Krankheit

von Dr. Iris Schäfer

Körperliches oder geistiges Leiden aufgrund erblich bedingter, infektiös übertragener, oder anderweitig erworbener Erkrankung. Zu differenzieren ist zwischen nicht ansteckenden und ansteckenden Krankheiten, zwischen vorübergehenden bzw. überwindbaren und chronischen Erkrankungen sowie zwischen äußerlich sichtbaren und unsichtbaren Krankheitssymptomen.

Explikat

Krankheitsmotive in der Kinder- und Jugendliteratur haben eine lange Tradition. Sowohl die Art der Repräsentation als auch die mit diesen Darstellungen verbundene Absicht ist einem stetigen Wandel unterlegen. Krankheitszustände erscheinen in frühen Texten überwiegend als Strafe für ungebührliches Verhalten, wohingegen bereits seit den frühen 1970er Jahren der Schwerpunkt vorwiegend darauf gerichtet wird, Empathie für einen erkrankten Protagonisten zu erzeugen. So wurde in den Klugheitsregeln und Sittenbüchlein des 18. Jahrhunderts ein "ausschweifendes oder untätiges Leben [...] für Kinder oftmals zur Ursache körperlicher Schwächen und Gebrechen" (von Korff Schmising 1996, S. 53). Die erkrankte kindliche Figur erscheint in diesen Texten als stigmatisierter Außenseiter einer vermeintlich heilen bzw. gesunden Gesellschaft. Deutlich wird, dass die mit einer Krankheit und mit Krankheitszuständen verbundenen Vorstellungen vom "Welt- und Menschenbild einer Zeit und einer Kultur" (Nickel 1999, S. 382) abhängig sind. Krankheitsnarrative weisen daher das Potential auf, Aufschluss über jeweils kursierende Vorstellungen von Krankheiten und Erkrankten zu geben. Krankheiten sind in mehrfacher Hinsicht mit der Gesellschaft verwoben. So ist der Ausbruch bakterieller Erkrankungen maßgeblich von gesellschaftlichen Bedingungen abhängig, ebenso wie die Vorstellung vom Wesen und Charakter verschiedener Krankheiten mit gesellschaftlichen Ideal- und Normvorstellungen korrespondieren. Sowohl die Entstehung als auch die Wertung von Gesellschafts- und Modekrankheiten sind dem gesellschaftlichen Wandel unterlegen. Während etwa um 1900 die Hysterie als Gesellschafts- bzw. Modekrankheit galt, trifft dies aktuell auf Burnout und Depressionen zu. Auch haben sich das Ansehen und die Rechte von Ärzten und Patienten im Laufe der Zeit verändert. 'Der Engel in Weiß' ist zum Dienstleister degradiert und ehemals passive Patienten sind Dank steigender Patientenautonomie zu Auftraggebern avanciert.

Je weniger über die Beschaffenheit einer Krankheit bekannt ist und je mehr deren Entstehungs- und Ansteckungswege im Unsichtbaren verlaufen, desto höher ist laut Susan Sontag die Wahrscheinlichkeit, dass diese als Metapher Verwendung findet. In diesen Fällen kann eine Krankheit zur Ursache für Stigmatisierung und Ausgrenzung werden. Ob ein/e Erkrankte/r auf diese Weise zum gesellschaftlichen Außenseiter wird, hängt davon ab, ob die jeweiligen Krankheitssymptome äußerlich sichtbar bzw. lesbar sind. 

Sowohl psychische als auch physische Krankheiten weisen spezifische Symptome auf, die sich auf unterschiedlichste Weise bemerkbar machen und die es zu lesen und zu interpretieren gilt. Krankheiten weisen demnach die Besonderheit auf, dass sie zur Kommunikation fähig sind. So kann der erkrankte Köper zum Sprachkörper werden, der den Zustand der/des Erkrankten durch spezifische Symptome lesbar macht. 

Im Kontext literarischer Darstellungen erweist sich das Lesen dieser Symptome als Schlüsselkompetenz, und zwar sowohl auf der inhaltlichen als auch der Rezeptionsebene. Die analytische Herausforderung besteht also darin, die beschriebenen optischen Signale mit einer Bedeutung zu versehen.

