von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Winter 1944 / 45 – Die Rote Armee rückt näher und näher. Unter den Flüchtlingen aus Oberschlesien, die nach Westen ziehen, sind Inge und Wanda. Von ihrer Flucht, aber auch von ihrer Freundschaft, erzählt der Roman Die verlorenen Schuhe von Gina Mayer. Der Leser begleitet die beiden ungleichen Mädchen, die sich anfänglich voller Hass begegnen, auf ihrem langen beschwerlichen Weg von Bankau über Breslau und Dresden nach Bayern.

Handlung

Inge wächst wohlbehütet auf dem Gut Hohenau in Schlesien auf und bekommt von dort aus vom 2. Weltkrieg nur wenig mit. Naiv glaubt sie ihrem Verlobten Wolfgang, einem überzeugten Anhänger der Nazi-Diktatur, der ihr vom Endsieg und Görings Wunderwaffe erzählt.

Die Front ist weit weg, aber auf dem Gut werden zahlreiche Fremdarbeiter beschäftigt, unter ihnen die Polin Wanda, die im selben Alter ist wie Inge. Als es 1945 zur Vertreibung der Deutschen aus Schlesien kommt, wird Inge von ihrer Familie getrennt, weil sie im benachbarten Ort Kreuzburg versucht hat, die Schule zu besuchen, die für wenige Tage geöffnet war. Verzweifelt schlägt sie sich durch zu ihrem Heimatgut, wo sie aber niemanden mehr antrifft außer der Polin Wanda. Gemeinsam machen sich die beiden ungleichen Mädchen auf die Flucht, begegnen einander voller Abscheu und unverhohlenem Hass.

In Rückblicken erfährt der Leser Wandas Geschichte. Sie wurde in Polen von den Nazis verhaftet und nach Schlesien gebracht, vermutlich weil sie von einem vermeintlichen Verehrer denunziert wurde. Wanda spricht fließend Deutsch, da ihr Vater vor dem Krieg Professor für deutsche Literatur war und das `Land der Dichter und Denker` zutiefst verehrte. Deshalb ließ er seine beiden Töchter von einem deutschen Kindermädchen erziehen und zweisprachig aufwachsen. Doch davon erfährt Inge zunächst nichts. Durch die Flucht sind die beiden Mädchen aufeinander angewiesen, doch sie überwinden den Hass aufeinander nur langsam.

Ihre Flucht führt sie durch ganz Schlesien. Sie begegnen anderen Flüchtlingen, werden bestohlen und ausgenutzt, leiden an Hunger und Kälte. Als Inge ihrem Verlobten Wolfgang begegnet, glaubt sie zunächst, er werde sie mitnehmen. Als er dies nicht tut, löst sie sich innerlich von ihm, glaubt nicht mehr an die Philosophie des NS- Regimes. Nach und nach beginnt sie, sich ihrer Begleiterin Wanda zu öffnen, die sie schon am Bahnhof wieder aufgelesen hatte, als Inge fälschlicherweise glaubte, sie könne noch mit dem Zug die Gegend verlassen.

Eine endgültige Wendung erfährt die Beziehung zwischen den beiden Mädchen, als Wanda Inge vor einer Vergewaltigung durch Russen bewahrt. So nähern sie sich einander behutsam und langsam an. Wanda beginnt Inge aus ihrem früheren Leben in Polen zu erzählen, ihrer Liebe zu dem Kommunisten Marek und ihrer Verhaftung, bei der sie ihre neuen Schuhe an eine Aufseherin abgeben musste.

So wächst eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen, und Inge beginnt Wanda als ihre Schwester auszugeben, sodass man sie für eine Deutsche halten kann. Ziel ihrer Flucht ist Dresden. Als Inge erfährt, dass ihre Mutter dort sei, ist die Freude groß. Doch diese hält nicht lange an, da sie wenige Tage später von der Zerstörung Dresdens erfahren. So führt ihr Weg sie schließlich nach Nördlingen in Bayern, nachdem sie sich einige Zeit als Fabrikarbeiterinnen in Hirschberg verdingt haben.

