von Sonia Kansy

In seinem von Astrid Henn illustrierten Bilderbuch erzählt Marc-Uwe Kling das Märchen von Prinzessin Popelkopf, einer fiesen Königstochter, die vor allem eins sein will: hübsch, wenn nötig auch dumm. Für ihre Gemeinheiten verwandelt eine kleine Hexe die Prinzessin in einen Popelkopf, wodurch diese in eine Krise stürzt. Schön will sie wieder sein, und zwar sofort!

Kling, Marc-Uwe/Henn, Astrid: Prinzessin Popelkopf.
Dresden und Leipzig: Voland & Quist, 2015.
36 Seiten, 12,99 €
ISBN 978-386-391116-4.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Prinzessinnen sind hübsch, lieben Rosa und Glitzer, malen Herzchen und tragen Schleifchen und ein goldenes Krönchen auf dem Kopf. Soweit das Klischee. Soweit auch Prinzessin Popelkopf. Bis eine kleine Hexe kommt und der gemeinen Königstochter eine Lektion erteilt. Denn böse Taten gehören bestraft: So wie sie heißt, soll die Prinzessin auch aussehen. Gesagt, getan: Die Tochter von und zu Popelkopf bekommt getreu ihrem Namen einen Popel als Kopf gezaubert. Eine absolute Tragödie für die Prinzessin, die nun plötzlich selbst zum Gespött des Volkes und ihrer Untertanen wird und sich jammernd und trotzig so schnell wie möglich in eine anmutige Schönheit zurück verwandeln lassen will. Da die kleine Hexe im Gegensatz zur Prinzessin nicht so gemein ist, überlässt sie dieser mit ihrem Fluch die Wahl: Mit einer entsprechenden Namensänderung entscheidet die Prinzessin selbst darüber, wer sie sein möchte.


Die Möglichkeiten sind groß, aber alles, was die Prinzessin interessiert, ist, dass sie bloß wieder hübsch wird. Doch die Nachnamen der Einflussreichen und Mächtigen wie Fürst Furzgesicht, Herzog Hackfleischhaut oder Ritter Rotzfresser versprechen zwar schönes Ansehen, nur weniger schönes Aussehen. Wohingegen das einfache Volk mit sympathischen Familiennamen von Fischer Friedlich bis Bäcker Brav oder Glaser Glücklich dienen kann. Diese Attribute reichen Popelkopf nicht. Denn das Wichtigste ist, dass sie endlich wieder so hübsch wie eine echte Märchenprinzessin ist. Drum ist es Liebe auf den ersten Blick, als sie von Graf Grützhirn erfährt. Dieser sieht zwar recht passabel aus, bietet aber, wie der Name schon vermuten lässt, nicht viel an Intellekt. Aber das ist Popelkopf herzlich egal. Besiegelt ist ihr Heiratswille. Prompt wird märchenhaft geheiratet und Papst Pisspott macht aus Prinzessin Popelkopf die hübsche Gräfin Grützhirn. Die kleine Hexe, die sich das ganze Geschehen heimlich angeschaut hat, ist fassungslos über so viel geistige Beschränktheit. Denn sie weiß, dass die Prinzessin viel mehr hätte sein können, wenn sie nur gewollt hätte. Wie in allen Märchen gibt es auch hier ein Happy End, sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen, auf die am Ende eine überraschende Pointe wartet.

Kritik

Auf den ersten Blick lässt sich das zartrosa-blau gestaltete Bilderbuch unter die zahlreichen süßen Mädchenbücher für kleine Prinzessinnen einreihen. Bis der Blick verblüfft an dem schleimig-grünen Wort "Popelkopf" kleben bleibt und sich die abgebildete Prinzessin als eine bizarr-hässliche Figur entpuppt, die entsetzt in das Spieglein an der Wand blickt. Spätestens jetzt macht das Buchcover deutlich: Das ist ein Märchen der etwas anderen Art.