Forschungsgeschichte

Da Krankheit innerhalb von historischen, medizinischen, entwicklungspsychologischen, pädagogischen, literaturwissen-schaftlichen oder aber gesellschaftswissenschaftlichen Diskursen höchst unterschiedlich gewertet wird, ergibt sich ein nahezu unüberschaubares Feld wissenschaftlicher Zugänge. Mit der Absicht, sich nur auf einen bestimmten Bereich, etwa jenen der Literaturwissenschaften zu beschränken, geht die Gefahr einher, den Bedeutungshorizont zu verkennen. So gibt es zwar einige wenige Studien, die sich auf literarische Darstellungen von bestimmten Krankheiten bzw. erkrankten kindlichen Figuren in der Kinder- und Jugendliteratur fokussieren, doch ist der Erkenntnisgewinn von interdisziplinär ausgerichteten Studien wesentlich größer. Aufschlussreich erscheinen etwa solche Studien, in welchen die Wechselbeziehung zwischen medizinischen, psychologischen und literaturwissenschaftlichen Ansätzen transparent wird. Wie etwa Bettina von Jagows und Florian Stegers Medizin und Literatur. Ein Lexikon (2005) oder: Was treibt die Literatur zur Medizin. Ein kulturwissenschaftlicher Dialog (2009), die in Kooperation von Medizinhistorikern und Literaturwissenschaftlern entstanden sind.

Mit Blick auf die Kinder- und Jugendliteratur fehlt es bisher an derlei disziplinübergreifenden Studien. Berücksichtigung finden in diesen Fällen allenfalls Aspekte aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie oder der Pädagogik. Den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen literarischen Krankheitsnarrativen und der Psychologie oder Medizin wurde in diesem Kontext bisher kaum Beachtung geschenkt.

Bedeutung in der Literatur

Eine Besonderheit besteht darin, dass Krankheit nicht isoliert von Gesundheit abgebildet werden kann, da das Gegenteil des Beschriebenen gleichzeitig darauf verweist, was als gesund (ob im eigentlichen oder übertragenen Sinne) verstanden wird. Darüber hinaus können körperliche oder seelische Leiden entweder im eigentlichen oder aber im übertragenen Sinne dargestellt werden. Steht eine Krankheit für sich selbst, könnte damit die Absicht verbunden sein, beim Leser Empathie für eine erkrankte Figur zu erzeugen, oder aber über das Leben im Angesicht einer bestimmten Krankheit bzw. die Krankheit selbst aufzuklären. Weist die Krankheitsbeschreibung über sich hinaus, kann der beschriebene Zustand beispielsweise als Abbildung dessen, was als gesellschaftlich akzeptiert oder inakzeptabel, als normal oder von der Normalität abweichend verstanden wird, gedeutet werden. 

Werden Symptome beschrieben, die keiner bestimmten Krankheit zugeordnet werden, ist der Leser aufgerufen, diese Lücken zu schließen. So wird der Leser nicht selten dazu verleitet, eigene Diagnosen anzustellen, um dem mitunter diffusen Zeichensystem verschiedener Krankheitssymptome Herr zu werden. Beobachten lässt sich ein solches Szenario etwa am Beispiel von Fontanes Cécile (1887). Die mit einer unbenannten Krankheit einhergehende Ungewissheit führt dazu, dass diese einen mysteriösen Charakter erhält, der dazu verleitet, den beschriebenen Zustand auf andere Zustände der Ungewissheit zu übertragen. Da es aufgrund des medizinischen Fortschritts nur noch wenige Krankheiten gibt, die einen solch mysteriösen Charakter aufweisen, verwundert es kaum, dass Krankheiten in aktuellen Darstellungen primär für sich selbst stehen. Der Fokus scheint darauf gerichtet, die gesellschaftlichen und persönlichen Herausforderungen des Lebens mit einer bestimmten Krankheit zu veranschaulichen. 

Doch bieten auch solche Darstellungen ein nicht zu unterschätzendes ästhetisches und reflexives Potential. So veranschaulicht beispielsweise David Wagner in Leben (2014) nicht nur das Dasein im Angesicht eines chronischen körperlichen Leidens; ein Leben, das durch Krankenhaus-aufenthalte und ein Dasein abseits gesellschaftlicher Normalität geprägt ist, sondern auch, welche Veränderungen mit einer Organtransplantation einhergehen. Wurde dieses Thema in der Vergangenheit primär im Kontext von Horror-Szenarien verwendet, etwa in Michail Bulgakows Hundeherz (1920), wo das Herz eines Verbrechers in einen Straßenhund verpflanzt wird und das liebe Tier daraufhin zur Bestie mutiert, eröffnet Wagner in seinem Roman eine philosophische Dimension, die den Leser zu vielfältigen Reflexionen anzuregen vermag. Greifbar wird die Veränderung, die der Protagonist erlebt, durch ein Zwiegespräch mit dem bzw. der Spender/in. So wird der Leser nach der Transplantation als Organspender beispielsweise wie folgt adressiert: "Wie war das noch mit der Tyrannei der Gabe, von der Marcel Maus in seinem berühmten Buch spricht? Der Geber erlange durch seine Gabe eine magische, ja religiöse Macht über den Empfänger. Gehöre ich jetzt also dir?" (S. 209). Wagner verbindet die Zwiesprache mit dem Spender/Leser und den Dialog zwischen Eigenem und Fremden, um die Alteritätserfahrungen im eigenen Körper sichtbar zu machen, mit philosophischen Reflexionen über die Bedeutung einer Gabe, deren Wert schwerlich bestimmt und die darüber hinaus nicht erwidert werden kann: "Später hat Jacques Derrida die Gabe neu definiert. Eine wirkliche Gabe sei nur eine Gabe ohne Gegengabe. Demzufolge wäre eine Organspende die perfekte Gabe, denn eine Gegengabe ist unmöglich." (ebd.)

