von Alexandra Fauth

1837 unter dem Titel Den lille havrue erschienen, gehört Die kleine Meerjungfrau heute zu den wohl beliebtesten und am meisten rezipierten, intermedial wiederverwerteten und häufig umgeschriebenen Andersen’schen Märchen.

Handlung

Basierend auf der Undinen-Sage erzählt Andersens Kunstmärchen die Geschichte einer kleinen Meerjungfrau: Die jüngste Tochter des Meerkönigs wünscht sich nichts sehnlicher als die Oberfläche bzw. das Land und die Menschen kennenzulernen. Diese Faszination verstärkt sich noch, als sie erfährt, dass diese eine unsterbliche Seele haben – etwas, das eine Meerjungfrau nur gewährt bekommt, wenn sie die bedingungslose Liebe eines Menschen erlangt.

Eines Tages rettet sie einem schiffbrüchigen jungen Prinzen das Leben und verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Durch einen Pakt mit der Meerhexe erhält sie Beine und kann ihm an Land begegnen, verliert jedoch ihre Zunge (und damit die Möglichkeit zur verbalen Kommunikation), die die Hexe als Bezahlung einfordert. Da sie das Laufen nicht gewöhnt ist, kann sie ihre Beine nur unter starken Schmerzen benutzen. Ins Meer kann sie nun nie mehr zurückkehren, denn die Wandlung ist unumkehrbar. Doch damit nicht genug: Sollte der Prinz eine andere heiraten, bedeutet das ihren Tod (wodurch sie als Meermensch nur noch Schaum auf dem Wasser wäre), so lauten die Bedingungen der Meerhexe. Dennoch lässt sich die verliebte Meerjungfrau auf den Handel ein. Der Prinz nimmt sie mit auf sein Schloss, erkennt in ihr aber weder seine Retterin noch ihre königliche Herkunft. Stattdessen heiratet er tatsächlich eine andere.

Um die jüngste zu retten, gehen die Schwestern der Meerjungfrau einen erneuten Pakt mit der Meerhexe ein. Für den Preis ihres Haars haben sie ein Messer erhalten, mit dessen Hilfe sich das Leben der Schwester gegen das des Prinzen eintauschen lässt. Sobald die kleine Meerjungfrau es dem Prinzen ins Herz sticht, werden ihre Beine durch sein Blut wieder zu einem Fischschwanz. Sie bringt es jedoch nicht übers Herz, ihn zu töten, und stürzt sich in die Fluten, wo sie zu kaltem Meeresschaum wird.

Schließlich sieht sie die Töchter der Luft, die sie bei sich aufnehmen. Statt endgültig zu sterben, erhebt sich die kleine Meerjungfrau als Luftgeist aus dem Schaum. Nun hat sie erneut die Chance, eine unsterbliche Seele zu erlangen: Die Luftgeister haben wie die Meermenschen keine unsterbliche Seele, können sich diese aber durch gute Taten verdienen.

Populärrezeption

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienen erste deutsche Übersetzungen der Märchen Andersens, woraufhin "der Weltruhm der Andersenmärchen […] von Deutschland aus seinen Anfang" (Mayer/Tismar 2003, S. 109) nahm. Heute gehören sie zum festen Bestandteil nicht nur der Literaturgeschichte, sondern auch des kulturellen Erbes Europas. Andersens Märchen werden oft in einem Atemzug mit den Kinder- und Hausmärchen (1812) der Gebrüder Grimm genannt, teilweise sogar mit diesen verwechselt oder allgemein den Volksmärchen zugeschrieben. Wie Volker Klotz feststellt, erscheinen sie "für viele Leute synonym mit der Vorstellung 'Märchen' und anonym in ihrer Herkunft" (Klotz 2002, S. 245). Auch die kleine Meerjungfrau gehört mittlerweile zu den allseits bekannten, kanonisierten Figuren, die – wie auch Shakespeares Romeo und Julia – längst vom individuellen Protagonisten einer Einzelgeschichte zu in allen Facetten auftretenden, stets neu ge- und erdachten Charakteren avanciert sind.

