von Kolja Marker

Eine deutsche Kinderserie, in der mittels Puppen und Realpersonen Alltagsthematiken behandelt werden. Wissensvermittelnde und unterhaltende Geschichten ergänzen sich jeweils wechselseitig.

Handlung

Die Sendung ist eine Aneinanderreihung von Trick-, Puppen-, Spiel- und Dokumentarspots zur Unterhaltung und Wissensvermittlung. Sie richtet sich dabei vorwiegend an Vorschulkinder.

In den ersten Jahren spielt die Rahmenhandlung in der fiktiven US-amerikanischen Sesame Street, die sowohl von Menschen als auch von Puppen bewohnt wird. Beide Seiten interagieren jeweils miteinander und erleben so gemeinsam Dinge des Alltags. Die zwischengeschalteten Filme werden gleichsam mittels Realpersonen und Trickfiguren illustriert. Die thematische Bandbreite dieser Filme ist speziell auf die junge Hauptzielgruppe der Sendung ausgerichtet. Sie reicht von der Vermittlung des Einmaleins über das Erlernen von Buchstaben bis zur Förderung sozialer Kompetenz.

Zu den charakteristischen Trickfiguren gehören der unbekümmerte Ernie, sein seriöser Gegenpart Bert, das Kekse liebende Krümelmonster, der liebenswerte Grobi, der Frosch Kermit sowie in späteren Jahren der Bär Samson und die vogelähnliche Tiffy. Die Puppen wurden überwiegend von dem US-amerikanischen Puppenspieler, Regisseur und Fernsehproduzenten Jim Henson entworfen.

Die Besetzung der Realpersonen setzt sich anfangs aus verschiedenen US-amerikanischen Schauspielern zusammen. Nachdem die Sendung ab 1978 vom deutschen Fernsehen eigenproduziert wird, treten in den Realszenen u. a. die Schauspieler Gernot Endemann, Hildegard Krekel, Henning Venske, Manfred Krug, Liselotte Pulver und Uwe Friedrichsen auf. Die Rahmenhandlung spielt nun in einem offenen Haus mit Theke und Küche. Ab 1989 wird dieses Szenario durch eine vorgartenähnliche Umgebung ersetzt. Darüberhinaus werden dem Figurenrepertoire weitere Puppen hinzugefügt und wiederum andere ausgetauscht. Der regelmäßige Szenarien- und Personalwechsel setzt sich bis in die 2000er-Jahre fort.

Populärrezeption

Die Sesamstraße ist in den ersten Jahren eine deutschsprachige Adaption der seit November 1969 gesendeten US-amerikanischen Originalversion Sesame Street. Diese wird vom so genannten Children's Television Workshop produziert, zu dessen Gründungsmitgliedern das nationale amerikanische Bildungsfernsehen, das US-Erziehungsministerium sowie diverse Stiftungen gehören.

Noch bevor die Sendung offiziell im deutschen Fernsehen startet, entwickeln sich um das Format in der deutschen Öffentlichkeit und insbesondere innerhalb einiger ARD-Landesrundfunkanstalten kontroverse Diskussionen. Unter Federführung des NDR senden zunächst einige Dritte Programme ab April 1971 probeweise unsynchronisierte Testausgaben, die in der deutschen Öffentlichkeit auf allgemein positive Resonanz stoßen. Vor allem führende Repräsentanten des konservativen Bayerischen Rundfunks bemängeln jedoch, dass die in der Sendung abgebildeten US-amerikanischen Lebensumstände nur rudimentär auf die in Deutschland herrschenden gesellschaftlichen Realitäten übertragen werden können und sprechen sich gegen eine Ausstrahlung der Sendung im ARD-Gemeinschaftsprogramm aus. Demgegenüber äußert sich der zuständige Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink (SPD) lobend: Das Format stelle den „bisher konsequentesten und erfolgreichsten Beitrag des Fernsehens zur Vorschulerziehung“ dar. Aufgrund des anhaltenden Widerstandes der süddeutschen Intendanten kann die Sendung beim offiziellen Start am 8. Januar 1973 lediglich in Nord- und Westdeutschland gesehen werden.

