von Dr. phil. Iris Mende

Ein kultischer Gegenstand, der in Zusammenhang mit der Heilsgeschichte gebracht wird. In der Regel wird er als Schale oder Kelch beschrieben, es treten aber gelegentlich auch andere Formen auf.

Explikat

Der Topos Gral zieht sich durch die Literatur aller Epochen und durch sämtliche Genres. Er bezeichnet einen Gegenstand, meist ein Gefäß, der über sakrale Bedeutung und wundertätige Kräfte verfügt. Oftmals wird er gleichgesetzt mit der Abendmahlsschale Jesu. Es existieren aber auch andere Deutungen: in Wolframs von Eschenbach Parzival ist der Gral ein Stein, in Dan Browns The DaVinci Code steht er für die Gebeine Maria Magdalenas und die Blutlinie Jesu Christi.

In der Regel tritt der Gral im Zusammenhang mit dem Motiv der Suche auf. Der Gral ist dabei vollständig verloren oder wird in einer abgeschlossenen Gesellschaft bewahrt und kann daher ebenfalls nur schwer erreicht werden. Obwohl zu den wundertätigen Eigenschaften des Grals normalerweise gehört, Nahrung zu spenden und zu heilen, leidet die Gesellschaft, die den Gral umgibt, meist einen Mangel, der sich beispielsweise in einer Unfruchtbarkeit des Landes („Das wüste Land“) oder in einer Krankheit des Königs ausdrückt. Erlösung erfährt die Gralsgesellschaft durch den erfolgreichen Gralssucher, der den Gral nicht nur findet, sondern auch eine Gralsprobe besteht.

Der Ursprung der Gralsgeschichten liegt in der Zeit vor der Verschriftlichung von Texten. Seine Herkunft kann also nicht zweifelsfrei belegt werden (vgl. Mertens 2003, S. 11). So gibt es Theorien, die von einem christlichen Ursprung des Mythos ausgehen, Rückführungen auf den allgemeinen indoeuropäischen Urmythos von Fruchtbarkeit, Speise und Trank, Verbindungen zur keltischen Tradition und zum vorderasiatischen Attis- und Adoniskult (vgl. Mertens 2003, S. 31).

Eine einheitliche Interpretation des Gralsmythos in der Literatur kann nicht festgelegt werden. Das Spektrum der möglichen Deutungen ist groß, und die Bedeutung des Topos hängt entscheidend von Entstehungszeit- und Kontext sowie von Gattung und Genre ab.

Bedeutung in der Literatur

Der Gral bzw. gralsähnliche Gegenstände tauchen in den Literaturen unterschiedlichster Kulturen auf (vgl. Karg 1993, S. 177). In der europäischen Literatur ist vor allem die mittelalterliche Gralsliteratur von Bedeutung. Die bekanntesten Werke sind Roberts de Boron Estoir dou Graal und Chrétiens de Troye Conte del Gral. In der Estoire wird berichtet, wie Joseph von Arimathia den Gral gewinnt, eine Gralstafel gründet und einen Nachfolger beauftragt, mit dem Gral in den Westen zu reisen und dort den Glauben zu verbreiten. Chrétiens Gralsroman verbindet den Gralsmythos mit dem Artusstoff, indem er seinen Helden Perceval, der sich aus der Artuswelt hinausbegibt, mit einer mysteriösen Gralswelt in Berührung bringt (vgl. Welz 1984, S. 342). Seine Bearbeitung enthält zahlreiche Elemente, die die spätere Gralsrezeption entscheidend prägen: die Frage nach der Bedeutung des Grals, der kranke König und seine Erlösung durch die Frage des Helden und die Benennung eines neuen Gralskönigs.

Chrétiens deutschsprachiger Bearbeiter, Wolfram von Eschenbach, verstärkt die Verbindung zum Artusstoff noch, indem er die christliche Interpretation der Gralssuche zurücknimmt und konsequent in die Doppelwegstruktur einbindet. Parzivals Weg zur Gralsburg, das Scheitern an der Frage und sein zweiter Weg zur Gralsburg sind Stationen auf einem Aventiureweg, der dem arthurischen Strukturschema entspricht (vgl. Karg 1993, S. 178 ff.).

Ebenso beziehen die Dichter der Prosa-Gralsromane des 12. und 13. Jahrhunderts ihre Gralssuche nicht auf ein geistliches, sondern auf ein ritterliches Wertesystem. Andere Werke wiederum, wie der französische Prosa-Roman Queste del Saint Graal, akzentuieren den religiösen Aspekt des Mythos und führen die problematische Ausgangslage nicht auf eine konkrete Verfehlung eines Ritters, sondern auf die Urschuld der Menschheit zurück (vgl. Welz 1984, S. 356 ff.).