An diesem Beispiel wird das ästhetische und philosophische Potential literarischer Krankheitsdarstellungen transparent. Obgleich der mysteriöse Charakter von Krankheiten im Zuge des medizinischen Fortschritts schwindet, eröffnen literarische Darstellungen über das Leben mit einer bestimmten Krankheit ein reiches ästhetisches Potential, das es auszuschöpfen gilt.

Bedeutung in der Kinder- und Jugendliteratur

Offenbar ist es dem didaktischen Impetus geschuldet, der im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur eine lange Tradition hat, dass in diesem Bereich das künstlerische Potential literarischer Krankheitsdarstellungen kaum ausgeschöpft wird. So orientieren sich die literarischen Darstellungen von physischen und psychischen Krankheiten primär an medizinischen Fakten. Im Bereich der Kinderliteratur scheinen Krankheitsdarstellungen in erster Instanz der Aufklärung zu dienen, ebenso soll den kindlichen Lesern die Angst vor Arztbesuchen oder Krankenhausaufenthalten genommen werden. 

Auch in der Jugendliteratur wird der Fokus primär auf die Sachebene gerichtet, was oftmals schon beim Blick auf den Titel bzw. Untertitel deutlich wird. Titel, wie: Dann bin ich eben weg: Geschichte einer Magersucht (Christine Féher, 2005), Luft zum Frühstück: Ein Mädchen hat Magersucht (Jana Frey, 2009), Mein Freund Twist: Ein Junge hat ADS (Susan Shreve 2005), Rote Linien: Ritzen bis aufs Blut (Brigitte Blobel 2007), Der Tod kriegt mich nicht: Mein Leben mit der Leukämie (Lisa Marie Huber 2013) und dergleichen mehr verweisen darauf, dass der Spielraum für eigene Analysen oder eine metaphorische Dimension des beschriebenen Krankheitszustandes begrenzt ist.

Im Bereich fantastischer Erzählungen gibt es allerdings einige wenige Ausnahmen, wie etwa Richter-Peills Magoria (2013). Die siebzehnjährige Protagonistin Maja wird von einer Schattenfrau verfolgt, die sie auf bedrohliche Weise mit den von ihr als negativ empfundenen Anteilen ihrer Persönlichkeit konfrontiert. Gegen Ende des Romans gelingt der Protagonistin, ganz im Sinne C. G. Jungs, die Integration dieser Anteile in die eigene Persönlichkeit. An diesem Beispiel wird nicht nur deutlich, auf welche Weise tiefenpsychologische Erkenntnisse für literarische Darstellungen fruchtbar gemacht werden können, die Krankheit wird selbst zur agierenden Figur in der Erzählung; eine Strategie, die bereits bei Edgar Allen Poe in The Masque of the Red Death (1842) Verwendung fand. 

In faktualen Erzählungen der Kinder- und Jugendliteratur wird Krankheit vorzugsweise als ein ernst zu nehmender Zustand thematisiert. Hinsichtlich des ästhetischen Gehalts von Krankheitsnarrativen machen die Autoren kaum Gebrauch von den ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten; sind sie doch keineswegs dazu verpflichtet, sich an medizinischen oder psychologischen Fakten zu orientieren. Die künstlerische Freiheit erlaubt es, Krankheiten zu erfinden, oder aber Krankheiten, deren Gefahrenpotenzial längst gebannt ist, als dramatisches Mittel in eine Erzählung zu integrieren. Schlussfolgern lässt sich demnach, dass die aktuellen Schilderungen an ästhetischem und metaphorischem Gehalt zugunsten eines fundierten medizinischen Erkenntnisgewinns eingebüßt haben. Um nur ein Beispiel für diese Entwicklung zu nennen, ist der Blick auf literarische Magersuchtdarstellungen aufschlussreich. Die Magersucht erscheint in der erzählenden Literatur zunächst als hysterisches Symptom in Texten des ausgehenden 19. Jahr-hunderts. Von einer nicht benannten und allenfalls durch den heutigen Leser diagnostizierten Krankheit avancierte sie in den 1980er Jahren zu einem eigenständigen Krankheitsbild, das meist schon im Titel oder Untertitel benannt wird. In dem Maß, in welchem der Bekanntheitsgrat der Krankheit steigt, verringert sich auch die Distanz zu den Figuren. Sie erscheinen nicht mehr als das fragwürdig Andere einer 'gesunden' Gesellschaft, wie es in Texten um 1900 mitunter zu beobachten ist, sondern werden zu Vertrauten, die an einer alltäglichen und allseits bekannten Krankheit leiden, sodass es dem jugendlichen Leser mittlerweile gestattet ist, durch die Augen einer erkrankten Protagonistin zu sehen und die Krankheit mitzuerleben. D. h., der steigende Bekanntheitsgrad einer Krankheit geht mit einer Verringerung der Distanz zu den erkrankten Figuren einher.

