingeborenen Hundewelpen, dass Vorurteile überwunden werden können; sie führen wie in Die blaue Wolke (2000) mit fantastischen Mitteln die Überflüssigkeit und Überwindung von Rassenkämpfen vor und lassen wie in Otto. Autobiographie eines Teddybären (1999)[2], die unrühmliche Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts nicht außen vor. Sie rütteln auf, setzen ungewöhnliche (Tier-)Protagonisten in den Mittelpunkt und bersten vor Freude an der Sprache und Witz im Bild. Für sein kinderliterarisches Werk wurde Ungerer 1998 mit dem Hans Christian Andersen Preis ausgezeichnet. Zudem wurde er 2003 zum "Botschafter für Kindheit und Erziehung" für den Europarat berufen.

Abb. 3: Tomi Ungerer: Der Nebelmann (diogenes, 2012)

Ungerer selbst wurde 1931 in Straßburg als jüngstes von vier Kindern in eine Uhrmacherfamilie geboren. Mit drei Jahren verlor er seinen Vater. Dieses Ereignis sowie die geschichtlichen Umwälzungen seiner elsässischen Heimat – die deutsche Besatzung und die französischen Sprachverbote nach dem 2. Weltkrieg – prägten ihn enorm. Nachdem er die Schule ohne Abitur verlassen hatte, trampte er zunächst durch Europa und brach dann 1956 mittellos, aber mit einigen Zeichnungen in die USA auf. Dort wurde er aufgrund seiner herausragenden zeichnerischen Fähigkeiten schnell bekannt, eckte aber mit seinen drastischen, skurrilen und ironischen Arbeiten auch rasch an. 1971 hatte er sich schließlich so unbeliebt gemacht (Beobachtung durch das FBI, Ächtung als Kinderbuchautor), dass er das Land nach 14 Jahren verließ. In der Folge verbrachte er einige Zeit in Kanada, um später mit seiner nunmehr dritten Frau in Irland Fuß zu fassen. Hier lebte er bis zu seinem Tod auf einer Farm nahe Cork, verbrachte aber zugleich auch viel Zeit in seiner Heimatstadt Straßburg.

Ungerers Tod frappiert trotz seines hohen Alters. Er gehört zu einer Generation von Kinderbuchkünstlern, die für die meisten heute lebenden Rezipienten "schon immer da war" und bis heute als maßgeblich erscheint. Neben seinem Freund Maurice Sendak, der 2012 83-jährig verstarb, Eric Carle, dem mit über 80 ebenfalls noch immer produktiven Erfinder der Raupe Nimmersatt, sowie dem ähnlich kontroversen gleichaltrigen Zeichner Janosch zählt Ungerer zu den ganz großen Kinderbuchmachern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Ihnen allen war es durch ihr hohes Alter vergönnt, über eine sehr lange Zeitspanne – von den späten 50ern bzw. frühen 60ern an – erfolgreich herausragende Werke der Bilderbuchkunst vorzulegen. Langsam werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass nur noch ihre Bücher übrig bleiben.

"Zum Schluss bauten sie eine Stadtmauer mit drei mächtigen Türmen. Für jeden Räuber einen. Aus Dankbarkeit."

In Straßburg erhielt Ungerer als erster lebender französischer Künstler ein eigenes Museum: Seit 2007 kann man dort im Museum Tomi Ungerer – Internationales Zentrum für Illustration seine Werke, aber auch Arbeiten anderer Künstler und Karikaturisten betrachten. Hier und in seinen zahlreichen Büchern wird man weiterhin dem reichen Schatz begegnen, den Ungerer hinterließ: Schönes und Abgründiges, Skurriles und Ermutigendes. Man staunt angesichts der großen Fülle. In Dankbarkeit.

Sekundärliteratur

  • Blaich, Ute, 1995: Schluß mit der falschen Komödie! Botschaften von Tieren in Bilderbüchern. In: Raecke, Renate; Baumann, Ute D. (Hrsg): Zwischen Bullerbü und Schewenborn. Auf Spurensuche in 40 Jahren deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur, München: AKJ, S. 90-99.
  • Blaich, Ute, 1984: Ungerer, Tomi. In: Doderer, Klaus (Hrsg.): Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur. Bd. 3, P-Z, Weinheim: Beltz, S. 623-625.

 

Fußnoten

[1] Wesentliche Themen waren dabei die Rassentrennung und der Vietnamkrieg, aber auch die Lebenswelten der Middle Class und High Society.

[2] Hierin finden sich der Teddybär Otto, sein erster Besitzer, ein jüdischer Junge, und dessen nichtjüdischer Freund als alte Männer in Amerika wieder, nachdem sie durch Nationalsozialismus und Krieg getrennt wurden.


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