von Marvin Madeheim

Baustellenlärm und kläffende Hunde, enge Straßenbahnen und weite Straßenschluchten, Menschenmassen warten an roten Ampeln. Und dann kommt der Schnee. Diese Perspektive auf Stadt zeigt uns der kindliche Protagonist in Sydney Smiths 2019 erschienenem Bilderbuch Unsichtbar in der großen Stadt. Im hektischen Großstadtgewirr nimmt uns das Kind mit auf eine Reise und präsentiert seine Lieblingsplätze, an denen sich dem Trubel der Stadt entfliehen lässt. Nachdem das Buch im letzten Jahr (2020) den Ezra Jack Keats Award gewonnen hat, ist es in diesem Jahr nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Smith, Sydney: Unsichtbar in der großen Stadt. A. d. Englischen von Bernadette Ott.
Aladin, Stuttgart, 2020.
48 Seiten. 18 €
ISBN 978-3-8489-0176-0.
Empfohlen ab 4 Jahren.

Inhalt

Ein Kind durchstreift allein die Großstadt und zeigt uns als Leser*innen geheime Wege und Verstecke, denn es »weiß, wie es ist, klein zu sein in der großen Stadt.« Daher will es uns helfen: "Wenn du willst, gebe ich dir ein paar Tipps." (o.S.) Und so durchlaufen wir gemeinsam dunkle Gassen, schneebedeckte Freiflächen und große Parkanlagen. Entlang kläffender Hunde und freundlicher Fischhändler zeigt uns das Kind, wo man sich am besten aufwärmen, ausruhen und verstecken kann. Erst später wird ersichtlich, dass sich die Du-Ansprache des Erzähltextes nicht an uns Leser*innen richtet, sondern an eine Katze, die verschwunden ist. Die Wanderung des Kindes durch die Stadt ist also eine Suche nach dem vermissten Haustier. Diese Suche wird erschwert durch plötzlichen Schneefall, sodass das Kind erfolglos nach Hause zurückkehrt.

Kritik

Obgleich der englische Originaltitel des Bilderbuchs mit Small in the City (2019) ausschließlich das Klein-Sein des kindlichen Protagonisten und der Katze hervorhebt, erscheint die deutsche Titelvariante mit Unsichtbar in der großen Stadt treffend gewählt. So sind Unsichtbarkeit und Unübersichtlichkeit als Folgen des Klein-Seins zwei zentrale Themen des Bilderbuchs, die sowohl inhaltlich als auch erzählstrukturell realisiert werden.

Auf inhaltlicher Ebene begleiten wir ein Kind durch die Großstadt, das uns einige Strategien an die Hand gibt, sich im Trubel zurechtzufinden. Wenn das Kind nicht gerade dichtgedrängt im Straßenbahnabteil sitzt, sehen wir es durch weite Stadtfluchten laufen, in denen es optisch zu verschwinden scheint. In den Darstellungen ist das Kind häufig angeschnitten und lediglich als ein kleiner Teil des Bildes sichtbar. Der städtische Kontext überwiegt. Dass mit der Du-Ansprache der Erzählstimme nicht wir als Leser*innen gemeint sind, sondern das entlaufene Haustier, wird erst später ersichtlich – wahrscheinlich spätestens jedoch, wenn das Kind von einer guten Freundin im Park berichtet: "Du kannst dich bei ihr auf den Schoß setzen, dann streichelt sie dich." (o.S.) Nach erster Irritation folgt sodann der Aha-Moment: Wir sind also eine Katze. Die Gewissheit folgt sogleich mit der nächsten Buchseite, auf der das Kind ein Plakat an einem Laternenmast aufhängt. Es zeigt das Bild des vermissten Tieres.

Nun liest man ein Bilderbuch selten nur einmal, erst recht, wenn man Kind ist. Dabei bringt das Wissen um den tierischen Adressaten der Du-Ansprache in jedem weiteren Lesevorgang eine spannende doppelte Adressiertheit mit sich, bei der wir als Leser*innen sowohl das Großstadtleben des Kindes als auch der Katze nachvollziehen und über etwaige Parallelen schmunzeln können. Denn auf einen Wallnussbaum klettern nicht nur Katzen gern, wie die Leitersprossen am Stamm vermuten lassen. Und auch die Abluft einer Reinigung, die im Winter wärmt und "nach Sommer riecht" (o.S.) erfreut hier wohl Kind und Tier gleichermaßen.
Während inhaltlich zunächst die Großstadtbewältigungsstrategien des Kindes und anschließend die Suche nach der Katze im Zentrum der Erzählung stehen, zeichnet die erzählstrukturelle Gestaltung des Bilderbuchs ein spannendes Wechselspiel von dichten Bildpanels und großflächigen Einzelbildern, die jeweils ein Gefühl von Enge, Weite und Unübersichtlichkeit evozieren.

Die ersten Seiten zeigen die Fahrt des Protagonisten mit der Straßenbahn. In vier aufeinanderfolgenden halbseitigen Bildpanels wird zunächst der Blick aus der Tram gezeigt, die Außenwelt zieht verschwommen vorbei. Anschließend sehen wir das Kind im engen Innenraum dichtgedrängt neben anderen Menschen stehen, sein Kopf ist auf Hüfthöhe der umstehenden Erwachsenen. Die Anordnung der Panels sowie der stark akzentuierte schwarze Rahmen verstärken dabei den Eindruck von räumlicher Enge. Die gedrungene Atmosphäre der ersten Seiten endet, wenn das Kind die Straßenbahn verlässt. Erst jetzt sehen wir es in Gesamtansicht, wie es der Gedrängtheit der Bahn entflieht und in die Weite des städtischen Raums tritt. Verloren wirkt das Kind jedoch auch hier, denn klein ist es natürlich immer noch.