Hinsichtlich psychischer Krankheiten lässt sich eine größere Ausdifferenzierung beobachten. Während um 1900 vielfältige psychische Leiden beschrieben wurden, eine bestimmte Krankheit jedoch nur in den seltensten Fällen benannt wird, findet sich in aktuellen kinder- und jugendliterarischen Texten eine Vielzahl psychischer Krankheiten, wie AD(H)S, Depression, Anorexie und dergleichen mehr. Zudem werden die beschrie-benen Symptome konkreten Krankheiten zugeordnet und auch benannt. Das beschriebene Leiden kann in diesem Kontext schwerlich auf einen anderen Zustand bezogen werden. Konnte etwa das psychische Leiden der Protagonisten aus den Schulromanen der Zeit um 1900 sowohl auf das Leiden im Angesicht der Adoleszenz als auch die Ungewissheit in Bezug auf das anbrechende neue Jahrhundert bezogen werden, scheint der literarische Anspruch aktueller jugendliterarischer Erzählungen über psychische Krankheiten überwiegend darauf reduziert, beim Leser das Verständnis für eine bestimmte Krankheit zu schulen und Empathie für die Betroffenen zu erzeugen. 

Was körperliche Leiden betrifft, lässt sich eine Fokussierung auf chronische und potentiell tödliche Krankheiten beobachten. Der bereits im Jahr 2005 von Paula Kamen geprägte Begriff der Sick Lit steht für eine Textsorte, die momentan kontrovers diskutiert wird. Insbesondere weil sie bei der jugendlichen Leserschaft auf große Resonanz stößt, während manch erwachsener Vermittler die drastische Darstellung jugendlicher Figuren, die an Krebs oder Leukämie leiden und mitunter im Laufe der Handlung sterben, für bedenklich hält. Doch vor dem Hintergrund der Entschärfung des Generationskonflikts und anderer gesellschaft-licher Faktoren, die ehemals als Konfliktverstärker der Adoleszenz galten, scheint es nur folgerichtig, dass mittlerweile andere Mittel Verwendung finden, um die beschriebene Adoleszenz-phase zu problematisieren, oder, wie Anita Schilcher es for-muliert: "Krankheit wird [...] in einer modernen, weitgehend gefahrlosen Lebenswelt zu einem der letzten existentiellen Themen, zu einem Auslöser für den Kampf um Autonomie und Eigenverantwortung, der den jugendlichen Protagonisten [...] reifen lässt." (Schilcher 2014, S. 226) Nicht nur die erste Liebe gewinnt im Angesicht einer tödlichen Erkrankung an Dramatik, auch die Beantwortung der existentiellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, die im Zuge der Adoleszenz aufkommen, wird dringlicher, wenn die Lebenszeit begrenzt ist. Abgesehen von der vermeintlich schädlichen Lektüre, die der Sick Lit gemäß einem Daily-Mail-Artikel (Carey 2013) aus dem Jahr 2013 attestiert wird, zeichnet sie sich durch eine existentialphilosophische Dimension aus, die diese literarische Strömung von anderen jugendliterarischen Krankheitsdarstellungen abhebt. Zudem weisen Texte, wie Sally Nicholls' Ways to live Forever (2008), Jenny Downhams Before I Die (2009) oder John Greens The Fault in Our Stars (2012) einige ästhetische Besonderheiten auf. In Texten wie The Fault in Our Stars wird nicht nur das Leben im Angesicht einer tödlichen Erkrankung geschildert, die Figuren reflektieren auch darüber, wie diese Situation und die damit einhergehenden Ängste und Schmerzen zum Ausdruck gebracht werden können. Auf diese Weise werden in der Sick Lit die kommunikativen Strukturen literarischer Krankheitsdar-stellungen sichtbar. So avanciert etwa die in Libba Brays Going Bovine (2009) beschriebene Krankheit regelrecht zum zentralen Handlungsträger, da der 16jährige, an Creutzfeld-Jacob erkrankte Cameron im krankheitsbedingten Delirium ein Abenteuer erlebt, das nahezu den gesamten Handlungsverlauf umfasst. Durchbrochen wird diese Abenteuergeschichte durch kurze Sequenzen, in welchen er seine Mutter an seinem Krankenhaus-bett sitzen sieht, oder seine Krankenschwester dabei beobachtet, wie sie ihm Beruhigungsmittel verabreicht. Es wird immer wieder deutlich, dass Cameron sein Krankenhausbett zu keiner Zeit verlässt, doch ermöglicht es ihm sein Delirium, die Welt zu retten, wenngleich er hierdurch nicht sein Leben zu retten vermag. Verflochten ist diese Abenteuergeschichte mit inter-textuellen Verweisen auf Cervantes' Don Quijote, den Roman, den Cameron vor seiner Diagnose im Spanischunterricht las und aus dem ihm nun die am Krankenbett sitzende Mutter vorliest. Going Bovine könnte sogar als moderne Adaption Cervantes' Werk gelesen werden. Die kommunikative Dimension literarischer Krankheitsdarstellungen macht sich demnach in Going Bovine nicht nur dadurch bemerkbar, dass die Symptome den Handlungsverlauf bestimmen, sondern auch durch inter-textuelle Bezüge, die wiederum auf Ansteckungsprozesse (im übertragenen Sinne) verweisen. 

