Deutscher Jugendliteraturpreis 2013
Sonderpreis für das Gesamtwerk des Autors Andreas Steinhöfel
Laudatio von Prof. Dr. Eva Maria Kohl

Als sich Andreas Steinhöfel mit der Erzählung Dirk und ich und dem Roman Paul Vier und die Schröders vor über zwanzig Jahren in die Kinderliteratur einschreibt, weil ihn die dümmlichen "Themenbücher" geärgert haben, ist plötzlich eine andere, überraschend unsentimentale und gleichzeitig irrwitzig komische Stimme auf dem Kinderbuchmarkt da. Von Anfang an bricht er mit gängigen Erzählklischees und nimmt sich die Freiheit, das zu schreiben, was er wirklich schreiben will.

Wenn er schon schreibt, so betont er, dann selbstbestimmt und wahrhaftig. Er beginnt, den Brüchen und Widersprüchen seines eigenen Lebens nachzugehen und sie nach Gültigem, Erzählenswertem abzusuchen. Er will sich frei schreiben von seiner Kindheit, sich mit dem Wort helfen. Ob es ihm je gelingen wird, wagt er zunächst selbst zu bezweifeln. Aber die Geschichten und die ziemlich schrägen Typen, die ihm bei dieser Suche begegnen und die er zu formen beginnt, laufen erstaunlich selbstbewußt, lauthals lachend und wundersam unangepasst durch die Welt. Man staunt über sie und kann sie nicht wieder vergessen:

den dicken Jungen, der fast ertrinkt, die genervten Kinder auf dem Rücksitz des Familienautos, das Froschmaulmädchen, das geküsst werden möchte, die zwei Jungen, die im Berg verschwinden, des Bruders Hüter, die Kartenkinder, die durch die große Stadt Berlin irren auf der Suche nach den Refugien, die sie durchwandern müssen, um glücklich zu werden wie die armen Helden im Märchen. Manchen Figuren begegnet man mehrfach und kann ihre Schicksale weiterdenken. Sie tauchen in frühen Erzählungen und später in Romanen und Jugendbüchern wieder auf. Andere Figuren umgibt ein Geheimnis, das ungelöst bleibt und verstört.

Seine kindlichen Helden sind überwiegend Außenseiter: Kinder, die ihren Eltern egal sind, Ungeliebte, Scheidungskinder, seelisch Obdachlose, Vaterlose, Geschlagene. Oft sind sie mit einem Handicap versehen (zu dick, zu langsam, zu aufmüpfig, zu klug). Tapfer machen sie sich dennoch immer wieder auf den Weg, lachen sich ihre Angst weg und verteidigen ihre Defizite. Der Autor teilt mit ihnen die Hoffnung, dass doch noch alles gut werde und verrät sie nie.

Steinhöfel  hat sich den kindlichen Blick bewahrt. Das ist etwas ganz Besonderes und darin ähnelt er Autoren wie Erich Kästner oder auch Hans Christian Andersen, die lebenslang in Augenhöhe mit den Kindern geblieben sind. Bezeichnenderweise ist Steinhöfel 2009 mit dem "Erich Kästner Preis für Literatur" ausgezeichnet worden, viele andere Preise sind hinzugekommen.

Er nimmt seine Leser an die Hand und führt sie in Abenteuer, die man atemlos liest und nicht aus der Hand legen mag, wenn die letzten Seiten des Buches umgeblättert werden. Seine Erzählstrukturen sind voller Paradoxien, er irritiert damit den arglosen Leser und zwingt ihn erbarmungslos zum Nachdenken. Vielleicht ist damit auch der Erfolg zu erklären, den sein Roman Die Mitte der Welt, 1999 für den Jugendliteraturpreis nominiert, erlebt. Dieses Jugendbuch schafft es sogar auf die Bestsellerlisten für Erwachsene. Mit seinem phantastischen Sujet, seinen intertextuellen Bezügen und allegorische Bedeutungsräumen  wird das Buch für viele Leser zu einem Kultbuch.

Wie schön, daß der Autor niemals Gefahr läuft, den Zeigefinger zu heben. Er will nicht erziehen, aber eigentlich ist er ein durchweg guter Pädagoge. Seine Belesenheit und Klugheit stellt er nicht aus, er stopft sie seinen Helden unbemerkt in die Jackentasche oder lässt sie darüber stolpern, wie Rico, der sich die komischen Fremdwörter der Erwachsenen gleich mal selber erklärt:

"EGOISMUS: Wenn man nur an sich selber denkt. Es gibt auch das Gegenteil davon, dann denkt man nur an andere, und wer das tut, wird ein Heiliger. Heilige werden allerdings meistens nur ausgenutzt und zuletzt abgemurkst. Man muß wohl ein Mittelding finden und außerdem den passenden Schalter." (aus: Rico, Oskar und die Tieferschatten)

Mit so konträren Helden wie dem "tiefbegabten" Rico und dem überschlauen Oskar durch den Berliner Kiez zu ziehen, ist ein Lesevergnügen besonderer Art. Mit Rico, Oskar und die Tieferschatten, inzwischen zu einer Trilogie angewachsen, schenkt der Autor seinen Lesern und Leserinnen Geschichten in einem sensibel ausgeleuchteten sozialen Milieu, die es so bisher noch nicht gegeben hat. Diese Bücher sind ein Ereignis auf dem deutschen Buchmarkt, der mit Kinderbüchern, in denen gelacht werden kann, nicht gerade verwöhnt ist.

"Leute, redet miteinander!", lautet eine der wichtigsten Botschaften in den Büchern von Andreas Steinhöfel.

Ich freue mich sehr, heute mit Andres Steinhöfel nicht nur reden, sondern ihm ganz herzlich gratulieren zu dürfen zum "Sonderpreis für das Gesamtwerks eines Autors" und ich hoffe sehr, daß er nicht irritiert ist über diese Kategorie "Gesamtwerk" (und sie nicht allzu wörtlich nimmt) , sondern selbstbewußt  und trotzig weiterschreibt und uns noch viele solcher wunderbaren Bücher schenkt wie die, für die wir uns heute aufrichtig bedanken.

Prof. Dr. Eva Maria Kohl. Oktober 2013

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin.

 

 

 


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Juli 2019
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6 7
8 9 10 11 12 13 14
15 16 17 18 19 20 21
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4