[01.03.2020]

rezensiert von Philipp Schmerheim

Mit poetischer Sprache und farbenfroh leuchtenden Zeichnungen erzählt das Bilderbuch Der blaue Stein eine allegorische Geschichte von Heimat und Sehnsucht.

Jimmy Liao: Der blaue Stein.
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann.
Chinabooks, Uitikon-Walddegg 2018.
168 Seiten. 22,90 €
ISBN 978-3-905816-83-9.
Empfohlen ab 8 Jahren.

Inhalt

"Still lag der blaue Stein im tiefen Wald. [//] Er liebte den Gesang der Vögel, den Duft der Blumen und das Licht, das durch das Laub herabfiel. [//] Er war gern hier, und er glaubte, er würde ewig bleiben. [//] Aber dann fing der Wald Feuer." (o.S.)

Mit diesen Sätzen beginnen die ersten Seiten von Jimmy Liaos Der blaue Stein. Der Stein ist der Hauptaktant des Bilderbuchs. Nach dem Feuer, das den Wald zerstört, wird der blaue Stein von Menschen entdeckt und in zwei Teile zerbrochen. Während der eine Teil an Ort und Stelle bleibt, durchlebt die andere Hälfte eine unfreiwillige Reise rund um die Welt und durch alle Milieus: Ein Bildhauer verarbeitet ihn zu einer grauen Elefantenskulptur, die in einem Museum ausgestellt wird, wo der Stein schließlich vor lauter Sehnsucht nach seiner anderen Hälfte zerbricht. Der noch verwertbare Teil wird an eine alte Dame verkauft, die ihn zu einer rosafarbenen Vogelskulptur ausarbeiten lässt. Doch auch dort hält der Stein es nicht lange aus, und so wandert er, immer kleiner werdend, rund um die Erde, landet an verschiedenen Orten zu Lande und unter Wasser: "Sein Körper wurde immer kleiner, aber seine Sehnsucht immer größer." (o.S.) Als er nur noch so groß wie ein Sandkorn ist, trägt ihn der Wind schließlich wieder in seinen geliebten Wald zurück: "Endlich kehrte er heim, heim zu seiner anderen Hälfte." (o.S.)

Kritik

Der taiwanesische Werbedesigner Jimmy Liao war 40 Jahre alt und kämpfte gerade gegen eine Leukämie-Erkrankung, als er 1998 mit Die Geheimnisse der Wälder und Der lächelnde Fisch 1998 seine ersten Bilderbücher für Erwachsene veröffentlichte. Seit diesen Überraschungserfolgen veröffentlicht er regelmäßig neue Bücher, die auch für Film und Fernsehen adaptiert werden. Der Schweizer Chinabooks-Verlag (www.chinabooks.ch) versucht seit Neuestem, Liaos Werke auch im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Der blaue Stein erschien in chinesischer Sprache erstmals 2006, Ende 2018 brachte Chinabooks eine deutsche Übersetzung auf den Markt, zeitgleich mit Das Kino des Lebens und Der Klang der Farben.

Erzählt wird hier eine eigentlich klassische Geschichte von den zwei Hälften, die einander ergänzen und suchen, von Entwurzelung, Sehnsucht und letztendlicher Heimkehr – eine Geschichte, die beispielsweise auch von Shel Silversteins The Missing Piece Meets the Big O (1981) erzählt wird. Doch – typisch für die poetische Erzählwelt Liaos – die Hauptfigur ist ein wunderschöner blauer Stein, der von Menschen entzwei geteilt und zur Hälfte aus seinem Heimatwald entfernt wird. Die sich nun anschließende Wanderung von Menschenhand zu Menschenhand wird ambivalent erzählt, formen die verschiedenen Menschen den Stein doch zu verschiedenen, an sich ästhetisch schönen, Artefakten: Der blaue Stein ist eine Elefanten-, Vogel- und Fischskulptur (und symbolisiert damit Land, Luft und Wasser), bildet den Teil einer Gefängnismauer und wird später als steinernes Herz zum Symbol einer ersten Liebe. Doch inmitten all dieser Umformungen bleibt die Sehnsucht des Steins nach seiner anderen Hälfte, die Suche des Yin nach seinem Yang.

Die im Schrifttext erzählte – und von Marc Hermann in poetischer Sprache übersetzte – Allegorie wird untermalt von den Farbzeichnungen mit ihrer Liao-typisch symmetrischen, vorwiegend horizontal gegliederten Bildkomposition. Immer wieder tauchen auch Menschen in den Bildern auf, doch im Fokus steht der blaue Stein, der von Station zu Station kleiner wird – und dadurch auch von Bild zu Bild einen immer geringeren Teil des Bildraums einnimmt, was Liao zu reizvollen Spielen mit Größenverhältnissen nutzt.

Fazit

Wie alle Bilderbücher von Jimmy Liaos ist auch Der blaue Stein eine wunderschöne und zugleich zutiefst melancholische Hommage an das Leben; eine Meditation über Verlust und Sehnsucht, über Heimat und Entwurzelung. Für Erwachsene ist das ein Genuss, für Kinder ab acht Jahren ob der schönen Bilder und der poetischen Sprache interessant.


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Juni 2021
Mo Di Mi Do Fr Sa So
31 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 1 2 3 4