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von Anna Zamolska

Astrid Lindgrens letztes großes Werk Ronja Räubertochter (1981, dt. 1982) steht in der Tradition des klassischen Räuberromans, sprengt jedoch mit seinen märchenhaften Zügen und Anspielungen an Klassiker der Weltliteratur wie Romeo und Julia, Robin Hood, Die Irrfahrten des Odysseus, Tristan und Isolde, Robinson Crusoe die Grenzen des Genres. Anders als in Lindgrens vorhergehenden Werken spielt die Handlung hier eine untergeordnete Rolle – der Roman lotet mit seiner psychologischen Tiefe Themen aus wie das Leben in der Natur, Freundschaft und Liebe, Auseinandersetzung zwischen Kind und Eltern, Geburt und Tod.

Handlung

In einer gewitterschweren Nacht bekommen Lovis und der Räuberhauptmann Mattis ein Kind – ein Mädchen, das Ronja genannt wird. Noch während die 12-köpfigen Räuberbande das neugeborene Kind bestaunt, fährt ein Blitz in die Mattisburg, in der alle gemeinsam wohnen, und spaltet die Burg mitten entzwei. Ronja wächst in der einen Hälfte auf, vorrangig im großen Steinsaal, wo alle am großen Steintisch gemeinsam essen und wo Ronja mit ihren Eltern schläft.

Als Ronja 11 Jahre alt ist, erlaubt Mattis ihr erstmals, die Burg zu verlassen, um den Wald mit all seinen Gefahren kennenzulernen. Mit der Zeit lernt Ronja, sich vor den Graugnomen und Wilddruden in Acht zu nehmen, mit der Natur im Einklang zu leben und die anderen Lebewesen des Waldes zu respektieren.

Am Höllenschlund – der Schlucht zwischen den beiden Burghälften – trifft Ronja eines Tages Birk, den Sohn von Borka, dem Erzfeind von Mattis und Anführer einer anderen Räuberbande. Zunächst feinden sich die Kinder nach dem Muster ihrer Eltern an, retten sich dennoch abwechselnd das Leben und werden schließlich Freunde. Auf der Flucht vor den Landsknechten ziehen die Borkaräuber heimlich in die andere Burghälfte. Mattis scheut keinen Versuch, seine Erzfeinde zu vertreiben und zuletzt nimmt er Birk gefangen, um Borka zu zwingen, die Burg wieder zu verlassen. Ronja verdammt die Vorgehensweise ihres Vaters und begibt sich in die Hände der Feinde, um Birk zu helfen. Mattis sieht dies als Vertrauensbruch und verleugnet sie fortan als Tochter.

Daraufhin ziehen die beiden Kinder in den Wald und wohnen einen ganzen Sommer lang in der Bärenhöhle. Sie fischen, jagen, zähmen Wildpferde, schwimmen und erwarten mit Beklommenheit den Winter. Verschiedene Boten von der Mattisburg, zuletzt auch Lovis, versuchen Ronja zur Heimkehr zu bewegen – Ronja will jedoch erst zurückkehren, wenn sie wieder von Mattis als Kind anerkannt wird. Als es Herbst wird, kommt Mattis persönlich, bittet Ronja um Verzeihung und akzeptiert die Freundschaft der beiden. Auch Birk lässt sich überreden, auf die Burg zurückzukehren.

Angeregt durch die Freundschaft der Kinder und die ständigen Bitten des ältesten Räubers Glatzen-Per, schließen sich die zwei Räuberbanden zusammen und können sich so vor den immer stärker auftretenden Landsknechten verteidigen. Auf seinem Sterbebett verrät Glatzen-Per Ronja einen geheimen Zugang zu einer Silbermine, die ihr und Birk materielle Unabhängigkeit sichert, weil die beiden keine Räuber werden wollen, wenn sie erwachsen sind.

Analyse und wissenschaftliche Rezeption

"Ronja Räubertochter gestaltet die grundlegenden Fragen, die die Zukunft unserer ganzen Zivilisation entscheiden, nämlich ob es Frieden und Versöhnung oder Gewalt und Vernichtung geben wird, Frieden mit der Natur und zwischen den Generationen, zwischen Vater und Tochter, Mann und Frau und zwischen den Völkern." (Edström 2004, S. 224)

Für ihren letzten Roman wählte Astrid Lindgren zwar die Gestalt des Räuberromans, erlaubte sich jedoch hier, wie auch in all ihren anderen Büchern, das Genre auszuweiten: Es "zeigte sich, dass die Form des Räuberromans unglaubliche Möglichkeiten bot. Das Buch wurde zu einer Synthese aller Strömungen, die man im Werk der Autorin ausmachen kann, nur noch um einiges kühner." (Edström 2008, S. 18)