Die bekannteste kulturelle Rezeption der kleinen Meerjungfrau dürfte wohl Edvard Eriksens Bronzeskulptur sein, die 1913 im Hafen von Kopenhagen aufgestellt wurde und heute das Wahrzeichen der Stadt ist. Auch zahlreiche Schriftsteller und Medienschaffende bezogen und beziehen sich auf Andersens Meeres-Märchen. So schrieb Oscar Wilde Ende des 19. Jahrhunderts das Kunstmärchen The Fisherman and His Soul, das sich intertextuell auf Andersens Die kleine Meerjungfrau bezieht.

Zahlreiche Neuerzählungen unterschlagen jedoch das traurige Ende und erzählen die Geschichte (vermeintlich) kindgerechter. Das bekannteste Beispiel dürfte hier die Disneyversion (The Little Mermaid, USA 1989) sein, die die Allgemeinrezeption der kleinen Meerjungfrau nachhaltig geprägt und verändert hat. Disney führt den Stoff weg von einer volksmärchennahen Erzählweise und konkretisiert die Figur mit dem Namen ‚Ariel‘, individuellen Charakterzügen und natürlich dem im kollektiven Bewusstsein mittlerweile fast schon untrennbar mit der Figur verbundenen roten Haar. Gleichzeitig werden hier die realistischen Aspekte getilgt und Andersens romantische Überhöhung als Grundprinzip umgesetzt: nicht nur in der Umsetzung als Musicalfilm, sondern vor allem im Disney-typischen, klassischen Liebes-Happy-End. Dem stehen andere, werktreuere Filmadaptionen wie die ARD-Produktion der "Sechs auf einen Streich"-Reihe (Die kleine Meerjungfrau, Deutschland 2013) entgegen.
Ebenso gibt es intertextuelle und intermediale Verarbeitungen, die die realistischen, teilweise fast grausamen Aspekte des ursprünglichen Märchens in den Mittelpunkt stellen. So unterstützt Dirk Steinhöfel in einer illustrierten Neuausgabe die dramatische Wirkung des Originaltextes mit seinen realistisch-beklemmenden Bildern fern jeglicher romantischen Überhöhung (Steinhöfel 2014).

Märchenanalyse
Motivik und epochengeschichtliche Einordnung
Die Sehnsucht als Leitmotiv ist diesem Märchen bereits vom ersten Satz an eingeschrieben – in der geheimnisvoll-nüchternen Beschreibung der Ferne ("Weit hinaus im Meer …", Andersen um 1900a, S. 319) ebenso wie im Bild der blauen Blume ("… ist das Wasser so blau, wie die Blätter der schönsten Kornblume", meine Hervorhebung, Andersen um 1900a, S. 319). Dieses verweist auf die blaue Blume aus Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen (1802), dem Sinnbild für die Romantik an sich. Dementsprechend stellt Blau die dominierende Farbe des Märchens dar; schon der Situierung in einer Unterwasserwelt geschuldet symbolisiert die Farbe die Lebenswelt der kleinen Meerjungfrau. Dies betrifft die Umgebung wie die Protagonistin selbst: „Blue represents the little mermaid's underwater world all the way to the color of her eyes and the sand“ (Heiner 2003). In ihrer Konnotation mit der blauen Blume vermittelt die Farbe Blau in einer weiteren Symbolebene jedoch auch die Sehnsucht, die wie das (blaue) Wasser alles zu durchdringen scheint und das gesamte Dasein der kleinen Meerjungfrau dominiert.

Dem gegenüber steht die Farbe Rot als Sinnbild der Welt an der Oberfläche. So werden beispielsweise die Sonne und die Welt, die sie bescheint, mit dem Farbspektrum Rot beschrieben (vgl. Heiner 2003). Zugleich durchbricht Rot als Symbolfarbe auch das unter der Wasseroberfläche allseits dominierende Blau und steht hierbei ebenfalls für die Sehnsucht – nämlich für die Sehnsucht nach einem Leben an Land. Besonders deutlich wird dies in der Verknüpfung mit dem auffallend oft verwendeten Symbol der Sonne und mit dem Land zugehörigen Sujets: "aber die jüngste machte den ihrigen [Garten] ganz rund, der Sonne gleich, und hatte nur Blumen, die rot wie diese schienen" (Hervorhebung von A.F., Andersen um 1900a, S. 321).