Der Gralsmythos verlor ab dem Spätmittelalter kontinuierlich an literarischer Bedeutung, gewann aber ab dem 18. Jahrhundert wieder an Interesse bei Forschern und Schriftstellern. Ein neuer Aspekt war der Versuch, eine Verbindung zwischen dem Gralsrittertum und den Tempelrittern herzustellen (vgl. Mertens 2003, S. 158 ff.). In der Romantik gewann das Gralsmotiv in Verbindung mit dem Artusstoff im Rahmen der allgemeinen Mittelalter-Begeisterung wieder an Bedeutung. In dieser Zeit entstanden auch Friedrich de la Motte Fouqués Parcival (1831/32) und Karl Leberecht Immermanns Merlin (1832), die vor allem von der Darstellung einer utopischen Ritterzeit geprägt sind (vgl. Mertens 2003, S. 164 ff.).

Ende des 19. Jahrhunderts beginnt schließlich die Entmystifizierung des Grals: so wird er bei Alfred Lord Tennyson (Idylls of the King 1856-1885) zum Grund des Zerfalls der Tafelrunde (vgl. Mertens 2003, S. 202 ff.), Mark Twain verkehrt mit Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof (1889) die Ritter- und Gralsbegeisterung ins Lächerliche (vgl. Mertens 2003, S. 205 ff.).

Moderne Bearbeitungen wie Adolfs Muschgs Der Rote Ritter (1993) und Tankred Dorsts Merlin oder das wüste Land (1993) setzen den Stoff in einem zeitgenössischen Kontext und nehmen gleichzeitig die Auflösung des Grals vor (vgl. Mertens 2003, S. 244 ff. und Raitz 1997, S. 320 ff.).

Gleichzeitig genießen die mysteriösen Aspekte der Gralsthematik gerade im Bereich der Unterhaltungsliteratur ungebrochene Popularität. In unzähligen Texten wird die Geschichte von der Suche nach dem heiligen Gral immer wieder neu erzählt, nach dem Wesen des Grals und nach seinem Aufenthaltsort gefragt (z.B. Marion Zimmer Bradley: Die Nebel von Avalon (1984); Dan Brown: Sakrileg (2004); Mary Stuart: Die Merlin-Saga (1970-1995)).

Bedeutung in der Kinder- und Jugendliteratur

In der Kinder- und Jugendliteratur steht, ähnlich wie in der populärkulturellen Literatur, vor allem der Aspekt des Abenteuers bei der Gralssuche im Vordergrund. Vom sakralen Gegenstand wird der Gral mehr und mehr zum rein magischen Artefakt, das dazu dient, den Helden bestimmte Fähigkeiten zu verleihen. Die Suche nach dem Gral hat keinen religiösen oder ritterlichen Hintergrund mehr, sondern dient nur dem Gewinn von Macht, der mit dem Besitz des Grals einhergeht. So wird der Gral auch oftmals zum Grund für den Untergang des Artusreiches, da die Ritter von seiner Macht dermaßen korrumpiert werden, dass sie vergessen, dass ihre Stärke eigentlich in der Einheit der Tafelrunde liegt. Oft spielen sich die Gralsgeschichten in der Kinder- und Jugendliteratur in einer phantastischen Welt ab. Die einzelnen Texte lassen sich dem Genre Fantasy zuordnen (z.B. Wolfgang und Heike Hohlbein: Die Legende von Camelot (2007/08); Peter Schwindt: Gwydion (2006/07)).

Andere Autoren setzen ihre Gralsgeschichten in einen vermeintlich historischen Kontext. So handelt Rainer Maria Schröders Trilogie Die Bruderschaft vom Heiligen Gral (2006/07) beispielsweise von den Bemühungen der Tempelritter, den Gral vor feindlichen Mächten zu beschützen.


Literatur

  • Barber, Richard W.: Der Heilige Gral : Geschichte und Mythos. Mannheim: Albatros, 2010.
  • Dillenburger, Ingeborg: Die Gralsagen - ihre Wurzeln und ihre Wandlungen. Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2010.
  • Karg, Ina: ... sîn süeze sûrez ungemach ...: erzählen von der Minne in Wolframs Parzival. Göppingen: Kümmerle, 1993.
  • Krämer, Gabriele: Artusstoff und Gralsthematik im modernen amerikanischen Roman: Prinzipien der Verarbeitung und Transformation, der Rezeption und Funktion. Giessen: Hoffmann, 1985.
  • Mertens, Volker: Der Gral. Mythos und Literatur. Stuttgart: Reclam, 2003.
  • Pollmann, Leo: Chrétien de Troyes und der Conte del Graal. Tübingen: Niemeyer, 1965.
  • Raitz, Walter: Grals Ende? Zur Rezeption des Parzival/Gral-Stoffes bei Tankred Dorst, Christoph Hein, Peter Handke und Adolf Muschg. In: Der fremdgewordene Text. Festschrift für Helmut Brackert zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Silvia Bovenschen, Winfried Frey und Stephan Fuchs. Berlin: De Gruyter, 1997, S. 320-333.
  • Weißmann, Werner: Sonne, Gral, Dämonen...: bedeutende abendländliche Symbole in Mythos, Religion und Kunst. Wien: WUV-Univ.-Verl., 1998.

Erstveröffentlichung: 30.04.2012

 


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