Ronja Räubertochter lässt keine bestimmte Zeit-und Orteinordnung zu, die Burg und Lebensverhältnisse erinnern zwar an mittelalterliche Zeiten, mehr Hinweise auf eine bestimme Mittelalterperiode gibt es jedoch nicht. Denn "die Autorin hat sich davor gehütet, die Atmosphäre zu 'historisch' zu machen: Es ist auch ein moderner Roman über die Konflikte moderner Menschen." (Edström 1997, S. 300) Ihr mittelalterliches Milieu erweitert sie um phantastische Wesen: "Astrid Lindgren hat eine eigenständige Mythologie geschaffen, die mit den Wilddruden, Graugnomen und Rumpelwichten ihre Wurzeln im schwedischen Volksglauben hat." (Oetinger Almanach 1982, S. 44) Diese verleihen der Geschichte märchenhafte Züge, die in dem guten Ende und dem Fund der Silbermine kulminieren.

Märchenhafte Mittelalter-Mythologie und Romantik

Lindgren zitiert jedoch nicht nur Märchenhaftes, sie knüpft an verschiedene literarische Strömungen und Topoi an, die aus der Romantik stammen:

"Diese Geschichte zeigt Astrid Lindgrens Fähigkeit zur Erneuerung und dass sie Dinge wieder zu verwenden versteht. Sie nimmt den Dialog auf mit der Tradition der Waldromantik, der Angst vor dem Wald – also der des Waldmärchens. […] Aber die Autorin erschafft ihre eigenen mythischen Waldbewohner, die traditionellen Märchenfiguren gleichen. Dennoch repräsentieren sie etwas völlig Neues." (Edström 2004, S. 208)

Auch dieses Lindgren-Märchen wurzelt in der Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommenen schwedischen Zielsetzung, preiswerte und künstlerisch wertvolle Bücher für Bauern- und Arbeiterkinder herauszubringen. Astrid Lindgren war eines dieser Kinder und hat diese Bücher, die vor allem zu Weihnachten bestellt werden konnten, in den Bullerbü-Büchern und ihren Kindheitserinnerungen in Das entschwundene Land beschrieben. Sie schwingen in ihren Kunstmärchen nach und spiegeln sich zuletzt in Ronja wider. Dennoch hat Lindgren das Märchen als Genre in ihrem Werk "weitergeschrieben": "Astrid Lindgrens Räuberroman ist eine freie Märchenfiktion mit einer Märchenmythologie, die auf die Angst und die Probleme unserer Zeit reagiert." (Edström 2004, S. 222)

Weiterhin gibt es viele Anspielungen und intertextuelle Verweise auf klassische Motive und Texte der Weltliteratur: "Ronja und Birk haben etwas von Eva und Adam im Naturzustand. […] Das Leben in der Natur ist auch ein Robinson-Dasein. Die Kinder veranschaulichen frühere Stadien der Kultur, wenn sie Schalen schnitzen und auf jede praktische Überlebensmöglichkeit achten, während sie zugleich ein Guthaben an Selbstvertrauen aufbauen." (Edström 1997, S. 308)

Motivkonstellationen und Intertextualität

Ronja und Birk wurden ebenso oft mit Romeo und Julia verglichen, da sie sich gegen ihre Familien stellen und eine pazifistische Haltung einnehmen. Hier bringen die Kinder die Erwachsenen zur Vernunft, sind reifer als diese und haben einen eigenen Moralkodex, nach dem sie handeln. Auch die Filmadaption, die ein Jahr nach Erscheinen des Romans entstand, zeigt deutlich, dass es sich hier um ein junges Liebespaar handelt, auch wenn die Kinder sich als Geschwister betiteln (vgl. Kurwinkel/Schmerheim 2012, Kurwinkel 2016).

Als Mattis versucht, Ronja sein Räuberdasein zu erklären und zu beschönigen, greift er zum Robin-Hood-Motiv, um seine Handlungen zu rechtfertigen: Er raube nur Reiche aus, um die Beute dann mit den Armen zu teilen. Mit den Lockungen der Unterirdischen und der Schönheit und Grausamkeit der Wilddruden zitiert Lindgren auch mythologische Figuren wie die singenden Syrenen, die Odysseus locken, und die Harpyien aus der griechischen Mythologie. Das Leben in der Bärenhöhle der beiden Kinder hat seinen Ursprung in Tristan und Isolde, und erinnert auch an die Höhlenkinder Sonnleitners.