Und das Cover behält Recht: Das Paradox einer Prinzessinnen-Figur, die Mädchen auf jeden Fall nicht sein wollen, wird sowohl sprachlich und inhaltlich durch den im Paarreim verfassten Verbaltext als auch durch die farbenfrohen Illustrationen verdeutlicht. Astrid Henn bedient sich hauptsächlich mädchenhafter Pastelltöne wie Rosa, Hellblau und Babygelb, die im Kontrast zu den weniger liebreizend gezeichneten Figuren stehen. Dieser visuelle Gegensatz von niedlichen Farben zu überspitzt und eher grotesk gezeichneten Figuren setzt den Witz der Geschichte erst richtig in Szene. Mit ausdrucksstarken und humorvollen Illustrationen, die sich jeweils über eine Panorama-Doppelseite erstrecken, wird das Märchen zu einem sowohl textlich als auch visuell amüsanten Lesevergnügen. Das i-Tüpfelchen für die Kleinen: Auf jeder aufgeschlagenen Doppelseite versteckt sich die kleine Hexe, die das ganze Geschehen und die vermeintliche Entwicklung der Prinzessin mitverfolgt. Hier erfreuen sich die Kinder neben vielen Details an der Suche nach der kleinen Hexe, die sich mal hinter dem Hosenbein des Königs versteckt oder auf der Gemälde-Wand des Königshauses aufgemalt ist.

Für seinen Sinn für Humor und Absurdes ist Marc-Uwe Kling seit seiner Bestseller-Känguru-Trilogie bekannt. Auch in diesem, seinem ersten Kinderbuch spiegeln sich seine Kreativität und Liebe zum Sprachwitz wider. Dies macht sich unter anderem in der Namensgebung der Figuren bemerkbar. Die aufschlussreichen Namen, wie beispielsweise König Käsefuß oder Graf Grützhirn, werden den Figuren auch in ihrer visuellen Darstellung mehr als gerecht.

Mit 36 Seiten und reduziertem Schrifttext beschränkt sich die Charakterisierung der Figuren vor allem auf die bildliche Darstellung, konkret auf die Gestaltung ihrer Proportionen, Mimik und Körperhaltung. Dieses kindische Verhalten lässt sich wie ein roter Faden auch an den Illustrationen ablesen, wie z. B. an dem goldenen Topf, auf den die Prinzessin ihre Notdurft verrichtet, statt ihrem Alter gemäß die Toilette zu benutzen. Solche visuellen und liebevoll-erheiternden Details bescheren die entdeckungslustigen Leser reichlich.

Die Geschichte erzählt Kling im kindlichen Paar-Reim, der zum Mitsprechen der Kleinen einlädt. Nicht nur die Illustrationen verbildlichen und unterstützen den Sprachwitz und das Märchen. Auch typographisch bedienen sich der Autor und die Illustratorin einer Spielerei. Einzelne Verse, die in ihrem Trotzgehalt oder in ihrer Wichtigkeit hervorgehoben werden sollen, werden in gezeichneten Buchstaben – besonderes wichtige Wörter in gezeichneten Versalien – dramatisch zugespitzt. So lassen beispielsweise der rot gezeichnete Text "Kuckt mal wie grässlich" auf einen aufdringlich-fordernden Ton der Prinzessin schließen oder auch typographisch hervorgehobene Aussagen wie "ich hasse dich und den ganzen POPELVEREIN!" auf ein aggressiv-kindisches Verhalten der Königstochter hin deuten.

Das harmonische Zusammenspiel von seitenübergreifenden Illustrationen, schief in die Illustrationen eingebauten Reimversen, comichaften Sprechblasen und den Wortspielen kreiert ein mitreißendes Kinderbuch, das sowohl für die Kinder als auch für Erwachsene zum erheiternden Leseerlebnis wird. Neben guter Unterhaltung bietet die Geschichte von Kling zudem eine Moral, ohne aber mit dem pädagogischen Zeigefinger zu wedeln: Denn ob oberflächlich und dumm oder schlau und tapfer, es liegt letztlich an uns selbst, welche Person wir sein wollen und sind.

Fazit

Wer sich einen Platz in den Bestsellerlisten der Erwachsenenliteratur ergattert hat,  der kann sich auch in der Kinderliteratur versuchen, dachte wohl Marc-Uwe Kling, als er seine markante Figur der Prinzessin Popelkopf ins Leben rief. Und das sehr erfolgreich. Denn das quirlige Bilderbuch unterhält nicht nur die Kleinen ab 4 Jahren, sondern füttert auch die Großen zwischen den Zeilen in kleinen, aber pikanten Häppchen mit gesellschaftskritischen Anspielungen. Für Klein und Groß ein wunderbar lesens- und sehenswertes Bilderbuch.

Erstveröffentlichung: 06.07.2016


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