Nun einander in Freundschaft verbunden erleben beide neue Liebesbeziehungen, wobei Inge eine Enttäuschung erleben muss, während für Wanda in der Begegnung mit Friedrich Hermenau eine Beziehungsperspektive aufscheint. Die Mädchen fassen in der amerikanischen Besatzungszone Fuß und spielen Jazz- Stücke auf dem Klavier zur Unterhaltung der Amerikaner. So steht am Ende die Hoffnung auf ein neues Leben.

Im Nachwort ist ein Interview mit einer Zeitzeugin abgedruckt.

Analyse und wissenschaftliche Rezeption

Es handelt sich bei Die verlorenen Schuhe um einen zeitgeschichtlichen Jugendroman, in dem von einer Vergangenheit erzählt wird, "in deren unmittelbarer Auswirkung wir heute noch leben"(Dahrendorf, zitiert nach Lange 2005, S. 462, vgl. weiterhin zu dieser Definition Ewers 2005, S.97, Gansel 2009, S. 11ff.).

Erzählt wird aus der Perspektive der beiden Protagonistinnen. Etwa zu gleichen Teilen bekommt der Leser Einblick in die Gedanken Inges und Wandas (13 der 24 Kapitel sind aus Wandas Sicht geschildert, zwölf aus Inges), vermittelt vor allem über erlebte Rede. Durch diese Erzähltechnik zielt der Text auf Identifikation mit den Mädchen ab, die im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Neben der erlebten Rede bedient sich der Roman viel der wörtlichen Rede in Figurendialogen.

Die Handlung entfaltet sich auf zwei Erzählebenen, zum einen wird die Gegenwart geschildert, in der es um die Flucht der Mädchen geht, zum anderen lernt der Leser die Hauptfiguren durch zahlreiche Rückblicke besser kennen, in denen von ihrem Leben vor der Flucht erzählt wird.

Thematisch steht einerseits die Vertreibung aus Schlesien im Zentrum des Romans und andererseits die Entwicklung der Beziehung zwischen den Protagonistinnen, die sich von einem von Hass und Verachtung geprägtem Verhältnis zu einer innigen Freundschaft wandelt.

Die erste Begegnung der Mädchen zu Beginn der Flucht wird aus beiden Perspektiven geschildert, zunächst Inges und dann Wandas (S. 17f., 177). Die gegenseitige Verachtung ist so stark, dass  Mordgedanken ins Spiel kommen (S. 105). Hinzu kommt auf beiden Seiten Projektion, der anderen wird die Schuld am eigenen Schicksal gegeben (S. 107, S. 140). Inge bezeichnet Wanda in ihren Gedanken nur als "das Polenmädchen", womit ihre starke Distanz zu ihr ausgedrückt wird (S. 125). Dennoch scheint von Anfang an auch eine unterbewusste Beziehung zwischen Wanda und Inge zu bestehen. Wanda fragt sich ganz am Anfang, ob sie Inge schützen will (S. 33), und trotz aller negativen Gefühle machen sie sich gemeinsam auf den Weg.

Die erste Wendung erfährt die Beziehung zwischen den Mädchen, als Wanda Inge vom Bahnhof in Namslau abholt, als sie hört, dass von dort aus keine Züge mehr fahren (S. 144). Von diesem Punkt an wächst die Beziehung der beiden, sie nimmt aber keinen geradlinigen Verlauf, sondern auf Annäherungen zwischen den Mädchen folgen immer wieder starke Brüche und Distanzierungen. In der Buchmitte findet ein Wandel bei Inge statt, als sie sich von Wolfgang löst und somit auch vom Nationalsozialismus lossagt (S. 177ff.).

Schritt für Schritt gewinnt sie sowohl äußerlich als auch innerlich eine neue Identität, in der sie sich als selbst verantwortlich für ihr Leben betrachtet. Im Zuge dieses Prozesses öffnet sie sich auch Wanda, die innerlich zunächst noch dem Hass und der Schuldzuweisung gegenüber Inge verhaftet bleibt (S. 193). Einen großen Einschnitt erlebt die Beziehung, als Wanda Inge vor Russen rettet, die sie vergewaltigen wollen (S. 203ff.). Die darauf folgende Annäherung zeigt sich im ersten Körperkontakt: Sie beginnen, sich nachts beim Schlafen zu wärmen (S. 214). Aber auch hierauf folgen weitere Brüche in ihrer Beziehung, z.B. als Wanda den Mantel eines Toten mitnimmt, was Inge mit Widerwillen erfüllt (S. 218) und als schließlich auffliegt, dass Wanda Inge zu Beginn ihrer Flucht bestohlen hat (S. 227). Erst ein offenes Gespräch der Mädchen stellt an diesem Punkt Stabilität in ihrem Verhältnis her: Sie beschließen bis zur Ankunft in Dresden zusammen zu bleiben, und Inge versichert Wanda, sich auf ihre Zusage verlassen zu können (S. 230).