Spätestens ab 1978 endet die bisherige Adaptionsschematik. Die Reihe wird fortan überwiegend vom NDR in Hamburger Studios eigenproduziert, mit neuen Puppen und deutschen Schauspielern ergänzt und den sozialen Gegebenheiten in Deutschland direkter angepasst. Die amerikanische Rahmenhandlung entfällt somit, erhalten bleiben weiterhin die Kurzfilme aus der Originalversion mit den Jim Henson-Puppen Kermit, Ernie, Bert und Co.

Dem Format gelingt es, sich schnell und dauerhaft in den Dritten Programmen und in späteren Jahren auch im bundesweiten ARD-Gemeinschaftsprogramm zu etablieren, die Einschaltquoten bleiben auch in späteren Jahren trotz mehrfacher Sendeplatzwechsel konstant hoch. In Deutschland wurden bisher über 2500 Folgen der Sendung ausgestrahlt, in den USA übersteigt die Zahl inzwischen die 4000er-Marke.

Sendeplatz in den Dritten Programmen war lange Zeit werktags vorabends, ferner werktags morgens in der ARD. Inzwischen wird die Sendung werktäglich morgens in den Dritten Programmen sowie am Wochenende morgens in der ARD ausgestrahlt. Darüber hinaus läuft das Format auch täglich im KI.KA.

Die Sesamstraße bzw. ihre Adaptionen werden inzwischen weltweit ausgestrahlt. Die Bandbreite der Länder reicht von den Niederlanden, Frankreich und Schweden bis zu den Philippinen, China, Ägypten und Südafrika. Die Sendung erhielt weltweit zahllose Auszeichnungen. In den USA ist die Sesamstraße das Format mit den meisten Emmy-Auszeichnungen aller je produzierten Fernsehserien. In Deutschland ist die Sendung u. a. 2007 mit dem „Goldenen Spatz“ des gleichnamigen Kinderfilmfestivals ausgezeichnet worden.

Wissenschaftliche Rezeption

Die Sesamstraße ist insbesondere während ihrer Einführungs-phase zu Beginn der 1970er-Jahre Gegenstand nicht nur vielfacher allgemeiner sondern auch wissenschaftlicher Diskussion. Als Indikator auf die zukünftige wissen-schaftliche Auseinandersetzung kann dieser Umstand gleichwohl nicht dienen; der Umfang der Beschäftigung mit der Sendung verläuft nach den turbulenten ersten Jahren vielmehr auf quantitativ niedrigem Niveau.

Nachdem die Sesamstraße 1973 offiziell ins deutsche Fernsehprogramm eingeführt wird, ist die Zahl der kritischen Stimmen aus der Wissenschaft in der Mehrheit. Der Leiter des Arbeitsbereichs Vorschulerziehung im Deutschen Jugendinstitut, Dieter Zimmer, gibt ein widersprüchliches Urteil ab. Er ist der Ansicht, dass das Format lediglich „Pauken mit Wiederholungen, nur in schickerer Verpackung“ biete; zudem ein „Lernen in Bruchstücken, das kein Nachfragen, Weiterdenken, Anwenden auf eigene Realität auslöst“. Die Sesamstraße führe „ein Paradies vor, ohne die Wege zu zeigen, auf denen man dorthin kommt“. Gleichwohl sei sie „sowohl thematisch als im Tempo der Altersgruppe Vorschulkinder angemessen“. Hartmut von Hentig, Pädagogik-Professor an der Universität Bielefeld, befindet, dass Kinder bei der Sesamstraße auf „so bedenkliche Weise“ lernen, dass sie „am Ende wenig Grund haben, sich zu freuen“.