Die Kommunikation im Angesicht einer chronischen, potentiell tödlichen Krankheit weist diverse Eigenheiten auf. Gemäß Kottow (2006) besteht eine Schwierigkeit des Schreibens und Sprechens über Krankheit darin, die Materialität des mit dem Körper verbundenen Leidens und der subjektiven Empfindung körperlichen Schmerzes mittels Sprache in ihrer eigenen Textur lesbar zu machen. Die Fähigkeiten der Sprache sind jedoch begrenzt. Ein Umstand, den auch Virginia Woolf in On Being Ill (1926) anspricht: "English, which can express the thoughts of Hamlet and the tragedy of Lear, has no words for the shiver and the headache. [...] The merest schoolgirl, when she falls in love, has Shakespeare or Keats to speak her mind for her, but let the sufferer try to describe the pain [...] language at once runs dry." (Woolf 1926, S. 6f.) In Anbetracht des großen Erfolgs der Sick Lit liegt der Schluss nahe, dass sich dieser Umstand mittlerweile gewandelt haben könnte. Vielleicht ist es Autoren wie John Green gelungen, eine Sprache zu finden, die sich als probat erweist, um das Leben im Angesicht einer schweren Krankheit angemessen zu veranschaulichen bzw. zu versprachlichen. Zwar finden sich in The Fault in Our Stars einige Wortschöpfungen, wodurch der von Woolf angespro-chenen Armut des englischen Sprachschatzes entgegengewirkt werden könnte; die am häufigsten verwendeten sprachlichen Mittel sind jedoch Metaphern und Vergleiche. Diese sprachlichen Konstrukte zeichnen sich durch das Potential aus, die außerliterarische Kommunikation über die Krankheit zu beein-flussen, was Susan Sontag in Illness as Metaphor (1977) über-aus kritisch bewertet, da hierdurch die Selbst- und Fremd-wahrnehmung der Betroffenen manipuliert werde. Ein im Kon-text von Krebserkrankungen häufig verwendetes Bild ist gemäß Sontag jenes des Krieges bzw. Kampfes. Insbesondere der Kampf gegen den eigenen Körper bzw. das Bild des Feindes in den eigenen Zellen wird immer wieder aufgegriffen. Beispiels-weise in John Greens The Fault in Our Stars, wo sich der krebskranke Augustus fragt: "What am I at war with? My cancer. And what is my cancer? My cancer is me. The tumors are made of me. [...] It is a civil war..." (S. 216) Deutlich wird das Bild des erkrankten Körpers als Schlachtfeld, auf welchem ein Bürgerkrieg wütet. 