Von nun an wächst die Zuneigung zwischen ihnen stetig an, es entsteht eine tiefe Verbundenheit und enge Freundschaft. Wie selbstverständlich geben sie sich nun als Schwestern aus, was sie bislang nur mit Widerwillen aus rationalen Gründen getan haben, und beginnen, sich vorzustellen, sie wären tatsächlich Schwestern (S.271) Inge wird für Wanda sogar zum Lebenssinn, denn sie begründet ihren Lebenswillen damit, Inge getroffen zu haben (S. 280). Jetzt vertrauen sie einander Intimitäten an, erzählen von der eigenen Vergangenheit und unterstützen sich gegenseitig freundschaftlich bei Liebeskummer (S. 320ff.). Eine enge Freundschaft ist entstanden.

Eher am Rande erfährt der jugendliche Leser etwas über die politische Situation in Deutschland 1945, das Ende des Krieges, den Frontverlauf, die Zerstörung Dresdens und Auschwitz.

In erzähltechnischer und stilistischer Hinsicht  fällt im Roman die Verwendung von bildlicher Rede (z.B. "Ihre Fragen prallten gegeneinander und fielen zu Boden", S. 90, "Wanda lag in Gottes Hand", S. 94), vielen Zitaten aus und Bezügen zur deutschen Hochliteratur (z.B. Goethes `Vom Eise befreit sind Strom und Bäche` aus dem Faust, Die Dreigroschenoper) sowie der Einsatz von Symbolen auf: Schuhe, Kleidung und Farbsymbolik.

Als Fremdarbeiterin in Hohenau trägt Wanda zu große Männerstiefel, sodass sich Blasen bilden. Die Schuhe sind ein Sinnbild für ihren Stand im Leben, ihre Beziehung zur Erde. Auch am Ende, als die Protagonistinnen schon in Bayern Fuß gefasst haben, können die Schuhe als ein solches Symbol verstanden werden: Sobald die Umstände härter werden, werden die Schuhe brüchig (S. 280).

Von Inges Schuhen ist nicht die Rede. Dafür trägt sie einen roten Wollmantel mit Nerzkragen, der ihre Naivität und ihren Wohlstand repräsentiert: Inge geht mit ihm in die Kirche, wo alle anderen Schwarz tragen, denn "der Mantel hob ihre Stimmung" (S.70). Sie verliert ihn schließlich, als sie nur knapp einer Vergewaltigung durch russische Soldaten entkommt. Nun bekommt Inge eine neue Identität, die sich sowohl äußerlich als auch innerlich manifestiert. Sie schneidet sich die Haare ab und wird zur starken, mutigen Kämpferin, die die harten Anforderungen des Flüchtlingslebens meistert und die eigene Schuld an der Nazi – Diktatur erkennt.

Das Rot des Mantels steht im Kontrast zum Schwarz der Schrecken des Dritten Reiches. Zu Beginn wirft Inge noch einen roten Ball in den blauen Himmel, während Wanda ein kaltes und schwarzes "Kaffeesatzdasein" (S. 26) lebt.

Das Leben wird im Roman an einigen Stellen mit Farben beschrieben, vor allem mit Rot und Schwarz und Weiß. Es sind "schwarze Frauen, die Männer und Söhne verloren hatten" (S.71), "schwarz und starr" schaut Inges Mutter dem Vater und Inge nach, als sie sich das letzte Mal sehen (S. 86), am Ende sind auf dem Stockhof alle schwarz gekleidet, "schwarze Röcke, schwarze Tücher und dunkle Hemden wehten ihnen entgegen, als wollten sie sie wieder vertreiben" (S. 306). Im Kontrast dazu sieht Inge beim Anblick ihrer Heimat Hohenau "weiße Unterröcke und ein Bettlaken […] als wollten sie sie begrüßen".