Wladkowski (2003) als Vertreterin der wissenschaftlichen Auseinandersetzung der jüngeren Zeit kommt in ihrer Arbeit zu mehreren Ergebnissen. Danach ergaben u. a. Untersuchungen des Hans-Bredow-Instituts, „dass besonders die Kinder von der Sendung profitieren, die ohnehin schon über bessere Bildungsvoraussetzungen verfügen und durch ihre Eltern eine Hilfestellung bei der Verarbeitung der Sendeinhalte bekommen.

So bleibt die Lernwirkung der Sendung beschränkt. Eine kompensatorische Erziehung findet dadurch nicht statt (...).“ Wladkowski verweist in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass „die Lernwirkung dieser Serie (...) von verschiedenen Indikatoren [abhängen], die von den Sendemachern selbst nicht alle beeinflussbar sind. So z. B. die Familiensituation der Kinder, das Vorwissen, die Persönlichkeitsentwicklung, die Sozialisation sowie die kognitiven Fähigkeiten. Die Kinder weisen in dieser Zielgruppe eine heterogene Masse auf, die nicht als eine Einheit betrachtet werden kann.“

Bezüglich der qualitativen Aspekte der Sesamstraße werden der Sendung nach einer an Kindern durchgeführten Untersuchung (Rogge [2002]) im Allgemeinen die Attribute „kindgerecht“, „werbefrei“, „gewaltfrei“ und „ohne angsteinflößende Inhalte“ zuerkannt. Des Weiteren stößt die „Mischung aus Unterhaltung und Wissensvermittlung“ sowie der Umstand, dass sie „sich von der Sendung als eigenständige Persönlichkeiten anerkannt“ fühlen bei der Hauptzielgruppe auf positive Resonanz. Der Autor stellt ferner fest: „Vorschulsendungen wie [...] 'Sesamstraße' bieten Unterhaltung und Vergnügen, nehmen aber zugleich kindliche Gefühle ernst.“


Literatur

  • o.V.: Vergebene Chance. In: Der Spiegel 19 (1971). S. 182-185.
  • o.V.: Kinder sind nämlich auch mal dran. In: Der Spiegel 10 (1973). S. 54-68.
  • Bachmair, Ben und Ole Hofmann: Lernen mit dem Kinderfernsehen: Wunsch oder Wirklichkeit? In: TelevIZIon 11 (1998), H.2. S. 4-20.
  • Handbuch des Kinderfernsehens. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Hrsg. von Hans Dieter Erlinger. Konstanz: UVK Medien, 1998.
  • Hillebrecht, Heinz: Sesamstraße in der Kleinkindererziehung: Analyse und Kinderbeobachtung. s.n., 1977.
  • Kübler, Hans-Dieter: Vom Fernsehkindergarten zum multimedialen Kinderportal. 50 Jahre Kinderfernsehen in der Bundesrepublik Deutschland. In: TelevIZIon 14 (2001), H. 2. S. 4-18.
  • von Nuis, Sabrina: Die “Sesamstraße“ in Deutschland: Ansprüche, Erscheinungsformen, Kritik. Oldenburger Universität, Prüfungsarbeit, 1996.
  • Das Fernsehlexikon. Alles über 7000 Sendungen von Ally McBeal bis zur ZDF-Hitparade. Hrsg. von Michael Reufsteck und Stefan Niggemeier. München: Goldmann, 2005.
  • Rogge, Jan-Uwe: Fantasie, Emotion und Kognition in der 'Sesamstraße'. In: TelevIZIon, 15 (2002) H. 1. S. 50-56.
  • Wladkowski, Marina: Kinderfernsehen in Deutschland zwischen Qualitätsansprüchen und Ökonomie unter Berücksichtigung der Vorschulserie Sesamstraße. Braunschweiger Dissertation. Braunschweig: Technische Universität, 2003.

Erstveröffentlichung: 28.02.2012

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