In enger Verbindung mit der Farbsymbolik Rot und der Sonne stehen Beschreibungen, die sich auf Feuer beziehen – ein unter Wasser unmögliches Element, das dadurch ebenfalls auf die Welt an Land verweist. Beides, Feuer und Sonne, greift die Bedeutungsebene der Farbe Rot auf. Das Symbol der Sonne geht jedoch noch darüber hinaus, da es sich nicht nur auf die Erde bezieht: "The sun represents the earth and the heavens, the two worlds above the mermaid's own and the ones she aspires to join" (Heiner 2003). Dabei stehen sowohl Erde als auch Himmel sowohl in räumlicher als auch in ideeller Dimension über dem Ozean. Heiner konstatiert hierzu: "in Andersen's world view the land prince is still of a higher station than the sea-princess who dwells in the world under the sea" (Heiner 2003).

Als intertextuelle Um- und Weiterverarbeitung des Undinen-Stoffes (Andersen bezieht sich vor allem auf Friedrich de la Motte-Fouquets Undine aus dem Jahre 1811) steht Die kleine Meerjungfrau nicht nur im Kontext der Märchenbegeisterung der Romantik, sondern auch der romantischen Konzentration auf Mythologie und Volksstoffe im Allgemeinen. Zugleich wird der romantische Liebesbegriff im Sinne absoluter Liebe in die Handlung eingewoben. Diese Elemente bewirken zwar eine romantische Überhöhung, kumulieren jedoch nicht im märchentypischen Happy End und werden auch sonst von realistisch gefärbten Elementen kontrastiert. Die kleine Meerjungfrau ist daher als Kunstmärchen der europäischen Romantik einzuordnen, das aber bereits starke Tendenzen zum Realismus aufweist und somit beide Epochenstile verknüpft.

Doch auch weitere Einflüsse beeinflussen das Gesamtbild des Märchens. In der Begegnung mit der Meerhexe lässt sich der Faust’sche Teufelspakt erkennen (vgl. hierzu auch Neuhaus 2005, S. 197), die Beschreibung des Unterwasser-Adels erfolgt im Stil einer Bürgersatire (vgl. Neuhaus 2005, S. 195) und das Ende ist nicht nur wie viele Andersen-Märchen christlich konnotiert, sondern erinnert mit seinem erhobenen Zeigefinger an das viktorianische Moralmärchen: "sehen wir [die Luftgeister] ein unartiges und böses Kind, so müssen wir Thränen der Trauer vergießen, und jede Thräne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu" (Andersen um 1900a, S. 347).

Erzählweise: fingierte Mündlichkeit und melancholischer Grundton
Die im kollektiven Gedächtnis verwurzelte, falsche  Zuordnung der Andersen’schen Werke zum Volksmärchen kommt nicht von ungefähr, tatsächlich lässt sich eine Verwandtschaft zwischen diesen und dem Andersen’schen Märchen feststellen. Gleichzeitig bewegt sich Andersen mit seinen Märchen auf der feinen Linie zwischen volksmärchennaher und volksmärchenferner Erzählweise. Sein Stil hebt sich deutlich vom Grimm’schen Buchmärchenton ab und ist eher in den Bereich fingierter Mündlichkeit einzuordnen (vgl. Detering 2004). Andersens lebendige und den Leser direkt involvierende Erzählweise erinnert dabei trotz augenfälliger, dem jeweiligen Zeitgeist geschuldeten Unterschiede stark an die auf dem heutigen Buchmarkt nahezu als Standard etablierte erzählerische Unmittelbarkeit, die unter dem Schlagwort 'show, don’t tell' auch in den Lektoraten der Publikumsverlage und insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur ein Qualitätskriterium darstellt. Somit weisen Andersens Märchen in ihrer Erzählweise trotz ihres Alters ein erstaunliches Maß an Aktualität auf.