Auch Lindgrens Hang zum Burlesken wird hier deutlich: "Grässliche Flüche, fürchterliche Invektiven, unschöne Geräusche verleihen dieser Paraphrase eines Räuberromans eine freche Dynamik." (Edström 2004, S. 208) Dynamisch und unabhängig ist auch Ronja, die vielleicht zur stärksten Mädchenfigur in Lindgrens Werk avanciert, weil sie sich gegen den geliebten Vater stellt: "Ronja hat freimütige Vorläufer in Astrid Lindgrens Werk, sie ist mit Pippi Langstrumpf, Madita und […] der amazonenhaften Eva-Lotta in der Kalle Blomquist-Trilogie verwandt." (Edström 1997, S. 310)

Der Vater-Tochter-Konflikt steht im Mittelpunkt des Romans, erst die Lösung desselben bringt die Vereinigung der Feinde mit sich. "Ronja Räubertochter handelt sehr viel von Gezänk und Konflikten. Die unterschiedlichen Stimmen der Figuren stehen im Widerstreit zueinander. […] Doch die Autorin variiert die Stimmen der Personen. Ronjas junge Stimme, die die Sprache der Liebe und des Frühlings spricht, klingt am stärksten durch." (Edström 1997, S. 310)

Neben der starken Vaterfigur steht in diesem Lindgrenbuch auch eine starke Mutterfigur, die im übrigen Werk Lindgrens weniger stark gezeichnet ist:

"Ronja Räubertochter ist auch das erste Buch Astrid Lindgrens, in dem sie den Erwachsenen wichtige Rollen gegeben hat; diese Erzählung handelt nicht nur von einem unreifen Mann, sondern auch von einer reifen Frau. Lovis erscheint als Lebensquelle und als Vorbild in einer Weise, wie es die Mutter nie vorher in Astrid Lindgrens Werk war – der Name Lovis lässt an Love (Liebe) denken. Mattis ist das große Kind im Buch." (Edström 1997, S. 311)

Ronja imitiert ihre Mutter, als sie allein im Wald lebt, nicht den Vater. Und im Gegensatz zum Konflikt mit Mattis, gibt es zwischen Ronja und Lovis nie Unstimmigkeiten. "Aber dennoch variiert Ronja Räubertochter das alte Märchenthema, die Emanzipation des Kindes. Es handelt von dem lange währenden Abschied von den Eltern, dem Aufbruch aus 'der tiefen Kindheitsruhe'." (Edström 2004, S. 209)

Naturmotivik

Ein weiteres großes Thema ist die Naturverbundenheit der Kinder, das Leben in und mit der Natur, die Melodie des Waldes, der die Kinder lauschen. Lindgrens Naturliebe und -verbundenheit erlangt in diesem Roman seinen Höhepunkt: "[D]ie eigentliche Bühne des Buches ist der Wald." (Edström 2004, S. 208) Der Wald wird zur Metapher für das Leben: "Alle Elemente dienen dazu, mentale Zustände zu beschreiben. Und die Wesensart wird hier durch den Wald, das Wilde und das Karnevalistische bestimmt." (Edström 2004, S. 207)

Vor dieser Waldmetapher gelingt es Lindgren, die wichtigsten Gefühle und Lebensfragen zu thematisieren und in der Einsamkeit auszuloten: "Ronja Räubertochter handelt von zwei Kindern, die wie Henry David Thoreau der materialistischen Weltordnung den Rücken kehren. […] Sie brauchen keine menschliche Gesellschaft und haben von Kindesbeinen an gelernt, im Wald umherzustreifen, wo sie sich niemals einsamer fühlen als der Sonnenaufgang […] Sie lebte 'ihr einsames Waldleben', heißt es von Ronja." (Andersen 2015, S. 379)

Dieses einsame Waldleben lehrt die beiden, Liebe und Respekt zur ganzen Schöpfung, das Leben als etwas Wertvolles zu hüten. Die Liebe zum Kind, und zwar die reife, tolerante und loslassende Liebe der Eltern zum Kind, ist das zweite große Anliegen Lindgrens, das sie ihr Leben lang verfolgt hat und in diesem Roman seinen Höhepunkt findet. Aber auch das richtige Heranwachsen des Kindes, das zunächst mit "Steinchen und Tannenzapfen" spielt und später im Wald umherstreifen darf, so viel es mag – vor den überfüllten Kalendern der heutigen Kinder ist auch dies ein Anliegen, das an Aktualität gewinnt.