Rot ist einerseits das Positive, Fröhlich-Unbeschwerte, andererseits aber auch die Farbe von Blut: "Blut so rot wie der Mantel" (S. 76). Das unbeschwerte Leben wird mit bunten Farben beschrieben: "Die Gerätschaften glitzerten geheimnisvoll im trüben Winterlicht, silbern, gelb und rötlich, wie die exotischen Fische, die Wanda als ein Kind einmal im Aquarium in Krakau gesehen hatte" (S. 201), bei der Ankunft in Nördlingen scheint ein Hoffnungsschimmer auf: "Auf den Wiesen entlang der Gleise leuchteten gelbe Himmelsschlüssel in der Sonne, die Bäche waren von weißen Buschwindröschen gesäumt, Apfelbäume blühten rosa" (S. 299).Der bunte Luftballon in dem Lied `Kauf dir einen bunten Luftballon`, zu dem Inge mit Martin tanzt, nutzt den bunten Luftballon als Symbol für ein unbeschwertes Leben im Märchenland (S. 319). Eine ähnliche Farbsymbolik transportiert das Lied aus dem Kinofilm, den Wanda sieht, bevor sie verhaftet wird: "Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie auch manchmal grau. Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie wieder himmelblau" (S. 263)

(Diese Analyse ist erstmalig erschienen in  Kumschlies/Müller 2011, hier leicht modifiziert).

Holger Zimmermann nennt Die verlorenen Schuhe als ein Beispiel für einen jugendliterarischen Text zum Nationalsozialismus, der aus der Täterperspektive erzählt ist, die deshalb eher selten sind, weil es in der Regel als problematisch empfunden wird, von einer schuldhaften Verstrickung Jugendlicher zu sprechen (vgl. Zimmermann 2011, S. 31f.). In der Interpretation Zimmermanns erscheint Inge als Täterin, die von ihrer anfänglichen Begeisterung für das NS-Regime aber im Laufe der Handlung Abstand nehmen kann und beginnt, diese kritisch zu reflektieren (vgl. ebd., S. 35).

Populärrezeption

Der Roman Die verlorenen Schuhe wurde von der Kritik wohlwollend und lobend aufgenommen (vgl. vor allem die versammelten Pressestimmen auf der Homepage der Autorin www.ginamayer.de/die_verlorenen_schuhe.htm). Hervorgehoben wird vielfach die Authentizität der Romanhandlung, die die Autorin auf der Grundlage zahlreicher Interviews mit Zeitzeugen entworfen hat.

Primärliteratur

Mayer, Gina: Die verlorenen Schuhe. Ravensburg 2011.

Sekundärliteratur

Ewers, Hans-Heino: Zwischen geschichtlicher Belehrung und autobiographiebasierter Erinnerungsarbeit. Zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur von Autorinnen und Autoren der Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder. In: von Glasenapp, Gabriele/Wilkending, Gisela (Hrsg.): Geschichte und Geschichten. Frankfurt a. M. 2005. S. 97-128; Gansel, Carsten: Rhetorik der Erinnerung – Zur narrativen Inszenierung von Erinnerungen in der Kinder- und Jugendliteratur und der Allgemeinliteratur. In: Gansel, Carsten/ Korte, Hermann (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur und Narratologie. Göttingen 2009. S. 11-38; Kumschlies, Kirsten/ Müller, Sandra: Materialien zur Unterrichtspraxis: `Die verlorenen   Schuhe` von Gina Mayer. Herausgegeben von Birgitta Reddig-Korn. Ravensburger Buchverlag 2011; Lange, Günter: Zeitgeschichtliche Kinder- und Jugendliteratur. In: ders. (Hrsg.): Taschenbuch der Kinder – und Jugendliteratur. Band 1. Grundlagen - Gattungen. 4. Auflage 2005. Schneider Verlag Hohengehren. Baltmannsweiler. S. 462-494; Zimmermann, Holger, „Blumen für den Führer“ – Kinder und Jugendbücher aus der Täterperspektive. In: kjl & m. 11.3: Erinnerungskulturen: Die NS-Epoche in aktueller KJL. 63. Jahrgang. 3.Vj. 2011. S. 31-38.

Erstveröffentlichung: 05.07.2013

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