In der kleinen Meerjungfrau findet sich ein nahezu poetischer, narrativer Erzählduktus, der die Mündlichkeitsillusion lediglich andeutet und durchaus an den Grimm’schen oder Perrault’schen (Buch-)Märchenton erinnert. Im Gegensatz zu sonstigen Andersen’schen Märchen entsteht zunächst der Eindruck eines heterodiegetischen Erzählers, der das Geschehen von außen beleuchtet – anders als beispielsweise in Die Schneekönigin, wo das von Beginn an ins Zentrum des Erzählens gerückte "wir" den Zuhörer oder Leser mitten ins Geschehen zieht ("Seht, nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als jetzt", Andersen um 1900b, S. 273). Dennoch wird auch bei der kleinen Meerjungfrau das Spannungsfeld zwischen "dem momentanen Hier des Vortrags und dem fernen Dort des vorgetragenen Wundergeschehens" (Klotz 2002, S. 246) mittels des Erzählstils nutzbar gemacht – das den Leser miteinbeziehende "wir" findet sich jedoch erst nach einigen narrativen Beschreibungen. Diese Abschwächung eines mündlichen Erzählduktus unterstützt den melancholischen Grundton des Märchens, der mit der Einarbeitung der Sehnsucht als romantisches Leitmotiv Hand in Hand geht.

Volksmärchentypisches Figurenarsenal
Die Märchenstruktur lehnt sich teilweise stark an die gängigen Volksmärchenschemata (die folgenden Angaben zu diesen beziehen sich primär auf Lüthi 2004) an. So sind die Figuren stereotyp angelegt, wobei insbesondere die Heldin namenlos und adlig ist. Andersen greift hier das für Volksmärchen typische Konzept der Isolierung (nach Lüthi 2004, S. 30f) auf: Die kleine Meerjungfrau bildet als jüngste Tochter des Seekönigs das letzte "Ende[…] einer Reihe" und wird "durch Glanz […] hervorgehoben" (Lüthi 2004, S. 30f): „die jüngste war die schönste von allen“ (Andersen um 1900a, S. 320). In Anleihe an das Grimm’sche Aschenputtel hebt sich die kleine Meerjungfrau zudem durch Bescheidenheit von den anderen Figuren ab: Wie Aschenputtel sich nur den ersten Zweig vom Wegesrand als Reisegeschenk des Vaters wünscht, möchte die kleine Meerjungfrau aus dem Strandgut der Schiffe lediglich „ein hübsches Marmorbild“ (Andersen um 1900a, S. 321) – im Gegensatz zu den jeweiligen (Stief-)Schwestern, die als materiell orientierter dargestellt werden. Gleichzeitig wird die Isolierung hier durch die Konnotation der "Bildsäulen und andere[r] Kunstwerke der Bildhauerei“ mit "romantische[m] Motivarsenal" (Neuhaus 2005, S. 196) verknüpft. Daneben fungiert das Marmorbild eines hübschen Menschenjungen natürlich auch als Vorausdeutung auf die Ereignisse um den Prinzen.

Andersen umgibt seine isolierte Heldin mit dem idealtypischen Figurenensemble des Volksmärchens, in dem "[a]lle wichtigen Figuren […] auf den Helden bezogen" (Lüthi 2004, S. 27) sind. Wie im Volksmärchen findet die Handlung zwischen den Generationen statt, die ältere Generation des Seekönigs sowie der Großmutter kommt am Ende des Märchens nicht mehr vor.

Die naive Ästhetik des Volksmärchens wird dabei nahezu idealtypisch umgesetzt. Die Physiognomie der Meerhexe wird allerdings nicht näher beschrieben (anders in zahlreichen Neuerzählungen des Märchens). Sie wird lediglich implizit durch die sie umgebenden Tiere und Utensilien mit dem Hässlichen und Abstoßenden konnotiert. Dies korreliert mit der Neutralität der Figur, die sowohl als Gegenspieler (da sie der Meerjungfrau die Sprachfähigkeit nimmt und somit die Erfüllung der Heldenaufgabe verhindert) als auch als Helferfigur (da sie die Erfüllung der Heldenaufgabe durch die Gabe der Beine erst ermöglicht) fungiert. Die Meerhexe erscheint somit als ambivalente Figur, die in ihrer Mehrfach-Funktion weder Gut noch Böse zuzuordnen ist. Eindeutig ist sie lediglich dem Wunderbaren zuzurechnen.

In starkem Kontrast zum Volksmärchen und zu den französischen Feenmärchen wird auch die Gabe selbst ambivalent gestaltet und geradezu entzaubert: „bei jedem Schritt, den Du machst, ist Dir, als ob Du auf scharfe Messer trätest, als ob Dein Blut fließen müßte“ (Andersen um 1900a, S. 335). Hier findet sich das Andersen-typische Motiv des unsichtbaren Schmerzes (vgl. dazu Detering 2004). Durch den Sprachverlust ist die Meerjungfrau unfähig, diesen Schmerz auszudrücken – und auch das Weinen bleibt ihr verwehrt: "die Seejungfrau hat keine Thränen, und darum leidet sie weit mehr." (Andersen um 1900a, S. 325).