Dass die Sprache nach wie vor nur unzureichende Mittel bereithält, individuelles Leiden und Krankheit abzubilden, kommt in der Sick Lit auch dadurch zum Ausdruck, dass sich die Kommunikation zwischen den Figuren als überaus problematisch erweist. Nicht nur die Kommunikation mit gesunden Figuren gestaltet sich als schwierig, auch jene mit ebenfalls an einer tödlichen Krankheit leidenden Figuren stellt eine Herausforderung dar. Diese Problematik wird besonders eindrucksvoll in A. J. Betts Zac and Mia (2013) veranschaulicht. Die Kommunikation zwischen den an Krebs und Leukämie erkrankten jugendlichen Protagonisten Zac und Mia beginnt mit Klopfzeichen an der Krankenhauswand, die ihre beiden Zimmer voneinander trennt und führt über Zettel, die heimlich im Zimmer des jeweils anderen hinterlegt werden über e-Mails und Briefe, bis hin zu einer ersten Begegnung. Diese zaghafte Annäherung an den erkrankten Anderen macht die Schwierigkeit deutlich, im Angesicht der Krankheit miteinander in Kontakt zu treten. Zudem wird die Tragweite einer bestimmten Diagnose veranschaulicht. Das Leben der Teenager verändert sich schlag-artig. Mia, die zunächst in ihrem Facebook-Profil angibt, im Urlaub zu sein, da sie nicht zugeben möchte, dass sie im Krankenhaus, abseits des gesellschaftlichen Lebens, weilt, kann die Auswirkungen ihrer Erkrankung nicht mehr verbergen, als diese durch körperliche Signale sichtbar wird. Durch die Chemotherapie verliert sie ihre Haare, bald darauf wird ein Unterschenkel amputiert. Zac and Mia erinnert zwar in mehrfacher Hinsicht an Greens The Fault in Our Stars, doch kommen hier zahlreiche Aspekte hinzu, wie etwa die Bedeutung sozialer Netzwerke für das gesellschaftliche Leben chronisch erkrankter Jugendlicher, oder aber die Auswirkung von Organ-spenden, die eine Bereicherung literarischer Krankheitsnarrative im Bereich der Jugendliteratur darstellen. So reflektiert Zac über die deutsche Knochenmarkspenderin, die mutmaßlich seine Persönlichkeit verändern könnte und mit der er sich in besonderer Weise verbunden fühlt. 

Organtransplantationen fanden als fantastisches Element Einzug in die Kinder- und Jugendliteratur lange bevor diese im realen Leben gelangen. Etwa im Rahmen des Märchens: Die drei Feldscherer aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm (1812). Hier ist von drei Heilkundigen die Rede, von denen einer sein Herz gegen das eines Schweines tauscht und ausgelöst hierdurch Charakter- und Verhaltensveränderungen erfährt. Ausläufer dieses Motivs lassen sich demnach auch in Zac and Mia aufzeigen. Betont wird in diesem Fall, wie im Allgemeinen in der Sick Lit, die existentialphilosophische Dimension des Lebens mit einer chronischen Erkrankung, sowie im Umgang mit den Auswirkungen, welche mit der Behandlung, den Nebenwirkungen und der Interaktion mit der Gesellschaft einhergehen. Aufgrund der Diagnose wird die Gesellschaft in die Opposition von Gesunden und Erkrankten gespalten. Die er-krankten Protagonisten der Sick Lit sind demnach Außen-seiterfiguren, die sich aufgrund ihrer tödlichen Erkrankung oft-mals durch eine besondere Reflexionsreife auszeichnen. Hierdurch unterscheiden sich die HeldInnen der aktuellen Sick Lit von jenen der Vorgängergeneration, der von Julie Elman im Rahmen ihrer Studie Chronic Youth (2014) als Teen Sick Lit bezeichneten Jugendromane, die sich im Amerika der 1980er und 1990er Jahren großer Beliebtheit erfreuten, wie etwa Lurlene Mc-Daniels: Six Months to Live (1985), I Want to Live (1987), So Much to Live For (1991) und dergleichen mehr. Diese unter der Kategorie der Teen Sick Lit gefassten Texte gleichen sich nicht nur vom Titel her, sondern auch was den Inhalt betrifft. Als Gegenbewegung zur Chick Lit kreist die Teen Sick Lit um jugendliche Protagonistinnen, die mit einer Krebs- oder Leukämiediagnose konfrontiert werden und sich nach einem körperlich unversehrten Liebespartner sehnen. Die Figurenzeichnung dieser Texte ist gemäß Elman am Modell des sogenannten Beth-March-Syndroms ausgerichtet. Beth March, die mustergültige junge Patientin aus Louisa May Alcotts Little Women (1868), entspricht dem damals idealisierten Bild einer geduldigen, dankbaren und passiven jungen Frau. 