Die Illustrationen Ilon Wiklands

Ebenso wie nahezu alle Werke Astrid Lindgrens wurde Ronja Räubertochter von Ilon Wikland illustriert, die hier wie bereits in Die Brüder Löwenherz mittelalterliches Milieu, Burgen und Wald in aufwändigen Schraffuren auf Papier gebannt hat. Bekannt ist, dass Lindgren nur zweimal in Wiklands Arbeit eingriff: Einmal bei der Figur von Karlsson vom Dach, das andere Mal bei Ronja, die zunächst wie ein samisches Mädchen aussah und lange, glatte Haare hatte – wie später die Film-Ronja (vgl. Buchmann 2015, S. 34). Wikland schuf auch hier kongeniale Zeichnungen zu Lindgrens Text und meisterte die Herausforderung, die sich mit den vielen fantastischen Wesen stellte, zur Zufriedenheit der Autorin. Besonders eingängig sind die Gestalten der Rumpelwichte und die Darstellung der Räuber, die von einer Schlange von Männern vor dem schwedischen Alkoholgeschäft "Systembolaget" inspiriert wurde.

Forschungsstand

Die thematische Fülle dieses Räuberromans hat eine Reihe von Literaturkritiken und wissenschaftlichen Untersuchungen hervorgerufen, die bis heute nicht abebbt (vgl. Selge 1982, Schneider 1985, Becker 1986, Surmatz/ Berf 2002, Surmatz 2005, Schade 2008, Bräutigam 2009, Wild 2011). Die größte wissenschaftliche Forschung zu Ronja Räubertochter ist jedoch neben vielen anderen Literaturwissenschaftlern, die Aspekte aus dem Werk Lindgrens streifen, Vivi Edström zuzuschreiben: In drei aktuell gebliebenen Werken (1997 erscheint Astrid Lindgren. Im Land der Abenteuer und Märchen, 2004 Astrid Lindgren und die Macht des Märchens, 2008 Abendliches Bad in Katthult. Essays über Astrid Lindgrens Poesie) widmet sie sich vermehrt den märchenhaften Zügen und Wurzeln des umfangreichen Schaffens der schwedischen Autorin. Dabei geht sie von der Erkenntnis aus, dass "Astrid Lindgren eine Schriftstellerin von mehr als nur einer Dimension [ist]. Sie ist bei Weitem nicht nur eine Geschichtenerzählerin für Kinder." (Edström 2008, S. 8)

Populärrezeption

"Ihr vierunddreißigstes Buch kam mit einer Startauflage von 120.000 Exemplaren heraus. Die Bücher waren im Nu vergriffen. Es ist eines der wenigen Kinderbücher, die es sogar in die Bestsellerliste des Spiegel schafften. Nicht nur, dass es sich dort wochenlang hielt – es erreichte am 17.01.1983 sogar den vierten Rang." (Bialek/ Weyershausen 2004, S. 400)

Ronja Räubertochter gehört heute zu den erfolgreichsten Büchern Astrid Lindgrens und mit Mio, mein Mio und den Brüdern Löwenherz zu den drei großen All-Age-Werken der Autorin. Der Erfolg beim jungen wie erwachsenen Publikum ist ungebrochen und wurde durch die Filmadaption von 1984 (Regie: Tage Danielsson) noch gesteigert. Wie beliebt die Geschichte ist, zeigt sich an den vielen Adaptionen, die in die verschiedensten Medien erfolgten. Ronja Räubertochter gibt es mittlerweile als Familienoper, Musical, für verschiedene Figurentheater und zuletzt als Anime-Serie (2014) adaptiert.

Zu den bekanntesten Adaptionen gehört jedoch zweifelsohne die schwedisch-norwegische Filmadaption von 1984, bei der zunächst Lindgrens Lieblingsregisseur Olle Hellbom Regie führte (nach dessen Tod vollendete Tage Danielsson das Werk, der auch in dem letzten Saltkrokan-Film Glückliche Heimkehr 1967 als Schauspieler mitgewirkt hat). Lindgren verfasste das Drehbuch für den Film selbst und schrieb auch den Text für das Wolfslied. Die Adaption ist heute zum Kultfilm und Klassiker avanciert, der regelmäßig ausgestrahlt wird. Die Zeitlosigkeit der Geschichte, die in keiner bestimmten Gesellschaft verankert ist, ist einer der Gründe für die erste computeranimierte Anime-Serie des Ghibli-Studios mit 26 Folgen unter dem Titel Ronia the Robber's Daughter (jap. Sanzoku no Musume Rônya, Regie: Goro Miyazaki).


Literatur

 

Erstveröffentlichung: 11.04.2019