Während die ersten Seiten des Bilderbuchs primär einen Kontrast von großer Stadt und kleinem Kind präsentieren, fokussieren die folgenden Bildseiten die Unübersichtlichkeit des Stadtlebens. In kleinen Bildpanels werden auf der darauffolgenden Seite Stadtdetails gezeigt: Maschendraht, Brillengesichter, Ampeln, gedrungene Menschenmassen, Pfützen am Gehweg, Fassaden, Fahrräder und Taxis. Durch extreme Detailansichten bekommen die Darstellungen teilweise einen abstrakten Charakter, sodass erst auf den zweiten Blick konkrete Objekte zu erkennen sind (Abb. 1). Bei der Anordnung der Bildpanels handelt es sich wiederum um eine "Aspektfolge", bei der die Einzelbilder verschiedene Aspekte eines Ortes präsentieren und so eine "spezifische Stimmung evoziert" wird (Krichel 2020, 89). In diesem Fall ist die Stimmung ein Gefühl der Unübersichtlichkeit, der Gedrängtheit und Hektik. Ein Gefühl, das durch die beiden kurzen Textsequenzen auf der Doppelseite verstärkt wird, welche die Innensicht des Kindes präsentieren: "Keiner sieht dich, und es ist fürchterlich laut" heißt es entsprechend. „Sich da auszukennen, ist nicht immer einfach.“ (o.S.)


Abb. 1: © Sydney Smith 2020

Die Unübersichtlichkeit der Bildpanels wird an späterer Stelle in einem ganzseitigen Einzelbild aufgegriffen, wenn das Kind sich entlang einer gläsernen Fassade spiegelt und die Fugen der reflektierenden Wandplatten ein wirres Zerrbild der Umgebung präsentieren. "Manchmal ist in meinem Kopf einfach zu viel drin" (o.S.), meint das Kind hierzu. Und so wirkt auch das Geschehen auf der Spiegelfläche flüchtig, überflutet und nur schwer zu fassen. Eine erzählstrukturelle Zersplitterung der Handlungsaspekte (Panels) wird hier einer darstellerischen Zersplitterung der Umgebung in einem verzerrten Spiegelmuster (Einzelbild) gegenübergestellt. Damit korreliert die erzählstrukturelle Gestaltung mit dem Inhalt der Erzählung, indem sich die beschriebene Orientierungslosigkeit in der Anordnung der bildlichen Elemente widerspiegelt.

Die Beengtheit und der Trubel des städtischen Alltags verschwinden allmählich in starkem Schneefall. Wo die Eindrücke der Stadt zuvor überwältigten, sind die Seiten nun gehüllt in ein undurchdringliches Grauweiß. Während jedoch zuvor die bildliche und textuelle Informationsvermittlung stimmig ineinandergriffen, stehen Text und Bild nun in einem kontrapunktischen Verhältnis, bei dem die beiden Ebenen unterschiedliche Informationen enthalten, jedoch gemeinsam eine Erzählung vermitteln (vgl. Kurwinkel 2020, 178). So zeigt das Bild den kindlichen Protagonisten im tobenden Schneesturm, währenddessen heißt es auf Textebene: "Aber zu Hause ist es friedlich und kuschelig. […] Wenn du magst, komm doch zurück." (Abb. 2)

Die Darstellungsstruktur der Buchseiten, die enge Anordnung der Bildpanels, der Einsatz von ganzseitigen Stadtansichten und die Darstellung dramatischer Schneepanoramas evozieren jeweils ein Gefühl von städtischer Enge einerseits und melancholischer Schneeweite andererseits. Orientierungslos sind wir als Leser*innen jedoch in beiden Fällen, einmal in Form eines Zuviels und einmal in Form eines Zuwenigs an visuellen Informationen.


Abb. 2: © Sydney Smith 2020

Fazit

Unsichtbar in der großen Stadt ist ein berührendes Bilderbuch, das gerahmt von der Suche nach einem entlaufenen Haustier das Klein-Sein in einer großen und unübersichtlichen Welt thematisiert. Gefühle der Ohnmacht werden dabei zwar offen behandelt, aber nicht in Form von kindlicher Hilflosigkeit, sondern im Gegenteil: In Form einer Orientierungshilfe. Und so ist auch die Suche nach der Katze weniger der Versuch eines Wiederfindens, als vielmehr eine Hilfestellung, die das Tier befähigen soll, souverän nach Hause zu gelangen. Dabei fordert das Bilderbuch dazu auf, unterschiedliche Perspektiven nachzuvollziehen, nämlich einmal die des Kindes und einmal die der Katze. Während die Geschichte für kindliche Leser*innen somit ein Angebot darstellt, ihre eigenen Stadterfahrungen zum Gesehenen in Beziehung zu setzen, ermöglicht es überdies auch zu fragen, wie wohl eine Katze Stadt erlebt. Im Nebeneinander von kindlicher und tierlicher Perspektive entwirft das Bilderbuch damit eine bewegende Reise durch die große Stadt der kleinen Bewohner. Geeignet ist es ab vier Jahren.

Literatur

Krichel, Anne: Textlose Bilderbücher. Visuelle Narrationsstrukturen und erzähldidaktische Konzeptionen für die Grundschule. Münster: Waxmann 2020.

Kurwinkel, Tobias: Bilderbuchanalyse. Narrativik – Ästhetik – Didaktik. 2., akt. u. erw. Aufl. Tübingen: A. Francke Verl. 2020.

 

zu den anderen Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021

Erstveröffentlichungsdatum: 30.05.2021


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