Die neueren Texte der Sick Lit, wie etwa John Greens The Fault in Our Stars (2012) unterscheiden sich von der Vorgängergeneration dadurch, dass das Bild des mustergültigen und erhabenen Krebspatienten bisweilen dekonstruiert wird. Eine Gemeinsamkeit mit der vorherigen Strömung besteht allerdings darin, dass hier ebenfalls überwiegend eine Liebesbeziehung thematisiert wird und die beschriebene Krankheit geradezu austauschbar erscheint, solange es sich nur um eine Krankheit mit potentiell tödlichem Verlauf handelt. Die Krankheit könnte sogar darauf reduziert werden, die Brisanz der beschriebenen Adoleszenzphase sowie der Liebesbeziehung zu verstärken. So könnte man behaupten, dass die chronische Krankheit in der Sick Lit instrumentalisiert wird. Auf diese Weise gelingt es den AutorInnen, die tiefenpsychologischen und existentialphiloso-phischen Aspekte der Adoleszenz zu betonen. Ungeachtet der kontroversen medialen Debatten um die Sick Lit lässt sich demnach festhalten, dass es sich bei dieser literarischen Strömung um eine in mehrfacher Hinsicht ästhetisch reizvolle Literatur für Jugendliche handelt, an deren Beispiel das Potential literarischer Krankheitsnarrative besonders deutlich wird. 

 


Bibliografie

Primärliteratur

  • Alcott, Louisa May: Little Women. New York: Penguin 2004.
  • Betts, A. J.: Zac and Mia. Melbourne: Text Publishing Company 2013.
  • Blobel, Brigitte: Rote Linien. Ritzen bis aufs Blut. Würzburg: Arena 2009.
  • Bray, Libba: Going Bovine. New York: Random House 2009.
  • Bulgakow, Michail: Hundeherz. München: dtv 1997.
  • de Cervantes Saavedra, Miguel: Don Quijote. Übersetzt von Susanne Lange. München: dtv 2011.
  • Downham, Jenny: Before I Die. London: Random House 2007.
  • Féher, Christine: Dann bin ich eben weg. Geschichte einer Magersucht. Düsseldorf: Sauerländer 2002.
  • Frey, Jana: Luft zum Frühstück. Geschichte einer Magersucht. Bindlach: Loewe 2005.
  • Fontane, Theodor: Cécile. Berlin: Emil Dominik 1887.
  • Green, John: The Fault in Our Stars. New York: Dutton 2012.
  • Grimm, Jakob und Wilhelm: Die drei Feldscherer. In: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Hrsg. von Heinz Rölleke, Bd. 2, Stuttgart: Reclam 2010, S. 149-151.
  • Huber, Lisa Marie: Der Tod kriegt mich nicht. Mein Leben mit der Leukämie. Würzburg: Arena 2013. 
  • Mc Daniel, Lurlene: I Want to Live. Ohio: Darby Creek 2003.
  • Mc Daniel, Lurlene: Six Months to Live. Ohio: Darby Creek 2003.
  • Mc Daniel, Lurlene: So Much to Live for. Ohio: Darby Creek 2003.
  • Nicholls, Sally: Ways to Live Forever. New York: Scholastic 2011.
  • Poe, Edgar Allen: The Masque of the Red Death. In: The Collected Tales and Poems of Edgar Allan Poe. Hertfordshire: Wordsworh 2009, S. 247-250.
  • Richter-Peill, Charlotte: Magoria. Das Haus der Schatten. Hamburg: Rowohlt 2013.
  • Shreve, Susan: Mein Freund Twist. Ein Junge hat ADS. Rottenburg: Klopp 2005.
  • Wagner, David: Leben. Hamburg: Rowohlt 2014.