Andersens Meerjungfrau ist dabei, anders als die typischen Figuren des Volksmärchens wie beispielsweise das Aschenputtel, eine Figur, die Zweifel hat, zögert, und schließlich doch das richtige tut: „das Messer zitterte in der Seejungfrau Hand, – aber da warf sie es weit hinaus in die Wogen“ (Andersen um 1900a, S. 344). Trotz aller volksmärchentypischen Figurenaufstellung erhält die Meerjungfrau charakterliche Tiefe, die im Spannungsverhältnis mit der dennoch vorhandenen Stereotypie der Figur steht.

Märchenschema
Wie für Märchen konstitutiv basiert die Handlung auf dem Schema von Mangelsituation und Lösung (vgl. zu diesem Schema z.B. Lüthi 2004, S. 25). Das zu lösende Problem entsteht dabei nicht von außen, sondern aufgrund des inneren Wunsches der Protagonistin (nach einer unsterblichen Seele), was wiederum eng mit dem romantischen Leitmotiv der Sehnsucht verknüpft wird. Dieses vermittelt von Beginn an auch die volksmärchentypische räumliche Unbestimmtheit: "[w]eit hinaus im Meer" (Andersen um 1900a, S. 319).

Auch die dem Märchen als solches immanente Universalität wird – volksmärchentypisch – ohne Abstriche umgesetzt. Anders als in manchen Kunstmärchen (wie beispielsweise J.M. Barries Peter and Wendy, wo Peter Pan und der Neverbird sich nicht verstehen) gibt es keine Fremdsprachen; sowohl unter als auch über dem Wasser entstehen keinerlei Sprachbarrieren. Dennoch wird der Weltenwechsel für die Heldin durch den Sprachverlust zur verständigungsbasierten Fremdheitserfahrung. Das märchentypische positive Ideal bekommt somit deutliche Risse und wird insbesondere durch die Ablehnung der Meerprinzessin unter den Menschen und den dort niedrigen sozialen Status stark abgeschwächt. Es findet sich primär in der reinen Seele der Meerjungfrau und ihrer absoluten Liebe zum Prinzen – ein weiteres romantisches Element, wird hier doch der romantische Liebesbegriff, wie er bereits in Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) vorkommt, zum handlungsentscheidenden Moment. Zwar basiert das Sehnen der Meerjungfrau zunächst auf dem Wunsch nach einer unsterblichen Seele, die Unmittelbarkeit ihrer Gefühle (sie verliebt sich auf den ersten Blick) und das altruistische Opfer verdeutlichen jedoch die Absolutheit ihrer Liebe. Dementsprechend wird die umgedrehte Wirklichkeit, die auch im Kunstmärchen als notwendige Bedingung gesehen werden kann, volksmärchenuntypisch umgesetzt und in sich verkehrt: Es ist nicht die Hochzeit mit dem Prinzen, die der Meerjungfrau den initialen Wunsch nach einer unsterblichen Seele erfüllt und sie vom todbringenden Pakt mit der Meerhexe erlöst, sondern ihre selbstlose Liebe. Die Mangelsituation löst sich folglich nicht durch romantisch konnotierte Hilfe von außen, sondern aus der Figur selbst heraus. Ein Ansatz, der sich übrigens auch in aktuellen Disney-Produktionen wie Vaiana: Das Paradies hat einen Haken (2016) wiederfindet.

Der volksmärchentypische Sieg des Schwächeren wird in der kleinen Meerjungfrau also nicht sozial konnotiert umgesetzt. Der Prinz heiratet eine andere, die kleine Meerjungfrau erlebt den sozialen Abstieg. Am Ende erhebt sie sich jedoch als Luftgeist über die irdischen Belange. Statt des volksmärchentypischen sozialen Aufstiegs erfolgt ein mythologisch-ideeller Aufstieg, der durch die räumliche Anordnung der Welten veranschaulicht und in den Kontext der Elemente gestellt wird (Meer – Erde – Luft).