Sekundärliteratur

  • Büker, Petra und Clemens Kammler (Hg.): Das Fremde und das Andere. Interpretationen und didaktische Analysen zeitgenössischer Kinder- und Jugendbücher. Weinheim: Juventa 2003.
  • Carey, Tanith: The 'sick-lit' books aimed at children: It's a disturbing phenomenon. Tales of teenage cancer, self-harm and suicide .... http://www.dailymail.co.uk/femail/article-2256356/The-sick-lit-books-aimed-children-Its-disturbing-phenomenon-Tales-teenage-cancer-self-harm-suicide-.html?ito=feeds-newsxml (12.10.2015).
  • Elman, Julie Passante: Chronic Youth. Disability, Sexuality, and U.S. Media Cultures of Rehabilitation. New York: New York University Press 2014.
  • Foucault, Michel: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Aus dem Französischen von Walter Seitter, 9. Aufl. Frankfurt am Main: Fische, 2011. 
  • Imai, Atsushi: Das Bild des ästhetisch-empfindsamen Jugendlichen. Deutsche Schul- und Adoleszenzromane zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag 2001.
  • Jung, Carl Gustav Jung: Archetypen. München: dtv 2014.
  • Karpenstein-Eßbach, Christina: Internierte Gefühle. Literarische Adoleszenz um 1900. In: Krause, Burkhardt u. Ulrich Scheck (Hgg.): Emotions and Cultural Change. Gefühle und kultureller Wandel. Tübingen: Stauffenburg 2006, S. 111-122.
  • Kottow, Andrea: Der kranke Mann. Medizin und Geschlecht in der Literatur um 1900. Frankfurt am Main: Campus 2006.
  • Nickel, Sven: Gesellschaftliche Reaktion auf Menschen mit (geistiger) Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur. In: Behindertenpädagogik. 4/1999, S. 381-404.
  • Nusser, Tanja und Elisabeth Strowick (Hg.): Krankheit und Geschlecht. Diskursive Affären zwischen Literatur und Medizin. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2002.
  • Pethes, Nicolas: Literatur- und Wissenschaftsgeschichte. Ein Forschungsbericht. In: Bachleitner, Norbert u.a. (Hg): Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Tübingen: Niemeyer 2003, S. 181-235.
  • Reich-Ranicki, Marcel: Herz, Arzt und Literatur. Zürich: Ammann 2007.
  • Schäfer, Iris; Ullmann, Anika und Holst, Nina (Hg.): Narrating Disease and Deviance in Media for Children and Young Adults / Krankheits- und Abweichungsnarrative in kinder- und jugendliterarischen Medien, in: Kinder- und Jugendkultur, -Literatur und -Medien. Theorie – Geschichte – Didaktik, hrsg. von Hans-Heino Ewers, Ute Dettmar und Gabriele von Glasenapp, Frankfurt am Main: Lang 2016. [Im Druck]
  • Schäfer, Iris: Von der Hysterie zur Magersucht. Adoleszenz und  Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der  Jahrtausendwende, in: „Kinder- und Jugendkultur, -Literatur und -Medien. Theorie – Geschichte – Didaktik, hrsg. von Hans-Heino Ewers, Ute Dettmar und Gabriele von Glasenapp, Bd. 101, Frankfurt am Main: Lang 2016.
  • Schäfer, Iris: Aktuelle Tendenzen zu Krankheit und Behinderung in  Kinder- und Jugendliteratur u. -medien, in Kooperation mit Agnes  Blümer und Anika Ullmann, KJL&M, Kinder-/Jugendliteratur und Medien in Forschung, Schule und Bibliothek, hrsg. von Caroline Roeder, München:  kopaed, 66. Jahrgang, Ausgabe 3/2014, S. 58-62.
  • Schäfer, Iris: Körperliche Behinderung im aktuellen deutschsprachigen Jugendroman. In Roeder, Caroline (Hg.): KJL&M, Kinder-/Jugendliteratur und Medien in Forschung, Schule und Bibliothek. München: kopaed, 66. Jahrgang, Ausgabe 3/2014, S. 25-33. 
  • Schäfer, Iris: Wenn die Krankheit zum Attribut der Jugend wird, in: Buch&Maus, hrsg. vom schwei-zerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, Ausgabe 1/2014, S. 22-24.
  • Schilcher, Anita: Ein richtiger Indianer? Kranke Jungen in der Kinder- und Jugendliteratur. In: Zweierlein, Anne-Julia und Iris M. Heid (Hgg.): Gender and Disease in Literary and Medical Cultures. Heidelberg: Winter 2014, S. 213-234.
  • Schink, Helmut: Jugend als Krankheit? Hermann Hesse, Robert Musil, Franz Kafka, Reinhold Schneider, Anne Frank, Franz Innerhofer. Linz: OLV 1980.
  • Sontag, Susan: Ilness as Metaphor. London: Penguin 2002.
  • Spranger, Eduard: Psychologie des Jugendalters. 26. Aufl., Heidelberg: Quelle & Meyer, 1948. Strowick, Elisabeth: Ansteckung, In von Jagow, Bettina und Florian Steger (Hg.): Literaur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005, S. 67 -71.
  • Strowick, Elisabeth: Sprechende Körper. Poetik der Ansteckung. Müchen: Fink  2009.
  • von Engelhardt, Dietrich: Gesundheit und Krankheit. In: von Jagow, Bettina und Florian Steger (Hg.): Literaur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2005 S. 298-304.
  • von Jagow, Bettina and Florian Steger (Hg.): Literatur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2005.
  • von Jagow, Bettina und Steger, Florian: Was treibt die Literatur zur Medizin? Ein kulturwissenschaftlicher Dialog. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2009.
  • von Korff-Schmising, Barbara: Krankheit, Behinderung, Sterben und Tod. Einige Bemerkungen zu neueren Kinder- und Jugendbüchern. In: JuLit, 22. Jahrgang, Heft 1/1996, S. 48-54.

 Erstveröffentlichung: Januar 2016

 

Newsletter