Fazit: Die kleine Meerjungfrau als Andersen'sches Märchen

Die kleine Meerjungfrau gehört zu den bekanntesten europäischen Märchen und ist wohl gerade wegen seiner volksmärchennahen Erzählweise noch heute fester Bestandteil der populären Kinderliteratur. Der vertraute Märchenaufbau mitsamt des typischen Figurenarsenals, der zeitlichen und räumlichen Unbestimmtheit und dem – gerade in neueren Bearbeitungen für Kinder oft verstärkten – buchmärchenähnlichen Ton bewirkt jedoch nur eine scheinbare Verortung in der Gattung "Volksmärchen". Ganz abgesehen davon, dass es sich um ein Autorenmärchen (und somit definitorisch um ein Kunstmärchen) handelt, finden sich in der kleinen Meerjungfrau zugleich zahlreiche volksmärchenferne Elemente, von denen die meisten typisch für Andersens Märchen sind und die teilweise als konstitutiv für diese angesehen werden können. Oftmals kontrastieren sie die gängigen Volksmärchenschemata oder verkehren diese in sich. So steht die Mündlichkeitsillusion im Spannungsverhältnis mit dem gerade in der kleinen Meerjungfrau dennoch anklingenden Buchmärchenton, die durchaus vorhandene Charakterzeichnung mit der stereotypen Figurenkonstellation des Volksmärchens. Auch die motivische Dichte steht dem Volksmärchen als einfache Form entgegen: Neben der Einarbeitung romantischer Motive wie der Sehnsucht ist hier insbesondere das Andersen-typische Motiv des unsichtbaren Schmerzes zu nennen. Dieses steht in enger Verbindung mit dem Ende des Märchens, das das Happy End des Volksmärchens in sich verkehrt und ambivalent gestaltet.

Somit ist Die kleine Meerjungfrau trotz aller romantischen Aspekte auch in der Erzähltradition des Realismus verortet; vielleicht ist es gerade diese Mischung aus romantischer Überhöhung und grausamer Realitätsdarstellung, die die anhaltende Faszination bewirkt und immer wieder aufs Neue Literatur- und Medienschaffende zu Neuversionen inspiriert. Nicht zuletzt begeistert Andersen jedoch bis heute auch durch die Vermischung nicht nur verschiedener Epochenstile, sondern auch verschiedener Genres (ebenfalls ein aktueller Trend auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt, man denke etwa an die Zamonienromane Walter Moers'). Entgegen der starken Nähe zum Volksmärchen und der eindeutigen Einbindung seiner Schemata setzt Andersen in Die kleine Meerjungfrau durch die Verknüpfung mehrerer bekannter Elemente ein anderes, ein volksmärchenfernes Märchenschema um; Eines, das eben gerade auf der durch dieses Paradoxon entstehenden Ironie und Kontrastzeichnung basiert: das des Andersen'schen Märchens.


Literaturangaben

Primärliteratur

  • Andersen, Hans Christian: Die kleine Meerjungfrau. Zitiert nach: Andersen, H. C.: Sämtliche Märchen. Leipzig [um 1900], S. 319-347. Einsehbar unter Zeno.org: http://www.zeno.org/nid/20004412621 (01.02.2017).
  • Andersen, Hans Christian: Die Schneekönigin. Zitiert nach: Andersen, H. C.: Sämtliche Märchen. Leipzig [um 1900], S. 273-312. Einsehbar unter Zeno.org: http://www.zeno.org/nid/20004412532 (19.05.2017).
  • Steinhöfel, Dirk: Hans Christian Andersens Die kleine Meerjungfrau. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger, 2014

Filme

  • The Little Mermaid (Walt-Disney Studios. USA 1989. R: Ron Clements und John Musker).
  • Sechs auf einen Streich: Die kleine Meerjungfrau (Irina Popow. Deutschland 2013).

Sekundärliteratur

  • Klotz, Volker: Hans Christian Andersen. In: Ebd., Das Europäische Kunstmärchen. München: Wilhelm Fink Verlag, 2002. S. 245-255.
  • Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart und Weimar: Metzler, 2004.
  • Mayer, Mathias und Tismar, Jens: Realismus: Andersen. In: Ebd., Kunstmärchen. Stuttgart: Metzler 2003. S. 107-111.
    Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen und Basel: Francke 2005.

Internetquellen

 

Erstveröffentlichung am 26.05.2017

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